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Nr. 26.

Donnerstag den 31. Januar

1889.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzcigcblatt für den Kreis Gießen.

TT TZ I Z _ f.. Qr ~ \ L Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

SNreaur Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. $Urdj die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark50Pst

Amtlicher Hheil.

Bekanntmachung.

Betreffend: Amtsivge des Großherzoglichen Kreisamts Gießen.

Die unterzeichnete Behörde wird

Samstag den 2. Februar d. I. bis 4 Uhr Nachmittags einen Amtstag im Rathhause zu Grünberg abhalten und wird den Kreis-Eingesessenen aus den Amtsgerichtsbezirken Grünberg, Homberg und Laubach anheimgestellt, etwaige Anliegen in diesem Termine vorzubringen.

Gießen, am 29. Januar 1889. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutschland.

Darmstadt, 29. Januar. Seine König!. Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst geruht:

Am 23. Januar den Kreisbaumeister Carl Braun zu Darmstadt zum Rath bei der Oberen Bergbehörde und zum Vortragenden Rath bei dem Mmintstertum der Finanzen, Abtheilung für Forst- und Cameraloerwaltung, mit dem AmtstitelOberbergrath" mit Wirkung vom 1. Februar d. I. an. zu ernennen.

Demselben wurden gleichzeitig die Geschäfte des Vorstandes der Aichungs-Jn- spektion übertragen. (Wiederholt, weil gestern verstümmelt als Telegramm gebracht.)

Darmstadt, 28. Januar. Die Ncuregulirung des Dienstetnkommens der niederen Bedlenfteten des Landgestüts bezweckt eine von dem Ministerium des Innern und der Justiz an die Stände gebrachte Vorlage. Die dadurch beabsichtigte Auf­besserung der fraglichen Bediensteten war von den Ständen selbst bei Berathung des gegenwärtigen Hauptoovanschlags angeregt worden und werden hierfür 4378 JL mehr als bisher, mit Wirkung oom 1. April d. I., beansprucht.

Bonn, 28. Januar. Der altkatholische Generalvtkar Professor Dr. Kno^t ist gestorben.

Hamburg, 28. Januar. Die Kaiserin Friedrich trifft voraussichtlich am 22. Februar Mittags hier ein.

Oesterreich.

Budapest, 28. Januar. Unterhaus. In der Verhandlung über das Wehrgesetz hielt Graf Apponyt die Schlußrede. Er beschwor das Haus, die Vorlage abzulehnen. Zwischen einer vorübergehenden Regierung und den festen Bürgschaften der Verfassung könne die Wahl nicht fraglich sein. (Stürmischer Beifall bei der Opposition.) Der Ministerpräsident legte unter fortwährenden Zwischenrufen der Opposition die Sinnes- gleichheit des $ 11 des bestehenden Gesetzes mit § 14 der neuen Vorlage dar. Er ver- theidigte im Uebrigen die neuen Bestimmungen und forderte das Haus auf, die Vor­lage anzunehmen, welche von den Rechten der Verfassung nichts preisgebe, im Interesse der ungarischen Sprache aber einen Fortschritt bedeute. (Begeisterter Beifall der Majorität.) Vor dem Schlüsse der Rede Ttsza's erregte die Linke einen Tumult, weil sich auf der Tribüne Geheimpolizisten befanden. Erst als der Präsident erklärte, er habe die fraglichen Personen entfernen lassen, trat Ruhe ein. Die Abstimmung ist auf morgen festgesetzt.

Budapest, 29. Januar. Ministerpräsident Tisza war nach der Abstimmung über das Wehrgesetz im Abgeordnetenhause, wo er heute die größte Majorität seit dem Antritt seines Amtes erreichte, eine volle Stunde mit einigen Ministerkollegen im Parlamentshause bloktrt. Die Studenten demonstrirten vor demselben geradezu wie wahnsinnig und verlangten drohend, Tisza zu sehen. Seine Freunde und Collegen geftattetenjebod) nicht, daß er das Haus verlasse, da er sonst gewiß schwer insultirt worden wäre. Mehrere Abgeordnete der äußersten Linken baten die Studenten, denen sich der Pöbel beigesellt hatte, flehentlich, sie möchten sich entfernen; die Bitten waren ober fruchtlos. Nachdem der Krawall eine Stunde hindurch angehalten hatte, rückten 40 berittene Polizisten heran und säuberten mit blankem Säbel die Straße, so daß Tisza und die übrigen Minister die Fahrt nach Hause antreten konnten. Am Abend verwandelten sich die Demonstrationen in wüste Pöbel-Krawalle, die große Dimensionen annahmen, so daß Militär requirirt werden mußte, das die belebtesten Straßen durch Cordon absperrte. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen; von Seiten der Tumultuanten wurde auf die Polizisten geschossen. Nach einer 10 Uhr 40 Min. auf- gegebenen Depesche erschien der Stadthauptmann vor den tobenden Massen und ließ Allarm blasen, indem er dieselben im Namen des Gesetzes aufforderte, sich zu zerstreuen. Da Widerstand geleistet wurde, rückte das Militär vor, attacfirte die Massen und drängte dieselben zurück; als die Ansammlungen sich wiederholten, wurden auch die Attacken erneuert. In der Stadt waren Gerüchte von Plünderungen verbreitet, die ober unbegründet sind. Der Pöbel zerstörte blos einige Gaskandelaber, schlug einige Scheiben und zwei Auslagekasten ein, in denen Photographien von Tisza ausgestellt waren, die herausgenommen und unter großem Geschrei zerrissen wurden. Die Krawalle, die gegen 10 Uhr erstickt waren, sind jedoch nur oom Pöbel und nicht von den Studenten infcenirt worden. Im Falle sie sich erneuern sollten, wird man mit der größten Energie gegen sie vorgehen.__(Franks. Ztg.)

