Nr. 280
Samstag den 30. November
1889
Der
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Bekanntmachung,
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Gießen. am 29. November 1889.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 28. November. Die hessische Regierung hat beim Bundesrathe beantragt, zu beschließen, daß die staatlichen Tiefbaubetriebe des Großherzoglhums aus der Tiefbau -Berussgenossenschaft auszuscheiden seien, und daß vom Beginn des Jahres 1890 ab die Versicherung bezüglich dieser Betriebe durch den hessischen Staat zu erfolgen habe.
Deutscher Reichstag.
25. Plenarsitzung. Donnerstag den 28. November 1889, 1 Uhr.
Die zweite Bcrathung des Etats wird mit dem Spccialetat deS Auswärtigen Amtes fortgesetzt- Titel „Süd- westasrikanisches Schutzgebiet" im Ordinarium und „Zuschuß zu den Verwaltungsausgaben 268,800 M." im Extraordi- narium. — Die gestern begonnene Debatte über beide Titel wird fortgesetzt.
Abg. v. K a r d o r f f (Np.): Der rein rechnerische Standpunkt des Abg. Bamberger ist für Colonialpolitik kein maßgebender- auch Columbus hatte schon seine Bamberger. (Heiterkeit.) Vor den Steuerzahlern werden wir uns wohl rechtfertigen. Daß die Colonialausgabcn jetzt schon 20 Mil lionen betragen, dürfte dem Abg. Bamberger zu beweisen schwer werden. Wir glauben, daß die Colonialpolitik, vor sichtig in den bewährten Händen deS Reichskanzlers geführt, mit der Zeit zum Wohle und zur Bereicherung des Landes gereichen wird. Jede Culturmacht hat die Pflicht, an der Colonisirung Theil zu nehmen. Das deutsche Volk würde auf seine Culturmission verzichten, wenn es seine Colonien aufgeben wollte.
Abg. Barth (dfr.): Ideale Auffassungen der Colonialpolitik können nicht maßgebend sein für die geschäftliche Behandlung derselben im Parlament. Die parlamentarische Kritik werde man sich nicht nehmen lassen, wenn auch darüber irgendwo ein Pferdchandel in der Welt zu Grunde ginge. Die Zahlcnangaben des Abg. Woermann sind unrichtig und zwar sowohl bezüglich deS hamburgischen Exports nach Westasrika wie auch bezüglich des englischen Exports nach den englischen Colonien und des holländischen Exports nach Java. In Portugal und Frankreich und auch in England ist die Ausfuhr nach den Colonien dieser Länder viel geringer als die Kosten, welche diese Colonien dem Mutter lande verursachen. Für Frankreich wäre es ein Glück, wenn es seine Colonien mit einem Schlage los werden könnte. Auch wir werden durch Ablehnung des Extraordinariums bekunden, daß wir die baldige Beseitigung der deutschen Colonien wünschen. Wir wollen zurückkehren zu dem bewährten Princip der Pflege überseeischer Beziehungen, wo wir sie finden.
Abg. Woermann (nl.) hält dem Abg. Barth gegenüber seine Zahlen über den Export nach Wcstafrika aufrecht. Palmöl und Palmkerne, die aus Westafrika eingeführt werden, sind seit 1884 um die Hälfte im Preise gefallen- für die gleiche Geldziffer werde heute also das doppelte Quantum dieser Waare eingeführt. Holland habe durch seine Colonien die Industrie im Mutterlande gehoben. England wolle nur nicht vorgehen, wie es Frankreich gethan. Trotz der Zahlen des Herrn Barth wird keine der europäischen Colonialmächtc seine Colonien ausgebcn. (Sehr richtig.) Mit den Zahlen über Export und Import, die man hinter den Büchern- studirt, beweist man gegen die Colonialpolitik gar nichts. Herr v. Kardorff hat Recht, die Colonialpolitik als eine Culturmission Deutschlands zu bezeichnen. Das Volk lacht nicht über die Colonialpolitik, sondern über Diejenigen, welche sich fürchten, so geringe Ausgaben für so große Zwecke zu bewilligen. Schon in 20 Jahren werde man ganz andere Resultate der Colonialpolitik sehen. Es wäre eine große Verkehrtheit, jetzt die Position in Südwestafrika aufzugeben.
Abg. Dr. Barth (dfr.): Plantagen werden von deutschen Rcichsangehöngen sehr oft in tropischen Gegenden angelegt, ohne daß man daraus gleich ein nationales Unternehmen macht. Wenn wir uns mit einem Ruck von dieser
Colonialpolitik loSmachen könnten, sa würden alle Völker anerkennen, daß das eine verständige That sei. (Lachen rechts.)
Die Debatte wird geschlossen. Beide Titel werden bewilligt, das Extraordinarium gegen die Stimmen der Freisinnigen und eines Theiles des Centrums.
