Ausgabe 
24.11.1889 Erstes Blatt
 
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Nr. 275.

Erstes Blatt.

Sonntag den 24. November

1889.

Der

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Amtlicher Thsil.

Gießen, am 22 November 1889. Betreffend: Den Wiesenrundgang.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Soweit Sie unserer Verfügung vom 23. September l. I Anzeiger Nr. 226 noch nicht nachg-kommen sind, erinnern wir Sie an baldige Erledigung

von Gagern.

Gießen, am 22. November 1889.

Betreffend: Die Versicherung der Gebäude g gen Feuers­gefahr.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche noch mit Erledigung der Verfügung vom 3. v Mts. Anzeiger >Nr. 234 im Rückstand sind, werden hieran mit Frist von 3 Tagen er­innert.

von Gagern.

Gefunden: 1 Hut, 1 Metermaß, 1 Weckbeutel, 2 Porte­monnaies, 1 Futtersack, 1 Geldbeutel, 1 Silscheid, 1 Pelz­kragen, 2 Firmenschilder.

Gießen, den 23 November 1889.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius

politische Uebevsicht.

Gießen, 23. November.

In der Budgetcommisfion des Reichstages gestalten sich die Verhandlungen über den Milrtäretat auch diesinal sehr lebhaft, doch ist es zu größeren Streichungen noch nicht ge­kommen, Die mit der Errichtung der beiden neuen Armee­corps zusammenhängenden Forderungen sind bis jetzt von der Commission anstandslos bewilligt worden. Eine specielle Rolle spielte bei den einleitenden Debatten der Commission über den Miiitäretat dieJudenfrage" und verdient die hierbei abgegebene Erklärung des preußischen Kriegsrninisters registrirt zu werden, wonach die Juden im Offiziersdienst des deutschen Heeres keineswegs grundsätzlich ausgeschlossen sind. Ebenso besteht nach den Versicherungen des Kriegs­ministers kein grundsätzlicher Ausschlnß der Beförderung von Soldaten mosaischer Religion. Wiederholt betonte Herr Verdy du Vernots, daß die Regierung allerdings bestrebt sei, Ele­mente, die in scharfer Opposition gegen die Regierung stünden, vom Offizierstande fern zu halten, daß aber Entfernungen aus demselben aus Gründen der politischen Parteistellung oder des religiösen Bekenntnisses niemals stattgesunden hätten.

Der badische Landtag wurde am Donnerstag durch den Staatsminister JDr. Turban eröffnet. Der Minister über­brachte den Kammern den Gruß des Großherzogs, der er­warte, daß die Verhandlungen zu werthvollen Ergebnissen führen würden. Wenn die geplanten Vorlagen weder an Zahl noch Bedeutung den von dem letzten Landtag gelösten Aufgaben gleichkämen, so seien dieselben doch geeignet, die Lücken der Gesetzgebung vornehmlich auf den volkswtrihschafl- lichen Gebieten auSzufüllen. Die Hauptaufgabe bestehe neben der Prüfung finanzieller Nachweisungen in der Betrachtung des Staatshaushaltes.

Im nugarischen Abgeordnetenhause nehmen die scharfen Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und Opposition anläßlich der Budgetdebatte ihren Fortgang. In der Donners- tagssitzung erklärte der Ministerpräsident Tisza, er fühle sich über die gegen ihn vorgebrachten Verdächtigungen erhaben und weise die Anschuldigungen zurück, daß der Occupations- credit ordnungswidrig verwendet worden sei. Die Monorer Fahnenaffaire war unter allen Umständen eine die Entrüstung herausfordernde That. Wenn daffelbe mit einer ungarischen Fahne geschehen wäre, hätte der constitutionelle Monarch ebenfalls Bestrafung der Schuldigen gefordert. Minister­präsident Tisza betonte sodann, das Gesetz von 1867, welches nie als eine bloße Uebergangsverfügung betrachtet wurde, spreche die Gemeinsamkeit der Armee aus. Unter großem Beifall widerlegte er schließlich die Anschuldigungen der Oppo­sition. Als der Minister den Grasen Karolyi für seine Zwischenrufe zurecht wies, erhob die äußerste Linke einen lärmenden Tumult. Der brasilianische Gesandte in Wien machte dem Minister des Auswärtigen Grafen Kalnoky die osficielle Mittheilung von der Proclamirung der brasilianischen Republik.