Deutscher Reichstag.

29. Plenarsitzung. Dienstag, den 29. Januar 1889, 1 Uhr.

Die Vorlage betreffend die Ausübung des internationalen Vertrages vom 16. November 1887 zur Unterdrückung des Branntweinhandels unter den Nordseefischern auf hoher See wird in erster Lesung debattelos erledigt.

Es folgt die zweite Berathung bet Ostafrika-Vorlage.

Die Commission hat mit allen gegen 2 (freisinnigen) Stimmen beschlossen, im S 2 im Einverständniß mit der Regierung die Worte zu streichen:welcher (Reichs- Eommissar) gleichzeitig nach der ihm ertheilten besonderen Instruction die dem Reichs­kanzler statutenmäßig zustehende Aufsicht über die deutsche ostafrikanische Gesellschaft und deren Angestellte in Ostafrika ausübt".

In der Specialdebatte nimmt das Wort der Abg. Richter: Wer entschlossm war die Vorlage abzulehnen, kann durch die Ergebnisse der ersten Lesung in diesem I Entschluß nur bestärkt sein. Wer sich auch nur für eine Seite der Vorlage engagirt, I wird genöthigt sein, auch für alle sich daraus ergebenden Folgen einzutreten. Wir I Waffen für das Budget einen neuen TitelFür Afrika", der bedeutende Summen I

] verschlingen wird. Die ostafrikanische Gesellschaft hätte die Pflicht, ihre letzte Mark ! aufzuwenden, um für die Ehre der deutschen Flagge, die sie aufgehtßt hat, einzutreten. ? Die umfangreichen maritimen Maßnahmen, welche der Kanzler infcenirt hat, dte See- blokade, hat sich als unzureichend erwiesen; sie haben den gesammten Handel vernichtet, die Flamme des Aufruhrs geschürt und die Missionen gefährdet. Während Herr Wißmann ein entschiedenes, militärisches Vorgehen empfiehlt, sind zahlreiche andere Reifende, die neuerdings von dort kommen, anderer Meinung und empfehlen gütliche Unterhandlungen mit den Arabern. Wer das arabische Element bekämpfen und unter­drücken will, wie Herr Wißmann, mutz damit auch in die Stellung des Sultans von Zanzibar eingreifen, denn bet diesem finden die Araber ihren Rückhalt. Die Congo- Acte kann man zur Begründung der Vorlage nicht heranziehen, man könnte sich nur auf dieselben berufen, wenn man das Zollsystem des Sultans von Zanzibar bekämpfen und bas ganze Vorgehen in Ostafrika als unzulässig barstellen wollte. Baumwolle, Kaffee, Cacao werben in den Missionsgärten nur in sehr geringen Massen gezogen, der Tabak von dort eignet sich mehr zum Rattengift als zum Rauchen, abgesehen davon, daß man sich gerade jetzt für einen besseren Schutz des heimischen Tabakbaues tnterefftrt. Die Colonisationsgesellschaft will zwar die günstigen Chancen für die Zukunft nicht aufgeben, aber jetzt keine Kosten aufbringen, sondern dies dem Reiche überlassen. Ein colonialer Enthusiasmus im Volke besteht bet uns nicht. Die Dirigenten der ost- 5Nischen Gesellschaft verstehen nichts von colonialen Dingen. .Ich will keine Personen angreifen, sondern nur das System. Der Reichskanzler ist in der Colonial­politik wahrlich von der Mehrheit dieses Hauses nicht zu unfreiwilligen Schritten gedrängt worden. Mit der Verherrlichung des Majoritätsprincips ging der Herr Reichskanzler selbst mir viel zu weit. (Heiterkeit.) Wir haben nicht Luft, auf der Reichslocomotioe mitzufahren, Oie in die afrikanische Wildniß hinausfährt, um so weniger, als man streitet, wer eigentlich Locornotioführer ist. Man habe Herrn Wißmann als den Verantwortlichen bezeichnet, einen Herrn, den wir erst seit wenigen Tagen kennen. Die neuesten Nachrichten aus Paris erinnern uns an den Ernst der politischen Lage; unter solchen Umständen wollen wir keine Verantwortung für die Afrika-Politik übernehmen und werden deshalb die Vorlage ablehnen. (Beifall links.) Abg. Oechelhäuser (natl.) wirft dem Abg. Bamberger wegen dessen früheren Ausführungen lächerliche Ueberhebung vor. (Präsident ruft den Redner wegen dieses Ausdruckes zur Ordnung.) In der ostafrikanischen Gesellschaft haben die Beamten sich in ben, schwierigsten Lagen patriotisch und furchtlos benommen und ich habe keinen parlamentarischen Ausdruck, um die Art zu bezeichnen, in der man hier diese Leute krttisirt. Wir wissen aus zuverlässigen Quellen, daß der Boden in Ostafrika der beste für ben Plantagenbau ist. Die wirthschastliche Lage der Gesellschaft ist eine gute und ebenso sind ihre bisherigen Erfolge gut; ein Aufstand der Eingebornen ist gewiß ein nicht vorauszusehendes Ereignitz. Ich will mir noch überlegen, ob ich nicht in der nächsten Sitzung der ostafrikanischen Gesellschaft für die Herren Bamberger und Richter ein Dankesvotum beantrage. (Abg. Richter ruft: Dazu brauchen Sie allerdings fetn Geld!) Das nationale Vermögen vermehrt sich nicht, wenn man die Gelbfäcke ruhig nebeneinander stellt. Man sollte also große nationale Unternehmungen nicht fo diS- crebitiren.

