Nr. 294.
Dienstag den 17. December
1889.
Der fU|e*ct Anzeiger erscheint täglich, Bitt Ausnahme deS MontagS.
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Gießener Anzeiger
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Neichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert, pro Monat November für den Lieferungsverband Gießen pro 100 kg betragen;
Hafer JL 16.—, Heu JL 7.90, Stroh JL 6.80.
Gießen, den 14. December 1889.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
politische Ueversicht.
Gießen, 16. December.
Die Weihnachtspause des Reichstages bedingt and) eine gewisse Ruhe in der Behandlung der schwebenden Tagessragen und mit dem weiteren Herannahen des Weihnachtsfestes dürfte die Vertagung des Reichstages diesen ihren Einstuß immer stärker geltend machen. Um so schärfer hebt sich jetzt die abermalige bedrohliche Zuspitzung der Bergarbeiter-Bewegung im westlichen Deutschland von den übrigen Tagesbegebenhelten ab. Im Gegensatz zu der in den westfälischen Kohlenrevieren wieder eingetretenen Beruhigung der Gemüther ist die auch unter den Bergleuten des Saarrevieres herrschende Gährung durch Proclamirung eines immer weiter um sich greifenden Strikes zum Ausbruche gekommen. Auch bei der Bewegung im Saargebiete bildet die Maßregelung einzelner Arbeiter durch die Zechenverwaltungen den Hauptgrund der Unzufriedenheit unter den Bergleuten, doch spielen auch andere Fragen in die Bewegung hinein. Von einer Vermittelung der staatlichen Behörden zur Beschwichtigung der Bergarbeiter, wie solche gegenüber der Bewegung in Westsalen mit Erfolg angcwcndet wurde, ist bislang aus dem Saargebiet noch nichts gemeldet worden und erscheint dies in Anbetracht des Umstandes, daß hier die meisten Kohlengruben dem Staate gehören, einigermaßen auffällig. Hoffentlich wird es aber nun die Regierung auch gegenüber den Bergleuten an der Saar an freundlichem Entgegenkommen nicht fehlen lassen, denn daß mit Hinweisen auf die Strafbarkeit einer sofortigen Arbeitsniederlegung bei den erregten Leuten nicht viel auSzurichten ist, dürste doch auch in Regierungskreisen klar sein.
Die über das Befinden 6min Pascha» Ende voriger Woche eingegangenen Nachrichten klingen leider etwas ungünstiger als die vorher eingelaufcnen Meldungen. Emin hat namentlich Hustenanfälle, die ihn sehr erschöpfen, auch kann er in-
solge von Schwierigkeiten beim Schlucken keine feste Nahrung zu sich nehmen. Jedenfalls kann da von einer demnächstigen Uebersiedelung Emins von Bagamoyo nach Zanzibar noch keine Rede sein.
Das österreichische Abgeordnetenhaus hat am vorigen Freitag dem Ministerium Taaffe das provisorische Budget mit 131 gegen 88 Stimmen nach lebhaften und theilweisc einen hochpolitischen Charakter tragenden Debatten bewilligt. In längerer Rede suchte Ministerpräsident Graf Taaffe die innere Politik Oesterreichs gegenüber den scharfen Angriffen des Abgeordneten Plener, des greisen Führers der Deutschböhmen, zu rechtfertigen, speciell in Bezug auf die Verhältnisse in Böhmen. Die langschweifigen Ausführungen Graf Taaffes lassen sich dahin zusammenfassen, daß die Regierung niemals den Parteien Concessionen gemacht und immer nur das eine Ziel der Verwirklichung der Gleichberechtigung der Nationalitäten im Auge gehabt habe- sie handele nie auS Parteirücksichten, indeß die Opposition oft parteiisch sei. Zum Schlüsse erklärt der Minister, er werde sich durch nichts von dem mit Hilfe der Majorität bisher verfolgten Wege abbringen lassen, dieser aber solle zum Ausgleiche zwischen den Nationalitäten in Böhmen führen und bei gegenseitiger Mäßigung, sowie der jederzeit hierzu §u habenden Mitwirkung der Negierung werde das genannte Ziel nicht unerreichbar sein- natürlich spendete die Rechte den Worten des Ministers großen Beifall. Es soll also in Oesterreich nach dem Taaffe'schen Versöhnungsrecepte weiter gewirthschaftet werden, wohin aber dasselbe führt, das zeigen die nachgerade unhaltbar gewordenen Nationalitätsverhältnisse in Böhmen zur Genüge!
Der Ausstand der Londoner Gasarbeiter scheint wider Erwarten ungünstig für dieselben verlausen zu wollen. Die Polizei schützt die von der South Metropolitan-Gesellschaft als Ersatz für die Strikenden eingestellten Arbeiter kräftig und hält zugleich alle Zugänge zu den Gaswerken besetzt, so daß im Betriebe derselben noch keine Störungen eingetreten sind. Die Strikenden zeigen sich infolgedessen sehr erbittert und nehmen sie eine äußerst drohende Stellung ein, in einzelnen Londoner Stadttheilen kam es bereits zu Ausschreitungen seitens der ausständischen Gasarbeiter, womit dieselben ihrer Sache aber freilich nur schaden.