Bei der Position „Schutzgebiet der Neu-Guinca Com- pagnie" macht der Abg. Dr. Bamberger (dfr.) seine Bedenken gegen die Colonialpolitik von Neuem geltend. Neu- Guinea sei die letzte hohe Säule der früheren Colonialpolitik des Reichskanzlers, auch dies Gebiet solle jetzt verstaatlicht werden. Die Eingeborncn werden schwerlich unterscheiden können, ob der Commissar von der Gesellschaft oder vom Reich angestellt ist. Jetzt zahle allerdings noch die Gesellschaft bedeutende Zuschüsse - es werde nicht lange dauern und das Reich werde allein bezahlen müssen.
Abg. Dr-Ham mach er (nl.): Bei dieser Position handelt es sich nicht um die Interessen der Steuerzahler, denn die Gesellschaft trage die Lasten allein und habe nur den Wunsch geäußert, das Reich möge die Beamten anstellen. Die Gesellschaft sei mit genügenden Mitteln ausgestattet, so daß eine Belastung des Reiches nicht zu fürchten ist.
Abg. Richter (dfr.): Die Potenz der Neu-Guinea- Compagnie ist nicht bezweifelt worden - sie besteht aus Bankiers, deren Erwerb nicht hauptsächlich aus der Gesellschaft bezogen wird. Es ist aber leicht möglich, daß die Gesellschaft sich einfach auflöst, wenn die Erträge nicht mehr genügend erscheinen, wie das bei derLüderitz-Gesellschaft der Fall war. Die Neu-Guinea-Compagnie würde so bürcaukratisch regiert, daß man sich nicht zu wundern braucht, wenn sie nichts einbringt. Pcnsionirte Staatssecretäre oder Admirale werden sich genug finden, die von Berlin aus das Schutzgebiet für ein Billiges regieren - freilich wird es auch danach sein. Der Reisende Zöller berichtet über Kaiser Wilhelms-Land sehr ungünstig - wir fürchten daher, daß später noch ^große Ausgaben nöthig sein werden.
Abg. Dr. Bamberger (dfr.) hat garnichts gegen die Neu-Guinea-Compagnie- die gefalle ihm so gut, daß er sie möglichst so erhalten zu sehen wünscht, wie sie ist, deßhalb stimme er gegen die Position.
Diese Position wird bewilligt.
Bei der Position „Subvention an der zoologischen Station des Prof. Dr. Dohrn in Neapel, 40000 Mk." regt der Abg. Gras Holstein (cons.) die Errichtung einer ähnlichen (Station an der schleswig- holstein'schen Küste an und bittet, die Mittel in den nächsten Etat einzustellen.
Die Position und der Rest des Etats des Auswärtigen Amtes wird genehmigt.
Es folgt der Nachtrags-Etat 1950000 Mk. für Maßregeln zur Unterdrückung des Sclavenhandels in Ostafrika und zum Schutze der dortigen deutschen Interessen.
Staatssecretär Graf Bismarck gedenkt der Verdienste Wißmanns in Ostafrika. (Lebhaftes Bravo!) Was wir erreicht haben, verdanken wir der englischen Unterstützung in Ostasrika. Es ist möglich gewesen, den Sclavenhandel dort zu unterdrücken und dieser Handel wird jetzt auch durch die Mitwirkung des Sultans und des Schahs in Arabien und Persien lahmgelegt. In Ostafrika kommen jetzt die Eingeborenen dem Major Wißmann freundlich entgegen, der Verkehr in Ostafrika sei ruhig und gesichert.
Major Lieber motivirt die Nachforderung. Die Schiffsausrüstung und die Anwerbung der Truppe haben sich theurer gestellt als vorangeschlagen war. Wißmann habe seine Aufgabe mit Sachkenntniß, Ruhe und Besonnenheit - erledigt. Aus allen Theilen des Reiches gehen dem Redner Gesuche um Verwendung in den Colonien zu. (Aha! links.) Wenn man die Mittel für Ostafrika nicht bewilligt hätte im April d. I., wie würde es heute mit Stanley, Emin und anderen Reisenden stehen? Sie würden vielleicht in dem heuttgen deutschen Schutzgebiete erschlagen worden sein. Die Scham- röthe steigt mir bei diesem bloßen Gedanken ins Gesicht.
Abg. Richter (dfr.): Die Schilderungen über Ostasrika seien übertrieben. Was ein Neger an Besoldung erhalte, das reiche für drei kleine Familien bei uns. Emin und Stanley haben sich quer durch ganz Afrika durchgeschlagen - es ist Hypothese, anzunehmen, daß gerade auf deutschem Schutzgebiete ihre Situation gefährlich geworden wäre.
Abg. v. Kardorff (Np.): Der Standpunkt des Abg. Richter ist ein sehr vereinzelter- die Bevölkerung theilt ihn nicht. Erfreulich sei, daß sich die Vorlage betreffend eine Dampserlinie nach Ostafrika bereits im Bundesrathe befindet.
