Nr. 98
Erstes Blatt
Sonntag den 28. April
1889
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
iBttreattt Schulftraße 7.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloh«. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pst
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Universität- - Chronik.
Marorerg, 26. April. Geh. Rath Bunsen wird mit dem jetzt beginnenden Sommersemester seine Lehrthätigkeit in Heidelberg gänzlich niederlegen, nachder*- er 56 Jahre dieselbe ausgeübt. Begonnen hat er die akademische Lehrthätigkeit bekanntlich hier in Marburg, nachdem er vorher mehrere Jahre Lehrer an der polytechnischen Schule in Staffel war. Von Marburg folgte er einem Rufe nach Breslau und ging nach kurzer Zeit von da nach Heidelberg. Sein Nachfolger in Marburg wurde der von hier nach Leipzig berufene und daselbst verstorbene Professor Kolbe, nach dessen Abgang kam der auch schon längere Jahre gestorbene Professor Carius hierher, so daß Bunsen zwei seiner Nachfolger an hiesiger Universität nun mehrere Jahre in Thätigkeit überlebt hat.
drücker, 2 ^^"tücher, 1 Kinder,nantel, 1 Haarpfeil, 2 Portemonnaie'-, 2 Taschenmesser, 1 Chaisenthiw
Gießen, am 27. April 1889. Großherzoglicher Polizeiamt Gießen.
- — — Fresenius.
Telegraphische Depeschen.
Wolff s lelegr. Correspon-enz-Bureau.
Berlin, 26. April. Seine Majestät der Kaiser ist früh 8 Uhr 10 Min. nach Weimar gereist.
t r - .Der frühere Justizminifter Bernuth, Mitglied des Reichstags und Herrenhauses und Kronsyndikus, ist gestern Abend gestorben.
1QQQ Berlin, 26. April. Der heute publicirte Ausweis der Reichseinnahmen pro 1888-89 ergibt, daß bte Borsensteuer gegen das Vorjahr erheblich gestiegen und den Voranschlag weit überschritten hat. Auch die Einnahmen aus den Zöllen belaufen sich in Fotze vermehrter Getreide-Einfuhr beträchtlich höher als voroeranschlagt- die niste auf 0ID C bic Branntweinsteuer weisen gleichfalls durchaus günstige Ergeb- m ~ °?erikanischen Delegirten der Samoa-Conferenz, Kasson, Phelps und Bates, sind Abends 10 Uhr A) Min. hier etnqelroffen. Dieselben wurden von dem Personal der amerikanischen Gesandtschaft am Eentralbahnhof empfangen und nach dem Hotel Kaiserhof geleitet.
Hirschberg, 26. April. Während eines schweren Gewitters, welches heute Nachmittag bas Hirschverger Thal heimsuchte, trieb ein heftiger Sturm bei der Station Schildau drei Guterwagen nach Zermalmung der Bremshölzer in der Richtung nach Hirschberg weiter. Bei dem Dorf Hartau liefen die Güterwagen auf den von Hirsch- ?^lau fahrenden Personenzug; zwei Güterwagen mürben zertrümmert, Oie Maschine stark beschädigt, Personen ledoch nicht verletzt. Die Strecken nach Breslau Schmleoeberg sind vorläufig gesperrt, die Passagiere müssen an der Unfallstelle umsteigen' . _ Weimar, 26. April. Auf die Begrüßungsrede des Oberbürgermeisters erwiderte der Kaiser etwa Folgendes: Er freue sich sehr, in Weimar zu fein, der Heimath seiner theuren Großmutter; fein Wunsch war schon lange, die Stadt kennen zu lernen, die durch ihren Ruhm auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft eine so bevorzugte Stelle in den deutschen Landen einnehme; die Stadt, die berufen gewesen die Heimstätte der großen Dichter der Nation zu sein. Der festliche Empfangreue ihn seh/ er bitte der Bürgerschaft seinen Dank auszusprechen. Nachmittags besuchte der Kaiser Vas Goethe-Museum.
Vermischte-.
^Offenbach, 25. April. Gestern Nachmittag verstarb Hierselbst, im Alter von fast 81 Jahren Herr Rabbiner Dr. Salomon Formstecher, der am 1. Oktober 1882 unter Betheiligung unserer ganzen Stadt sein 50jähriges Amtsjublläum feierte. Der Verstorbene war am 27. Juni 1808 geboren und hat 57 Jahre sein Amt bekleidet. Bis in die jüngsten Tage erfreute sich der Verblichene großer Rüstigkeit und guter Gesundheit. Fvrmstecher war ein Mann, der wegen seines toleranten Sinnes allgemeine Achtung genoß. Von seiner Beliebtheit legte sein 50 jähriges Jubiläum beredtes Zeugniß ab. Der Großherzog verlieh ihm damals als Anerkennung seines erfolgreichen Wirkens das Ritterkreuz L Klasse Philipps des Großmüthigen, die Stadt Offenbach das Ehrenbürgerrecht und der Verein für Naturkunde ernannte ihn zum Ehrenmitgliede. Formstecher war ein Mann von tiefreligiösem Sinn und nicht unbedeutendem Wissen. Ehre seinem Andenken!
