Ausgabe 
21.12.1889
 
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Nr. 298.

Samstag den 21. December

1889.

Der

$iefcener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montag-.

Die Gießener

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Gießener Anzeig er

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Alle Annoncen.Bureaux de- In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Theil.

Gießen, den 19. December 1889.

Betreffend: Die Erthellung von Bescheinigungen gemäß § 54 des BahnpolizelreglementS vom 17. December 1885.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an GroßherzoaltcheS Pol»zeianrr Gießen und die Großherzoglichen Bürgerm-iftereien der Land- geweinden deS leises alS Ort-polizetbehörden.

Nach § 54 des Bahnpolizeireglements muffen sich Polizei­beamte, welche in Ausübung ihres Berufes die Bahnanlagen betreten, wollen, sofern sie nicht durch ihre Uniform als solche kenntlich sind, durch eine Bescheinigung ihrer vorgesetzten Dienst­behörde auswersen. Zur Beseitigung von in dieser Beziehung hervorgetretenen Zweifeln bemerken wir Ihnen, daß in An­sehung der Feldschützen wir selbst die fragliche Bescheinigung auszustellen haben.

Sie wollen sich hiernach bemeffen und die Feldschützen entsprechend bedeuten.

v- Gagern.

Deutsches Neich.

Darmstadt, 18. December. Der den Ständen zuge­gangene Gesetzentwurf, betreffend die Einführung des Verwaltungsstrafbescheids bei Zuwiderhandlungen gegen die Vorschriften über die Erhebung öffentlicher Abgaben und Gefälle im Sinne der §§ 459469, ist bestimmt, eine zweckmäßige Aenderung des dermaligen Zustandes herbeizuführen. Bei der 1879 in Kraft getretenen neuen Justizgesetzgebung hatte man in obiger Richtung das alte Verfahren beibehalten, welches nur bei Gewerbsteuer-Contraventionen der Inländer (Hessen) >in dem Strasbescheid ähnliches Verfahren kannte, in allen übrigen Fällen aber dem Zuwiderhandelnden ohne Präjudiz die gütliche Erledigung lediglich binnen Frist anheimstellte. Diese Art der Behandlung ist aber schon wegen der Zwei­theilung, aber auch sonst höchst verbesserungsbedürftig und hat deßhalb die großherzogliche Regierung aus Veranlassung eines Antrags des Abg. Hemzerling jetzt den Weg beschritten, den das Großherzogthum Baden schon 1879 mit Erfolg betreten hat. Zu bemerken ist, daß der Entwurf, von der durch die Reichsgesetzgebung gegebenen Befugniß Gebrauch machend, dem Zuwiderhandelnden alternativ neben der Beschreitung des Rechtswegs die Beschwerde an das betreffende Ministerium freistellt. Im letzteren Fall soll von Kosten im Wesentlichen abgesehen werden.

Feuilleton.

Mas soll ich schenken?

WethnacklSplauderei von Dr. E... M ..

I. (Nachdruck verboten.)

Was soll ich Mama zu Weihnachten schenken? Ich weiß mir keinen Rath! Bitte, lieber Papa, sei so gut und schenke mir etwas Geld, damit ich einkausen kann."

Mit diesen Worten tritt eines Morgens mein kleiner Robert zu mir ins Studirzimmer. Wir haben gerade noch zwei Wochen bis zum Christfest.

Gemach, mein Junge? Damit, daß ich Dir ein paar Mark gebe und Du in irgend ein Geschäft gehst, um einen Luxusgegenstand einzuhandeln, damit ist eS nicht gethan. Bei Deiner Weihnachtsüberraschung für Mama mußt Du schon etwas selbstthätig und mitschaffend zu Werke gehen."

Wie kann ich! Schwester Franziska, die hat es bei einer solchen Gelegenheit gut, die kann 'eine Menge feiner Handarbeiten auf den Tisch legen. Was sollen wir Buben basteln? Seitdem Du mir meiner Brust halber die Be­schäftigung mit der Laubsäge untersagt hast, weiß ich gar riichts mehr zu fertigen."

So schlimm steht es nun doch nicht, mein Lieber", erwiderte ich.Freilich, ich muß es Dir sagen, hast Du Dir die Frist etwas kurz gestellt. In Euren jungen Jahren sollte man schon bei Zeiten an die Christüberraschung denken. Das erhöht den Werth der Gabe und bereitet dem Geber selbst Tage und Stunden höchster Freude. Sorgfalt und fleißiges Aufmerken auf die kleinen Wünsche und Bedürfnisse unserer Lieben, die sich tagtäglich Herausstellen, führen uns sehr bald aus ein Geschenk, das für Geber und Empfänger gleich passend ist. Ein Kind, das mir sagt:Ich weiß nicht, was ich Mama schenken soll, sie hat ja alles!" ein

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Eorrespondenz-Bureau.

