Nr. LL Freitag den 25. Januar 1889..
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Iyeit.
Betreffend: Feier des Geburtstage« Seiner Majestät der Deutschen Kaisers. Gießen, 22. Januar 1889.
Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commission Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Nachfolgend theilen wir Ihnen die Verfügung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz, Abthellung für Schulangelegenheiten, in rubricirtem Betreff vom 18. d. M. zur Kenntniß und Instruction der Lehrer mit.
v. Gagern.
Betreffend: Wie oben. Darmstadt, 18. Januar 1889.
Das Großherzogliche Ministerium des Innern und der Justiz Abtheilung für Schulangelegenheit-n, au die GroSbersoalichen Direetionen der Gymuafien, Realgymnaflen, Skealfchuleu, Schullehrer-Sttuinarie», höhere« Mädchenschulen/Taubstumwenanstalten,Blindenanstalt, Vorsteher der PrLparandenanstalten und KreiS-Schulcomwisfioue«. Er ist bei uns angesragt worden, wie es mit der Schulfeier am nächsten Geburtstage Seiner Majestät der Kaisers, welcher auf einen Sonntag fällt, gehalten werden soll. Wir eröffnen Ihnen in dieser Beziehung, daß, falls lokale Verhältnisse die Feier am Sonntage vor oder nach dem sonntäglichen Gottes- dienst als unthunlich erscheinen lassen, dieselbe am vorhergehenden Samstage zu veranstalten ist.
v. Knorr. de Beauctarr.
Politische Ueberficht.
Gießen, 24. Januar.
Die Vorlage <üt Oflafrika ist in der am Dienstag abgehaltenen Plenarsitzung des Bundesrathes unverändert genehmigt worden und dürfte sie zur Stunde zur Vertheilung unter die Mitglieder des Reichstages gelangt sein; Anfangs kommender Woche soll die Vorlage auf die Tagesordnung des Reichstages gesetzt werden.
Der Aufsehen erregende Artikel der »ÄtttiMtttung*, in welchem dem Reichs- Lingcr der Vorwurf gemacht wird, durch die Veröffentlichung der Anklageschrift gegen Geffcken das monarchische Gefühl des prerHischen Volkes beleidigt zu haben, ist sehens der Parteileitung der conservativen Parier des Reichstages und deS preußischen Landtages offictell zurückgewiesen worden. An der Spitze des Parteiorganes, der „Eons. Corresp.", spricht die Parteileitung ihr Bedauern über die Veröffentlichung des betr. Artikels aus, erklärt aber, in keinerlei Beziehungen zu der Redaction der „Kreuzztg." zu stehen. Von dieser Kundgebung der conservativen Parteivorstände ist dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck Mtttheilung gemacht worden. — Vermuthlich wird der ganze Vorgang noch zu weiteren Auseinandersetzungen innerhalb der conservativen Partei führen.
Jenseits der Vogesen concentrirt sich das politische Tagesinteresse vollständig auf die am Sonntag in Paris stattfindende Ersatzwahl zur Deputirtenkammer, bet welcher sich bekanntlich der Ultra-Radicale Jaques und der Ex-General Boulanger gegenüberstehen. Beide Kandidaten haben das Möglichste gethan, für sich bei der Pariser Wählerschaft Stimmung zu machen und den Gegner herabzusehen, und wie erregt allmälig die Pariser Wählerschaft geworden ist, geht aus den blutigen Schlägereien, die Anfangs der Woche in Paris zwischen Boulangisten und Antiboulangtsten stattgefunden haben, genugsam hervor. Der Ausgang des interessanten politischen Duells zwischen Bou- langismus und Radicalismus ist noch völlig ungewiß und wird jedenfalls von dem Votum der Pariser Arbeiter abhängen, an die sich Boulanger wie JaqueS ebenfalls mit Wahlmantfesten gewendet haben.
