Ausgabe 
19.7.1889
 
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Nr. 165, Freitag den 19. Juli 1889.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

E1 Sd>Ulftra6e 7 'n" Ausnahme d°sM°n.ags.

Amtlicher HHeil.

Bekanntmachung.

Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß der practische Thierarzt Dr. Köhler zu Langsdors zur Ausübung der nachdem Milzbrandreglement den Thierärzten zugewiesenen Funktionen von uns ermächtigt und aus das Reglement verpflichtet worden ist. Ein bestimmter Bezirk ist dem Dr. Köhler bis jetzt nicht zugewiesen worden, die seither bestellt gewesenen Thierärzte bleiben vielmehr berechtigt, in den ihnen zugewiesenen Orten die betreffenden Verrichtungen fernerhin auszuüben.

Auf die den beamteten Thierärzten nach der Fleischbeschauordnung zustehenden Befugnisse bezieht sich die Ermächtigung des rc. Dr. Köhler vor­erst nicht.

Gießen, den 16. Juli 1889. GroßherzoglicheS Kreisamt Gießen.

I. V.: Jost, Regierungsrath.__________________________________________________________

Bekanntmachung.

Bei den Unteroffizier - Schulen Potsdam, Marienwerder und Biebrich können im October d. I. noch Freiwillige zur Einstellung gelangen und hierzu Anmeldungen bei dem unterzeichneten Bezirks-Commando und den Bezirks-Compagnien stattfinden.

Gießen, den 13. Juli 1889. Großherzogliches Bezirks-Commando Gießen.

I. V.:

Lindpaintner, Premier-Lieutenant und Bezirks-Adjutant.

Politische Rundschau.

Gießen, 18. Juli.

Das Cerernoniell für den Empfang Kaiser Wilhelms bet seiner Ankunft in England xft jetzt festgestellt. Sobald der Kaiser am Nachmittage des 2. August mit dem deutschen Geschwader auf der Höhe von Portsmouth etngetroffen sein wird, fährt der Prinz von Wales, als Vertreter der Königin von England, dem hohen Gast entgegen und begrüßt denselben an Bord derHohenzollern." Alsdann segelt die kaiserliche Z)acht und das deutsche Geschwader durch die in Nethen aufgestellten britischen Kriegsschiffe, welche Flaggenschmuck angelegt haben, die deutsche Retchsflagge auf Haupt­mast hissen und Salutsalven abgeben, nach Osborne-Bay, woselbst die Landung des Kaisers und seines Gefolges erfolgt.

Der internationale Congreß zur Regelung der Arbeiterschutzfrage, welcher im Herbst zu Bern stattfinden sollte, ist vorläufig bis zum nächsten Frühjahr verschoben worden. Der schweizerische Bundesrath schlug wenigstens denjenigen Staaten, welche eine Einladung zur Theilnahme an genannter Eonferenz erhalten hatten, die Vertagung mittels Rundschreibens vor und nach Lage der Dinge kann man die Eonferenz bereits jetzt als vertagt betrachten. Allerdings begründet der Bundesrath seinen Vorschlag damit, daß es nöthig sei, den Conferenz-Theilnehmern ein detatllirtes Programm zu unterbreiten, aber es liegt die Vermuthung nahe, daß der eigentliche Beweggrund für die Verschiebung der Eonferenz der Confltct zwischen Deutschland und der Schweiz ist. Die deutsche Regierung zögerte ersichtlich unter Hinblick auf die mit der Schweiz etn- getretenen Schwierigkeiten, der Einladung Folge zu geben und ohne Deutschland, als den Staat, in welchem die socialpolitische Gesetzgebung im Vergleich mit allen andern Ländern ungemein vorgeschritten ist, erschien die Berner Eonferenz eigentlich undenk­bar. Bei der Wichtigkeit der Sache steht aber zu hoffen, daß die Eonferenz wenigstens im nächsten Frühjahr zu Stande kommt und bis dahin wird doch jedenfalls die deutsch­schweizerische Spannung langst wieder behoben sein!