Berlin, 19. December. DieNordd. Allg. Ztg" hört, daß ein Unwohlsein den Kaiser zum Aufgeben der Reise nach Hummelshain veranlaßte, obgleich der Extrazug am Bahn­hof zu Potsdam bereit stand und alle Jagdgäste schon ver­sammelt waren, darunter auch der Generalarzt Leuthold. Dieser fuhr mit den übrigen Herren nach Berlin zurück, was ein Beweis dafür ist, daß die Indisposition des Kaisers von keinerlei Bedenken ist.

Berlin, 19. December. Der Vorsteher - Stellvertreter Langerhans eröffnete die heutige Stadtverordneten­sitzung, wozu die Stadtverordneten in Amtstracht erschienen waren, mit einer Ansprache, worin er auf die im Sitzungs­saale nunmehr aufgestellten lebensgroßen Marmorbüsten der beiden Kaiser Wilhelm I. und Friedrich III. hinwies. In seiner Rede hob er die Tugenden und Verdienste der beiden Kaiser mit warmen Worten hervor und gedachte rühmend ihrer Theilnahme an der Entwicklung Berlins. Indem er noch an das feste Band der gegenseitigen Liebe und Treue, welches Fürst und Volk umschlingt, erinnerte, schloß er seine Rede mit einem dreifachen Hoch auf Kaiser Wilhelm II. Die socialistischen Stadtverordneten waren der Sitzung fern­geblieben.

Berlin, 19. December. Aus Lagos wird telegraphisch berichtet: I)r. Zintgraff, welcher Ende des vorigen Jahres von Kamerun ausbrach und im Monat Mai Suedadamaua und Jbi am Benue erreichte, reiste von dort über Bakundi, Gaschka nach Jola am oberen Benue. Gegenwärtig befindet sich Zintgrasf aus dem Rückwege über Gaschka und Aschaku nach der von ihm auf der Ausreise gegründeten Station. Das letzte Schreiben des Afrikaforschers ist von Gaschka den 12. August datirt.

Cuxhaven, 19. December. Der holländische Dampfer Leerdam", auf der Fahrt von Amsterdam nach Buenos Ayres, collidirte Sonntag Nacht mit dem englischen DampferGaw Quan Sia", welcher von Japan nach Hamburg fuhr, bei Nordhinder- beide Dampfer sanken. Der französische Dampfer Emma", auf der Fahrt von Havre nach Hamburg, brachte heute sämmtliche Passagiere, etwa 400, und je 25 Mann der Mannschaft der beiden gesunkenen Dampfer hierher.

Hamburg, 19. December. Die Zwischendeckspassagiere der beiden bei Nordhinder gesunkenen DampferLeerdam" unbGaw Quan Sia" sind mittelst Extrazug von Cuxhafen hier angekommen- dieselben wurden in Logirhäusern unter­gebracht und mit Kleidungsstücken und Schuhwerk versehen.

Die Mehrzahl der Angekommenen bc'.cht aus Frauen, außer- dem befinden sich dabei mehr als hundert Heine Kinder. Der Director der Niederländischen Dampfergesellschast trifft Abends hier ein, um weitereHBestimmungen zu treffen.

Saarbrücken, 19. December. Bei der heutigen Früh­schicht ist Alles ruhig und vollzählig angefahren zu den Gruben König, Kohlwald, Wellesweiler, Goettelborn, Heinitz und Dechen. In Grube Maybach fehlen nur noch 50, in Friedrichöthal einige Mann, in Von der Heydt noch 440 Mann, ebenso sind auf Grube Reden etwa 50, auf Grube Jtzenplitz 250 und auf Grube Schmalbach 200 Mann nicht angefahren. In Louisenthal sind 1257 Mann, in Dudweiler und Camp- Hausen mehr Leute angefahren als gestern. In Jägersfreude striken nur noch 4 Mann, in Sulzbach ein Viertel, in Alten­wald zwei Drittel, in Kreuzgraben ein Fünftel der unter­irdischen Belegschaft.

Breslau, 19. December. Auf GrubeCentrum" in Karsten sind heute früh sämmtliche Schlepper angesahren. Der Ausstand ist damit beendigt.

München, 19. December. Die Kammer der Abgeord ne len genehmigte den gesummten Forstetat sowie den Ban der Zweigbahn OffsteinGrünstadt und empfahl den Bau der Bahnen LandstuhlThaleischweiler und Kaiserslautern Biebermühle.

Stuttgart, 19. December. Der König und die Königiil empfingen gestern anläßlich des Jubiläums als Chefs ihrer Regimenter Deputationen derselben, sowie Gratulationen, wo­rauf große Galatafel zur Feter des Erinnerungstages stattsand. Theilnehmer waren sämmtliche Mitglieder des Königshauses. Die Königin hatte zum ersten Male das neuverliehene Dienst ehrenzeichen erster Klasse angelegt. Der König trank auf seine Regimenter, die treue Tapferkeit rühmend, welche die­selben stets bewiesen. Ebenso brachte die Königin daS Wohl ihrer Regimenter aus. Prinz Wilhelm dankte Namens der Regimenter und brachte ein dreimaliges Hoch auf das KöNigspaar ans.

