Ausgabe 
18.12.1889 Erstes Blatt
 
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Nr. 295. Erstes Blatt Mittwoch den 18. Dcccmber 1889.

Der

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Die Gießener

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Gießener Anzeiger

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Getreu ihrem bewährten Princip wird die Redaction eS sich stets angelegen sein lassen, keine Parteipolitik zu treiben, sondern nur stets referirend die Tagesereignisse zur Slcnntnife der Leser zu bringen. Unterstützt von bewährten Corrcspondenten in allen Theilen des engeren Vaterlandes, wird derAnzeiger" auch für die Folge bestrebt sein, in knapper Kürze alleö das zu bieten, was seinen zahlreichen Lesern von Interesse und von Nutzen sein dürfte. Auswärtige Leser bitten wir bei der Post ihre Bestellung vor dem 28. d. M. aufgeben zu wollen, damit die Nachgebühr von 10 Pfg. weg- sällt, welche die Post für alle die Bestellungen erhebt, welche nach obigem Datum ausgegeben werden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, falls keine ausdrückliche Ab­bestellung erfolgt, denAnzeiger" auch für die Folge weiter senden und den Betrag hierfür durch Quittung erheben lassen. Neuhinzutretende Leser erhalten den Anzeiger vom Tage der Bestellung bis Ende dieses Monats umsonst zugestellt.

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politische Neversicht.

Gießen, 17. December.

Der erlauchte österreichische Gast unseres Kaiserhauses, Erzherzog Franz Ferdinand, reiste am Montag früh mit seiner Begleitung wieder von Bersin ab, um sich nach Wien zurück­zubegeben.

Am 1. April 1890, dem Zeitpunkte, zu welchem die Aufstellung der beiden neuen preußisch-deutschen Armeecorps

(16. und 17.) zum Abschluß gelangt sein wird, werden neben den hierdurch bedingten Veränderungen in den höheren Graden des preußischen Offiziercorps auch erhebliche Verabschiedungen in der Generalität eintreten. Dieselben dürften, demBer­liner Tageblatt" zufolge, besonders die Divisionscommandeure betreffen und nennt man da bereits eine Reihe von Namen, deren Veröffentlichung indessen noch nicht zeitgemäß erscheint. Eine Qiebcre Frage beschäftigt aus demselben Gebiete die interessirten Kreise lebhaft. Als die vierten Bataillone am 1. April 1887 in's Leben traten, wurde der Stand der Offiziere der betreffenden Regimenter aus der Armee ergänzt. Es war nun die Frage, ob die neuen fünf Infanterie-Regi­menter ihre Osfiziercorps wiederum aus der Armee erhalten oder nur aus den Regimentern mit den vierten Bataillonen einfach durch Versetzung der am 1. April 1890 bei jenen vierten Bataillonen stehenden Offiziere. Wie nun dasB. T." hört, wird weder das Eine, noch das Andere eintreten, sondern ein aus beiden gemischtes Verfahren. Danach werden in den Graden der Bataillonscommandeure, Hauptleute und Premierlieutenants die vierten Bataillone grundsätzlich ganz zu den neuen Regimentern verwendet werden, während man bei den Regimentscommandeuren und etatsmäßigen Stabs- osfizieren aus andere Truppentheile zurückgreift und bei den Seconde-Lieutenants sich nicht grundsätzlich an den Bestand derselben bei den vierten Bataillonen bindet. Aehnlich wird das Verhältniß bei der Aufstellung der vier neuen Feld- Artillerie-Regimenter sein.

Das Ministerium Tirard hat eine erste Abstimmungsprobe in der neuen französischen Deputirtenkammcr glücklich über­standen. Zu dieser parlamentarischen Feuerprobe gestaltete sich am Samstag die Berathung und Abstimmung über öie geheimen Fonds für das Ministerium des Innern. Von einem Theile der Radicalen und von den Boulangisten wurden die geheimen Fonds scharf bekämpft, während von den ge­mäßigten Republikanern die Nothwendigkeit der geheimen Fonds dargelegt wurde, was zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Boulangisten und Opportunisten führte. Constans selbst, der Minister des Innern, hielt zu Gunsten der be­treffenden Forderungen eine glänzende Rede und erklärte er, zurücktrelen zu müssen, wenn die Kammer den Credit ablehnen sollte. Schließlich ging die Kammer zur Berathung der ein­zelne Artikel der Creditvorlage über und genehmigte sie mit großer Mehrheit, worauf die Kammer die Vorlage dieselbe verlangt für die geheimen Fonds 1 600 000 Frcs. im Ganzen mit 290 gegen 192 Stimmen genehmigte. Es bedeutet dieses Ergebniß ein entschiedenes Vertrauensvotum der republikanischen Kammermehrheit nicht nur für Herrn Constans, sondern auch für das gesammte Ministerium Tirard und letzteres kann demnach seine Stellung in der neuen Volks­vertretung bis auf Weiteres als gesichert betrachten.

