Nr. 303.
Dienstag den 31. December
1839
Der
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
die Bestellung der Feuervisitatoren betreffend.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der seitherige Feuervisitator Otto von Gießen um Ent' bindung von diesem Dienste nachgesucht hat und daß wir daher mit Vornahme der Feuervisitation in der Stadt Gießen den Maurermeister Heinrich Keßler von Annerod beauftragt haben.
Gießen, am 27. December 1889.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.___________________
Bekanntmachung.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Marie Graf von Lillingen nach Zeugniß der Direction der Großh. Entbindungsanstalt zu Mainz vom 23 December 1889 zur Ausübung der Hebammenkunst befähigt befunden und die Prüfungsnote gut erhalten hat. — Dieselbe wird sich in Hungen niederlaffen.
Gießen, den 24. December 1889.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Rückschau am )ahvesschlusse.
Die allgemeinen Friedenshoffnungen, mit denen das nun zur Rüste gehende Jahr 1889 bei seinem Eintritte begrüßt wurde, haben in seinem Verlause keine Enttäuschung, sondern eine immer größere Festigung erfahren und zu dieser so erfreulichen Thatsache trugen eine Reihe hochpolitischer Cr- rignissc bei. Vor Allem hat der Fricdensbund zwischen Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Italien durch die erneuten Begegnungen zwischen den Herrschern dieser Reiche eine fernere sichtliche Kräftigung erfahren, indem zunächst der Kaiser von Oesterreich und der König von Italien ihre Gegenbesuche bei Kaiser Wilhelm II. in Berlin abstatteten, worauf die im Spätherbste erfolgte große Orientreise des deutschen Kaiserpaares zu weiteren Zusammenkünften Kaiser Wilhelms mit dem König Humbert auf der Hinreise wie Rückreise führte, und ebenso hatte der deutsche Monarch aus letzterer noch eine zweite Begegnung mit dem Kaiser Franz Josef in Innsbruck. Die Höhepunkte der Orientfahrt der deutschen Majestäten bildeten aber die Besuche in Athen, woselbst sich anläßlich der Vermählung der Prinzeß Sophie von Preußen mit dem griechischen Thronfolger eine so glänzende Fürstenversammlung eingesunden hatte, und in Konstantinopel, und das Erscheinen.Kaiser Wilhelms in beiden Hauptstädten wies ebenfalls seinen bedeutsamen politischen Hintergrund auf. Dasselbe gilt auch von dem Antrittsbesuche, den der deutsche Herrscher im Frühjahre an dem verwandten englischen Hofe abstattete und der Besuch Kaiser Wilhelms jenseits des Canals hat offenbar eine entschiedene Annäherung Englands an den Dreibund im Sinne der Erhaltung des Weltfriedens zu Tage treten lasten. Alle diese Monarchenreisen und Monarchen- Begegimngen waren von Diplomaten-Zusammenkünften begleitet , welche jenen ein höchst wirksames Relief verliehen. In der zwischen den Besuchen der Herrscher Oesterreichs und Italiens am Berliner Hofe und dem Antritte der Orientreise Kaiser Wilhelms liegenden Zeit wurde endlich auch der Gegenbesuch des Czaren Alexander in Berlin ausgeführt, nachdem deffen wiederholte Verschiebung bereits die seltsamsten und beunruhigendsten Gerüchte hervorgerufen hatte. Mit keinen sonderlichen Erwartungen sah man dem Czarenbesuche am Berliner- Hofe entgegen, aber um so überraschender gestaltete sich sein Verlauf, der namentlich durch die lange Audienz des Reichskanzlers Fürsten Bismarck beim Kaiser Alexander die bis dahin noch bestandenen „Mißverständnisse" zwischen Deutschland und Rußland vollständig zerstreute und somit hat auch der jüngste Besuch des russischen Herrschers in Berlin unzweifelhaft mit wesentlich zur Klärung des politischen Horizontes And zur Stärkung der Friedenöerwartungen Europas für das neue Jahr 1890 beigetragen. .
