Nr. 297.
Freitag den 20. December
1889.
Der
Hießrser -«relger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Tie Gießener
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Amtlichem Theil.
Bekanntmachung,
Feldbereinigung in der Gemarkung Ruttershausen betreffend.
Nachdem das Großh. Kceisamt Gießen die Emleitung des Verfahrens der Feldbereinigung und der Anlage von Wegen in den Baumstücken in der Gemarkung Ruttershausen beantragt hat, nachdem von der Großh. Landescommission für Feldbereinigung das beantragte Verfahren als zulässig erachtet und der Unterzeichnete als CommiffLr zur Leitung der Abstimmung bestellt worden ist, wird Tagfahrt zur Abstimmung über den gestellten Antrag auf
Montag den 13. Januar 1890, Vormittag» von 10 bis 12 Uhr, in da- Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Ruttershausen
anberaumt und zu derselben die beteiligten Grundeigentümer unter dem Rechtsnachtheil eingeladen, daß diejenigen, welche in dem Termin weder persönlich noch durch gehörig Bevollmächtigte abstimmen, als für den gestellten Antrag stimmend angesehen werden.
Gießen, am 17. December 1889.
Der zur Leitung der Abstimmung bestellte Commiffär:
Rebel, Amtmann.
politische Ueversicht.
Gießen, 19. December.
Die Nachrichten aus den westdeutschen Kohlenbezirken lauten, wenigstens was die Lage im Saarrevier anbelangt, noch immer ernst genug. Trotz der Erklärung der königlichen Berginspection, daß die entlassenen Bergleute zur Arbeit wieder angenommen werden sollen und ungeachtet noch anderer Zugeständnisse seitens der Grubenverwaltungen verharrt ein Theil der Bergleute des Saargebietes aus der Arbeitsverweigerung und machen die Strikenden zur Bedingung ihrer Wiedcranfahrt, daß alle Zugeständnisse der Bergwerksdirection in die Arbciterordnnng anfzunehmen seien. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß auch die noch weiter arbeitenden Bergleute striken werden, wenn die genannte Forderung von den königlichen Bergbehörden nicht beloittigt wird und dann würde die Arbeitseinstellung im Saarreviere allerdings einen allgemeinen Character erhalten. Von irgend welchen Ausschreitungen der Strikenden ist noch nichts gemeldet worden, aber es scheint unter den Bergleuten des Saarrevicres doch eine bedenkliche Stimmung zu herrschen, da man es behördlicherseits für angezeigt gehalten hat, in Dudweiler, welches als der Centralpunkt der Strikebewegung gilt, ein Bataillon Infanterie einrücken zu lassen. Aus den westfälischen und schlesischen Kohlenbezirken liegen neuere Nachrichten von Belang nicht vor.
Feuilletsn.
(Nachdruck ohne Quellenangabe untersagt.)
Ucue Briefe von „Krau Rat"
(wie bekanntlich Goethes Mutter im engeren Bekanntenkreise hieß) veröffentlicht die Goethe-Gesellschaft in Weimar als 4. Band ihrer Schriften und bietet damit ihren Mitgliedern eine inhaltsvolle und willkommene Weihnachtsgabe. Außer 3 Briefen aus den 80er Jahren und der Urkunde von 1797, durch die Frau Aja zu Gunsten ihres Enkels auf ihr Pflichtteil an dem Nachlaß ihres Sohnes verzichtet, bringt die Ausgabe in chronologischer Reihenfolge 207 Briefe zum Abdruck, welche jene in den Jahren 1792—1808 an Goethe, Christiane und August v. Goethe gerichtet hat. So dankenswert für ihre Zeit Veröffentlichungen wie R. Keils „Frau Rat" (1871) waren, so konnten sie doch nur unvollständige Bruchstücke nach mangelhaften Abschriften bieten und alle Verehrer der seltenen Frau werden die wortgetreue Veröffentlichung der Briefe, in denen diese sich ganz giebt wie sie ist, mit Freude begrüßen. Welch fortdauerndes herzliches, inniges Verhältniß zu ihrem Sohn und seiner Familie lehren uns die Briefe erkennen! Wie bald schwindet z. B. die Zurückhaltung, die Frau Aja anfangs noch Christiane*) gegenüber beobachtet, und lange vor der Trauung ihres Sohnes kehrt die Anrede „Liebe Tochter!" regelmäßig wieder. Welchen Eindruck die Schwiegertochter bei persönlicher Bekanntschaft auf Goethes Mutter machte, lassen wir sie mit ihren eigenen Worten schildern: „17. April 1807. Lieber Sohn! Dein
*) Christiane Vulpius, die Mutter von Goethes Sohn August, lebte seit 1788 in dem Hause des Ersteren. Bekanntlich erfolgte die kirchliche Sanctton des Lebensbundes zwischen Goethe und Christiane nach der Schlacht bet Jena.