Zn weiten Bevölkerungskreisen Oesterreichs hat das Hm- scheiden des Cardinals Dr. Ganglbauer, Erzbischoss von Wien, schmerzliche Theilnahme hervorgerufen.? Cardinal Ganglbauer, welcher sein hohes Amt noch nicht allzu lange bekleidete, war ein milder und von den tolerantesten Gesinnungen beseelter Kirchenfürst, der auch in politischer Beziehung keineswegs auf entschieden ultramontanem Standpunkte stand, sondern zu liberalen Anschauungen neigte. Die feierliche Beisetzung der Leiche des Verewigten findet diesen Mittwoch Nachmittag statt, nachdem der päpstliche Nuntius, Monsignore Galimbcrti, die Leiche eingesegnet haben wird.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Corrcspondenz-Bureau.

Berlin, 16. December. DieNordd. Allg. Ztg." be­zeichnet den Bericht der DortmunderTremonia" über die Freitagsconserenz unter Vorsitz des Oberpräsidenten Studt als den Vorgängen nicht entsprechend. Der Ober­präsident, erklärt das Blatt, verhieß thatsächlich nur sorg­fältige Prüfung des Gesuchs um Erwirkung der Begnadigung für die anläßlich des letzten Strikes verurtheilten Berg­arbeiter, sowie um Rückzahlung der verwirkten Antheile an den Knappschaftsgeldern, machte dagegen keine außerhalb seiner Competenz liegenden Versprechungen. Namentlich sei die Angabe unrichtig, der Oberpräsident habe eine Begründung des Amnestiegesuchs den Delegirten zur Unterzeichnung vor­gelegt.

Berliu, 16. December. DerPost" zusolgc hatte der Oberpräsident v. Berlepsch ursprünglich es abgelehnt, die Delegirten des Bergarbeiterausschusses zu empfangen, weil er von ihrem Anliegen bereits unterrichtet sei, indessen sei vom Kaiser directer Befehl an den Oberpräsidenten ergangen, die Arbeiter zu empfangen und ihr Anliegen ent­gegenzunehmen.

Coblenz, 16. December. Nach von amtlicher Stelle ein- gegangenen Nachrichten sind derCoblenzer Zeitung" zufolge die Belegschaften von neun Bergwerken vollzählig an ge­fahren. Dagegen striken größtentheils die Belegschaften von Sulzbach, Altenwald, Camphausen, Dudweiler und einigen anderen.

Saarbrücken, 16. December. Die Belegschaften der Gruben Reden, Jtzenplitz, König, Heinitz, Dechen, Kohlwald, Schwalbach sind vollständig angefahren - Dudweiler, Camp­hausen und Sulzbach striken größtentheils, Iägersfreude zu einem Viertel.

Saarbrücken, 16. December. Ferner sind angefahren die Belegschaften der GrubenMaybach",Kreuzgräben",Fried- richsthal" undLouisenthal" - dagegen strikt die Belegschaft vonAltenwald" größtentheils.

Feuilleton.

Wie seine Schwiegermutter die Weihnachtsfeiertage verbrachte.

Von Helene Stokl. fNaLdruck verboten.)

(Schluß.)

Nach einer Stunde peinvollen Harrens kam die Reihe an sie. Der Sicherheitsbeamte berichtete seinem Vorgesetzten, Frau von Brandt suchte sich zu rechtfertigen.

Was haben Sie da in dem Köfferchen?" fragte der Commissar, nachdem er beide schweigend angehört.

In dem Köfferchen?" stotterte sie verwirrt. Es fiel ihr Plötzlich schwer aus's Herz, daß die darin enthaltenen Gegenstände vielleicht gegen sie sprechen könnten.Nichts als Geschenke."

Geschenke? Wohlfeil gekaufte vermuthlich. Lassen Sie sehen! Ah, eine Herrenbrieftasche!"