Wenden wir uns nun von dem im Allgemeinen so befriedigenden Stande der hohen Politik dem Bilde zu, welches unser deutsches Vaterland im Jahre 1889 gewährte, so weist dasselbe im Großen und Ganzen erfreuliche Züge auf. Besonders haben Handel und Wandel unter dem Eindrücke der Wiederaufhelluug des so lange umwölkt gewesenen europäischen Horizontes in Deutschland einen unläugbaren kräftigen Aufschwung genommen, wenngleich zugegeben werden muß, daß
nicht alle gewerblichen und industriellen Zweige sich dieses Aufschwunges erfreuen konnten. Indessen giebt man sich auch in denjenigen industriellen Kreisen, wo man noch immer mit ungünstigen Chancen zu kämpfen hat, der Hoffnung hin, an der allgemeinen wirthjchastlichen Befferung endlich Theil nehmen zu können und diese Zuversicht erscheint auch keineswegs ungerechtfertigt. Trotz des fortschreitenden Aufschwunges von Handel und Gewerbe zeitigte aber gerade das alte Jahr sehr bedenkliche Erscheinungen auf wirthschastspolitischem und zugleich socialem Gebiete und zwar hauptsächlich in Gestalt der heftigen Lohnkampse, von denen wohl kein einziger größerer Gewerbs- und Industriezweig verschont blieb. Im Mittelpunkte dieser Lohnkämpfe stand aber die gewaltige Strikebe- wegung unter den deutschen Bergleuten, die sich zu einer wahren Landescalamität zu gestalten drohte, bis endlich durch iie den sinkenden Bergarbeitern gemachten Zusagen der Bewegung Einhalt gethan wurde. Roch zum Jahresende hin flammte sie jedoch von Steuern wieder auf und wenngleich der neue Bergmannsstrike zur Zeit ebenfalls als wieder beigelegt betrachtet werden kann, so ist die Situation in den Kohlenrevieren von Rheinland-Westfalen wie Schlesien noch immer nicht eine vollständig beruhigende.
Einen mächtigen Fortschritt zeitigte das Jahr 1889 aus socialpolitischem Gebiete durch Annahme des Alters- und Jnvaliditätsversicherungsgesetzes in der letzten Reichstags- session. Dagegen befinden sich zwei weitere wichtige Fragen der ReichSpolitik noch in der Schwebe, nämlich diejenigen des Socialistengesetzes und der neuen Heeresorganisation (Errichtung zweier weiteren Armeecorps), doch steht nicht im Mindesten zu bezweifeln, daß der Reichstag in dem Sessionsabschnitte nach Neujahr das neue Armeegesetz definitiv genehmigen wird, während bezüglich des Ausganges der Socialisten- gesetz-Angelegenheit allerdings noch immer große Ungewißheit herrscht. Recht bemerkenswerthe Veränderungen vollzogen sich in den höchsten deutschen Neichsämtcru. Die Marine-Leitung wurde getheilt und Freiherr v. d. Goltz an Stelle des bisherigen, im Januar 1889 verstorbenen Chefs der Admiralität, Grafen Monts, zum commanbirenben Admiral ernannt, währenb Abrniral v. HeuSner bas neugeschaffene StaatS- fecretariat der Marine erhielt.