Im Elberfelder Geheimbundsproceß ist am Dienstag die Beweisaufnahme endlich geschlossen worden und haben nun die Plaidoyers begonnen. Die Schuld der vor dem Elberfelder Gerichtshöfe der Geheimbündelei und anderer soeialistischer Vergehen angcklagten Personen ist für die Mehrzahl derselben durch den bisherigen Proceßverlauf gerade nicht genügend klargestellt worden, dagegen erhellt aus den Aussagen einzelner Angeklagten und verschiedener als Zeugen vernommener Polizeibeamten, daß in den Centren der socialdemokratischcn Bewegung in Deutschland eine geheime socialistische Organisation besteht, wie dies auch schon in früheren Geheimbundprocessen nachgewiesen wurde. ,
Die bayerische Abgeordnetenkammer genehmigte in ihrer Dienstagssitzung die Vorlage, betr. die Ausführung des Reichsgesetzes über die Alters- und Jnvaliditätsversorgung mit Stimmeneinheit. Der Minister des Innern hatte vorher Mittheilungen über die Ausführung des Gesetzes in Bayern gemacht und zugleich als den wahrscheinlichen Zeitpunkt für das Inkrafttreten desselben den 1. Januar 1891 , als spätesten Termin aber den 1. April 1891 bezeichnet. Im weiteren Verlaufe der Sitzung erklärte der Justizminister auf eine bezügliche Anfrage, die bayerische Regierung gehöre zu jenen Bundesregierungen, welche sich am meisten die Annahme des Reichsentwurses über das bürgerliche Gesetzbuch angelegen sein ließen.
Die Gefangennahme und alsbald erfolgte Hinrichtung des Führers des Araberaufstandes in Deutsch - Ostafrika, Buschiris, durch die Deutschen schließt die Erfolge des Reichs- commissars Wißmann bei Bekämpfung der aufständischen Be wegung wirkungsvoll ab, denn allseitig wird das Ereigniß dahin benrtheilt, daß nunmehr die Erhebung im deutschostas- rikanischen Schutzgebiete als endgültig niedergeschlagen betrachtet werden könne. Der Ruhm, den gefährlichen Rebellenführer unschädlich gemacht zu haben, gebührt dem Lieutenant a. D. Dr. Schmidt, einem ehemaligen Stationsvorsteher der deutschostafrikanischen Gesellschaft, welcher einen Streifzug in das Hinterland von Pangani unternommen hatte und hierbei fiel ihm Buschiri in die Hände. Nach einer dem „New-York Herald" zugegangenen Meldung war Buschiri in einem Gefecht mit den Schmidt'schen Leuten glücklich entkommen, aber später von Eingeborenen deS Dorfes Magailla im Usugonalande dingfest gemacht und Dr. Schmidt überliefert worden, nach einer anderen Meldung indessen soll Buschiri von Dr. Schmidt direct gefangen genommen und nach Pangani zu dem dört weilenden Reichscommissar Major Wißmann gebracht worden sein. Der hier vorliegende Widerspruch kommt indessen, gegenüber der Thatsache, daß mit Buschiri ein rasches Ende gemacht worden ist, nicht weiter in Betracht, denn schon am 16. December, also fast unmittelbar nach seiner Gefangennahme, ist Buschiri in Pangani standrechtlich erschossen worden,
