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Ar. 166 Sainstag den 20 Juli 1889.

(fließend* Anzeigei

Amts- und Anzeigkblait für den Kreis Gießen.

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Amtlicher Hßeil.

Betreffend: Die Zeitschrift für Staats- und Gemeindeverwaltung im Großherzogthum Hessen. Gießen, am 13. Juli 1889.

Das Großherzogliche Meisamt Gießen

an di- Grotzherzoslichen Bürgermeistereien des Kreises.

Für die Großherzoglichen Bürgermeistereien muß es von Wichtigkeit sein, von der Rechtsprechung der Kreis- und Provinzialausschüffe, sowie der übrigen verwaltungsgerichtlichen Organe fortlaufend Kenntniß zu erhalten.

In den letzten Jahren wurde diese Kenntnißnahme durch die hier in Gießen im Verlage der Brühl'schen Druckerei erschienenenVerwaltungs- Llätter" vermittelt. Nachdem jedoch diese Monatsschrift mit Ende des letzten Jahres eingegangen ist, bleibt einzig dieZeitschrift für Staats- und Gemeinde-Verwaltung,im Großherzogthum Hessen", welche im Verlage von I. Diemer in Mainz erscheint und Mittheilungen obiger Art enthält.

Wir empfehlen Ihnen, namentlich den Bürgermeistern der größeren Landgemeinden, aus diese Mainzer Zeitschrift, welche zweimal monatlich erscheint und etwa 7 JC. im Jahr kostet, auf Kosten der Gemeinde zu abonniren.

__v. Gagern.________________________________________________________

Bekanntmachung. *

Wegen Vornahme von Pflastererarbeiten wird die Bahnhofstraße zwischen der Westanlage und Liebigstraße für den Fuhrwerks- und Reiterverkehr bis auf Weiteres gesperrt.

Gießen, den 18. Juli 1889. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Wolitische Rundschau.

Gießen, 19. Juli.

Kaiser Wilhelm langte auf seiner NordlandSfahrt, die dem hohen Reizen­den fortgesetzt die großartigsten Naturscenerien in abwechslungsreicher Reihe entfaltet, am Mittwoch Vormittag 10 Uhr in Tromsö an, der auf einer Insel gelegenen Haupt stadt des gleichnamigen nördlichsten Stiftes Norwegens. Die Fahrt nach Tromsö war von Bodö aus an den Lofoten entlang gegangen, jener größten, sich durch ihre pitto­resken, wild zerrissenen Felsenküsten auszetchnenden norwegischen Inselgruppe, welche mit das Reiseziel des Kaisers bildete. Am Nordcap erreicht die Reise ihren nördlichstm Punkt und tritt alsdann der Kaiser die Rückreise an, auf welcher er am 28. d. M. in Wtlhelmshafen einzutreffen gedenkt, um hierauf am 1. August seine politisch bedeut­same Reise nach England anzutreten.

Die anhaltende sommerliche Stille in der inneren Politik läßt jeden sich von dem Niveau der Alltäglichkeit nur einigermaßen adhebenden Vorfall als einEreigntß" erscheinen und macht ihn zum Gegenstand der Tagesdtscussion. Dies galt für die ab­gelaufene Woche auch von der im Wahlkreise Halberstadt Afchersleben stattgefundenen Reichstagsersatzwahl, welche nicht zum wenigsten wegen der in den tnnerpolttischen Angelegenheiten herrschenden Ruhe die Aufmerksamkeit auf sich zog, dann allerdings auch wegen der bei dieser Nachwahl sich offenbarenden Rivalität zwischen Conservativen und Nattonalltberalen. Letztere, welche den genannten Wahlkreis über 20 Jahre im parlamentarischen Besitze haben, forderten bekanntlich von den Conservativen unter Hinweis auf das Cartell von 1887, mit für den nattonalltberalen Candtdaten, den Berliner Stadtrath Weber, etnzustehen, die Halberstädter Conservativen erklärten in­dessen das Cartell als für sie nicht mehr verbindlich und stellten in der Person des Bürgermeisters a. D. John einen eigenen Candidaten auf. Diese Kraftprobe zwischen beiden sonst befreundeten Parteien ist nun zu Gunsten der Conservativen ausgefallen, denn ihr Kandidat erhielt ca. 5300, der nationalltberale Candtdat dagegen nur ca. 4600 Stimmen. Außerdem waren noch als socialtsttscher Candtdat Bürftenfabrtkant Dahlen, welcher 3000 Stimmen erhielt, und als freisinniger Candtdat Rittergutsbe­sitzer Rohland, auf welchen ca. 1400 Stimmen fielen, auf dem Plane erschienen. Es wird hierdurch eine Stichwahl zwischen John und Weber erforderlich, welche oermuthltch zu Gunsten des letztgenannten Herrn ausfallen wird; aus diesem vereinzelten Vorgänge indessen einen Schluß auf die nächsten Rctchstagswahlen, und namentlich auf das Derhältniß zwischen Nattonalltberalen und Conservativen, ziehen zu wollen, wäre je­denfalls verfrüht.

