Nr. 296.
Donnerstag den 19. December
1889.
Der Hteßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des MontagS.
Die Gießener Aa mittend tatter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Kenerat-Mnzeiger.
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chratisöeikage: Hießener Kamitienbtätter.
Alle Annoncen.Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Aintlicher Theil.
Bekanntmachung.
2in die Grovd. tSürßenneiii rckn der DistrictS- Ginuedmerer GieHen II.
Das Geschäftszimmer der Districts-Einnehmerei Gießen II befindet sich jetzt
Ludwigöstraße 10 tm 2. Stock.
Wir ersuchen die Großh. Bürgermeistereien dies alsbald öffentlich bekannt machen zu laffen.
Gießen, den 17. December 1889.
Großh. DistrictS'Etnnehmerei Gießen II.
Stroh.
Deutsches Reich.
Berlin, 16. December. Das „Centralbl. für die allgem. Gesundheitspflege" macht daraus aufmerksam, daß die Befürchtung, als ob durch die auch die schwächlichen Kinder am Leben erhaltenden hygienischen Bestrebungen der Neuzeit eine minder leistungsfähige Generation geschaffen werde, nach den Erfahrungen, die man bei Feststellung der Diensttauglichkeit der Militärpflichtigen macht, nicht begründet sei. Es hat nämlich der Prozentsatz der in Preußen für dauernd untauglich Erklärten von 1876—1887 ziemlich ununterbrochen abgenommen. 1876 wurden 12,82 pCt. aller Untersuchten für untauglich erklärt, 1877 11,41 pCt., 1878 10,56 pCt.< 1879 11,00 pCt., 1880 10,93 pCt., 1881 9,01 pCt., 1882 8,58pCt., 1883 7,87 pCt., 1884 7,67 pCt. 1885 7,43pCt. 1886 7,54 pEt. und 1887 nur 6,84 pCt. Die starke Abnahme von 1880 zu 1881 findet nach dem „Reichsanzeiger" allerdings ihre Erklärung dadurch, daß die Leute mit Mindermaß bis 1880 für untauglich zum Waffendienst erklärt wurden, seit 1881 aber nicht mehr. Selbst aber bei der Annahme, daß diese Aenderung eine Abnahme von 1,5 pCt. bewirkt habe, ist das allmählige beträchtliche Sinken des Prozentsatzes ein sehr erfreuliches Zeichen für die Körperbeschasfenheit unserer Jugend. Denn daß die Militärverwaltung ihre Ansprüche bezüglich der Diensttauglichkeit mit der Zeit herabgemindert habe, ist doch wohl nicht anzunehmen.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Corrcspondenz-Bnrean.
Berlin, 17. December. Dem Magistrat ist auf die Ge- burtstags-Glückwunsch-Adresse an Ihre Majestät die Kaiserin Friedrich folgendes Allerhöchste Antwortschreiben zugegangen: „In treuer Anhänglichkeit und mit Worten des Glückwunsches hat der Magistrat von Berlin auch in diesem Jahre Meines Geburtstages gedacht, den Ich in weiter Ferne erlebte, nach dem es mir vergönnt gewesen ist, Meine Tochter, Prinzessin Sophie, dem geliebten Gatten, dem Kronprinzen von Griechen land, zuzuführen. Die Theilnahme, welche mir bei Gelegenheit dieses frohen Familien-Ereignisses bewiesen worden ist, hat Meinem schwergeprüften Herzen unendlich wohlgethan und hierfür gerade dem Magistrat Unserer Haupt- und Residenz- .stadt Berlin danken zu können, ist für Mich eine Pflicht, die Ich gern erfülle.
Neapel, den 6. December 1889.
gez. Victoria.
Kaiserin und Königin Friedrich."
Berlin, 17. December. Die Nativnalzeitung schreibt: Die Verhandlungen wegen Verschmelzung der Witu-Gesellschaft mit der deutsch-ostafrikanischen sind soweit gediehen, daß nunmehr der Vertrag den beiderseitigen Gesellschaftsorganen zur Beschlußfassung vorgelegt werden kann. Als rechnerischer Termin der Uebernahme ist der 1. Januar festgesetzt.
Berlin, 17. December. Aus Zanzibar meldet Reuters Bureau: Emin Pascha soll außer Gefahr sein . und wird demnächst hier erwartet.
Berlin, 17. December. Aus Zanzibar wird unterm 16. ds. gemeldet: Buschin wurde gefangen und am 15. December standrechtlich mit dem Tode bestraft.
Saarbrücken, 17. December. In Kohlwald, Lampennest, Heinitz, Dechen, Friedrichsthal und Ensdorf sind heute alle Arbeiter angefahren, in der Zeche v. d. Heidt streiken 283, im Burbachstollen 174 Mann. In der Grube Maybach ist nur die Hälfte angefahren, in Kreuzgraben streikt von der unterirdischen Belegschaft etwas mehr als die Hälfte, in Sulzbach streiken drei Fünftel, in Altenwald fünf Sechstel der Belegschaft.