Der kürzliche Besuch des Prinzen Alexander von Battenberg am Wiener Hofe hat zu einer Menge von Gerüchten Veranlassung gegeben, die alle darauf htnaus- laufen, daß der ehemalige Bulgarenfürst wünsche, durch Vermittelung des Herzogs von -Cumberland, mit dem er während seiner Anwesenheit in Wien besonders verkehrte, seine Aussöhnung mit dem russischen Hofe herbeizuführen. Es waren dann wettere Gerüchte über eine Zusammenkunft zwischen dem Cumberländer und Mitgliedern der Czarenfamilte aufgetaucht, die aber nunmehr von der „Pol. Corresp." für vollkommen unbegründet erklärt werden. Es sei weder von einer Reise des Herzogs von Cumberland und seiner Gemahlin nach Neapel, wo angeblich eine Zusammenkunft mit der Kaiserin von Rußland ftattfinden sollte, die Rede, noch gelte eS für wahrscheinlich, daß sich die letztere in nächster Zeit nach Neapel begeben werde.
Zur Angelegenheit der von den aufständischen Arabern jüngst gefangen genommenen deutschen Missionare läßt sich die „Times" aus Sansibar berichten, daß Buschirt, der oberste Anführer der Aufständischen, die Räumung des gesammten Küstengebietes von Sansibar seitens der Deutschen zur ersten Bedingung für die Freilassung der gefangenen Missionare gemacht habe. Sollte sich diese Meldung bewahrheiten, so wäre allerdings nicht viel Aussicht auf die Rettung der Missionare, denn die deutsche Flotte kann sich doch unmöglich bloß aus Rücksichten auf die Gefangenen aus Ostafrika zurückztehen.
Deutschland.
Darmstadt» 23. Januar. Das Großherzogliche Regierungsblatt Nr. $ enthält:
1. Bekanntmachung Grobherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz, die Ausführung des Gesetzes vom 27. April 1881 über die Ausübung und den Schutz der Fischerei betr.
2. Bekanntmachung desselben Ministeriums, die Verordnung über die Prüfungen der Aspirantinnen für das Lehramt an höheren Mädchenschulen betr.
Deutscher Reichstag.
25. Plenarsitzung. Mittwoch, den 23. Januar 1889, 1 Uhr.
Haus und Tribünen sind mäßig besetzt.
Am Bundesrathstische v. Boetticher, Bosse, Lohmann.
Das Haus tritt in die Tagesordnung ein: Berathung des Anträge- 8 au mb ach (dfr.), die Negierung zu ersuchen, noch im Laufe dieser Session dem Reichstage eine Gewerbe-Ordnungs-Novelle betr. die weitere Ausbildung der Arbeiter- schutzgeletzg-bung in Ansehung der Frauen- und Kinder Arbeit vorzulegen.
Htermit wird verbunoen die Debatte über den Antrag Hitze-Lieber (Etr.), ’ welcher die Annahme eines bestimmten Gesetzentwurfs (der schon in der vorigen Session । angenommen, von der Regierung aber abgelehnt wurde) über die gleiche Materie I vorschlägt.
Vom Abg. M erb ach (Rp.) wird beantragt, in dem Antrag Baumbach statt „noch im Laufe dieser Session" zu sagen „baldmöglichst".
Abg. Dr. Baumbach (dfr.) begründet seinen Antrag. Gegen den Antrag Hitze-Lieber habe er fast constitutionelle Bedenken. Wir würden es nicht in der Ordnung finden, wenn die Regierung einen von uns abgelehnten Gesetz-Entwurf wörtlich wieder einbrtngen wollte, wie dies beim Anträge Lieber-Hitze geschieht.
Um klebrigen wiederholt Redner die bekannten Argumente für seinen Antrag, r Mit dem Anträge M erbach erklärt sich der Redner einverstanden, bittet aber von einer nochmaligen Eommststonsberathung abzusehen.