Den bet Erstürmung des befestigten Lagers des Rebellenführers Buschiri bei Bagamoyo in Ostafrtka bethetligt gewesenen Offizieren, und ebenso einer Anzahl Mann­schaften der KriegsschiffeLeipzig",Carola" undSchwalbe" sind vom Kaiser für ihr tapferes Verhalten "Auszeichnungen verliehen worden.

In Frankreich ist mit dem am Montag erfolgten Schlüsse der Kammersession eine höchst unerquickliche Episode aus der jüngsten parlamentarischen Geschichte des Landes beendigt worden und Regierung wie Wählerschaft sind gleichermaßen froh, daß die unerhörten Scandalscenen in der Deputirtenkammer nunmehr ihr Ende gefunden haben. Nunmehr beginnt die Periode der Wahlvorbereitungen für die vielleicht schon im August stattfindenden Neuwahlen zur französischen Volksvertretung und der Partei- Haß jenseits der Vogesen läßt vermuthen, daß hiermit eine neue Epoche schwerer innerer Beunruhigungen für Frankreich ihren Anfang nimmt. Vorerst wendet sich aber dort das Tagesintereffe erhöht dem Processe gegen Boulanger, Rochefort und Dillon zu, nachdem jetzt die Anklage gegen Boulanger wegen Attentats und Complottes gegen die Sicherheit des Staates, sowie wegen Unterschlagung öffentlicher Gelder erhoben worden ist. Nach den Versicherungen der meisten Pariser Blätter soll indessen die Begründung der Anklageschrift eine unerwartet schwächliche sein und General Boulanger deshalb erklärt haben, sich persönlich dem Staatsgerichtshof stellen zu wollen. Das wird sich indessen der tapfere Degen wohl noch zwei Mal überlegen'.

Von den beiden Anfang der Woche in Paris zusammengetretenen Gocialisten- | congreffen gibt es bislang noch wenig zu berichten und muß demnach erst abgewartet I werden, waS auf ihnen eigentlich zu Tage gefördert werden wird. I

In Oberegypten ist demnächst der entscheidende Zusammenstoß zwischen den eingedrungenen Derwischen und dem engltsch-egypttschen Heere und General Grenfell zu erwarten. Letzterer ließ die Derwische bereits zur Ergebung auffordern, was jedoch Wad el Njami, ihr Führer, zurückwies.

Telegraphische Depeschen.

Wolffs telegr. (Korrespondenz-Brrrean.

Berlin, 18. Juli. Der Vorschlag der strikenden Bäcker, in einer heute unter Vorsitz des Stadlsyndikus Eberly abzuhaltenden Versammlung eine Einigung herbei- zuführen, wurde von den Meistern abgelehnt, weil der Strike durch den Zuzug fremder Bäcker beendet sei. Die Versammlung fand deßhalb nicht statt.