Petersburger Privatnachrichten zufolge sind im Petersburger Osfizierscorps abermals nihilistische Umtriebe entdeckt worden. Es wurden ein Artillerie- und ein Marine-Offizier verhaftet und verlautet gerüchtweise, die verhafteten Offiziere hätten Verbindungen mit einem nihilistischen Comite unterhalten, das vor einiger Zeit Constantinopel als seinen Standort wählte und von dort aus agitirte.
Deutscher Reich.
Berlin, 14. December. Wegen Veranstaltung einer Weltausstellung zu Berlin haben neuerdings wiederholt vertrauliche Verhandlungen stattgesunden- man will sich aber so lange nicht öffentlich engagiren, als nicht auf eine Unterstützung der Regierung zu rechnen ist.
Berlin, 14. December. Die Unterdrückung de» Deutsch thurns in den baltischen Provinzen Rußlands nimmt ihren Verlaus mit solck)en tragisck)en Folgen, wie sie in derartigen Fällen für den Einzelnen nicht ausblciben. Durch die sogen. Justizreform ist eine große Anzahl von den besten, tüchtigsten und — anständigsten Juristen brodlos geworden. Wie der Ersatz für dieselben beschaffen ist, zeigt nachstehender Fall: Ein aus Rußland nach den baltischen Provinzen versetzter hoher Gerichtsbeamter erklärte auf eine Aeußerung, daß ihm die Eingewöhnung in die fremdartigen Rechtsverhältnisse wohl schwer werden dürfte: er habe sich bereits angelegentlich mit dem Studium des Code Napoleon beschäftigt. Der brave Mann wußte nicht einmal, daß der Code wohl in polnischen Gebietsteilen, aber nicht in den deutschen Ostscebezirken Rußlands gilt! Und mit der Zertrümmerung des Rechts geht Hand in Hand die Zertrümmerung der Gemeindeverfassung. Am 9. d. M. sollten die Schlußsitzungen des deutschen Hosgerichtö und des Raths stattfinden und um 1 Uhr in der Jakobi-, um 2 Uhr in der Petrikirche ein feierlicher liturgischer Gottesdienst. Es sind dies die ältesten protestantischen Kirchen der Stadt. Fast sämmtliche deutsche Beamte beabsichtigen den beiden Gottesdiensten bei zuwohnen. Der Riga'sche Rath hat seit 1202, also 687 Jahre bestanden, das Hofgericht seit 250 Jahren.
Oppeln, 12. December. Infolge Ausbruchs der C h o l e ra unter dem Geflügel hat der Regierungspräsident Dr. v. Bitter die Einfuhr von Gänsen aus Galizien nach dem Regierungsbezirk Oppeln lediglich auf die Eisenbahn beschränkt.
Springe, 14. December. Se. Majestät der Kaiser fuhr heute früh 8i/2 Uhr bei frischem Wetter mit seinen Jadgästen vom Jagdschlösse weg. In dem ersten Treiben, eine Suche mit der Findermeute auf Sauen, erlegte Se. Majestät 32 Stück. Nach dem Frühstück im Jagdzelt begann ein zweites Treiben, ein eingestelltes Jagen auf Sauen, Rothund Damwild.
Dortmund, 14. December. Gestern fand hier eine Conferenz der Landräthe des Ober-Bergamtsbezirks Dortmund statt, unter Vorsitz deS Oberpräsidenten der Provinz Westfalen, von Studt. Später erschienen die Bergarbeiterführer Schröder und Bunte, welche der Oberpräsident ermahnte, bei ihren Kameraden für den Frieden einzutreten, an dem nöthigen Entgegenkommen würden es die Behörden
Wie seine Schwiegermutter dir Deihnachtrserertage verbrachte.
Bon Helene 61511. Hochdruck verboten.!
(Fortsetzung.)
Während in P. ihrer Ankunft mit so gemischten Gefühlen rntgegengesehen wurde, hatte Frau von Brandt ihre Reisevorbereitungen mit gewohnter Ruhe und Umsicht getroffen.
Sie hatte sich ihrem Schwiegersohn gegenüber nicht mit Unrecht auf ihre Reiseklugheit Berufen. Wenn daS Reisen eine Kunst ist, die gelernt werden muß wie jede andere, so hatte sie es darin unstreitig zu einer Art von Virtuosität gebracht.
Schon ihr Anzug verrieth dies. Bon den festen, pelzgefütterten Stieselchen an bis zu der weich anschmiegenden, kleidsamen Kopfumhüllung entsprach jedes Stück derselben ebensosehr den Bedürfnissen der Winterreise als den Forderungen der Eleganz und Respectabilität, auf welche Frau von Brandt große Stücke hielt.
