Dienstag den 19. November
Nr. 270.
1889.
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Amtlicher Theil.
Gießen, btn 16. November 1889.
Betr.: Die Berichtigung der Forst- und Feldstrafen von der V Periode 1889/90.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien deS Kreise-.
Wir beauftragen Sie, alsbald und jedenfalls noch vor Ende dieses Monats in Ihren Gemeinden in ortsüblicher Weife bekannt machen zu lasten, daß die Berichtigung der im Monat November 1889 gerichtlich erkannten Forst- und Feldstrafen in den ersten 25 Tagen des Monats December 18ö9 und zwar mit Ausschluß des 12ten, 13ten und 14len an die betreffenden DistrictSeinnehmereien ftatt- zustnden hat und daß nach fruchtlosem Ablauf dieser Frist gegen die säumigen Schuldner das für ste mit Kosten verbundene Beitreibungsversahren eingeleitet wird.
o. Gagern
Gießen, den 16. November 1889. Betr.. Die Gründung eines Obstbau-Vereins.
Der Mrrclor des landwirth. Bezirks Vereins Gießen an die Großh Bürgermeistereien de» Kreise».
Diejenigen von Ihnen, welche meinem Ersuchen vom 16. v. M (Anzeigeblatt Nr. 247) noch nicht entsprochen haben, erlaube ich mir an Erledigung deffelben hierdurch zu erinnern. Jost, Regierungsrath.
politische Uebersicht.
Gießen, 18. November.
Kaiser Wilhelm ist nunmehr von seiner jüngsten großen Auslandsreise wieder nach der Hcimath zurückgekehrt, aber voraussichtlich wird diese KaisSrrcise nach ihrer politischen Seite hin noch längere Zeit auf die öffentliche Meinung Europas zurückwirken. Bor Allem beschäftigt die Begegnung, welche der deutsche Kaiser noch kurz vor Beendigung seiner Orientfahrt in Innsbruck mit dem Kaiser Franz Joseph gehabt, die Tagespresse, da es heißt, daß zwischen beiden Monarchen verschiedene spccielle Fragen der europäischen Politik zur eingehenden Erörterung gelangt seien und daß hierbei namentlich die bulgarischen Angelegenheiten eine Rolle gespielt hätten. Da der Innsbrucker Unterredung der beiden kaiserlichen Freunde keine dritte Persönlichkeit beigewohnt hat, so kann man die Mittheilungen über den angeblichen Inhalt dieser Besprechungen vorerst nur als Vermuthungen bezeichnen, dieselben dürsten aber allerdings der Wahrheit nahe kommen. Denn der
Entrevue sind einerseits die Conferenzen zwischen dem Fürsten BiSmarck und dem Grafen Kalnoky in Friedrichsruh, anderseits die Unterredungen, welche der Staatssecrctär Graf Herbert Bismarck in Monza mit Herrn Crispi, in Konstantinopel mit Said Pascha und hierauf in Pest und Wien mit den dortigen Staatsmännern gepflogen, vorausgegangen und in diesen Ministerconserenzen sind wahrscheinlich die Fragen, um welche es sich bei der Kaiserbegegnung in der Hauptstadt Tyrols handeln konnte, vollständig vorbereitet worden. Vielleicht, da^. schon die nächste Entwickelung der Ereignisse über die politischen Folgen des Kaisertages von Innsbruck Aufklärung bringen wird und daß diese nur der Friedenspolitik der beiden Kaiser entsprechen werden, darüber dürfen die Friedensfreunde wohl allseitig beruhigt sein.
Das Kaiserpaar gedenkt noch einige Zeit im Neuen Palais bei Potsdam zu residiren; vermuthlich erfolgt die Uebcrsiedel- ung der kaiserlichen Familie nach dem Berliner Residenzschlosse erst zu Anfang nächsten Monats.
Die Reichstagscommisfion für das neue Socialistengesetz hat dasselbe bis jetzt im Allgemeinen nach den Regierungsvorschlägen genehmigt, indessen steht die Erörterung der wichtigsten Bestimmungen der Vorlage, namentlich der vorgeschlagenen unbegrenzten Geldungsdauer des neuen Gesetzes, erst noch bevor und da wird es schwerlich bei den Regierungsvorschlägen verbleiben. Von Seiten des Centrums sind Abänderungen beantragt worden, die einer Verwerfung der Regierungsvorlage gleichkommen.
In Brüssel ist am 18. November die internationale Conserenz in Sachen des Sctavenhandels in Afrika eröffnet worden, zu welcher alle in Afrika interessirten Mächte Vertreter entsandt haben. Man sieht allseitig den Ergebnissen der Conferenzverhandlungen mit Interesse entgegen und werden sie hoffentlich das ihrige dazu beitragen, daß dem schmachvollen Menschenhandel aus afrikanischer Erde mehr und mehr das Ende bereitet wird.