Staatssecretär v. Boetticher: Meine Aufgabe, den Standpunkt der Regierung dem Anträge gegenüber zu vertreten, ist bei der Verschiedenheit der Ansichten keine dankbare. Aber das Motiv der Ablehnung ist nicht der Einzelwille des Kanzlers, sondern der Umstand, daß nicht eine einzelne der verbündeten Regierung sich veranlaßt gesehen hat, den Anträgen in ihrem vollen Umfange zuzufttmmen. Mangel an Arbeiterfreundlichkeit beim Bundesrath liegt so wenig vor, wie Rücksicht auf die Interessen der Großindustrie; auch einige formelle Mängel würden sich haben überwinden lassen. Es waren drei Gesichtspunkte, von denen aus den Regierungen die Ablehnung geboten schien: 1) war nach Ansicht der Negierungen kein dringendes Be- dürfniß vorhanden; 2) würde das wohlgemeinte Ziel auf dem Wege, den der Antrag vorschlug, auch nicht annähernd zu erreichen sein und 3) hält die Regierung fest an dem Entschluß, daß die Gelegenheit zur Ausnutzung der Arbeitskraft dem Arbeiter in keinem höheren Maße entzogen werden darf, als dies durch die öffentliche Wohlfahrt geboten ist. — Die Fabrik-Jnspectoren berichten übereinstimmend, daß eine Uebcrbürdung nirgends stattfindet und die Gefahr vorliege, daß bei beschränkenden Bestimmungen die gesündere Fabrikarbeit beseitigt und an ihre Stelle die ungesunde Hausarbeit treten würde. Eine wirksame Controle der Hausindustrie durch die Fabrik-Jnspectoren aber sei unmöglich. In Oesterreich haben sich solche Bestimmungen über die Kinderarbeit gar nicht bewährt. Von der Schulpflicht die Beschäftigung abhängig zu machen, würde zu Ungleichheiten führen, da die Beendigung der Schulpflicht zwischen dem 14. bis 16. Jahre variirt. Der Frau das Recht zu versagen, in Nothfällen für den Bedarf der Familie mit zu sorgen, blos einem, wenn auch an sich anzuerkennenden Principe zu Liebe, ist um so bedenklicher, als der Arbeitsverdienst der Frauen beispielsweise in Oberschlesien allein jährlich IV« Million Mark beträgt. Wir sind bereit, den Arbeiter gegen jede Ausbeutung und jeden Zwang zu schützen, aber wir können uns nicht entschließen, allgemeine Vorschriften zu erlassen, deren Tragweite nicht zu übersehen und die einen ungünstigen Einfluß auf die Lebenslage der Arbeiter ausüben, auch die Lage der Industrie oerfchlechtern könne.
Abg. Hitze (Etr.): Die Berichte der Geschäfts-Jnspectoren bestätigen eine Zunahme der Zahl der in Fabriken beschäftigten Kinder und ebenso die Mißstände, welche die Ausnutzung der Frauenarbeit mit sich führt. Es fragt sich nur, ob dieJnspectoren durch die Reden vom Bundesrathstisch nicht beeinflußt werden und ihre Berichte sich ändern. Was nütze alle Socialreform, wenn auf halbem Wege stehen geblieben roirb.? Der Arbeiterschutz sei mehr werth, als die ganze Alters- und Jnvaltden-Dersicherung. Man soll eben das eine thun und das andere nicht lassen.
Abg. Merbach (Rp.) will nur bann für eine Beschränkung der Kinderarbeit stimmen, wenn ihm der Nachweis geliefert wird, baß diese Kinder nicht der Hausindustrie anheimfallen. Auch gegen eine ganze Reihe von einzelnen Bestimmungen über die Frauenarbeit nach dem Anträge Hitze erklärt sich Redner, ist aber mit dem Princip der Beseitigung der Nachtarbeit der Frauen einverstanden, dies Bestreben mache sich auch in der Industrie geltend. Die Säulen unserer Socialgesetzgebung bedürfen noch des Ausbaues durch die Annahme eines Arbetterschutzgesetzes. Wir werden deshalb dem Anträge Baumbach zustimmen.
Abg. Kalle (natl.) entscheidet sich für den Antrag Hitze, da dieser schärfer alber Antrag Baumbach die Stellung des Hauses präcifire, in gleichem Sinne nehmen die Abgg. Cegielski (Pole) und v. Kleist-Retzow (cons.) Stellung für den Antrag


