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Nr. 1LS

Mittwoch deu 26. Juni

1889.

Anzeigeblatt

Amts-

den Kreis Gießen.

Vnreaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohw- Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf

Amtlicher Theil.

Betreffend: Den Abverdienst uneinbringlicher Feldstrafen aus dem Jahre 1888/89. Gießen, am 22. Juni 1889.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche mit dem Vollzug des Abverdienstes von Feldstrafen aus dem Jahre 1888/89 bezw. mit Einsendung der bezüglichen Specialverzeichmsse noch im Rückstände sind, werden an baldige Erledigung erinnert.

v. Gagern.

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Politische Sinndscha».

Gießen, 25. Juni.

Zur bevorstehenden Rorwegen-Reise Kaiser Wilhelms wird gemeldet, daß der erlauchte Monarch dieselbe am 30. Juni von Kiel aus an Bord der £)ad?tHohen- zollern" anzutretm gedenkt. Auf hoher See geht der Kaiser an Bord des Panzerschiffes Kaiser" über, mit welchem Schiffe die Reise nach Hammerfest fortgesetzt wird. Die Hohenzollern" dagegen soll alsdann nach Wtlhelmshafen beordert werden, um hier zur Verfügung der Kaiserin Friedrich für den beabsichtigten abermaligen Besuch der hohen Frau in England zu bleiben.

Der Dundeßrath wird in den nächsten Tagen noch eine Plenarsitzung abhalten und bann seine Sommerferten antreten. Der Wtederzusammentrttt genannter Körper- ' schäft zu der neuen Gefchäftssession wird jedoch in diesem Jahre etwas frühzeitiger als sonst erfolgen und zwar mit Rücksicht auf die ebenfalls zeitiger als sonfl beginnende Wintersession des Reichstages, zu welcher bekanntlich noch sehr wichtige Vorarbeiten zu erledigen sind, wie namentlich die Entscheidung über den Ersatz für das Socialtsten- gesetz.

Im unmittelbaren Auftrage des Fürsten Bismarck hat sich der Geheime Ooer- Regierungsrath Gamp vor einer Woche nach dem Ruhrrohlenvezirk begeben, um burch eingehende persönliche Unterredungen mit Bergwerksbcsitzern, Bergarbeitern, Beamten und sonstigen sachkundigen Personen einen Einblick in die Lage zu gewinnen. Auch mit den Vertretern der Bergarbeiter pflog der genannte Herr bereits mehrfache Besprechungen, die dem Vernehmen nach insofern schon zu einem Ergebnisse geführt haben sollen, als zahlreiche Bergwerke behufs Abkürzung des Aufenthaltes der Berg­arbeiter unterTage" in technischer Beziehung beim königl. Oberbergamt Erleichterungen der Polizeioorschriften bei der An- und Ausfahrt beantragen werden. Eine Reihe dieser polizeilichen Vorschriften wird von den Bergarbeitern nur als ihren Dienst be­lästigend und erschwerend gesunden und verlangen sie besonders Erleichterungen der Vorschriften über die^Seilfahrt und in diesem Sinne wollen die Bergwerksoerwaltungen mit beim Oberbergamte vorstellig werden.

In Württemberg und vor Allem in dessen Hauptstadt Stuttgart begeht man . am heutigen Dienstag, den 25. Juni, das 25jährige RegierungSjubiläum deS ' Königs Karl, nachdem die erhebende Feier schon seit Wochen durch verschiedene Festlichkeiten eingeleitet worden war. Die blühende Entwickelung, welche das schöne württembergische Land auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, namentlich aber in landwirthschaftlicher, gewerblicher und industrieller Hinsicht, in den nun verflossenen 25 Regierungsjahren König Karls I. aufzuweisen hat, wie nicht minder das Bewußt­sein der hochgeachien politischen Stellung im neuen Reiche, welche Württemberg der echt deutschen und wiederholt erprobten nationalen Gesinnung seines erlauchten Monarchen verdankt, lassen es erklärlich erscheinen, wenn das württembergische Volk in allen Kreisen und Schichten das Fest in freudigster Bewegung feiert. Kommt ja doch die alte Schwabentreue, welche schon Graf Eberhard im Bart preisen konnte, bet dem König-Karl-Jubiläum wiederum auch zum erhebenden Ausdrucke und aus allen seinen Gauen, von den Gestaden des Bodensees und den Höhen des Schwarzwaldes an bis hinab zum weinreichen Neckarthale hat das Schwabenland zahlreiche Deputationen nach der Residenz entsendet, um dem Könige und seiner erlauchten Gemahlin zum Ehrentage des Herrschers auf's Neue die Versicherungen treuer Anhänglichkeit des württembergischen Volkes an sein Herrscherhaus darzubringen. Das übrige Deutschland nimmt an der württembergischen Jubelfeier herzlichen Antheil und ein großer Theil der deutschen Fürsten hat sich nach Stuttgart begeben, um König Karl persönlich zu beglückwünschen. Als die vornehmsten Gäste erscheinen aber in Stuttgart der Kaiser und die Kaiserin und verleiht somit ihre Anwesenheit den Jubiläumsfestlichkeiten in Württembergs Hauptstadt einen besonderen Glanz. Der dem Stuttgarter Hofe be­kanntlich nahe verwandte Petersburger Hof ist bei den Jubiläumsfestlichkeiten durch den Großfürften-Thronfolger Nicolaus vertreten; das Gerücht, der russische Thron­folger habe auf feiner Durchreise nach Württemberg in Berlin Ort und Zeitpunkt des Gegenbesuches des Czaren bei Kaiser Wilhelm endgültig mitgetheilt, entzieht sich natürlich jeder Controlle.

