(Nachdruck verboieu.)
Einen wichtigen Theil der socialen Politik bildet die Frage der Beschaffung gesunder, hinreichend geräumiger Wohnungen für die arbeitenden Klassen.
Die Bewegung zur Wohnungsreform begann zunächst besonders in England, und die dort erzielten practischen Erfolge sind für die anderwärts vorhandenen Bedürfnisse und Bestrebungen, wenn auch nicht immer mustergiltig, so doch in der Hauptsache anregend und bahnbrechend gewesen. Namentlich ist der Gedanke, den Arbeitern die Erwerbung kleiner Wohnhäuser, womöglich mit etwas Garten, zu Eigen- thum durch allmähliche kleine Theilzahlungen zu erleichtern, schon vielfach ins Leben getreten.
Besonders waren es in Deutschland die ergreifenden Schilderungen der Arbeiter-Wohnungsnoth, welche im Jahre 1864 den Congreh deutscher Volkswirthe veranlaßte, eine Commission niederzusetzen, welche in Gemeinschaft mit dem Centralverein für das Wohl der arbeitenden Klassen Mittel zur Abhilfe der Wohnungsnoth in Gemeinden mit stark anwachsender Bevölkerung Vorschlägen sollte.
Aus diesem Beschlüsse ging ein von beiden Vereinen (1865) herausgegebenes Werk verschiedener Verfasser hervor unter dem Titel: „Die Wohnungsfrage unter besonderer Rücksicht auf die arbeitenden Klassen."
Während nun der volkswirthschaftliche Congreß von reformatorischen Anregungen nach einiger Zeit zurückkam und den geeignetsten Weg zur Verbesserung der Wohnungsverhältnisse in der vollen Freigebung des Baugewerbes erblickte, har der vorgenannte Centralverein auch späterhin alle motivirten Vorschläge publicirt, so daß ein umfangreiches und werthvolles Material über diesen Gegenstand besteht. Insbesondere ist der mangelhafte Zustand der Behausungen in den Städten und auf dem Lande von Bergius, Ludolf Parissus, Hugo Senftleben, Freiherr von der Goltz, H. Müller und Karl Brämer beschrieben und die Unzulänglichken der Privat- speculatiou zur Abhilfe, namentlich mit dem Hinweise aus die unberechenbare, oft sprungweise Zunahme der Bevölkerung dargelegt worden.
Die baupolizeilichen Vorschriften und ihren schädlichen Einfluß auf das Zurückbleiben der Häuserbauer für die arbeitenden Klassen kritisirten (1865) die Baumeister Ende und Böckmann. Vorschläge zur guten, gesunden und wohlfeilen technischen Einrichtung der Häuser machten W. Emmich, der 1858 die Roberts'schcn Musterhäuser in London empfahl, V. A. Huber, Senftleben (1865 und 1869), Reinhold Klette (1865) und L. Parisius, neben deren Originalschrifrcn auch die von anderer Seite veröffentlichten Entwürfe und besonders geartete Bauten besprochen wurden. Mit der steigenden erweiterten Kenntniß der verschiedenartigen Ortsverhältnisse und Landsitten gingen jedoch die Ansichten der verschiedenen Schriftsteller und Mithelfer zur Lösung dieser Frage anscheinend immer weiter auseinander.
Vvm Standpunkte der Gesundheitspflege aus erklärtem. sich die Wohnungsreformer in erster Linie für die Auslegung. | des Bauplatzes aus großen Städten hinaus in das freie Feld, womit einerseits die Erbauung niedriger Häuser und andererseits die Eröffnung bequemer Verbindungsmittel nach dem Innern der Stadt Zusammenhängen. Für diesen Fall werden die localen Verbindungsbahnen gewissermaßen zum Schwerpunkte der Wohnungsfrage. Daß dies letztere zu erreichen nicht so unrichtig ist, haben die Erfahrungen der Neuzeit zur Genüge bewiesen. Man schaffe nur Verkehrsmittel in solche Gegenden und der Verkehr wird sich nicht nur heben, sondern anch lohnen.