Frankfurt, 26. April. Dem Vernehmen nach wird mit dem 1. Dezember 'S- bas städtische Elektrizitätswerk in Betrieb genommen werden. Wegen der Ausführung der Anlage wird z. Z. noch mit 3 Firmen, der Gesellschaft „Helios" in Köln, Siemens & Halske in Berlin und Schuchert in Nürnberg, verhandelt. Man ist noch nicht über die Frage einig, ob Gleich- oder Wechselstrom-System angewendet werden soll. Letzteres würde, da es für Fernleitungen geeignet ist, nur eine Centralstelle für die ganze Stadt erfordern, während das Gleichstromsystem bei einem größeren Beleuchtungsbezirk mehrere Stationen erforderlich macht.
~~ s»Sie werden wohl verhungert fein."] Die Königsberger „Hartung'sche Zeitung berichtet: Ein auf dem Tragheimer Ausbau wohnhafter Arbeiter meldete dieser Tage dem Revierpolizeibeamten den Tod seiner beiden Kinder im Alter von resp. einem -v?hte und drei Jahren an. lieber die Todesursache befragt, gab der Mann refignirt anr „Sie werden wohl verhungert sein!" Nach den sofort angestellten Untersuchungen bewahrheitete sich die Angabe, denn im Hause der unglücklichen Familie wurden weder Lebensmittel noch Feuerungsmaterial oorgefunden; ein Schilflager mit einem jämmerlichen Deck» bette diente ihr als Nachtlager. — (Sin erschütterndes Bild des Elends in großen Städten.
An bitteren Erfahrungen reich ist dieser Tage eine Berlinerin in das Elternhaus aus China zurückgekehrt. Fräulein C., die Tochter eines Berliner Gendarmerie- Oberrvachtmeisters, begab sich vor drei Jahren mit Bewilligung ihrer Eltern nach China, wo ihr verlobter Bräutigam als Missionar thätig war, um sich dort zu verheirathen und ebenfalls in der Mission thätig zu sein. Der Vater begleitete sie nach Hamburg und übergab sie für die Dauer der Reise dem Schutze des Schiffscapitäns. Nach langer schwerer Reffe fand sie den Verlobten nicht mehr am Leben; auf die Frage nach seinem Befinden wurde die Unglückliche nach dem Gottesacker der Mission an ein frisches Grab geführt. Vierundzwanzig Stunden vor dem Eintreffen der Braut hatte man ihn zur letzten Ruhe bestattet; er war an der Schwindsucht gestorben. Jetzt, nach drei Jahren, hat die trauernde Braut in Begleitung zweier Kinder des deutschen General-Consuls, welche hier die Schule besuchen sollen, den vaterländischen Boden wieder betreten.
der „Deutschen Turnzettung" fordert der Ehrenvorsitzende der deutschen Turnerschaft, Th. Georgii-Eßlingen, seine vor dem 25. Juli 1829 geborenen Turngenossen, also Alle, welche das 60. Lebensjahr überschritten haben, und Willens sind, - aiL, Gelegenheit des diesjährigen 7. Allgemeinen Deutschen Turnfestes von dieser Altersklasse vorzuführenden Altersriege zu betheiligen, auf, sich bis zum 1. Juli d. I. bei ihm anzumelden. Als Turnübungen werden von benannter Riege eine vom Universitäts-Turnlehrer Wüst in Tübingen zusammengestellte Gruppe von Effenstab- ubungen vorgeführt werden.
Sotalex
. . 27- April. sTurnerisches aus dem Lahn-Wetter-Gau.] Morgen
wird dahier in der Turnhalle eine Gau-Vorturnerstunde, welche Vormittags 10 Uhr beginnt, abgehalten werden; anschließend hieran findet im „Wiener Hof" eine Vorturnersitzung und im Laufe des Nachmittags daselbst ein Gautag statt.
27. April. sSchützenvereinZ Die Einweihung des neuerbauten Schutzenhauses an der Grunbergerstraße, verbunden mit einem dreitägigen Schützen- fefte mit größerem Preislichen, findet am 19., 20. und 21. Mai l. I. statt. Der Schutzenverein bietet Alles auf, daß das bevorstehende Fest sich würdig den vorher- gegangenen anreihen kann. Das Vereinshaus geht seiner Vollendung entgegen und ist beffen innere Bauart und Einrichtung recht zweckdienlich und den Anforderungen an rn reinspaus entsprechend. Bei der obwaltenden großen Sparsamkeit wird vte Ausstattung desselben eine mustergiltige werden und die bereits stattgefundenen und nD:$nln * stehenden Stiftungen von Mitgliedern werden etwaige Lücken in reichstem Maße ausfullen, fo daß die Lokalitäten des Schützenhauses eine gern besuchte Smtte bieten werden. Berücksichtigt man noch, daß den Wirlhschaftsbetrieb der Schutzenverein m eigener Regie behält, so ist die Bürgschaft vorhanden, daß auch in Dein hiesigen Schützenhaus, gleich dem in anderen Städten, den Einkehrenden volle Rechnung zu ihrer Zufriedenheit getragen wird. — Die Herrichtung der Anlagen um das Schutzenhaus wird mit der Erbauung einer großen Festhalle für das Schützenfest genommen. — Wir wünschen dem Schützenverein zu seiner Fesl- ltchkeit, welche durch Verbandssatzungen leider etwas zu früh abgehalten werden muß, schone und warme Witterung und somit bestes Gelingen des Festprojects.