Bries, welcher die glückliche Ankunft meiner Lieben, Lieben Tochter mir verküntigte, hat mir Hertz und Angesicht frölich gemacht — Ja wir waren sehr vergnügt und glücklich bey- einander! Du kanstGott dancken! So ein Liebes — herrliches unverdorbenes Gottes Geschöpf findet mann sehr selten — wie beruhigt bin ich jetzt (da ich Sie genau kenne) über alles was dich angeht — und was mir unaussprechlich wohl that, war, daß alle Menschen — alle meine Bekandtem Sie liebten — es war eine solche Hertzlichkeit unter ihnen — die nach lOJähriger Bekandtschaft nicht inniger hätte seyn können — mit einem Wort es war ein glücklicher Gedanke Sich mir und allen meinen Freunden zu zeigen — alle vereinigen sich mit mir dich glücklich zu preißen und wünschen Euch Leben — Gesundheit — und alles gute was Euch vergnügt und glücklich machen kan Amen."*) Am meisten erfahren wir natürlich über die Briefschreiberin selbst, und wenn sie auch über keine ungewöhnlichen Schicksale zu berichten weiß, so läßt doch ihre urwüchsige Diction das Interesse des Lesers keinen Augenblick ermatten. Das Schicksal hat es dieser glücklichen Natur vergönnt, daß sie bis an ihr Lebensende ihre Eigenart, jene Mischung von Lebensfreude und Empfänglichkeit für alles Schöne und Gute, von gesundem Humor und unerschütterlichem naivem Gottvertrauen, von reiner Menschenliebe und teilnehmender Neugier, von scharfem Verstand und guter Beobachtungsgabe behalten konnte, und noch die letzten Briefe, die sie wenige Monate vor ihrem Tode schrieb, sind ein beredtes Zeugniß dafür.
*) Dies Urteil der scharfblickenden alten Frankfurterin bestätigt tH sprechender Weise die Auffassung von Chrislianens Wesen und Character, mit der die neueste Litteraturgeschichte an der Hand der im Goethe-Archiv aufgefundenen Handschriften (worunter auch viele Briefe von Christiane) der langverkannten Lebensgefährtin Goethes gerecht zu werden begonnen hat.
eine Strafe, die der also Gerichtete durch seine zahlreichen grausamen Handlungen auch vollkommen verdient hat. — Zugleich mit diesen wichtigen Meldungen sind auch weitere Nachrichten über Emin Pascha eingelaufen, denen zufolge Emin jetzt endlich außer Gefahr ist und innerhalb 14 Tagen von Bagamoyo nach Zanzibar überzusiedeln gedenkt.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 18. December. Die zweite Kammer wird in der zweiten Hälfte des kommenden Monats wieder zusammentreten. Zur Berathung wird dabei gelangen u. A. die Berichterstattung über die landwirtschaftliche Enquete, das Gesetz betr. die Volksschullehrergehalte; die Vorlage über die Nebenbahnen dürste dagegen erst später zur Erledigung gelangen. Wie der „Tägl. Anz." vernimmt, ist noch aus diesem Landtage eine Vorlage wegen Neubau resp. Erweiterung der Technischen Hochschule zu erwarten. Es soll sich dabei besonders um die electro-technische Abteilung handeln. Betreffs des Gesetzentwurfs über die Volkö- schullehrergehalte hört man, daß sich einige Stimmen dafür aussprechen, das in der Regierungsvorlage bestimmte Maximalgehalt nicht, wie die Petition des Vorstandes des hessischen Lehrervereins erbittet, mit dem 30., sondern mit dem 25. Dienstjahre erreichen zu lassen. In den Lehrerkreisen rechnet man dagegen auf die Erfüllung ihres berechtigten Wunsches auch seitens der Großh. Regierung, zumal der dadurch notwendig werdende finanzielle Zuschuß von 11,300 M. (176,300 M. Dienstalterszulage statt 165,000 M.) gegen über den in Betracht kommenden Vortheilen nur ein geringer genannt werden kann.