Im Allgemeinen wird ja wohl zugestanden, daß der Staat oder die Gemeinde mcht selbst für ihre Bürger bauen soll- wohl aber ist es dringend nöthig, daß eine öffentliche Hilfsleistung durch Modellausstellungen, unter Umständen auch Vorschubleistungen zu mäßigem Zinsfüße an gemeinnützige Gesellschaften geboten wird. Endlich wird auch eine moralische Verpflichtung der Arbeitgeber, für die menschenwürdige Unterbringung der von ihnen herangezogenen Arbeitnehmer zu sorgen, allgemein anerkannt, wenn ihnen auch eine solche Pflicht kaum auferlegt werden kann. Der menschenfreundliche Arbeitgeber wird sich an diese Pflicht wohl nicht erst erinnern lassen. Nachahmungswerthe Beispiele, in denen Arbeitgeber gute Wohnungen für ihre Arbeiter aus eigenen Kräften gebaut haben, werden von Kobes, Ludwig Jacobi, Hoffmann, Freiherr v. d. Goltz, Arweld Emminghaus, Senftleben, Brämer u. a. m. geliefert.
Nicht unwichtig sind die Ausführungen Emmichs über die Erleichterung des Grundcredits zum Zwecke schnellerer Befriedigung des Wohnungsbedürsnisses, wie auch die später eingetretene Verbesserung des Hypothekengesetzes und die Errichtung zahlreicher Bvdencredit-Geselli'chaften diesem Bedürfnisse hilfreiche Hand geboten haben.
Wenn aber weder Speculanten, noch Arbeitgeber geneigt oder im Stande waren, der Wohnungsnoth Abhilfe zu verschaffen, haben oft Localvereine, zur Erreichung dieses Zweckes gebildet, viel ermöglicht. Und solche Vereine erscheinen in drei großen Häuptgatrungen in unserem großen deutschen Vaterlande. M
Die erste und bisher wirksamste Form ist die gemeinnützige Ballgesellschaft, welche ihr Kapital zum Aufbau und zur beständigen Verwaltung einer beschränkten Zahl von Häusern verwendet, oder dasselbe Kapital durch Verkauf einzelner Gebäude an dritte, beziehentlich durch Amortisation an die Bewohner, wiederholt zum Häuserbau verfügbar macht, oder endlich durch allmählichen Verkauf der fertigen Häuser und entsprechende Tilgung der Antheile nach einiger Zeit zur Auflösung gelangt.
Das berühmteste Beispiel dieser Art, allerdings mit staatlicher Unterstützung erreicht, bietet die von Dollfuß errichtete Mühlhauser Arbeiterstadt und haben die eifrigen Empfehlungen der englischen, französischen, deutschen und
schweizerischen Vorgänger zur Nachfolge in dieser humanen Richtung und Thätigkeit erheblich beigetragen.
Die zweite Hauptgattung dieser Bauvereine sind die von England herübergckommenen Baugenossenschaften (benefit building societies), welche das Princip verfolgen, sämmt- lichen Theilnehmern oder einigen derselben, welche nach der Reihenfolge des Beitritts und nach dem Loose zu dieser Vergünstigung gelangen, Häuser zu Eigenthum zu verschaffen und den nicht dazu gelangenden Theilnehmern eine sichere mit Zins auf Zins wachsende Kapitalanlage zu gewähren. Das Genossenschaftsgesetz hat ihre Ausbreitung befördert.
Die dritte Hauptgattung bilden die industriellen Bauvereine, deren Actien ein Gegenstand der Börsenspeculation geworden sind. Gestützt auf das notorische Bedürfniß von Wohnungen, traten namentlich in den siebziger Jahren in Deutschland und Oesterreich Landeigcnthümer und Geld- speculanten zusammen, boten dem Publikum Actien unter großen Versprechungen in Bezug aus Rentabilität oder Erwerbung eines eigenen Hauses an und begannen in der That Häuser auf diesen erkauften Baufeldern auszusühren — oder auch nicht. Wir gehen wieder einer derartigen Zeit entgegen und man hüte sich, auf solche Operationen einzugehen, bevor nicht nachweisliche Erfolge zu verzeichnen sind. Zwar sagte vor Kurzem ein alter „Practikus" dem Verfasser, daß alle Mahnungen nach dieser Richtung wenig nützten und daß es immer Leute geben würde, welche „auf solchen Leim huppten". Nun, wir wollen nur warnen, hilft es nichts, haben wir doch unsere Pflicht gethan.
Egon W.
Verkehr, Land- nnd Volkswirthschaft.
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