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Nr. 228
Mittwoch den L. October
1890
Kießmer Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
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Der
Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.
gerichtsrath Spahn-Bonn (Centrum) 10156, Klempner Lücke- Köln (Socialist) 228 Stimmen.
Wien, 29. September. Die Vorbereitungen anläßlich der Ankunst Kaiser Wilhelms schreiten rüstig fort. Unter dem bereits fertigen Decorirungen fallen die an der Zollamtsbrücke beim Eintritt in die Stadt und an der Mariahilferlinie beim Austritt aus der Stadt auf. Auch j)ie Vorbereitungen in den Vorortengemeinden Fünfhausen, Rudolssheim und Penzig werden eifrig betrieben. Auf dem Wiener Gemeindegebiet werden 11 Tribünen errichtet.
Bern, 29. September. England verweigert, gestützt auf Artikel 7 des Auslieserungs - Vertrages, die Auslieferung Castionis, des vermuthlichen Mörders des Staatsraths Rossi. — Hier werden Vorbereitungen getroffen zu einer großen Volksversammlung in der Mittelschweiz, um den Liberalen Tessins für ihre Stellungnahme gegen die Bestrebungen der Reaction Sympathien zu bezeugen.
Paris, 29. September. Wie die Blätter melden, bat der Gerichtshof von Nancy gegen den verhafteten Absender von lügenhaften, Börsenspeculationen dienenden Telegrammen die Untersuchung eingeleitet.
Paris, 29. September. Den Morgenbkattern zufolge sagte Ribot in der Rede vor seinen Wählern in Saint Omer: Frankreich, seiner Kraft bewußt, habe das Recht, stolz zu sein; gleichwohl bleibe es friedlich. Das Ausland erkenne das gegenwärtige Regime als das festeste und dauerhafteste an. Schließlich kündigte der Minister an, die Regierung werde demnächst ein Gesetz, betreffend die Entfestigung von Saint Omers, einbringen.
Paris, 29. September. Wie die Abendblätter melden, hat der verhaftete Börsenspeculant Arnauld, an welchen die Lügendepesche aus Nancy über einen Grenzzwischenfall adressirt war, eingestanden, bereits im April vorigen Jahres zum Zwecke eines Börsenmanövers derartige Depeschen abgesendet zu haben.
Calais, 29. September. 70 Tüllfabriken wurden geschloffen- 4000 Arbeiter sind beschäftigungslos. Delegirte der Nottinghamer Tradesunions überbrachten den Strikenden 3000 Pfd. Sterling.
Rom, 29. September. „Stesani"-Meldung aus Aden: Der Generalresident Italiens bei König Menelik, Graf Salimbeni, ist in Antoto angekommen.
Brüssel, 29. September. Stanley, mit seiner Gemahlin aus der Schweiz kommend, trifft heute oder morgen hier ein und wird vom König empfangen. Nach einem Aufenthalte von einigen Tagen wird er sich nach London zurückbegeben.
Liffabon, 29. September. Martens Ferrao, der neue Ministerpräsident, ist heute Vormittag hier eingetroffen und hat bereits mit mehreren politischen Persönlichkeiten Unterredungen gehabt.
Tipperary, 29. September. Im Proceß O'Brien und Genossen erklärte bei Eröffnung der Sitzung der Verteidiger Healy, er werde morgen Namens der übrigen Verteidiger den obersten Gerichtshof in Dublin auffordern, ein Mandat zu erlassen des Inhalts, daß der Proceß vor den Magistratsbehörden nicht weitergesührt werde, da diese gegen die Angeklagten parteiisch eingenommen seien. Der Staats- procurator beantragte daraufhin Vertagung, um sich mit dem Generalstaatsprocurator zu berathen. Die Sitzung wurde auf eine Stunde vertagt. Nach der Wiedereröffnung erklärte der Staatsprocurator, er werde die Verhandlungen fortsetzen.
