Nr. 272. Erstes Blatt. Donnerstag den 21. November
1889.
Der
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
Nachdem die unter der Heerde des Schäfers Gert zu Nüddingshausen ausgebrochene Schasräude nach Ab- schlachtung sämmtlicher Thiere und Ausführung vorschriftS- mäßiger Desinsection als erloschen zu betrachten ist, wird die unter dem 28. September l. I. verhängte Sperre hiermit wieder aufgehoben.
Gießen, den 18. November 1889.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Mit Bezugnahme auf unsere Bekanntmachung vom 25. August 1888 wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Norddeutschen Versicherungs- und Nentenbank in Hamburg die Erlaubntß zum Geschäftsbetriebe im Großherzogthum aus Widerruf ertheilt worden ist.
Gießen, am 18. November 1889.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Die über die Schalheerde zu Lumda wegen Räude verhängte Sperre wird, nachdem die Seuche als erloschen zu betrachten ist, hierdurch aufgehoben
Gießen, den 19. November 1889.
Großherzoglicheü Kreisamt.
v Gagern.
poletndic Nebersiedt.
Gießen, 20. November.
In der Neichshauptstadt haben am Dienstag die Neuwahlen zur Stadtverordneten Versammlung ihren Anfang genommen. Dieselben haben sich diesmal ausschließlich zu einer- politischen Partcisache gestaltet und kann man sie daher als eine Kraftprobe der politischen Parteien Berlins für die heran- nahendcn Reichstagswahlen betrachten.
Die „Nordd. Allg. Ztg." bezeichnet die Blättermeldnngcn über die angeblich bedenkliche Lage im deutschen Schutzgebiet in Südwestafrika als bedeutend übertrieben. Wenn sich daselbst die Verhältnisse unzuträglicher gestaltet hätten, als sich zuerst erwarten ließ, so trügen hieran die Hetzereien fremder Agitatorelt unter den Eingeborenen gegen die Deutschen die Schlild.
Unter den nichtdeutschen Angelegenheiten nehmen diesmal die revolutionären Vorgänge in dem fernen Brasilien das Tagesintercsse in erster Linie in Anspruch. Ueberraschend schuell und merkwürdiger Weise ohne Blutvergießen und größere Unruhen hat sich in diesem Lande der Uebergaug von der Monarchie, der einzigen Südamerikas, zur Republik vollzogen, es ist anscheinend nicht einmal ein ernster Versuch, die Revolution zu bckämpfeli, gemacht worden und auch die Provinz Bahia, welche hierzu Miene machte, hat inzwischen die Neuordnung der Dinge anerkannt. Der gestürzte Kaiser Dom Pedro II. befindet sich mit seiner Familie seit Sonntag aus der Ueberfahrt nach Europa, um hier in der Stille des Privatlebens die Undankbarkeit und Wankclmüthigkeit seines Volkes zu betrauern. In Rio de Janeiro aber ist von den derzeitigen Gewalthabern unter Zustimmungscrklärungcn aus den Provinzen zur Stunde vermuthlich schon die Republik der „Vereinigten Staaten von Brasilien" proclamirt worden, deren Haupt der provisorische Ministerpräsident, General Fonscca, der eigentliche Leiter der so siegreich verlaufenen Revolution, sein wird. Die neue Regierung will alle bisherigen staatlichen Verpflichtungen Brasiliens einhalten, allen Unordnungen entgegentrctcn und ihr Thun den auswärtigen Regierungen gegenüber in einem besonderen telegraphischen Circular rechtfertigen. Zunächst ist also die Umwandlung Brasiliens in ein republikanisches Staatswesen ohne Schwierigkeiten vor sich gegangen, aber eine andere Frage ist es, wie lange die Einigkeit unter beu neuen Machthabern dauern wird, und ferner, ob nicht die Nachbarstaaten Brasiliens versuchen werden, für sich von dem Umstürze der Verhältnisse in diesem Ungeheuern Reiche zu profitiren- die nächste Zukunft wird hierüber wohl bald Aufschluß bringen.
Die erste, am Montag abgehaltenc Conferenzsitzung des in Drüsiel zusammengetretenen internationalen Congresscs in Sachen der afrikanischen Sclaverestrage betraf nur die Er lcdigung geschäftlicher Vorfragen. Da der belgische Minister des Acußern, Fürst Gimay, die Leitung des Congresses ab- lchnte, so wurde zu dessen Präsidenten Baron Bamberton gewählt. Am Dienstag nahm der Congrcß die Ausschußwahlen vor.
Der Landtag von Oberösterreich nahm den Antrag des Abgeordneten Struadt an, die Regierung zu ersuchen, daß sie der Volksschule den consessionellen Charakter wieder- gcbcn möge.