Außerdem übernahm der seitherige Präsident des Kammergerichtes in Berlin, v. Oelschläger, die Leitung des Reichs- justizamtes, beffen früherer Chef, v. Schelling, an die Stelle des zurückgetretenen preußischen Justizministers Dr. v. Friedberg trat. Auch im preußischen Kriegsministerium fand ein Wechsel in der Oberleitung statt, da General Bronsart v. Schellendorf ein Armeecorps - Commando übernahm und dafür der General Verdy du Vernois zum Kriegsminister ernannt wurde. Von sonstigen erwähnenswertheren innerdeutschen Ereignissen verdienen noch die Landtagswahlen in Sachsen, Baden und Württemberg, sowie die durch die Gegenwart des Kaisers ausgezeichnete Wettinfeier in Sachsen re- gistrirt zu werden. Ereignißvoll war das Jahr 1889 für die deutsche Colonialpolitik und zwar speciell in Ostafrika, wo der Araber-Ausstand unter Buschiri die Ausrüstung und Entsendung einer besonderen deutschen Expedition unter Reichs- commissar Wißmann nöthig gemacht hatte. Dem energischen und umsichtigen Auftreten Wißmanns gelang es, dem Ausstande immer engere Grenzen zu ziehen und nachdem er den Schaaren Buschiris wiederholte blutige Niederlagen beigebracht, konnte die Kraft der aufständischen Bewegung als gebrochen betrachtet werden, aber erst die noch in den letzten Wochen des alten Jahres erfolgte Gefangennahme und Hinrichtung Buschiris und feiner Hauptanhänger hat dem Aufstande ein vollständiges Ende gemacht. Leider nahm ein anderes deutsches Unternehmen, die Emin-Pascha-Expedition des Dr. Peters, einen um so unglücklicheren Ausgang, beim die Expedition wurde von feindlichen Eingeborenen überfallen, welche Dr. Peters und seine Leute niedermetzelten. Zu einem entschiedenen Erfolge führte die gemeinsame Blokadc der Zanzibarküste und der anstoßenden Küstenstriche behufs Unterdrückung des Sklavenhandels durch deutsche, englische und italienische Kriegsschiffe und konnte im Herbst die Wiederaufhebung der Blokade ausgesprochen werden. — Auf Samoa spielte sich eine erschütternde Katastrophe ab, bei welcher die deutsche Marine schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde: Es gingen die im Hasen von Apia ankernden deutschen Kriegsschiffe „Adler" und „Eber" mit einem Theile ihrer Besatzungen bei einem furchtbaren Wirbelsturme unter, welches Schicksal auch die drei amerikanischen Kriegsschiffe „Trenton", „Nipfic" und „Vandalia" betraf. Die deutsche Kreuzerfregatte „Olga' wurde zwar ebenfalls schwer beschädigt, indeffen gelang schließlich doch noch ihre Rettung.
Werfen wir nach den über unser deutsches Vaterland angestellten Betrachtungen einen Blick auf die übrigen Staaten
Europas, so sind es zunächst die uns befreundeten Groß- ftnaten Oesterreich und Italien, die uns im nunmehr abgelaufenen Jahre zeigten, daß sie, gleich wie wir, fest cnt- fchloffen sind, in stetem Ausbau ihrer dem Wohle ihrer Völker gewidmeten Institutionen, unserem Erdtheile den Frieden zu sichern. Die Haltung Rußlands, als der zunächst in Betracht kommenden europäischen Großmacht, hat im vergangenen Jahre eilten unschwer zu erkennenden friedlichen Eindruck gemacht, obwohl auch angesichts der dort ergriffenen Maßregeln zur Hebung ‘feiner Finanz- und Wehrkraft für den weniger in das Getriebe der Politik eingeweihten Friedensfreund ernste Zweifel über die Absichten des mächtigen Nach- barreiches auftauchen mußten. Unser Verhältuiß zu Frankreich hat zwar eine wesentliche Wendung in friedlichem Sinne nicht genommen, indeß gab das verflossene Jahr uns in der unser Nachbarvolk so cingehend beschäftigenden Weltausstellug Gelegenheit zu der Beobachtung, welch' geistigen und werk- thätigen Aufschwunges em Volk fähig wäre, wenn es endlich einmal aufhören würde, die Nevanchetrommel zu wirbeln, sich von ebenso gewissen- wie vaterlandslosen Abenteurern in Zerwürfnisse mit sich und feinen Nachbarn bringen zu lassen. — Die Vorgänge in den übrigen europäischen Laudern waren, so bedeutungsvoll sie auch für diese selbst gewesen fein mögen, für die Gesammtlage Europas so wenig von Belang, daß auf eine Wiedergabe derselben verzichtet werden kann. Möge das Jahr 1890 die Völker Europas in ungestörter friedlicher Arbeit finden!