Belgrad, 29. September. Die „Agence de Belgrade" bestätigt das gemeldete Wahlergebniß mit dem Hinzufügen, daß mehrere Liberale, sowie der Fortschrittßführer Garaschanin ihre Wahl nur dem Grundsätze der Minoritätsvertretung zu verdanken hätten.
Petersburg, 29. September. Laut einem Telegramm aus Tiflis ist der große Eisenbahntunnel bei Ssuram auf der transkaukasischen Eisenbahn gestern in Gegenwart des Verkehrsministers und Landeschefs feierlich dem Verkehr übergeben worden.
— Bei einem in Taschkent gestern zu Ehren des Finanzministers Wyshnegradski gegebenen Diner constatirte dieser das außergewöhnliche Anwachsen des Russenthums in Centralasien und Turkestan und verhieß demselben eine glänzende Zukunft.
Maffauah, 29. September. Der Sanitätsrath erklärt die Cholera seit gestern für erloschen.
Generalversammlung des Vereins für Sacialpolitik. in.
— Frankfurt a. M., 27. September.
Generalsecretär Bueck-Berlin, Geschäftsführer des Centralverbandes deutscher Industrieller, spricht vom Standpunkt der Arbeitgeber und erklärt gleich Eingangs, daß selbstverständlich seine Ansichten denen des Vorredners diametral gegenüberständen. (Große Heiterkeit.) Er gebe zu, daß der Arbeiter sich gedrückt fühle, daß Uebelstände bestehen, aber diese Uebelstände seien mit unseren socialen und gesellschaftlichen Verhältnissen unzertrennbar verbunden. Durch die Gesetzgebung sei indeß schon Vieles gebessert. Das Prädo- miniren der Arbeiterinteressen betrachte er als ein Herausgehen aus unseren wirthschaftlichen Verhältnissen. Autorität und Unterordnung habe es immer gegeben und werde es immer geben. Das treffe nicht allein den Arbeiter, sondern auch die geistige Arbeit. Wer nichts Anderes besitze als seine Arbeit, müsse sich Dem fügen, der seine Arbeit nimmt, der Nehmer stehe zu ihm in einem Autoritätsverhältniß. Redner sucht nun den Beweis für seine oppositionelle Stellung gegenüber der Organisation der Arbeiter auS den englischen Verhältnissen zu liefern, die er genau studirt zu haben versichert. Die Gewerkvereine, meint er, würden zu furchtbaren Kämpfen führen, wie sie nie dagewefen feien. Die Gewerkvereine strebten dahin, die Leistungen des Einzelnen wie der Gesammt- heit herabzusetzen. Ein englischer Gewerkverein habe seit 1888 sechs Mal Lohnerhöhung gefordert und auch erhalten, jetzt fordere er Verkürzung der Arbeitszeit von 8 auf 7 Stunden. Das beweise, daß die Arbeiterforderungen nicht zu befriedigen seien. Jede Befriedigung fei die Mutter einer neuen Forderung. Dem einen Werk gestatteten die Gewerkvereine die Accordarbeit, dem anderen nicht, gegen die völlige Ausnutzung der Kraft der Maschinen machten sie Front, die Arbeitslöhne nivellirten sie und unterdrückten damit jedes Bestreben, sich auszuzeichnen. Das Beispiel von der Buchdruckerorganisation sei nicht beweiskräftig, denn im Buchdruck habe man eine ziemlich gleichmäßige und einfache Arbeit. Er möchte aber z. B. sehen, wie man für die Eisen- und Stahlindustrie einen Lohntarif aufstellen wolle, der allerwärts zu den gegebenen Verhältnissen passe, der in Nord und Süd brauchbar sei. Wenn die Gewerkvereine, wie das in