Der Neichscomunsiar Wißmann hat nach seiner Rückkehr aus dem Innern Deutschostafrikas nach der Küste die Beruhigung der Landschaft Useguha vollendet. Von vielen Seiten gingen bei ihm Gesuche um Abschluß des Friedens ein.
Nach neuerlichen Nachrichten aus Abyffinien sollte am 8. November die feierliche Krönung des Königs Menelik von Schoa znm Negus von Abyssinien in Gegenwart seiner Va
sallenfürsten und Generäle in Antolo erfolgen, sic hat also zur Zeit vermuthlich schon stattgefundcn. Nach der Krönung beabsichtigte Menelik anfzubrcchen und die Provinz Tigre, woselbst jüngst Ras Alula, der letzte Heerführer des Negus Johannes, von einem General Meneliks geschlagen wurde, zu besetzen.
Deutscher Neichstag.
18. Plenarsitzung. Dienstag den 19. November 1889, 1 Uhr.
Haus und Tribünen sind spärlich besetzt.
Am Regiertlngstischc: Dr. v. Bocttichcr, Minister Dr. v. Lucius u. A.
Das Haus tritt in die Tagesordnung ein: Fortsetzung der zweiten Etatbcrathung; Speciallttat des Reichsamts des Innern und Capitel RcichsgcsundheitSanit mit den Anträgen Dr. Barth (dfr.): das Schweine - Einfuhrverbot an der dänischen Grenze auszuheben, und Webs kl) (nL): dahin zu wirken, daß die Erlaubniß zur Einfuhr lebender Schweine nach inländischen Schlachthöfen in möglichst ausreichender Weise ertheilt werde.
Abg. Buddcberg (dfr.) schildert die durch daö Schweine Einfuhrverbot in Sachsen hervorgerufcnen Ucbelstände- die Erhöhung der Fleischpreise in Sachsen komme dem Betrage nach einer Erhöhung der Einkommensteuer um 75 Procent gleich. Es sei auch in der Bevölkerung kein Zweifel darüber, daß diese höheren Fleischpreise nicht etwa von den Fleischern herrühren, so wenig wie die Bäcker die Schuld tmgen an den hohen Brvdpreisen. Der Getrcidezoll treibt diese in die Höhe, daS zeige sich in den Grenzdistrictcn, WO das Brod in den deutschen Läden erheblich theurer sei als in den ausländischen, während zlvischen beiden Läden die Zollgrenze hindurchgeht. Mit der Sperrmaßregel hat man dem Volke eine neue Last aufgebürdet. Wir glauben das Unserige gcthan zu haben, um dem Volk diese Last zu erleichtern.
Staatssecretär Dr. v. Boctticher: Die allgemeinen politischen Erörterungen verschulden es, daß sich die Verhandlungen des Hauses über die Gebühr in tic Länge ziehen. (Oho! links.) Ich kann nur wiederholen, daß die Nachthcile des Einfuhrverbots weit ausgewogen werden durch dessen Vortheile. Durch Verbilligung der Eisenbahntarise für den Schweinctransport im Jnlande haben wir uns bemüht, den Ausfall infolge des Verbots durch billige Zufuhr auszu- gleichcn. Sachsen hat keinen Grund zur Klage, nachdem in Dresden vor einigen Tagen ein neuer Schlachthof eröffnet ist. Die Dauer der Spcrrmaßregel ergicbt sich ganz von selbst aus ihrem Zweck. Sobald die Ansteckungsgefahr vorüber ist, wird die Sperre aufgehoben werden. Für den Antrag WebSky liegt eigentlich kein Bedürfnis; vor, nachdem die verschiedenen Einsuhrstellcn in Oberschlesien geöffnet sind.
Feuilleton.
Hessische Dichter der Gegenwart
Von Dr. Ella Mensch.
VI. sRachdruck verboten ]
lieber den „Rienzi" äußerte der bekannte Litterarhistoriker .'Hermann Hettner: „Ich kann mit bester Ueberzeugung sagen, daß dies Tranerspiel zu dem werthvollsten gehört, waS die neuere Dramatik aufzuweisen hat."
Die anderen Dramen Pirazzis wie: „Gräfin Chatean- briant" — „Die Erbin von Maurach", das Lustspiel „Auf der Hochzeitsreise" haben gleichfalls den Weg auf verschiedene Hof- und Stadttheater gefunden, ohne indeß dauernde Be- standthcile des Repertoires zu bleiben, obschon sie Scenen bergen, die sich durch Kraft deS Ausdrucks und Größe der Auffassung weit über das Mittelgut erhebe», mit welchem so viele kleine und große Bühnen ihren Bedarf an Stücken zu decken pflegen. Der echte Dichter, welcher nicht um die Gunst des Augenblicks, den blendenden TageSerfolg buhlt, läßt sich durch solch scheinbare Mißerfolge nicht beirren, er hält fest an dem Ideal und findet Befriedigung im freien, durch keine äußeren Interessen bedingten Schaffen:
„Das Strevin reizt. doch nimmer die Erfüllung,
Im Ringcn nur i)u voll befriedigt, bist.