In der Freitagssitzung des schweizerischen Nationalrathes gab der Bundes­rath eine längere Erklärung über den Streitfall mit Deutschland durch den Vorsteher des auswärtigen Departements, Droz, ab. In derselben wird der Verlauf der deutsch- ichweizerischen Verhandlungen in Sachen Wohlgemuth kurz rccapltulirt und auch das Eingreifen Rußlands und Oesterreichs tu der Angelegenheit des schweizerischen Fremden­polizeiwesens erwähnt. Die Erklärung betont, jeder Staat, ob neutral ober nicht, sei -ar Ueberwachung der in ihm wohnenden revolutionären und anarchistischen Elemente verpflichtet und sei der Bundesrath erbötig, bezüglich der Schweiz die ersorderlichen Maßnahmen zu treffen. Der officielle Abschluß der Verhandlungen hierüber stehe noch aus und enthalte sich der Bundesrath daher weiterer Mittheilungen, wünsche aber von een Räthen, daß sie ihn mit den nötigen Mitteln für eine wirksame Ueberwachung der fremden Elemente auSrüfteten. Nach privaten Meldungen aus Bern hat Herr Droz außerdem das Bedauern deS Bundesrathes darüber, daß demselben nicht gleich die Verhaftung Wohlgemuth's durch die aargauischm Behörden angezeigt worden sei, ausgesprochen und das Vorgehen der betreffenden Beamten als einen Fehler bezeichnet, ]

i zugleich aber auch erklärt, daß durch geheime deutsche Agenten wiederholt Ordnungs­storungen auf Schweizer Gebiete verursacht worden seien. Mit diesen Erklärungen ist man schweizerischerseits den deutschen Reclarnationen bis zu einem gewissen Grade gerecht geworden, zumal ja die beschlossene Errichtung eines eidgenössischen Bundes- Anwalts-Amtes zur strafferen Handhabung der Fremdenpolizei schon als eine erste practische Folge der deutscherseits erhobenen Beschwerden zu betrachten ist. Die neuerlichen Vorstöße derNordb. Allg. Ztg." gegen die schweizerische Neutralität deuten indessen darauf hin, daß zwischen Berlin und Bern noch lange nicht Alles glatt ist.

Aus Rom melden Prioatnachrichten, daß Crispi dieser Tage wiederum eine längere Unterredung mit dem österreichischen Botschafter gehabt habe, veranlaßt durch die Beschießung einer italienischen Fischerbarke durch ein österreichisches Zoll­schiff. Verschiedene römische Blätter versichern, Crispi habe von Oesterreich entschieden Genugthuung, sowie die Garantie verlangt, daß sich derartige Willküracte gegen italienische Fischerboote nicht wiederholen. Crispi's Verlangen sei insbesondere auf sofortige Verhaftung und strengste Bestrafung der in die Angelegenheit verwickelten Zollwächter gegangen; über eine Antwort der österreichischen Regierung verlautet noch nichts. Wie dieTribuna" erfährt, kam bei dieser Gelegenheit die Lage in Triest wiederum zur Sprache und soll Crispi hierbei angedeutet haben, die Fortdauer des jetzigen Zustandes könne schließlich die intimen Beziehungen Italiens zu Oesterreich gefährden (?). Das Erscheinen des Triester Irredentisten-OrganesJndipedente" ist bis auf Weiteres gerichtlich verboten worden.