Die Versuche der Bulgaren, die Anerkennung des Fürsten Ferdinand seitens der Mächte zu erlangen, können- vorerst als gescheitert betrachtet werden. Petersburger Meldungen behaupten, daß der Czarenbesuch in Berlin und die Reise des deutschen Kaisers nach Konstantinopel eine neue Phase der europäischen Politik eingeleitet habe, welche sich durch ein Uebereinkommcn der Mächte charakterisire, den Coburger niemals anzuerkcnnen, im Uebrigen aber Bulgarien sich selbst zu überlassen. Jedenfalls deuten alle Anzeichen darauf hin, daß die bulgarische Frage den europäischen Frieden vorläufig nicht bedrohen wird.
Im Kaiserreiche Brasilien ist eine Revolution ausgebrochen, welche nach den bisher hierüber vorliegenden Meldungen die Einsetzung einer Republik bezweckt. Die Armee unterstützt die revolutionäre Bewegung, über deren Ursachen der Tele
graph allerdings noch Nichts berichtet, und ist bereits eine provisorische Negierung eingesetzt, zu deren Mitgliedern Dafonsera und Benjamin Constant gehören. Der Thron des Kaisers Dom Pedro II. (regiert seit 1840) erscheint demnach ernstlich bedroht und da augenscheinlich die Hauptstadt Rio de Janeiro selbst der Mittelpunkt der Empörung ist, so wird es darauf ankommen, wie sich die Provinzen zu der Erhebung stellen.
Deutsches Reich.
][ Darmstadt, 17. November. Seine Königliche Hoheit der Großherzog begeben sich morgen Vormitta-g 7 Uhr40Min. nach Worms, von wo ihn ein Extrazug nach Osthofen führt, in dessen Umgegend der hohe Herr, einer Einladung des Prinzen Friedrich von Wittgensteiii folgend, in den nächsten Tagen zu jagen gedenkt. Das Nachtquartier nimmt der Großherzog zu Worms im Gasthof „Zum alten Kaiser". Bekanntlich findet Mittwoch den 20. November, Nachmittags 4 Uhr, in Worms die Eröffnung des städtischen Spiel- und Festhauses statt. Der Großherzog wird dieser Eröffnung beiwohnen und nach derselben hierher zurückkehren. Im Gefolge Allerhöchstdessclben sind Obersthofmarschall General lieutenant z. D. v. Westerwcller und Flügeladjutant Major Frhr. v. Grancy. — Zum festlichen Empfang Seiner Majestät des Kaisers Wilhelm II., höchstdessen Besuch uns für Anfang December nunmehr in sichere Aussicht gestellt ist, werden schon jetzt umfassende Vorbereitungen getroffen. Seitens der Stadt ist ein namhafter Beitrag für die Kosten der Ausschmückung re. bewilligt worden und die Betheiligung von Vereinen, Corporationen u. s. w. wird aller Voraussicht nach eine sehr zahlreiche werden. Am Rheinthor wird ein Triumphbogen erbaut und der ganze Weg vom Bahnhof zum kaiserlichen Absteigequartier in eine via triumphalis umgewandelt.
Berlin, 16. November. In der Commission zur Be- rathung des So eia listen ges etze s erklärte der Minister Herrfurth den Antrag Kulemann, betreffend Schaffung eines Reichsverwaltungsgerichts als oberste Beschwerdeinstanz, für durchaus sympathisch, welchen auch der Bundesrath ins Auge gefaßt habe. Bei der Abstimmung jedoch wurde der Regierungsvorschlag, betreffend die Zusammensetzung der obersten Commission unter Ablehnung des Antrags Kulemann mit 21 Stimmen angenommen.
Berlin, 16. November. Die Commission für das Socialistengesetz nahm heute den Antrag auf Zulassung der Oeffentlichkeit bei den Verhandlungen der Beschwerdecommission an, nachdem der Minister Herrsurth erklärt hatte, daß wesentliche Bedenken dagegen nicht vorlägen. Desgleichen wurde auch der Antrag aus Gestattung eines Vertheidigers vor der Commission genehmigt.
Feuilleton.
Der Esel des Herrn von Schiller.
(Eine Episode aus dem Leben Georg Herweghs.)
Humoreske von Georg Franken berg.
(Schluß.)
Nun war effectiv kein Halten mehr im Publikum. Man klatschte, man lachte, man rief — kurz, ein wahrer Aufruhr ging an. Hinter den Coulissen war sofort Alles wie weg- rasirt. Personal und Regisseur hatten sich wohlweislich sofort aus dem Staube gemacht, denn Keiner wollte vor die Rampe treten und das Opferlamm dieser Katastrophe werden. Auch von Herwegh, nach dem noch immer stürmisch verlangt wurde, war noch keine Spur zu entdecken. So war denn der unglückselige Director nur auf sich allein angewiesen. In seiner Verzweiflung faßte er den Entschluß, selbst zu reden! Gesagt mußte dem Publikum etwas werden, das ging nicht anders. Ja, aber so, wie er dastand, in diesem fürchterlichen Auszuge konnte er doch unmöglich vor das Publikum treten! Einen Frack mußte er mindestens haben,- an seine großen Filzsocken dachte er gar nicht.