— Prinz Heinrich von Preußen, Königliche Hoheit, Capitän zur See, Oberst X la suite des 1. Garde Regts. zu Fuß und des Garde-Füs.-Landw.-Regts., ist als Oberst auch ä, la suite des Großh. Hess. Feld-Art.-Regts. Nr. 25 (Großh. Artilleriecorps) gestellt.
— Das Großh. Hess. Feld-Artillerie-Regiment Nr. 25 (Großh. Artillerie-Corps) wird am 12. April 1890 die Feier seines 100jährigen Bestehens begehen. Alle Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamte, welche dem Regiment angehört haben, werden gebeten, ihre Adressen dem Regiment bald möglichst zukommen zu lassen.
— Im Großherzogthum Hessen waren im Monat November d. I. 3 Rübenzuckerfabriken im Betrieb mit einer versteuerten Rübenmenge von 23,940,000 Kg. Die Einfuhr gestaltete sich wie folgt : a. unmittelbar in den freien Ver kehr: raffinirter Zucker aller Art 6601 5kg., Rohzucker aller Art 43,906 Kg., b. von Niederlagen und Conten: raffinirter Zucker aller Art 43,913 Kg., Rohzucker aller Art 43,870 Kg., c. auf Niederlagen und Conten: raffinirter Zucker aller Art
Man muß es selbst lesen, wie sie z. B. die Verhandlungen über den Verkauf ihres Hauses auf dem Hirschgraben, des alten Weinkellers, der Bibliothek beschreibt, ihre helle Freude über das von ihr gemietete Logis im „Goldenen Brunnen" auf dem Noßmarkt (heute steht an der Stelle des Letzteren das Haus Roßmarkt Nr. 8), über das Leben und Treiben aus der Straße, daß sie von ihrem Fenster aus mit Behagen beobachtet („Wie konte ich nur 46 Jahr auf dem Hirsch graben wohnen:"). Wie sie dann in den Kriegskünsten den Kopf oben behält, bei dem Bombardement von 1796 in den Keller flüchtet, und nur einmal auf ein paar Tage nach Offenbach sich in Sicherheit bringt, um sobald wie möglich nach ihrem geliebten Frankfurt zurückzukehren. Oder wie sie- zweimal von der Königin Louise von Preußen zur Vorstellung eingeladen und in Wilhelmsbad mit einem goldenen Schmuck beschenkt wurde. — Ein besonderes Interesse für Frankfurt hat das Buch dadurch, daß Frau Rat über Theater- und politische Ereignisse ihrer Vaterstadt ihrem Sohn sehr oft gewissenhaft Bericht erstattet. „Leichtsinn und gutes Hertz ist ihr Wahlspruch", so characterisirt sie am 16. Mai 1807 ihre Mitbürger, aber sie ist stolz daraus. „Hierbey", schreibt sie am 23. Dezember 1793, „kommt ein Stück von unferm Anzeigeblättgen da sehe und sey Stoltz daß ^^in Frankfurter Burger bist. Wöchendtlich sind schon 3000 fl. beysammen die jede Woche bis zum ersten Mertz vor Lebensmittel vor unsere Brüder die braven Deutschen (sie.) bestimmt sind. Das heiße ich doch deusches Blut in den Adern, haben." (Nachdem sie den Eintritt der reichen Kaufmannssöhne in die Bürgergarde, das brave Verhalten der Sachsenhäuser und der Frankfurter Metzger gelobt) „und nun ver- wunder mann sich noch daß Frankfurth reich wird — grünt und blüht — Gott muß ja das belohnen! Noch tn einem ihrer letzten Briefe vom 1. Juli 1808 berichtet sie: „In.