Die Angelegenheit der in Belgrad entdeckten Proclamation, welche die Slaven Oesterreich-Ungarns zum Ausstande auffordert, hat zum politischm Bankerott der serbischen Fortschrittspartei geführt. Die am Sonntag erschienene letzte Nummer desVidelo", des. Organs der serbischen Fortschrittspartei, enthält eine Er­klärung des Central-Comitö's, nach welcher die Fortschrittspartei sich vom politischen Schauplatze zurückzieht und das Erscheinen ihres Parteiorganes einstellt. Die bedenk­liche Verwickelung eines Mitarbeiters desVidelo" und überhaupt einiger Mitglieder der Fortschrittspartei in die Affaire der aufrührerischen Proclamation hat die Kata­strophe der Fortschrittspartei in Serbien herbetgeführt, nachdem es mit letzterer schon seit den letzten allgemeinen Skupschtina-Wahlen stetig bergab gegangen war.

lieber einen neuen und entscheidenden Sieg WitzmannS über die aufständischen Araber waren in voriger Woche Gerüchte in London im Umlauf. Wißmann sollte die Araber angegriffen und nach hartem Kampfe völlig zersprengt haben, worauf er mit seinen Verwundeten den Rückmarsch nach Zanzibar angetreten hätte; eine Be­stätigung dieser Gerüchte ist indessen noch nicht eingegangen.

Berlin, 24. Juni. Die bevorstehende Reise Sr. Majestät des Kaisers nach dem Norden Norwegens, bei welcher der Natur der Sache nach ein im Einzelnen im voraus sestgeftelltes Reiseprogramm nicht eingehalten werden kann, bietet in Bezug auf einen Dienstzweig nicht unerhebliche Schwierigkeiten. Während bei den bisherigen Reisen des Kaisers die erforderliche regelmäßige und schnelle Verbindung zwischen dem jeweiligen Aufenthaltsort und Berlin durch Einrichtung eines regelmäßigen Kurier­dienstes unschwer zu ermöglichen war, bedarf es dieses Mal umfassenderer Vorkehrungen, um dasselbe Ziel zu erreichen. Nicht nur die weite Entfernung an sich macht Schwierig­keiten, sondern es fehlt, wenn erst der nördliche Endpunkt der norwegischen Bahnen erreicht ist, vielfach an ausreichend sicherer, schneller und regelmäßiger Verbindung. Es wird daher eine ziemlich komplizirte Organisation nothwendig werden, um trotz der Lückenhaftigkeit der vorhandenen Verkehrsmittel die erforderliche Sicherheit, Schnelligkeit und Regelmäßigkeit der Verbindung Sr. Majestät des Kaisers mit der Reichshauptstadt herzustellen.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Korrespondenz -Brrrean.

Berlin/ 24. Juni. Der Kaiser, die Kaiserin und der König von Sachsen sind heute Abend 9 Uhr nach Stuttgart abgereift.

Berlin/ 24. Juni. Die Trauungsfeier des Prinzen Friedrich Leopold und der Prinzessin Louise Sophie ist programmmäßig verlaufen. Bei der Trauung in der Kapelle sprach der Hofprediger Kögel über Psalm 37,5:Befiehl dem Herrn Deine Wege, er wird es wohl machen!" Die Kaiserin führte rechts der König von Sachsen, links der König von Griechenland; der Kaiser führte vor der Kaiserin die Mutter der letzteren. Um 4Vs Uhr passirte der Zug den weißen ©aal. Nach der Trauung fand Cour statt, welcher die vier ältesten kaiserlichen Prinzen und die jüngste Schwester der Kaiserin in der Hofloge beiwohnten. Die Cour nahm den üblichen Verlauf und war um 53/< Uhr beendet. Es folgte hierauf Ceremonientafel im Rittersaal. Nach der Ceremonientafel, an welcher der Kaiier auf die Neuvermählten toastete, schloß die Feier im weißen Saale mit einem Fackeltanz völlig programmmäßig. Die Neuvermählten reiften um halb 9 Uhr nach Schloß Glienicke bei Potsdam ab.

Stuttgart, 24. Juni. Bet der Ankunft des Großfürst-Thronsolgers von Ruß­land waren Prinz Wilhelm im Auftrage des Königs, ferner sämmtliche Prinzen des Königshauses, die gesammte Generalität, die russische Kolonie und eine Ehrencompagnie mit Musik und Fahne anwesend. Der Großfürst wurde vom Publikum sympathisch begrüßt. Eine äußerst herzliche Begrüßung zwischen ihm und dem Königspaar fand darauf im Schlosse statt.

Wien, 24. Juni. Die Kaiserin und die Erzherzogin Valerie haben sich heute Morgen zum Sommerausenthalt nach Ischl gegeben.