Die LandtagSwahlen in Böhmen sind mit den am Montag in der Curie der Großgrundbesitzer vollzogenen Wahlen zum endgültigen Abschlüsse gelangt. Die deutschen Großgrundbesitzer betheiltgten sich an denselben nicht, so daß die vereinigten Candidatenlisten der Feudalen und der Ezechen glatt durchgingen; unter den gewählten parlamentarischen Vertretern des nichtfideicommtssartschen Großgrundbesitzes befindet sich auch Professor Bretz, der Schwiegersohn des altczechtschen Führers Dr. Rieger. Die Wahlen Des Großgrundbesitzes sichern den Altczechen die absolute Mehrheit auch im neuen böhmischen Landtage und da die Deutschen und die Prager Landstube wie­derum nicht erscheinen werden, so können die Altczechen ihre Majorität ihren jung- czechischen Brüdern um so fühlbarer machen.

Endlich, endlich sind die französischen Kammern nach Hause gegangen und hiermit hat jenseits der Vogesen eine Parlamentssession ihren Abschluß erhalten, die, was die Deputirtenkammer anbelangt, an peinlichen Zwischenfällen und scandalösen Auftritten ihres Gleichen suchte. In weiten Kreisen der Wählerschaft Frankreichs hat sich darum die bisherige Volksvertretung durch die fortgesetzten Scandalosa, welche ihre Verhandlungen von Anfang bis Ende durchzogen, ein nichts weniger als gutes An­denkengesichert" und es ist leicht möglich, daß der Ekel vieler Tausenden von Wählern an dem Treiben der bisherigen Kammer bei den herannahenden Neuwahlen durch ein eclatantes Votum für den alleinseligmachenden Boulangismus zum scharfen Ausdruck gelangt. Die boulangisttschen Agitatoren werden jedenfalls das Aeußerste thun, um ein derartiges Votum herbeizuführen und vielleicht werden sie hierzu auch die nun perfect gewordene Anklage gegen Bonlanger verwerthen. Dieselbe lautet auf ein versuchtes Attentat gegen das ElysSe, die Amtswohnung des Präsidenten der Republik, ferner auf Eomplott gegen die Regierung der Republik und auf Veruntreuungen, und sucht die Anklage diese Behauptungen durch eine Anzahl von Belegen zu stützen. Die gerichtliche Hauptverhandlung hierüber findet am 6. August statt, aber ob nun auch Boulanger vom Staatsgertchtshof verurtheilt oder aber freigesprochen werden mag in jedem Falle werden die Boulangisten aus dem Urtheile Capital für ihre Bestre­bungen schlagen.

Vom internationalen Pariser Socialisten-Congreffe ist noch wenig Neues zu berichten und sind seine Beschlüsse noch abzuwarten. Wie es heißt, würde der Congreß sich in erster Linie mit der Frage der internationalen Fabrikgesetzgebung beschäftigen. |

Die vielbezweifelte Rückkehr des König- Milan nach Belgrad soll nun doch I erfolgen. Der serbische Ex-Monarch gedenkt an diesem Freitag in Belgrad einzutreffen I

und wollen ihm der Ministerpräsident Gruic sowie ein Mitglied der Regentschaft bis zur Grenze entgegenfahren. Der Aufenthalt Milan's auf serbischem Boden ist auf 2 bis 3 Wochen in Aussicht genommen. Inzwischen wird aus Bukarest gemeldet, daß man daselbst dem Besuche der Königin Natalie entgegen sehe, welche binnen Kurzem aus Rußland in Jassy eintreffen werde. Sollte die geschiedene Gemahlin Milan's vielleicht auch einen Abstecher nach Belgrad beabsichtigen?

Bei der im Wahlkreise Halberstadt Oschersleben stattgefundenen ErsatzwahL zum Reichstage erhielten bis jetzt Stadtrath Weber (nat.-lib.) 2382, Bürstenfabrikant Dahler (Soc.) 2355, Bürgermeister a. D. John-Osterwieck (cons.) 1888 und Ritter­gutsbesitzer Rohland (frets.) 846 Stimmen. Voraussichtlich wird sich eine engere Wahl zwischen Weber und John erforderlich machen.