Wie«, 26. April. Wie das „Fremdenblatt" aus Paris erfährt, hat sich der gl- chz-.I gm Abs-nt rung aller grosimächtlichen Vertreter wegen der bevorstehenden Feierlichkeiten anläßlich der Eröffnung der Ausstellung auch der von Cannes mit seiner Familie reisende russische Botschafter Baron Mohrenheim angeschlossen.
a e Mo«- 26. April. „Esercito ttaliano" erklärt die Nachricht von der Demission des Krtegsministers für völlig unbegründet.
Rom, 26. April. Die „Opinione" meldet aus hervorragender Quelle, der Vatlkan habe nach den ersten katholischen Kongressen diplomatische Schritte bei den Kabineten der Hauptmächte Europa's, ausgenommen Deutschland, gethan um sie iu bewegen, etma§ jir Gunsten der Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papstes u tbun. ade Machte hatten sich ablehnend verhalten, nur das französische Kabinet habe, ohne sich fist zu verpflichten, jedoch auch ohne direkt abzulehnen, verlangt, ihm Zeit zu lassen, die Mittel zu studiren, um eventuell die Frage diplomatisch zur Sprache zu bringen Als der Vat kan der französischen Regierung gegenüber darauf bestanden habe, daß dieses geschehe, hatte die französische Regierung dem päpstlichen Staatssekretär ae- rathen er soll- den Mächten -in Veto-Recht in den Konklaven zugestchen Der Papst l'dnt- d!-s °b well er durch das, Zugeständniß eines Veto «ortheile nicht erlange. Hierauf hatte das französische Ministerium dem Papste durch den Botschafter Lefebre an die Hand gegeben, Frankreich wolle dem Papste die Mittel bieten, seine Rechte gegenüber Italien auf der Grundlage der September-Konvention zur Sprache zu bringen Der Papst hätte sich die Antwort hierauf bis nach der Berathung mit den Kardinälen Vorbehalten. Die „Opinione" weiß nicht, ob der Papst die Kardinäle hierüber zu Rathe zog, meint jedoch, in Der Wiederholung der katholischen Kongresse sei der Beweis dafür zu erblicken, daß man zu keinem Entschlüsse gelangt sei. Das Blatt wiederholt schließlich, daß es die Authentizität dieser Mittheilungen verbürge.
PariS, 26. April. Die Behauptungen der „Opinione", die französische Re- 9tc™nd habe dem Vatican irgend ein Versprechen betreffs Der Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papstes gemacht, wird in Regierungskreisen für unbegründet er- ! ^ ^.^provi mischen Verwalter des Comptoir d'Escompte haben heute morgen rJ5Mi? uber die Constltuirung des neuen Comptoirs d'Escompte unterzeichnet welches Montag in der Versammlung den Actionären unterbreitet wird
26 April. In der zweiten Kammer beantragte Bexel die Kündigung des Handels- und Schifffahrts-Vertrags mit Deutschland. B
lfprtL Aer Bericht des Capitäns vom „Dänemark" an den dänischen Consul auf den Azoren besagt: Am 4. ds. Mts. um 3</a Uhr Nachmittags Ub. Ab-nd« verspürt in Folge des Bruches der Schraubenachse. Um ll?/4
be I^hen, Der erste Ingenieur wurde zerschmettert ge- funben, derselbe ist wahrscheinlich verunglückt, indem er die Maschine in der Finsterniß ß C8a um l1/« Uhr, wurde der „Missouri" bemerkt und
am 6. ds., Abends 9/s Uhr, wurde beschlossen, die Passagiere auf den „Missouri" über- Ben"w.?7mApril an ' Uhr geschah. Auf den Azoren
^Pciersburg, 26 April Der „Russische Invalide" meldet: 1889 werde im
Manöver am Narewfluß (90 Bataillone, 62 Egkadrons, 234 Geschütze) und ein fünftägiges im Odessaer Militärbezirk in der Umgegend Ol^chakows (13'/, Bataillone, 5V, Schwadronen, 12 Geschütze) stattfinden unh nitCr™ i^-at,nOI,er r* . «r ^ettnebmen 4-/. Bataillone, eine Ko akensotnie
unb Diet Geschütze, welche in Odessa eingeschifft und bet Otschakow werken gelandet


