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SamStag den 30.
' 1839
Nr. 76. Erstes Blatt.
Amts- und Anzeigeblatt für dcrr Kreis Gießen.
Durearrr Schul st raße 7.
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Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn«
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 ‘Bf
Amtlicher Hßeik.
Bekanntmachung.
. Das ComitS des Vereins für die Wiederherstellung der St. Katharinenkirche zu Oppenheim beabsichtigt, behufs theilweiser Deckung der durch die Feier der Wiederherstellung der Kirche entstehenden Kosten, eine Verloosung von silbernen Münzen mit dem Bilde der Kirche, sowie des Modells der Kirche aus vergoldetem Silber zu veranstalten.
Grobherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloosung unter der Bedingung ertheüt, daß nicht mehr als 3500 Loose ä 50 Pf. ausgegeben werden dürfen, und zugleich den Vertrieb der Loose im Großherzoathum gestattet.
Gießen, am 25 März 1889. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
_____v. Gagern.
Betreffend: Ferien in den Volksschulen, hier die diesmaligen Osterferien. Gießen, am 26. März 1889.
Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commifston Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Wir benachrichtigen Sie, daß mit Ermächtigung der höchsten Schulbehörde rubr. Ferien, da zwischen die eigentlichen Osterferien und die zwischen den Schuljahren nur einige Tage fallen würden, bis zum 5. Mai ohne Unterbrechung auszudehnen sind. Sie wollen die Lehrer hiervon in Kenntniß setzen. _________________________________________________ v. Gagern.
Betreffend: Die Berichtigung der Forst- und Feldstrafen von der I. Periode 1889/90. Gießen, den 28. März 1889.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
arr dte Srotzherzogltchen Bürgermetftereten des Kreises.
Wir beauftragen Sie, alsbald und jedenfalls noch vor Ende dieses Monats in ihren Gemeinden in ortsüblicher Weise bekannt machen zu lassen, daß die Berichtigung der im Monat März 1889 gerichtlich erkannten Forst- und Feldstrasen in den ersten 25 Tagen des Monats April 1889 und zwar mit Ausschluß des 12., 13. und 14. an die betreffenden Districtseinnehmereien stattzufinden hat und daß nach fruchtlosem Ablauf dieser Frist gegen die säumigen Schuldner das für sie mit Kosten verbundene Beitreibungsverfahren eingeleitet wird.
______________________________________________ v. Gagern.
Betreffend: Feldbereinigung in der Gemarkung Saasen.
Bekanntmachung.
Die Karten über die Bonitirung des noch nicht konsolidirten Thelles der Gemarkung Saasen, das Protokoll hierüber, die Geschosse und dar Prototoll über die Bodenklassen liegen in der Zeit vom 1—23 April d. I. auf der Grobh. Bürgermeisterei Saasen zur Einsicht der Bethelligten offen.
Donnerstag den 25. April, Vormittags 10 Uhr, wird der Unterzeichnete mit der Vollzugskommisston auf dem Bürqermeistereibüreau in Saasen zur Entgegennahme von Anttägen und Wünschen der Betheiligten anwesend sein.
Etwaige Einwendungen gegen die vorgenannten Arbeiten müssen bei Meidung späterer Nichtberückstchtigung entweder während obiger Frist schriftlich bei der Bürgermeisterei Saasen überreicht, oder im Termine den 2S. April vorgebracht werden.
Darmstadt, 28. März 1889.
Der Vollzugs-Kommissär:
Nover, Regierungsrath.
Politische Rundschau
Gießen, 29. Marz.
Im Mtttelpuntte der politischen Wochendtscussion standen die Erörterungen über die Preß- und Strafgesetznovelle und diese Frage wird die öffentliche Meinung jedenfalls auch dte nächste Zeit über vorwiegend in Anspruch nehmen. Noch liegen zwar keine authentischen Mittheilungen über den Inhalt des erwähnten Gesetzentwurfes, der zum Ersätze des Socialtstengesetzes bestimmt ist, vor, aber die umlaufenden Angaben über die ungemein scharfen Bestimmungen der Vorlage stimmen in den wesentlichen Punkten derart überein und treten so zuversichtlich auf, daß an ihrer Wahrheit kaum mehr gezweifelt werden kann. Dte zu der Vorlage bis jetzt vorliegenden Preßaußerungen aus allen Partetlagern lassen zur Genüge erkennen, daß die Preß- und Strafgesetznovelle in ihrer gegenwärtigen oermuthltchen Gestalt wegen ihrer drakonischen Bestimmungen bet allen Parteien auf lebhaften Widerspruch stößt und würde demnach auch im Reichstage die Ablehnung der Vorlage zu gewärtigen sein. Vorerst kommt es jedoch auf das Votum des Bundesrathes an und schon hier beginnen die Schwierigkeiten, denn wie man aus München berichtet, soll die bayerische Regierung ihre Bevollmächtigten zum Bundesrathe dahtn tnstruirt haben, sich gegen die beabsichtigten Verschärfungen des Straf- und Preßgesetzes zu erklären. Vielleicht wird schließlich auch von der genannten Novelle das alte Sprichwort gelten, daß nichts so heiß gegessen wird, als man es kocht!