Für meinen Schwiegersohn."

Der Beamte musterte den Inhalt.Haben Sie die Banknoten darin auch gleich mitgekauft?"

Das Geld ist ebenfalls ein Geschenk für meinen Schwieger­sohn."

Genau 195 Mark 75 Pfennige? Hm! Das Collier hier?"

Ist für meine Tochter."

Natürlich ! Und' dieser Ring?"

Für meinen Enkel."

Wie alt ist Ihr Enkel?"

Dreizehn Monate."

Dann dürfte der Ring doch noch zu weit fiir ihn sein. Wo haben Sie die Schmucksachen gekauft?"

Hier in S."

In welchem Geschäft?"

Sie stockte. Den Namen des Juweliers hatte sie sich nicht gemerkt.Ich weiß nicht," sagte sie verwirrt.

Das dachte ich mir. Kennen Sie hier in G. irgend Jemand, aus den Sie sich berufen können?"

Sie dachte nach. Sie war schon oft in G. gewesen, aber immer nur auf der Durchreise. Auch in dem Hotel, in dem sie die Nacht zugebracht hatte, war sie nicht bekannt.

Nein, sie wußte Niemand.Ich will meinem Schwieger­sohn telegraphiren."

Womit wollen Sie das Telegramm bezahlen?"

Mit meinem Gelde natürlich."

Heber das bei Ihnen vorgefundene, allem Anschein nach gestohlene Geld steht Ihnen keine Verfügung zu."

Sie rang nach Fassung.So bitte ich amtlich nach S. oder P. zu telegraphiren, ich bin an beiden Orten be­kannt."

Das wird jedenfalls geschehen, für heute aber ist es zu spät."

Und morgen?" stammelte sie.

Sie werden es sich schon bis nach den Feiertagen bei uns gefallen lassen müssen."

Sie starrte ihn entsetzt an.Ich kann doch nicht die ganzen Weihnachtsfeierlage hier verbringen!"

Wenn Sie dies nicht wollen, hätten Sie eben am hei­ligen Abend nicht stehlen dürfen."

Er winkte einem Amtsdiener.Bringen Sie die Dame in Gewahrsam. Nr. 120."

Frau von Brandt gab den Widerstand auf. Sie sah, daß das Verhängniß stärker war als sie. Sie erwiderte nichts mehr. Lautlos folgte sie dem Schließer in die Zelle, die er für sie ausfchloß. Dort sank sie halb ohnmächtig auf den hölzernen Sessel nieder.

So, nein wahrlich, so hatte sie die Weihnachtsfeiertage nicht zuzubringen gedacht.

Wahrend Frau von Brandt sich in dieser wenig benei­denswerten Lage befand, hatte ihr Schwiegersohn genug zu thun, um seine kleine Frau über das Ausbleiben ihrer Mutter zu beruhigen.

Der armen Mama ist ein Unglück zugestoßen," jam­merte Lucie.

Warum nicht gar! Sie hat des Schnees wegen nicht kommen können. Der Frühzug von S. ist heute nicht ein­getroffen."

Dann ist sie aus irgend einer kleinen Station einge­schneit."

Bewahre! Eine so kluge Frau wie Deine Mutter schneit nicht ein. Sie sitzt entweder ruhig zu Hause ober wartet in G., bis die Bahn frei ist, und kommt morgen früh. Jetzt aber, Frauchen, denk' an Deine Gäste."

Das rhat Frau Lucie denn auch, und mochte nun die fröhliche Gesellschaft, die vorzügliche Bowle ihres Gatten ober ihre eigene gelungene Bewirthung, die ihr das allseitigste Lob eintrug, die Ursache davon sein, sie verbrachte den Abend in so angeregter Stimmung, daß ihr die arme Mama auch nicht einmal einfiel.

Um so mehr beunruhigte sie das Schicksal derselben am nächsten Morgen. Aber die Strecke von S. nach G. war noch immer nicht frei. So ließ Lucie sich überreden, den Abend bei Börners zuzubringen- sie that dies um so lieber, als es ihr ein echt frauenhaftes Vergnügen machte, das Zu­nehmen der zarten Beziehungen zwischen Thorer und der jüngsten Schwägerin die ältere ließ sich von Schütt um­schwärmen zu beobachten.

Sehr befriedigt von der Gesellschaft im Allgemeinen und- von ihren Beobachtungen im Besonderen, sie hatte beut