Abg. Dr. Windthorst (Ctr.): Der Zweck der Wiß- mann'schen Expedition ist nur theilweise erreicht. Aber wir können uns, da die Expedition einmal begonnen ist, nicht weigern, die geforderte Summe zu bewilligen- wir müssen
uns in das Unvermeidliche fügen. Die Regierung möge recht umsichtig Vorgehen und die Dinge nicht weiter treiben als nöthig ist- besonders sei Vorsicht bei Abmachungen mit der ostafrikanischen Gesellschaft nöthig, damit das Reich sich keine zu großen und unnöthigen Lasten austade, Herrn Wißmann und den Führern unserer Schiffe spreche er öffentlich Herz lichen Dank aus. (Bravo!)
Abg. Hobrecht (natl.) widerlegt die gegen die ost- afrikanische Gesellschaft laut gewordenen Beschwerden.
Es wird sofort in die zweite Berathung des Nachtrags etats eingetreten mib derselbe nach kurzer Debatte angenommen. , t ,
Nächste Sitzung Freitag 1 Uhr. Bankgesetz (zweite H^athung).
Schluß 53/4 Uhr.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 28. November. Anläßlich des heutigen amerikanischen Feiertages sand im Hotel Kaiserhof ein großes Festessen statt, welchem die Mitglieder der hiesigen amerikanischen Colonie und zahlreiche deutsche Gäste, im Ganzen gegen 450 Personen, beiwohnten. Den Vorsitz führte der amerikanische Gesandte Phelps- zu seiner Rechten saß Staatsminister Graf Herbert Bismarck.
Bochum, 28. November. Auf der Zeche „Konstantin der Große" fand eine Explosion durch schlagende Wetter statt- 14 Bergleute sind tobt und 4 verwundet.
Pleß, 28. November. Der Kaiser ist um 8 Uhr Morgens hier angekommen und wurde von dem Fürsten Pleß, dem Landrath Schröder, dem Rittmeister v. Jerin und dem Bürgermeister Hübner empfangen. Die Jagdgäste wurden in der Fasanerie begrüßt. Vormittags war Jagd aus Fasanen und Hasen. Das Frühstück fand im Jagdzeit statt. Abends um 7 Uhr ist Jagddiner. ?
Pest, 28. November. Anläßlich der jüngsten Tumulte im Reichstage hielt heute Abend die liberale Partei eine vertrauliche Confereuz ab und erklärte die Solidarität der ganzen Partei mit dem Cabinetschef und den Mitgliedern der Regierung. Die Versammlung sprach sich dahin aus: Zum Schutze gegen die rohen persönlichen Angriffe und zur Aufrechterhaltung der Ruhe die ganze (Strenge der Geschäftsordnung des Hauses anzuwenden und den Präsidenten dazu auszufordern".
Fiume, 28. November. Das deutsche Geschwader dampfte heute Morgen ab und zwischen den Inseln Cherso und Veglia durch nach Lissa, wo es sich zum Zwecke von Hebungen einige Tage aufhält.
Bern, 28. November. Das Landwirthschaftsdepartement des Bundesraths ordnete die Rückweisung aller an der Schweizer Grenze anlangenden, für Frankreich bestimmten Viehtransporte aus Oesterreich-Ungarn und Deutschland an.
London, 28. November. Ein Telegramm aus Mysor bringt folgende Mittheilung: Als Prinz Albert Victor beim Fesseln der am vorhergehenden Tage in die Umzäumung getriebenen wilden Elephanten zuschallte, stürzte ein Elephant auf den Prinzen los. Oberst Sanderson griff sofort ein und verhinderte durch seine Geistesgegenwart ein Unglück. Der Prinz erreichte die ihn schützende Tribüne, die zur Besichtigung der Elephantenjagd errichtet war.
Rom, 28. November. Die Kaiserin Friedrich hat sich mit den Prinzessinen-Tochtern nach dem Dejeuner in der Villa des Senators Lacaita in Tarent an Bord des Aviso „Surprise" begeben, welcher in der Nacht nach Neapel abgehen wird. Der Contreadmiral Nicastro, der Präfect und die Spitzen der Behörden waren zur Verabschiedung bei der Abreise ihrer Majestät anwesend.
Briiffel, 28. November. In der Kammersitzung kündigte Bara an, daß er die Regierung über die Einsetzung des Chefs der öffentlichen Sicherheitsbehörde, Gauthier de Rasse, interpelliren werde, und verlangte die Vorlegung der auf diese Angelegenheit bezüglichen Acten. Der Justizminister nahm die Interpellation an, welche auf Dienstag anberaumt wurde.
— Die von dem Anti-Sclaverei-Congresse zur Prüfung der Fragen betreffs Unterdrückung des Sclavenhandels zur See eingesetzte Commission hielt heute ihre zweite Sitzung ab und nahm die Vorschläge des englischen Gesandten entgegen, welche die Sicherung der Unterdrückung des Sclavenhandels zur See bezwecken. Die Commission beschloß, diese Vorschläge zum Gegenstand einer Vorprüfung durch die technische Subcommission zu machen, welche das Ergebniß ihrer