Der Reichstag steht gegenwärtig auf dem Höhepunkte seiner Thätigkeit. Nachdem er am Dienstag die Einzelberathung des Genossenschaftsgesetzentwurfes erledigt, trat er am Freitag in die zweite Lesung der wichtigsten Vorlage der ganzen jetzigen Session, derjenigen über die Alters- und Jnvalidttätsversorgung der Arbeiter, ein. Da in der Commtision mit Hilfe der sogenannten „freien Commission" des Reichstages über die hauptsächlichsten Punkte des Entwurfes bereits eine Verständigung erzielt worden ist, so steht zu hoffen, daß die Plenarverhandlungen keine besonderen Schwierigkeiten mehr zeitigen werden und nimmt man an, daß die zweite Lesung der Vorlage in etwa acht Sitzungen erledigt sein werde.
In verschiedenen Thetlen der Provinzen Posen, Schlesien und Westpreußen ist wieder Hochwasser eingetreten, welches hie und da bereits bedeutenden Schaden anrichtete.
In der ungarischen Hauptstadt ist endlich am Dienstag dte parlamentarische . Entscheidung über dte so heiß umstrittenen §§ 24 und 25 der Wehrvorlage und hiermit über das Schicksal der letzteren selbst gefallen. Mit bedeutender Mehrheit sind die i vielgenannten Paragraphen vom Abgeordnetenhause angenommen worden und hiermit '
hat dte Verschleppungstaktik der Opposition vorläufig ein Ende, denn nunmehr nimmt dte wettere Berathung der Vorlage einen raschen Verlauf und bereits am Mittwoch wurden die 26 bis 33 erledigt. Hierbei überwies das Haus, wie der officiöse „Telegraph" aus Budapest meldet, mehrere zumeist Erleichterungen der Einjährig-Freiwilligen im zweiten Dienstjahre bezweckende Anträge, an den Wehrausschuß; die Nachricht, daß das Abgeordnetenhaus das zweite Dtenstjahr für die Einjahrig-Freiwilligen überhaupt abgelehnt habe, scheint demnach auf einer Verwechslung zu beruhen.
Auf der politischen Bühne Frankreichs ist seit Kurzem ein neuer Schauspieler in Gestalt des ehemaligen Metzer Retchstagsabgeordneten Antoine aufgetaucht. Herr Antoine verfolgt, wie man nunmehr weiß, den „patriotischen" Gedanken, die republikanischen Parteien Frankreichs unter einander zu versöhnen und ihre Blicke auf die Wiedergewinnung Elsaß-Lothringens zu richten. In letzterem Sinne sprach Antoine schon auf mehreren ihm zu Ehren in der französischen Hauptstadt veranstalteten Bankets, aber mit diesem Beginnen hat der Concurrent Boulanger's um die Gunst der „großen Nation" bislang nur mäßige Erfolge erzielt. Ja, die chauvinistische Rede, welche der „hufeiserne Deputirte" auf dem ihm von den anttboulangtsttschen Studenten von Parts gegebenen Diner am Dienstag hielt und in der er offen darauf htnwies, wie noth- wendtg im Interesse der Einigkeit der französischen Republikaner die Rückgewinnung Elsaß-Lothringens sei, wird in manchen politischen Kreisen von Paris geradezu übel vermerkt und wurde in der Deputtrtenkammer sogar eine Interpellation wegen der kriegerischen Auslassungen Antotne's erwartet.
In Rumänien steht ein bedeutsamer Staatsact bevor. Der Cabinetschef Rosetti kündigte in der Deputtrtenkammer die Einbringung einer Acte an, wonach der älteste Bruder des Königs Karl, Prinz Wilhelm von Hohenzollern, zu Gunsten seines jüngeren Bruders Ferdinand auf dte Thronfolge in Rumänien verzichtet. Die verfassungsmäßige Aufnahme des Prinzen Ferdinand, als des präsumtiven Thronfolgers, in den rumänischen Senat erfolgte schon kürzlich.
Dem serbischen RegentschaftSprästdenten Ristic ging aus Moskau vom Belgrader Ex-Metropoliten Michael ein Telegramm zu, in welchem Michael den König Alexander zu seiner Thronbesteigung beglückwünscht. Der ränkevolle Priester und Bundesgenosse der Königin Natalie glaubt offenbar, daß fein Wetzen in Serbien seit der Abdankung Milans wieder blüht!
Die „Nordische Telegraphen-Agentur" in Petersburg weiß aus zuverlässiger Quelle die Gerüchte über bedeutende Truppenzusammenziehungen Rußlands an der afghanischen Grenze als vollkommen unbegründet zu bezeichnen. Damit entfallen alle beunruhigenden Combtnationen, welche in der europäischen Tagespresse hie und da an diese Gerüchte geknüpft wurden.