England mehrfach vorgekommen, beschlössen, die Production einzuschränken und die Löhne in derselben Höhe zu erhalten, so sei das ein Ueber- griff, denn die Production zu bemessen sei Sache des Arbeitgebers. Referent führt nun eine Menge Beispiele dafür an, daß die englischen Trades Unions keine Mäßigung kennen. Sie kämpften so lange gegen das Capital an, bis die Production den Arbeitern gehöre. Die Gewaltacte, welche in England vorkämen, feien unerhört. Die Gewerkvereine stellten z. B. vertragswidrig die Arbeit ein und hinderten durch Gewalt die Arbeitgeber, andere Arbeiter, die gerne die Löhne nähmen, welche die Gewerkvereine verschmähen, einzustellen. Das sei kein Kampf mehr gegen das Capital, das fei ein Bruderkampf. Jobn Burns nennt Referent einen eminent begabten, unheimlich zielbewußten, socialdemokratischen Agitator. Der Liverpooler Congreß habe außerordentlich radicale Beschlüsse gefaßt. Aus dem Angeführten und Dem, was er in England überhaupt gesehen und gehört, ziehe er den Schluß, daß die Arbeiterorganisationen den fortwährenden Krieg bedeuten. Die durch ihn vertretenen Arbeitgeber seien gleichfalls der Ansicht, daß die Organisation der Arbeiter nicht allein Kampf, sondern auch rohe Gewalt, Selbstsucht und Herrschaft bedeuten. Wo die socialdemokratischen Fachvereine die Gewalt in Händen hätten, würde der Kampf bis aufs Aeußerste geführt werden, niemals würden sie eine Gleichstellung anerkennen (Lachen), so weit man niemals sagen kann (Ah!) und so weit sich ihm nicht bedeutende Einflüsse entgegenstellen. Einige der durch ihn vertretenen Arbeitgeber seien den Arbeiterausschüssen nicht abgeneigt, sofern solche von selbst aus dem Werke herauswüchsen, dagegen würden sie sich allzeit ablehnend gegen hineingettagene verhalten und auch nie und nimmer ihnen einen Schein von Bestimmungsrecht zugestehen. Es sei das Recht des Arbeitsgebers, die Arbeitsordnung zu bestimmen. Gegen die Arbeiterausschüsse sei er vor allen Dingen, weil nach seiner Ueberzeugung damit der socialdemokratischen Agitation Alles in die Hand gegeben werde. Er anerkenne, daß noch Manches zur Verbesserung der Lage der Arbeiter geschehen müsse (Bravo!), aber er betone auch, daß Diejenigen sich weit schwerer an den Arbeitern versündigten, die ihnen eine nach Lage unserer ganzen Zustände unmögliche Gleichstellung prophezeiten, die sie die Hand nach Gebilden ausstrecken ließen, welche sich als Scheingebilde, als fata morgana darstellten, alö jene, welche, sich ihrer Organisation ablehnend gegenüberstellten.
politische Uebersicht.
Gießen, 30. September.
Die freundschaftlichen Beziehungen, welche bereits seit langen Jahren Deutschlands und Oesterreichs Herrscher und Völker verbinden, finden durch den Besuch des am 1. October in Wien eintreffenden Kaisers Wilhelm eine neue Bestätigung. -Gleichzeitig mit dem Kaiser Wilhelm wird auch der König Albert von Sachsen, der in herzlichster Freundschaft mit den Kaisern von Deutschland und Oesterreich verbunden ist, in Wien eintreffen. Auch der Prinz Friedrich Leopold von Preußen wird den Kaiser aus der diesmaligen Reise nach Oesterreich begleiten.