Durch die Ereignisse in Rio de Janeiro ist begreiflicher Weise, was die diplomatischen Beziehungen der Staaten und vor allem der monarchischen Staaten zu Brasilien betrifft, ebenso, wie was die Vertretung Brasiliens bei den verschiedenen Staaten anbclangt, die Frage, was nun geschehen werde, eine offene geworden. Es ist augenblicklich alles in suspenso, und es wissen die Vertreter Brasiliens in den verschiedenen Staaten selbst nach nicht, woran sie sind. Doch ist seitens mehrerer derselben nach vorliegenden Berichten bereits der Entschluß bekannt gegeben worden, von ihren Posten zurück­zutreten. Jedenfalls werden nähere, Klärung über die Vor­gänge in Rio de Janeiro verbreitende Berichte abgewartet werden müssen, bevor sich die Cabinette mit der Frage der Anerkennung des neuen Zustandes werden befassen können. Eine osficielle Aeußerung über die brasilianischen Vorgänge ist nur seitens des englischen Staatssecretärs Fergusson er­folgt, der in einer Rede die Erwartung aussprach, daß die neue brasilianische Regierung die Verträge und eingegangencn Verpflichtungen einhalten werde.

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Corrcspondenz-Bureau.

Berlin, 22. November. Der Bundesrath beschloß in seiner gestrigen Sitzung, dem vom Reichstage angenommenen Anträge Benda auf Errichtung eines Reichszolltarifamts keine Folge zu geben.

Der Reichskanzler erlaubte der Hamburg- Amerikanischen Packetfahrt, ihrem vierzigsten transatlantischen Dampfer seinen Namen zu geben.Fürst Bismarck" wird das größte und voraussichtlich auch das schnellste Schiff der deutschen Handelsmarine sein. Es soll Mill, kosten - derVulcan" zu Stettin wird den Bau übernehmen. Das Schiff ist für den Passagierdienst zwischen Hamburg und Newyork bestimmt.

Berlin, 22. November. Ein dem Bundesrathe und dem Reichstage zugegangenes Weißbuch enthält die In­struction des Reichskanzlers an den Reichscommissar Putt- kamer in Togo, betr. die Feststellung der thatsächlichen Unterlagen für die Beschwerden der deutschen Handelshäuser gegenüber der Royal Niger Company, die Beschwerden selbst, sowie einen eingehenden Bericht Puttkamers, endlich eine auf Grund desselben an die britische Regierung gerichtete Note des Reichskanzlers.

Aus Sydney meldet dasBureau Reuter": Laut Nachrichten aus Samoa sott Malietoa unter großen Freuden­bezeugungen wieder als König eingesetzt sein. Die Vertreter Deutschlands, Englands und der Vereinigten Staaten sollen bekannt gemacht haben, sie würden Malietoa als König an­erkennen.

Esten, 22. November. Die Grubenverwaltungen des Essener Reviers haben auf den kundgegebenen Wunsch der hier abgehaltenen Bergarbeiterversammlung, die gemaß­regelten Arbeiter wieder anzustellen, derRh. W. Z." zufolge erwidert, daß nach dem Strike Arbeiternur wegen un­gebührlichen Verhaltens" entlassen worden wären. Die Gruben­verwaltungen seien jedoch bereit, um einen Beweis ihrer friedfertigen Gesinnung zu geben, jeden treuen, langjährigen Arbeiter wieder in Arbeit zu nehmen, der ohne Veranlassung der Grubenverwaltungen die Arbeit verloren habe.

Wien, 22. November. DiePol. Corr." veröffentlicht ein Resume,der Denkschrift, welche der Minister deS Aeußern des Kongostaates an den König Leopold von Belgien gerichtet. Der Minister weist darauf hin, daß sich die reguläre T r u p p e n m a ch r dcS Kongostaates seit Jahresfrist verdoppelt habe und heute 2200 Mann, 23 Offiziere und Milizen in ansehnlicher Stärke zähle. (Hm verschanztes Lager für 600 Soldaten, die Handelsstraße nach Nyanza beherrschend, sei am Zusammenfluß des Aruwimi mit dem Kongo angelegt, ein zweites in der Gegend des oberen Loami im Bau be­griffen. Mit der militärischen Action sei die diplomatische verbunden, deren wichtigster Erfolg das Bündniß mit Tippu Tip sei, welches die Gräuel der Sclavenjagden vermindern werde.

Triest, 22. November. Der Großfürst-Thron- folger von Rußland ist in strengstem Jncognito aus Venedig eingetroffen. Er wurde bei der Abfahrt auf dem Bahnhofe vom Statthalter Rinaldini, Polizeidirector Pichler und dem russischen Consul Giers begrüßt. Heute früh salutirte der russische Kreuzer die österreichische Flagge,' das Castell erwiderte den Salut.