Eine besondere Specialität ihrer Reiseklugheit, auf die Frau von Brandt sich viel zu gute that, bestand in der tiefen, festen Tasche des Reisekleides, welches so geschickt unter den galten verborgen war, daß sie für eine fremde Hand nicht leicht auszufinden war. Die Tasche war so geräumig, daß sich neben einem großen Portemonnaie für das Kleingeld (sie setzte ihren Stolz darein, nie eins der unbrauchbaren Miniatnr-Damengeldtäschchen, sondern stets ein solides, praktisches Herrenportemonnaie zu benutzen) und einem zweiten für größere Banknoten, noch bequem Platz für zwei Taschentücher darin fanden, das eine für den directen Gebrauch, daS «ndere, ein großes seidenes Foulardtuch ihres seligen Gatten, bestimmt, als Kops- oder Halstuch, eventuell auch als Serviette sder Handtuch zu dienen.
In der Hand (ihr größeres Gepäck hatte sie vorausgeschickt) trug sie nichts als ein kleines, festes Lederköfferchen, das außer einigen nöthigen Dingen für die Nacht nur die Geschenke für ihre Kinder ausnehmen sollte, die sie auf der Durchreise in G. kaufen wollte.
Sie hatte die Reise schon am Tage vor dem heiligen Abend angetreten und die Nacht in G. zugebracht. Es war viel Schnee gefallen, sie hörte im Hotel, daß die Züge von S. auS nicht mehr angekommen wären - aber das beunruhigte sie nicht. Für die kurze Strecke nach P. in daS offene Land hinaus hatte sie keine Verwehung zu befürchten. Da der Zug dorthin erst am Nachmittag abging, blieb ihr bequem Zeit, ihre Einkäufe ganz nach Wunsch zu besorgen.
Für den Schwiegersohn wählte sie eine Brieftasche aus, so ähnlich der von ihm verlorenen, al5 sie dieselbe nur finden konnte, und auch genau den Inhalt der verlorenen, 195 M. 75 Pfg., legte sie hinein. Ihr Schwiegersohn sollte sehen, daß es nicht der Verlust des Geldes an sich war, der sie seine Fahrlässigkeit so scharf beurtheilen ließ.
Für die Tochter hatte sie einen modernen Schmuck gekauft und für ihr einjähriges Enkelsöhnchen einen Siegelring. Jetzt hätte dieser dem spannenlangen Bübchen freilich bequem als Armband dienen können- wenn es aber herangewachsen war, dann konnte es ihn am Finger tragen und sich dabei seiner Großmutter erinnern. Sie hatte die beiden letzten Sachen in einem Laden gekauft, der ihr durch seine Eleganz ausgefallen war, ohne daß sie sich um die Firma gekümmert hätte Sie liebte eS nicht, ihre Einkäufe in Winkelläden zu machen, da sie der Ansicht war, daß die Vertheuerung der Maaren durch die hohe Regie in eleganten Läden durch den regen Absatz gewöhnlich mehr als ausgeglichen werde.
Sie hatte gut zu Mittag gespeist und stand jetzt sehr zufrieden mit sich und der Welt an der Kasse des Bahnhofs,
um ihr Billet nach P. zu lösen. Es war zwei Uhr vorüber, um fünf Uhr kam sie in P. an, gerade zur rechten Zeit, um den Weihnachtsabend behaglich mit ihren Kindern zu feiern.
Sie steckte das Geld, das der Kassirer ihr herausgab, in das Portemonnaie und dieses in die Tasche, dann trat sie einen Schritt zur Seite, um das gelöste Billet in den Ausschnitt ihres linken Handschuhs zu stecken, wie es ihre praktische Gewohnheit war.
Nach ihr war ein kleiner, dicker Herr an den Schalter getreten. Er hatte eine Anzahl Banknoten vor sich auSg,- breitet und unterhandelte, den Kopf tief zum Kassirer gebückt, eifrig mit diesem seines Billets wegen.
So, jetzt war das Billet sicher geborgen! Sie blickte noch einmal zurück, ehe sie sich zum Gehen wandte. Erschrocken fuhr sie zusammen. Lag dort nicht ihr Portemonnaie noch auf dem Schalterbrett? Wie hatte sie das nur vergessen können! Der Gedanke, was ihr Schwiegersohn wohl zu ihrer Unvorsichtigkeit gesagt haben würde, fuhr ihr durch den Stopf. Erröthend und unsicher streckte sie die Hand aus und steckte das Portemonnaie ein.
Es läutete zur Abfahrt. Langsam ließ sie sich von dem Gedränge zur Perronthür sortschieben. Da hörte sie plötzlich erregte Stimmen hinter sich. „Da ist sie!" — „Haltet sie auf!" — „Das ist die Taschendiebin!"
Eben wollte sie sich umsehen, da legte sich eine schwere Hand auf ihre Schulter. „Bitte, Madame, mit mir auf die Seite zu treten." Sie zuckte erschrocken zusammen. Ein Sicherheitsbeamter stand neben ihr. „Ist das die Dame?" wandte er sich an einen Herrn, in dem Frau von Brandt sofort ihren Nachbar am Schalter erkannte.
„Gewiß, gewiß! Da ist kein Jrrthum möglich ! Sie muß da» Portemonnaie haben."