Ueber die Vorlagen, mit denen sich der Bundesrath nach seinem Wiederzusammentritt zunächst beschäftigen wird, erfährt -man, daß außer dem neuen Patentgesetze und der Novelle zum Krankenversicherungsgesetze nur kleinere Vorlagen, wie die bereits eingegangene über die Einführung einer Prüfungsanstalt für Gewehrläufe, in Betracht kommen werden, und daß der Reichshaushaltsplan den Ihauptberathungsgegenstand bilden wird. Verschiedene Specialetats sind bereits im vorläufigen Entwürfe fertig, so namentlich, wie wir erfahren, der Militäretat, der noch weiteren Erwägungen nach finanziellen Gesichtspunkten im Rahmen des Gesammtetats unterliegt. In der zweiten Hälfte des Octobers und Anfang November werden die Einzeletats beim Bundesrath eingehen, so daß der Reichstag alsbald nach Wiederbeginn seiner Sitzungen in der Lage sein wird, die erste Lesung des Etats vorzunehmen. Aus die Gestaltung des Militäretats wird der bevorstehende Wechsel im preußischen Kriegsministerium, der nichts weniger als einen Wechsel des Systems bedeutet, ohne 'Einfluß bleiben.
Hinsichtlich der Einführung der Alters- und Invaliditäts« Versicherung find die Bundesregierungen ersucht worden, die Vorarbeiten bis Mitte November zu bethätigen und der Termin von den Bundesregierungen auch eingehalten worden. Erst dann wird man an den Entwurf der kaiserlichen Publikation des Gesetzes gehen, die wahrscheinlich Mitte December .erfolgen dürste.
Bezüglich des bevorstehenden Personenwechsels im prenßi- scheu Kriegsmiuisterium wird von allen Seiten mitgetheilt, Laß unter den in Frage kommenden Persönlichkeiten in unterrichteten Kreisen die Berufung des gegenwärtigen Comman- Leurs der 2. Garde-Infanterie-Division, Generallieutenant von Kaltenborn-Stachau, als der wahrscheinlichste Fall gilt.
Aus Hamburg wird gemeldet, daß die Leitung der -eutschen Ostafrikalinie im Interesse einer baldigen Verbindung Deutschlands mit allen Plätzen Ostafrikas, besonders Deutsch- Ostafrikas, einen neuen fertigen Küstendampfer angekaust hat, welcher demnächst nach Ostafrika hinausgehen soll. Der nächste Dampfer der Hauptlinie wird dadurch auch Passagiere und Güter nach allen in dem Vertrage der Gesellschaft mit dem Reichskanzler vorgesehenen Plätzen befördern können. Die regelmäßige Verbindung Europas mit Tanga, Pangani, Saa- dani, Bagamoyo, Dar-es-Salaam, Kilwa, Lindi, u. s. w. ist .somit hergestellt.
Aus Budapest wird berichtet, daß der ungarische Abgeordnete Daranyi in einem von seinen Wählern abgehaltenen Rechenschaftsbericht betonte, daß das Bündniß zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn sich zu einem Bündnisse der Völker gestaltet habe, welches unerschütterlich sortbestehe zur lebhaften Befriedigung der ungarischen Nation, die dasselbe stets aufrichtig unterstützt habe.
Depeschen aus Washington melden, daß sich die Ausschüsse >be§ Senats und des Repräsentantenhauses über die Zoller- .Höhungen Hals über Kops geeinigt haben, und daß der neue .Zolltarif bereis am 6. October in Kraft tritt.
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Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Torrcspondenz-Bureau.
Berlin, 29. September. Der „Reichsanzeiger" schreibt: lieber die zukünftige Organisation des ost afrikanischen Küstengebiets wird innerhalb der Reichsverwaltung das erforderliche Material vorbereitet, damit dem Reichstage sofort bei Zusammentritt ein vollständiger Plan mit allen Einzelheiten vorgelegt werden kann. Der kaiserliche Gouverneur von Kamerun, Herr v. Soden, begibt sich Lieser Tage nach Ostafrika, um über die künftige Gestaltung der inneren Verwaltung und die Regelung der Jurisdictionsverhältniffe an der Küste Ermittelungen anzustellen und darüber zu berichten.
Bonn, 29. September. Amtliches Wahlergebniß aus Bonn-Rheinbach: Abgegeben 10502 Stimmen- davon Land-
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Ke Fahnen, gute R zung, billigste Preise. \
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LTaioily, Antwerpen Gciicnlagont, Üainz, q in Langsdorf [371