Loudon, 22. November. DerNewyork Herald" ver­öffentlicht einen Bries Stanleys aus Mpwapwa, 11. ds., an den britischen Consul in Zanzibar. Stanley theilt darin

mit, daß sie bis Mpwapwa 55 Tagereisen vom Victoria Nyanza und 188 vom Albert Nyanza gebraucht haben. Der Zug bestehe aus 750 Personen, von denen 294 EminS Leute und 59 Kinder, zumeist Waisen cgyptischer Osfizierc seien. Außer den früher genannten Weißen befinden sich im Zuge noch Emins Tochter und Gerault, :vc(d)cr ebenso wie Schinze Mitglied der algerischen Mission ist. Unter Emins Offizieren sind Vekile der Aequatorialprovinz und der Major des 2. Bataillons. Seit dem Verlassen des Victoria Nyanza sind 18 Leute Emin Paschas gestorben. Ein Zanzibarite wurde während einer Verhandlung mit einem feindlichen Stamme gelobtet. Die Schwierigkeiten des Marsches nahmen gegen Ende zu, weil die Reihe der Träger von Hängebetten mit den Kranken immer länger wurde. Viele 5kranke sind über 1500 Kilometer weit über ein Gebirge nach dem andern getragen worden, rechts und links von den kämpfenden Truppen beschützt, bis sie schließlich in den Hängebetten starben. Die 75 Jahre alte Mutter eines Vekils starb in solcher Weise. In Nordusukuma, südlich vom Victoria Nyanza, sanden vier Tage lang aufregende Kämpfe mit den Ein­geborenen statt, welche EminS Leute für Cannibalen hielten. Ein Versuch, dieselben eines Besseren zu belehren, verursachte ein wiithendes Heranstürmen der Eingeborenen, wobei viele gelobtet wurden. Stanley theilt mit, daß er die Route über Simbawueue nach der Küste eingeschlagen habe, weil dort mehr Lebensmittel zu erhalten seien- bezüglich der Gefahr eines Angriffs seien beide Routen gleich schlimm. Der Standard" hofft, Stanley werde noch im letzten Augenblick nach Mombassa marschiren-

Belgrad, 22. November. Die Conferenz hat be­schlossen, vom 15. Dezember ab die direete Eisenbahn- Verbindung mit Salonichi eintreten zu lassen.

Athen, 22. November. Gestern Abend fand zur Feier des Geburtstags der Kaiserin Friedrich ein Familiendiner im königlichen Schlosse statt. Die Akropolis war glänzend erleuchtet. Die Kaiserin verläßt heule Athen und trifft in Patras mit dem von Kvrsu zurückkehrenden Könige Georg zusammen. Letzterer hatte dorthin das dänische Königspaar begleitet.

Prinz Heinrich wird heute in Korsu erwartet, wo­selbst er einige Zeit wegen der Gesundheit seiner Gemahlin bleibt.

Montevideo, 22. November. Der Präsident der Republik Uruguay hat die von den Ministern eingereichte Demission angenommen und die Directoren der Ministerien mit der Leitung der Geschäfte beauftragt.

Darmstadt, 23. November. Se. Königl. Hoheit der Großherzog ist gestern Abend zum Besuch des Erbgroßherzogs nach Leipzig abgereist.

totales unb provinzielles.

Eießen, 23. November.

Zum Distrikts Einnehmer der Districlseinnehmerei Gießen! wurde Herr Rendant Carl Platz, zum Districls- einnehmer der Districlseinnehmerei II Herr Rendant Heinrich Stroh, seither Districlseinnehmer der Districlseinnehmerei Treis a. d. Lumda, und zum Districlseinnehmer der Districts- eiunehmerei Treis a. d. Lumda Herr Johannes Fischer, seither Districlseinnehmer in Lich, ernannt.

Sicherem Vernehmen nach ist für die Beamten des Großherzogthums der Erlaß eines neuen Uniform- Reglements wiederum unmittelbar bevorstehend.

Wie man uns mittheill, Hal Herr Eommerzienrath Adolf Noll sein Mandat als Stadtverordneter niedergelegl.

Die kirchliche Feier des Todtenfestes wird, wie auch in den letzten Jahren, durch drei Gottesdienste begangen werden. Neben dem HauplgolleSdiensl ist der Gang zur Friedhofscapelle (Nachmittags 2 Uhr) Vielen ein feststehendes Bedürsniß geworden- dazu wird dann Abends um 6 Uhr noch eine liturgische Andacht in der Sladlkirche dem Tage einen weihevollen Abschluß geben. In dieser Andacht wird der Kirchengesangverein aus dem musikalischen Schatz der Kirche alter und neuer Zeil einige Lieder und Motetten zum Vorträge bringen, u. a. mehrere Choräle und Lieder im Ton­satze von I. S. Bach, eine durch ihren liefen Ernst mächtig bewegende Motette von Melchior Frank, sowie einen Be- gräbnißgesang von Johannes Brahms, der mit Posaunen- begleilung gesungen wird und unter Zugrundelegung der LiedesworleNun laßt uns den Leib begraben" den Gang zum Begräbnisse mit seinem Ernste und seinem christlichen Tröste schildert. Die Gemeinde aber singt an diesem Tage solche Perlen unter unfern Chorälen wie:Wachet auf, ruft uns die Stimme" undJerusalem, Du hochgebaute Stadl".