Saarbrücken, 17. December. Auf den Louisenthaler Gruben arbeiteten gestern nicht alle, sondern nur etwa । 1000 Mann. In Dudweiler und Camphausen sind heute etwas mehr Mann an gefahren als gestern. Bei der Zeche Maybach arbeiten nur einige hundert rulann. Die Belegschaft der Grube Von der Heydt streikt noch.
Saarbrücken, 17. December. Berghauptmann Brassert, der als außerordentlicher Commissar des Ministers der öffentlichen Arbeiten im Revier weilt, erließ eine Bekanntmachung an die Belegschaften, wonach die achtstündige Grubenschicht in die Arbeitsordnung auszunehmen ist. Die gegenwärtigen Löhne seien, wie die Bergleute selbst anerkannt hätten, im Allgemeinen ausreichend. Soweit in Einzelfällen das Gedinge (Accord) einen auskömmlichen Verdienst nicht ermöglichen sollte, iverde die entsprechende Aufbesserung erfolgen. Die vollständige Gleichstellung aller Löhne sei unausführbar.
Elberfeld, 17. December. Die Beweisaufnahme im Socialistenprozcsse wurde Ijente geschlossen. Am nächsten Donnerstag beginnen die Plaidoyers.
Leipzig, 17. December. Das Reichsgericht (zweiter Senat) hob das Urtheil des Königsberger Landgerichts gegen den Redacteur Michels von der „Hartungschen Zeitung" wegen Beleidigung der Kaiserin Friedrich (ein Monat Festung) auf und verwies die Sache zu erneuter Verhandlung an das Landgericht Hartenstein.
Wien, 17. December. Ein Bukarester Bericht der „Polit. Corr." versichert, daß der von Minister Lahovary in Wien ausgesprochene Wunsch nach Beendigung des Zollkrieges mit Oesterreich-Ungarn fortbestehe. Die rumänische Ministerkrise habe die Anbahnung der Unterhandlungen verzögert, die rumänische Regierung treffe aber Vorbereitungen dazu. Mit den günstigen Dispositionen in Bukarest bestehe freilich zugleich das Bewußtsein fort, daß große Schwierigkeiten zu überwinden seien.
Paris, 17. December. Senat. Beaumauoir richtete eine Interpellation an die Regierung über die Einstellung der Gehaltszahlung an den Priester Brieuc. Der Justizminister Thevenet nahm für die Regierung das Recht in Anspruch, Gehälter einzubehalten, und bemerkte weiter, die Negierung wolle Niemand verfolgen, sie wolle aber den Bürger- und Laien-Staat geachtet wissen. Nach einer Entgegnung Chesnelongls wurde eine Tagesordnung, durch welche die seitens der Regierung abgegebenen Erklärungen gebilligt werden, mit 196 gegen 70 Stimmen angenommen. — Die Berathung über die geheimen Fonds soll am nächsten Donnerstag stattfinden.
Petersburg, 17. December. Das „Jour, de St. Peters- bourg" dementirt die Nachricht der Staatencorrespondenz, wonach Eingangszölle von Waaren, eingeführt durch Schiffe solcher Staaten, die keinen Handelsvertrag mit Rußland
Feuilleton.
Hessische Dichter der Gegenwart
Vo i Dr. E lla Mensch.
VIII. ^Nachdruck oerboten.] (Schluß.)
Die versöhnende, vermittelnde Art Carriöres blickt uns besonders auch in dem Werkchen „Jesus Christus und die Wissenschaft der Gegenwart" an. Solche Ausgleichungs- Versuche sind allerdings nicht ganz nach Geschmack der kämpfenden Parteien. Und doch muß man dem hohen, sittlichen Ernst, mit welchem Carriöre au die tiefsten Herzensangelegenheiten der Menschheit herantritt, Achtung unb Billigung zollen.
Ebensowenig ivie der Münchener Philosoph der Meinung ist, daß die religiöse und kirchliche Gestaltung unseres Lebens unabhängig von den wissenschaftlichen Nebenströmungen ihren gedeihlichen Fortgang nehmen könne, huldigt er der Anschauung, daß die Resultate der Wissenschaften, insbesondere der Naturwissenschaften, sich dem Christenthume feindlich gegeuüberstellen.
Er begrüßt cs daher als einen Fortschritt der neueren protestantischen Theologie, daß sie wieder die Persönlichkeit Jesu betont, während der Rationalismus vornämlich den Lehrer in ihm sieht, die Orthodoxie in das Bekenutniß vom Dogma über ihn das Schwergericht legt.