„Einen Frack!" schrie er. „Ein Königreich für einen Frack!" und seine Stimmung mochte wohl augenblicklich der des verzweifelten Richard in der Schlacht bei Hastings gleichkommen. „Gebt mir einen Frack, ich werde sprechen!"
Schöner Gedanke, solch ein Frack; aber wo nur gleich einen herbekommen? Die Einzigen, welche sich heute im Frack befanden, waren Herwegh und der Regisseur. Davon war der eine wie weggeblasen und der andere hatte gründlich animam salvirt. Da, die Verzweiflung des Directors hatte den Höhepunkt erreicht, kam ein Theaterarbeiter mit dem
erwünschten Leibrock. Aber, o Jammer über Jammer, da waren ja rothe Epauletten daraus. Der Unglücksmensch hatte in der Garderobe das erste beste frackähnliche Kleidungsstück ergriffen und in der Bestürzung eine französische Sergeant- Major-Unisorm gefaßt. Hier konnte nur ein schneller Entschluß helfen; ein Theaterdirector entschließt sich eben zu Allem, wenn ihm das Messer an der Kehle sitzt. Seinen verschossenen Schlafrock ausziehen und in die Uniform hinein, war das Werk eines Augenblicks. Schlimmer als es schon war, sagte sich der Director, konnte es nicht mehr werden. Mochte es darum sein! Ach, es war eine entsetzliche Täuschung.
Ein Zeichen von ihm und der Vorhang rollte auf. Nun denke man sich das Bild. Filzsocken, so groß wie ein paar Spreekähne, schäbige Beinkleider, dazu eine altmodische geblümte Weste an, statt der Vatermörder nur eine große schwarze Halsbinde und darüber den französischen Uniformrock! So stand der Leiter des Züricher Musentempels vor seinem Publikum, mehr einer lebendigen Vogelscheuche als einem Menschen ähnlich. Daß das Publikum jetzt geradezu zu rasen anfing, ist klar. Nach Minuten erst, während deren der Director ungefähr die Qualen eines an dem Pranger Stehenden ausgehalten haben mußte, legte sich endlich der Sturm etwas. An den verzweifelten Grimaffen, die er schnitt, merkte man, daß der Mann da oben etwas zu sagen habe. „S ... st! S ... st!" ging es langgedehnt durch den Zuschauerraum, und so gut es unter den obwaltenden Umständen mitglich war, bemühte sich Jeder, das Lachen zu unterdrücken.
In den Coulissen hatten sich jetzt schnell wieder Personal und auch der fahnenflüchtige Regisseur zusammengesunden und alle empfanden eine wollüstige Schadenfreude an den krampshcchen Anstrengungen, unter denen sie ihren
verehrten Chef aus der Bühne nach Fassung schnappen sahen. Urplötzlich tauchte auch Herwegh wieder neben dem Regisseur auf. Er war, um sich der beabsichtigten Ovation zu entziehen, sofort nach Beendigung des Prologs in das Theater-Restaurant retirirt und kani nun ahnungslos zurück, um noch einige Augenblicke der Festvorstellung zuzusehen. Sein Scharfblick hatte die Situation sofort durchschaut und auch er vermochte jetzt nur mit Mühe die Lachlust zu bekämpfen, die ihm bei dem unerwarteten urkomischen Anblick des Directors unbezwinglich anwandelte. Keiner von ihnen Allen aber ahnte, was jetzt kommen sollte.
Nur der Theatermeister allein sah im Stillen sich Fürchterliches vorbereiten. Er zitterte vor dem Augenblicke, wo der Director die neben dem Schillerpostament hervorspringende Stufe der Blumenterrasse betreten würde, die unmöglich im Stande war, das Körpergewicht des Redners auch nur wenige Augenblicke auszuhalten.
Als der Director jetzt Herwegh plötzlich in der Cou- lisse gewahrte, blitzte noch einmal ein Hoffnungsschimmer überfein Gesicht. Umsonst. Wie sehr auch seine Mienen die dringende Bitte um Ablösung verriethen, Herwegh fand die Sache so viel amüsanter und deutete durch seine Haltung an, er, der Director, möge nur selbst reden. So begann denn derselbe endlich. In Staccato-Sätzen, die nur zu deutlich die Verzweiflung über die unglückselige Position markirten, in welche er sich durch eigene Schuld hineingearbeitet hatte, stieß der Angstschweißtriefende etwa Folgendes hervor:
„Meine hochverehrten Herrschaften! Im Namen . . . des Dichters . . . , der soeben . . . (stärker werdend und ängstliche Blicke nach Herwegh richtend), der soeben zu Ihnen gesprochen . . . aber verhindert ist, vor Ihnen zu erscheinen) (in die Couliffe rufend: „Herwegh, kommen Sie doch!"), . . . bitt ich Sie . . . (brüllend), alle Ehren . . . („Herwegh,