Berlin, 16. Juli. Die gegenwärtige Preissteigerung des Zuckers, welche namentlich von den Kleinconsurnenten als eine nicht unerhebliche Mehrbelastung des Haushaltsbudgets schmerzlich empfunden wird, hängt auf's Engste zusammen mit den Ausschreitungen des Termtnhandels, dieser wirtschaftlich ebenso ungesunden als vom Standpunkte des reellen Geschäftsbetriebes zweifelhaftenErrungenschaft" der modernen Spekulation. Ein Hamburger Börsenblatt, dessen Zeugntß in dieser Sache gewiß als klassisch gelten darf, bricht über die Ausschreitungen der Terminspekulationen mit aller Entschiedenheit den Stab, indem es schreibt:

Für den Kaufmannsstand in seiner Gesammtheit ist es eine wahre Calamität und nichts weniger als ehrenvoll, daß immer wieder von Neuem bald in dem einen, bald in dem anderen Artikel, heute in Kaffee, morgen in Zucker, derartige Gewalt­operationen versucht werden, welche die Gegenpartei bis auf's Hemd ausziehen sollen, während sie in den weitaus meisten Fällen, und zwar gerechter Weise, zum eigenen Ruin gereichen. Wir treten stets für die Freiheit des Verkehrs ein, was sich aber im Waarenhandel jetzt in rascher Aufeinanderfolge abspielt, hat nichts mit der Verkehrs- freiheit zu thun, sondern ist die unverhüllteste Zügellosigkeit! Es ist durchaus nicht nöthig, daß der an sich völlig berechtigte Terminverkehr zu derartigen Aus­schreitungen führe."

Ans dem Reichsland, 15. Juli. Als erfreulich ist die wiederum bei der diesjährigen Musterung heroorgetretene Thatsache zu melden, daß die Zahl der wider­spenstigen Heerespflichttgen fortwährend in der Abnahme begriffen ist. Einestheils wirkt dabei mit die sich immer mehr befestigende Erkenntniß, daß der Dienst in der deutschen Armee ganz angenehm und keineswegs so schrecklich ist, als es Jahre lang allgemein geylaubt wurde; das Einzige, worüber man die Soldaten aus Elsaß- Lothringen sich noch beschweren hört, ist das Commißbrod, an welches sie sich gar nicht gewöhnen können, da hier lediglich Weizenbrod gegessen wird. Anderntheils übt der Umstand eine günstige Wirkung aus, daß der Zuzug nach Frankreich in den letzten Jahren erheblich in's Stocken geraihen ist. Namentlich der Eintritt in die französische Fremdenlegion hat nachgelassen, seitdem der größte Theil derselben in Tongking steht und unausgesetzt von dort Klagen hierher gelangen über das jammervolle Dasein da­selbst. Auch die zahlreich einlaufenden Todtenscheine haben den Leuten die Augen geöffnet. Was den einjährig - freiwilligen Dienst anlangt, so sieht die Zahl der als Einjährige dienenden Elsaß-Lothringer noch bedeutend hinter dem Durchschnitt in Alt- deutschland zurück. Nur das Unter-Elsaß hat bereits einen annähernd normalen Stand erreicht. Im Ober-Elsaß und Lothringen wandern die jungen Leute der wohlhabenden. Klassen immer noch vor vollendetem 17. Lebensjahre zahlreich nach Frankreich aus. In manchen Fällen geht übrigens auch die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst deßhalb verloren, weil die Betheiligten aus Unkenntniß der einschlägigen Bestimmungen sich rechtzeitig zu melden versäumen.

Eine Aenderung des Schulgesetzes vom 18. April 1871 steht nach der Kölnischen Zeitung" in den Reichslanden in der Weise bevor, daß der Schulzwang für die Mädchen sich nicht blos wie bisher bis zum 13., sondern bis zum 14. Lebens­jahre erstreckt. Die Gleichstellung des Reichslandes mit Altdeutschland in Bezug aus Schulpflicht sei schon deßhalb nothwendig, um dem Mißbrauche vorzubeugen, daß alt­deutsche Eltern ihre Mädchen nach Elsaß-Lothringen schicken, damit sie ein Jahr früher schulfrei werden. (F. I.)

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Correspondenz-Brrreark

Karlsruhe, 17. Juli. Beim Erbgroßherzog war gestern die Fieberhöhe Schwankungen unterworfen. Die Nacht war gut, heute ist das Fieber geringer, die Entzündung vermindert, die Respiration frei.

Paris, 17. Juli. Die Regierung hat den Seine-Präfekten Ponbelle beauf­tragt, sich nach Magdeburg zu begeben, um die Gebeine Carnot's überzuführen. Mit