Deutscher Reich.
Darmstadt, 28. December. Seine Königliche Hoheit der Groß Herzog empfingen heute u. A. die Nealgymnasial- lehrer Dr. Erb und Dr. Eger von Gießen.
Berlin, 28. December. Seine Majestät der ft'aifer genehmigte die unterzeichnete Lotterie für die Niederlegung der Schloßsreiheit. Es werden 200,000 Loose a 200 Mk. ausgegeben und zwar erster Klasse 52 Mk., zweiter Klasse 20 Mk., dritter Klasse 20 Mk., vierter Klasse 36 und fünfter Klasse 72 Mk. Die Loose werden in der Neichsdruckerei hergestellt, welche dieselben erst dann ausfolgt, wenn vor jeder Ziehung der Betrag der Gewinne bei der Stadthauptkasse in Berlin in Baarem eingezahlt oder in 3i/,proeentigen preußischen Consols oder der Reichsanleihe hinterlegt ist. Die Ziehungen erfolgen unter Controle der königlichen General- Lotterie-Direetion. Im Januar findet die öffentliche Sub- scription statt. Die Hypotheken der niederzulegenden Häuser sind gekündigt. Die Aeceptation der Grundstücke steht itächstens bevor. Das Consortium besteht aus der Berliner Handelsgesellschaft, der Bank für Handel und Industrie, der deutschen Bank und den Bankfirmen Mendelssohn u. Co. und Robert Warschauer u. Co.
Berlin, 28. Deeember. lieber die Uniformirung der Cavallerie bringen die „Hamburger Nachr." einen bemerkenswerthen Artikel. In demselben wird ausgeführt, daß in Folge des rauchlosen Pulvers der Farbe der Uniform mehr Aufmerksamkeit zugewendet werden müsse, besonders den rothen und den weißen Uniformen, also Husaren und Cürassieren. Es werden in dieser Hinsicht ^ziemlich einschneidende Aenderungen" angekündigt. Auch bei Dragonern und Ulanen würde „innerhalb gewisser Grenzen eine Vereinheitlichung empfehlenswert sein".
Dresden, 28. Deeember. Gras Adolf P l a t e n- Hallermund, ehemaliger hannoverscher Minister des Auswärtigen, ist gestern Abend hier gestorben.
Ausland.
Wien, 28. Deeember. Nach einer Meldung der „Polit. Corr." aus Konstantinopel werde die „Times"-Nachricht von einer beabsichtigten diplomatischen Action der Pforte anläßlich der Cotirung der bulgarischen Anleihe an der Wiener Börse als ein erneuter Versuch gewisser Kreise bezeichnet, die vertrauensvollen Beziehungen der Türkei zu den Mächten des Dreibundes zu stören. Die Pforte betrachte die Anleihe und die Cotirung derselben lediglich als innere Angelegenheiten, die zu einer diplomatischen Aetion keinerlei Anlaß bieten.
Rom, 28. December. Die Nachricht der „Italic" wonach das Reglement betr. Aufhebung der Differenzialzölle noch nicht fertig, weßhalb die bestehenden Instructionen noch aufrecht erhalten würden, ist gänzlich unbegründet. Die Instructionen find bereits erlassen, die Aufhebung der Differenzialzölle tritt am 1. Januar in Kraft.
Madrid, 28. Deeember. Die tägliche Sterbeziffer von Madrid hat sich in Folge der Influenza verdreifacht.