Karlsruhe, 19. December. Der Kaiser beglückwünschte den Prinzen Wilhelm von Baden anläßlich seines gestrigen Geburtstages und theilte demselben zugleich mit, daß ^er, in Erinnerung an die kriegerischen Ereignisse der Jahre 1870/71, woran der Prinz so ruhmvollen Antheil genommen habe, ihn ä la suite des ersten Garde Feldartillerie-Regiments, welchem der Prinz früher angehörte, gestellt habe.

Wien, 19. December. (Herrenhaus.) Der Präsident Graf Trantmannsdorf theilt mit, daß laut Zuschrift deS Ministerpräsidenten der Kaiser mit Handschreiben vom 16. Oc­tober d. I. die freiwillige Verzichtleistung des Erzherzogs Johann Salvator auf seine Rechte als Mitglied des kaiser-

solches Kind davon bin ich fest überzeugt hat nie sonderlich darauf geachtet, was Mama hat oder nicht hat. Doch, um auf Deine Angelegenheit zu kommen, mein Junge. Sag', hast Du nicht bemerkt, daß Mama des Oefteren darüber klagt, daß ihr Modejournal, das sie zwei Mal in der Woche erhält, immer wieder und wieder in die für das Tageblatt" bestimmte Mappe geräth und ihr auf diese Weise verschiedene Nummern verloren gehen? Wie wärs nun, wenn Du Dich dran machtest, ihr eine eigene Mappe zu kleben?"

Herrlich, Papachen, herrlich!" ruft Robert und klatscht fröhlich in die Hände.

Du wirst diese Arbeit, damit Mama auch nicht das Geringste davon merkt, in meinem Zimmer fertigen, der Vorsicht halber werden wir sogar zuschließen!" setze ich mit wichtiger Miene hinzu.

Ein heißes Roth der Freude schießt in meines Jungen Wangen. In Papas Studirzimmer! Arbeiten bei ver­schlossener Thüre! Welch köstliches Geheimniß! Wie wird die Mama sich den Kopf über diese Dinge zerbrechen. Muß sie das unerhörte Vorkommniß nicht in Beziehung zu dem nahenden Feste setzen!? Wie sie sich abmühen wird mit Sinnen und Rathen! Aber sie muß warten, warten auf die Enthüllung des großen Geheimnisses, genau so, wie klein Robert wartet, bis das heiß ersehnte Glockenzeichen tönt, die Thüre auffliegt und im Glanze desTannenbaums alles offenbar wird.

Mein Junge stürmt fort mit heißem Herzen und brennendem Kopfe. Er will die nöthigen Vorbereitungen für seine Arbeit treffen. Ich bin überzeugt, er vernimmt es jetzt ganz deutlich: das heilige Flügelrauschen des Weihnachts­engels.

Ich bin wieder in meinem Studirzimmer allein und ver- sinke bei dem Rauch der Nachmittagscigarre in angenehmes I Träumen. Vor mir liegt ein ziemlich umfangreicher Brief

von Schwester Luise. Aus der norddeutschen Provinzialstadt, wo sie mit meiner Mutter und meiner anderen Schwester Auguste lebt und wohin auch meine Kindheitserinnerungen gehen, schickt sie mir den allmonatlichen pünktlichen Bericht über Befinden und Ereignisse. Da heißt es auf der letzten Seite unter Anderem:Mit Weihnachten wollen wir es dies Mal kurz machen. Wir werden keinen Baum putzen. Weß- halb auch? Das ist doch nur für Kinder? Ebenso haben wir Schwestern die Einstellung des gegenseitigen Beschenkens beschlossen. Man hat damit doch nur unnöthige Mühe und Sorge. Jedes von uns wählt sich im Lause des Jahres ja doch selbst, was es nöthig hat oder ihm gefällt. Man weiß wirklich nicht, was man sich zu Weihnachten Besonderes anthun soll . . . ."

Recht eigentümlich wirkt diese Stelle auf mich ein! Bin i ch trotz meiner dreißig Jahre denn noch so jung oder bin ich bereits zu alt, um solchenFortschritt" mitmachen zu können! O, ob der grauen, grämlichen Weisheit, die sich um die schönsten und reinsten Freuden aus purer Trägheit bringt.

Wie ist denn das nur so bei meiner Schwester ge­kommen, daß ihr das Leben das Verständniß geraubt hat für den süßen Weihnachtszauber, der sich mit Kerzenflimmer und Tannenduft in unsere Herzen schleicht?

Es war nicht immer so! Nein, bei uns zu Hause, da war es ganz anders! In vollen Zügen haben wir dazumal genossen, was man Weihnachtsfreude unb Weihnachtslust heißt. Bei ihr ist diese allgemach der nüchternen, blei­schweren Prosa zum Opfer gefallen, bei mir hat sie sich bis hinüber in die Mannesjahre gerettet.

Laßt mich für einige Augenblicke zurückdenken! Ich werde mein Thema: das Weihnachtsgeschenk, dabei doch immer im Auge behalten.