Abg. Gras Mirbach (conf.): Ich habe ber Vorlage auch sceptisch gegenüber; gestanden, nachdem aber ber Abg. Richter sich so entschieden gegen dieselbe ausgesprochen, habe ich doch geglaubt, es müsse an der Sache auch etwas Gutes fein. Ich sollte doch glauben, daß wir in großen nationalen Fragen vertrauensvoll der Führung unseres Kanzlers folgen können. (Bravo!)

Abg. Dr. Virchow (bfr.): Wir stehen hier vor einer carbinalen Aenderung unserer bisherigen Colontalpolitik und ich weiß nicht, ob das den Gruppen des Reichs­tages genügend zum Bewußtsein gekommen ist. Ich gönne gern der ostafrikanischen Gesellschaft reiche Einnahmen, aber wenn man blos darnach strebt, die Zolleinnahmen des Sultans von Zanzibar in die Hand zu bekommen, so ist das doch keine Colonial- politik. Der dort in der Station Leba gewonnene Tabak soll ja sehr gut gewachsen sein, allein wie er qualitativ beschaffen ist, weiß man noch nicht. Der Aufstand der Eingeborenen ist eine Folge der in der arabischen Bevölkerung seit einigen Jahren bemerkbar gewordenen Widersetzlichkeit, die mit Arabi Pascha zuerst zum offenen Aus­bruch kam. Erfreulich ist bei ber ganzen Sache nur, baß man keine regulären Truppen dort landen wolle. Herrn Wißmann gönne er alle Lorbeeren, doch sei jedenfalls die größte Vorsicht nöthig, um nicht das deutsche Prestige zu schädigen.

Abg. Dr. Windthorst (Ctr.): Ich habe meine Ansicht bereits dahin aus­gesprochen, daß wir dahin streben müssen, die verloren gegangene Position wieder zu gewinnen und es ist eine bekannte Erfahrung, baß man wilden Völler» gegenüber nur dann Erfolg hat, wenn man ihnen den Ernst ber Situation klar macht. Damit ist der Zweck verbunden, den Sklaoengräueln ein Ende zu machen. Ihnen (links) liegt das weniger am Herzen, weil Ihnen der Hauptzweck der Vorlage ein unangenehmer ist. Sind mit der Erreichung des Zweckes der Vorlage auch Vortheile für die ost- afrikanische Gesellschaft verbunden, fo kann mir dies nur lieb fetn. Wir sichen heute nicht vor der Frage, ob wir anfangen, sondern ob wir zurückgehen sollen, und zurück gehen wir nie! (Bravo!) *

Hauptmann Wißmann: Gewalt soll nur soweit angewendet werden, als nöthig ist, um mit den Eingebornen zu verhandeln. Je schneller dies geschicht, desto roentger stört es alle damit in Verbindung stehenden Verkehrs-Verhältnisse.

Die Debatte wird geschlossen und die einzelnen Paragraphen der Vorlage sodann ohne weitere Debatte und ohne Aenderung nach den Vorschlägen der Commission angenommen.

Nächste Sitzung Mittwoch 1 Uhr. Tages-Ordnung: Dritte Lesung der ost- afrikanischen Vorlage und Etat.

Schluß 5V< Uhr.