Fulda, 18. Juli. Es heißt, die am 20. August hier stattfindende Bischofs- Conferenz werde über einen Protest gegen die Giordano - Bruno - Feier in Rom und Über die Besetzung erledigter Bischofsstühle berathen.

Karlsruhe, 18. Juli. Der Erbgroßherzog hatte durch Husten unterbrochenen Schlaf; die Temperatur ist heute früh vermindert, während sie gestern Nachmittag ge­stiegen war. Der Katarrh ist etwas mehr verbreitet, die Lungen sind aber unbetheiligt. Das Allgemeinbefinden ist befriedigend.

Wien, 18. Juli. DiePolit. Corr." berichtet aus Belgrad: König Milan verschob feine Abreise von Konstantinopel auf nächsten Montag.

Das Gerücht von der Ankunft russischer Officiere in Belgrad ist unrichtig, und darauf zurückzuführen, daß eine Anzahl in Rußland studirender Serben in ihrer Schuluniform nach Belgrad in Ferien gekommen sind.

Brünn, 18. Juli. Der Strike der Texttl-Arbeiter ist nahezu beendet. Alle Fabriken, ausgenommen sechs, sind in vollem Betrieb; jene sechs sollen Montag wieder in Betrieb gesetzt werden.

Hammerfest, 18. Juli. Nach der Abfahrt aus Tromsoe gestern Vormittag um 11 Uhr wurde der 70. Breitegrad Nachmittags um 5 Uhr in gehobener Stimmung passtrt. Das Befinden des Kaisers ist vortrefflich. Die Ankunft in Hammerfest erfolgte um 9 Uhr Abends und es wurde sofort weitergefahren nach dem Nordcap, welches gegen 3 Uhr erreicht werden soll.

Hammerfest, 18. Juli. Vormittags wurde die Fahrt von Hammerfest bis zum Nordcap bei klarem Wetter und bewegter See zurückgelegt, in frühester Morgen­stunde das Nordcap umschifft und dann angesichts desselben die Heimreise angetreten. Der Kaiser verbrachte im besten Wohlbefinden und der heitersten Stimmung den Morgen an Deck. Temperatur 5 Gr. R.

Paris, 18. Juli. Die Anklageakte gegen Boulanger besprechend, bemerkt das Journal des Debats": Die Staatsanwaltschaft werde vor dem obersten Gerichtshof alle angeführten Thatsachen zu beweisen haben. Sollte dies gelingen, so würde es nicht gestattet sein, eine so schwere Anklage leichtfertig zu behandeln, noch die Einleitung des Processes zu bedauern.

Nach einer Meldung desXIX. Sidcle" beschloß gestern das in London versammelte Boulangisten - Eomt16, daß Boulanger die Anklageakte mit einem neuen Manifest beantworten solle.

Paris, 18. Juli. Der König von Griechenland wird hier am Montag erwartet unb an einem von dem Präsidenten Carnot gegebenen Diner theilnehmen. Carnot beglückwünschte telegraphisch den Kaiser von Brasilien, dem Attentate entgangen zu fein.

Eine allgemeine Vereinigung der Pariser Studenten lud die Studenten der ganzen Welt ein, den Festlichkeiten zur Jubelfeier der Sorbonne am 5. August beizuwohnen.

London, 18. Juli. Im Unterhaus theilt Stanhope mit, General Greenfell zeigte telegraphisch an, daß er auf die Proklamation mit der Aufforderung, sich zu ergeben, von Wadeljume die Antwort erhielt:Euere Streitmacht gilt mir nichts; ich bin gesandt, die Welt zu erobern und fordere Euch auf, Euch zu ergeben, ich werde Euch dann schützen. Erinnert Euch an Hicks Pascha und General Gordon." . _ Rom, 18. Juli. Der König von Italien, ebenso der Papst beglückwünschten

den Kaiser von Brasilien zu seiner Errettung gelegentlich des Attentats. Cardinal Rampolla besuchte den brasilianischen Gesandten beim päpstlichen Stuhl, um seine Glückwünsche auszusprechen.