Saturn entfessle Deines GeislcS Flüge,
In höbet» Streben rhuc Dir Genüge."
Die Gedichte, welche Pirazzi unter dem Titel „Im Herbste des Lebens" 1888 veröffentlicht hat, könnte man füglich ein poetisches Tagebuch nennen, in welchem alle die inneren und äußeren Eindrücke und Erfahrungen, die sich im Laufe der Jahre in des Dichters Leben angesammelt haben, .niedergelegt sind, wie solches das auch schon daS Goethe ent
nommene Motto andeuten will: „Was eine lauge weite Strecke im Leben von einander stand, das kommt nun unter Einer Decke dem guten Leser in die Hand." Das Gelegenheitsgedicht steht in Pirazzis Poesie in üppiger Blüthc. Sic greift auf, was der Tag bringt und nimmt, aber nicht in gewöhnlicher Verseschmiedmanicr, sondern stets mit dem Blick für das Schöne und dem Verstäudniß für das Wesentliche im flüchtigen Ereignisse. Für politische und patriotische Feste hält Pirazzi seine Leier bereit, er stimmt sie, wenn es gilt, einen Sängergruß an einen Turnverein zu senden oder einen Trinkspruch zur Eröffnung des Frankfurter Opernhauses auszubringen oder dem fünfzigjährigen Bestehen des Darmstädter Musikvereins ein Festspiel („Die Knnst des Gesangs") zu weihen.
Für solche und ähnliche Anlässe findet Pirazzi stets den guten Gedanken, das wohllautende Wort. Die Sammlung „Im Herbste des Lebens" bietet nicht nur die Ernte der Jahre, das, was der reife Mensch an Weisheit und Erfahrungen eingebracht, an Illusionen begraben hat, sondern was frischer Jugendmuth geträumt und erstrebt an persönlichem Glück und an Gütern für das Allgemeinwohl. Den vaterländischen Gefühlen ist u. a. in dieser Gedichtsammlung ein breiter Raum gegönnt. Noch ehe sich im Jahre 1870 unsere nationalen Geschicke so glorreich und so ganz anders entwickelten als die Kleinmüthigen es je zu ahnen gewagt, hatte Pirazzi schon fest und unentwegt auf Seite derer gestanden, die an die neue bessere Zukunft des deutschen Vaterlandes glaubten. In dem Gedichte „Germania" vergleicht er dieses sinnig mit den bekannten deutschen Märchengestalten. Der Ritter, welcher Schneewittchen aus dem gläsernen Sarkophage erlöst, der Prinz, der Dornröschens romantischen Zauberschlaf bricht, der Königssohn, welcher das arme Aschenbrödel zu Glanz und Ehren bringt, sie werden
dem Dichter Vorbilder, Typen des einstigen Erweckers Dentschlands.
Die patriotische Ader in Pirazzi muß um so mehr hervorgehoben werden, als seine Abstammung ihn nicht direct dem deutschen Volke verpflichtet. Die Sehnsucht nach Italien, dem Lande seiner Väter, gibt u. a. sich in dem Sonett kund: „Wie zieht es mich nach jenen Zauberlanden, dem Heimath- rcich der Myrthen und Citronen, nach jenen paradiesisch heitren Zonen, wo einst die Hütten meiner Väter standen". Der stark entwickelte historische Sinn des Offenbacher Poeten, der ihn wiederholentlich zum geschichtlichen Drama führte, befähigt ihn auch in hohem Grade zu wissenschaftlichen Studien.
Das dem jetzigen Großherzog gewidmete Buch „Bilder uud Geschichten aus Offenbachs Vergangenheit" ist hierfür ein klarer Ausweis. Mit gewissenhafter Heranziehung des vorhandenen statistischen Materials gibt Pirazzi in einer Reihe von Bildern die Entwickelung Offenbachs von den frühesten Anfängen bis zur Entstehung der Offenbacher Industrie. Eine ebenso eingehende als fesselnde Schilderung empfängt im Schlußkapitel die geistige Blüthezeit der Stadt, Goethe und sein Offenbacher Freundeskreis.
Paul Heyse bemerkt zu diesen „Bildern und Geschichten" : „Die schwere und nicht in allen Theilen dankbare Aufgabe, die sich der Verfasser mit diesem Werke gesetzt, wird kaum mit mehr Tact und Anmuth zu lösen sein, so daß selbst den Fernerstehenden dies Werk der Heimathliebe erfreulich an- heimelt. Wo mir, wie im letzten Abschnitt, die Acten nicht unbekannt waren, bin ich mit allen Urtheilen des Verfassers über Menschen und Verhältnisse vollkommen einverstanden."