Man sollte es kaum.glauben, daß Carriöre, der sich mit so viel Aufrichtigkeit imi) eigenem Herzensbedürfniß um die Klärung dieser Fragen und Gesichtspunkte bemüht, der in citirter, nicht ganz 100 Seiten starker Schrift, bei Dar stellung des Kerns der christlichen Lehre sowohl Augustin, Angelus Silesius wie David Strauß zu Worte kommen läßt, daß dieser Mann doch in erster Linie Kunstgelehrter sei. Aber eS ist seiner Natur entsprechend, sich an den verschiedensten Angelegenheiten der Menschheit mitredend zu betheiligen. Der freie Blick, der offene Sinn, der ihn z. B. bei
Abfassung des größeren Werkes „Die philosophische Weltanschauung der Reformationszeit in ihren Beziehungen zur Gegenwart" leitete, hat ihm auch die Feder geführt bei dem Entwerfen der kleinen Einzel- und Ensemblezeichnungen. Außer der Geibelbrochure besitzen wir von Carriöre auch noch eine Monographie über Bettina v. Arnim. Zu den literarischen Ensemblezeichnungen möchten wir das Schrisrchen „Dreißig Jahre an der Akademie der Künste §n München" rechnen. Dieser zuerst in den Westermann'schen Monatsheften veröffentlichte Aufsatzcyclus bringt unter der Form von „Lebenserinnerungen" interessante Skizzen über das geistige Leben in den akademischen Kreisen Isar-Athens. Namen wie Wilhelm v. Kaulbach, Carl v. Piloty u. v. a. drücken diesem sein eigenartiges Gepräge aus. Indem Carriöre uns von sich und seinem eigenen Streben und Wirken unterhält, vermittelt er uns gleichzeitig aufs Ungezwungenste die Bekanntschaft mit dieser Münchener Geistes aristokratie.
In diesem Gelegenheitsschriftchen erkennen wir auch den Autor des So n ett e n kranze s wieder, in welchem dieser in Gemeinschaft mit Theodor Creizenach Freundschafts- und Ehrengrüße an Geister wie Hölty, Humboldt, Gervinus, Heinrich Heine u. a. m. versendet. Die den Gebrüdern Jacob und Wilh. Grimm geltenden Strophen mögen hier eine» Platz finden:
„Ein hoher Tom, der mit erhab nen Bogen Hum hären Blau^ des Himmels steigen, Dann sich zur schönen Erde nieder neigen Und spiegeln will in den krystall'nen Wogen. Ein Märchenhauch, in Lüften eingetogen, In denen spielt der Elfen dunkler Reigen, Dann ernste Fahrer, die zur Tiefe steigen Und edelstes Metall heraufgezogen;
Dies alles glaubt zu fühlen und zu schauen Wer Euren hohen Tempel, edle Brüder, Von ferne nur betrachtet aus der Pforte. Das ganze Volk mit dankendem Vertrauen Blickt froh hinauf zu Euch, Ihr guten Hüter Von seinem lang vergrab'nen großen Horte!"
Es ist bezeichnend für den universellen Geist Carriöres, daß in diesem Sonettenreigen die verschiedensten Individualitäten Zutritt finden; Gervinus hat dicht neben Heine seinen Platz.
Die einzelne Persönlichkeit nach ihrem geistigen Gehalt in festen, bestimmten Umrissen wiederzugeben, gelingt Carriöre in Vers wie in Prosa gleich gut. Das Porträt ist seine Freude und seine Kraft.
Daneben finden sich dann freilich auch Dichtungen größeren Schwunges, die von der Sonne der welthistorischen Idee beleuchtet sind, wie z. B. „Die letzte Nacht der Girondisten", und das die Serie der „Geschichtsbilder" einleitende „Allen Heiligen". Gedanke wird hier zum Gedicht, Gedicht zum Gedanken.
Moritz Carriöre saßt selbst das Wesen seines Wirkens und Schaffens am besten und kürzesten zusammen in den Worten, welche die Gedichtsammlung eröffnen.
„Ich habe als Schriftsteller wie als akademischer Lehrer stets mich ganz gegeben, ich habe mit den Kräften des Ge- müths und Geistes zugleich gearbeitet und neben Verkennung und Enttäuschung auch die Freude gehabt, zu vernehmen, daß in meinen wissenschaftlichen Büchern nicht tobte Lettern, sondern ein lebendiger Mensch den Lesern entgegentrete. Solchen Lesern und Hörern glaubte ich diese Herzensergießungen nicht vorenthalten zu sollen. Sie werden finden, daß ich vieles dichterisch angeschaut, bevor ich es philosophisch dargelegt."
— Amerikanisch. Ein alter Freund aus dem Westen besuchte einen Redacteur in Philadelphia und erzählte ihm, daß er „drüben" eine Zeitung gekauft habe. „Ist sie gut ausgestattet?" fragt der Redacteur. — „Das wollte ich meinen," entgegnete selbstgefällig der Hinterwäldler, „wir haben 8 Revolver im Nedactionszimmer, 17 Winchester- Repetirgewehre im Setzersaale und 2 Gattling-Kanonen am Eingänge."


