Ausgabe 
17.11.1889 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 269. Zweites Blatt. Sonntag den 17. November

1889.

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Aamikienv kälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Kießmer Anzeiger

Vierteljähriger ASonnemeutspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

General-Mrzeiger.

Schukckrahe Sr.7.

Fernsprecher 51.

Aints- und Zlnzeigeblntt föt den t!vei- Gieszen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Gratisbeilage: Gießener Kamikienblätter.

Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Fernsprechwesen im Keichspostyebiet:

lieber den Umfang des Fernsprechwesens im Reichspost­gebiet sind der Budgeteommission des Reichstags die nach­stehenden Zahlenangaben gemacht worden. Dieselben betreffen den Stand vom 31. März d. I. Inzwischen hat sich be­kanntlich das Fernsprechnetz noch etwas erweitert.

Fernsprechbetrieb zum Anschluß der Vanborte an das all­gemeine Telegraphennetz besteht in 4680 Orten mit 31,590

Kilometer Leitungen.

Stadt Fernsprecheinrichtungen

bestehen in

1 i 6 Orten

mit 33,460 Sprechstellen, 48,829 Km. Leitung

im Betriebe -

486,636 Gespräche täglich.

Sprechstellen

Km. Leitung

Gespräche

Darunter Berlin 9534

im Betriebe 16,542

täglich 187,371

Hamburg 3574

4,429

80,181

Dresden 1566

2,625

29,949

Leipzig 1235

1,488

25,476

Die Zahl der Anlagen zur

Verbindung

verschiedener

Stadt-Fernsprecheinrichtungen mit einander beträgt 169 mit

10,741 Km. Leitung- 28,167 Gespräche

täglich.

Kilometer Leitung

Gespräche täglich

Darunter Berlin-Hamburg

290,8

213

Berlin-Braunschweig-Hannover

328,6

27

Berlin-Magdeburg

177,6

41

Berlin-Stettin

179,5

25

Berlin-Halle

165,0

18

Berlin-Dessau

141,9

5

Berlin-Leipzig

172,0

60

Berlin-Breslau

348,9

99

Berlin-Dresden

232,9

77

Bremen-Bremerhaven

68,7

292

Breslau-Beuthen (Ob.-Schles.)

228,5

24

Köln (Nhein)-Bonn

26,3

235

Franksurt (Main)-Mannheim

86,2

129

Hamburg-Lübeck

66,5

362

Hamburg-Bremen

151,0

43

Hamburg-Kiel

95,9

26

Kiel-Flensburg Leipzig-Meerane bezw. sächsische

122,2

13

Jndustrieorte

65,0

51

Ferner bestehen Fernsprech-Anlagen

in Jndustriebezirken

und zwar im Oberschlesischen Jndustriebezirk. Hauptorte: Beuthen, Königshütte, Gleiwitz, Kctttvwitz, Tarnowitz. 194 Sprechstellen, 737 Km. Anschlußleitungen, 474 Km. Verbin­dungsleitungen, 2410 Gespräche täglich.

Im rheinischen Seidenbezirk. Hauptorte: Creseld, Lvbberich, Viersen, Dülken, Uerdingen, München-Gladbach und Rheydt. 777 Sprechstellen, 964 Km. Anschluß­

leitungen, 172 Km. Verbindungsleitnngen, 11,158 Gespräche täglich in Verbindung mit der Fernsprechanlage Barmen- Elberfeld-Vangenberg. 673 Sprechstellen, 920 Km. Anschluß- leitnngen, 142 Km. Verbindungsleitnngen, 13,194 Gespräche täglich.

Im niederrheinisch-westfälischen Jndustriebezirk. Haupt­orte: Duisburg, Ruhrort, Oberhausen, Mühlheim (Ruhr), Essen (Ruhr), Bochum, Dortmund und Hagen (Wests.) 783 Sprechstellen, 3071 Anschlußleitungen, 1369 Km. Verbin­dungsleitungen, 14,201 Gespräche täglich.

Im bergischen Jndustriebezirk. Hauptorte: Vennep, Remscheid, Ronsdorf und Solingen. 100 Sprechstellen, 108 Km. Anschlußleitungen, 102 Km. Verbindungsleitungen, 626 Gespräche täglich, in Verbindung mit der Fernsprechanlage Elberfeld-Barmen-Langenberg.

Für das Etatsjahr 1889/90 sind genehmigt bezw. in Aussicht genommen: a) 18 Stadt-Fernsprecheinrichtungen und b) 16 Verbindungsanlagen.

Die Gesammt-Herstellungskosten der Stadt-Fernsprech­anlagen betragen 15,962,429 Mk., die der Verbindungs- anlagen 1,418,707 Mk., also zusammen 17,381,146 Mk. Im Fernsprech-Betriebsdienst sind beschäftigt: insgesammt 1111 Beamte, darunter in Berlin 424, und in Hamburg 164.

Locales unb provinzielles.

Gießen, 16. November.

Sitzung der Stadtverordneten am 14. November. An­wesend : Herr Bürgermeister Gnauth, Herren Beigeordneten Keller und Vangsdorff, Seitens der Stadtverordneten die Herren Georgi, Grüneberg, Dr. Gutfleisch, Hoch, Hornberger, Jughardt, Petri, Dr. Ploch, Scheel, Schopbach, Simon und Vogt. Nach Vollzug der Einführung und Verpflichtung des Herrn Beigeordneten Vangsdorff (s. vor. Nr. d. Bl.) machte Herr Bürgermeister Gnauth Mittheilung von dem Eingänge einer Einladung der Bürgergesellschaft zu deren am 16. d. M. stattfindenden 25jährigen Stiftungsfeste. Von der Freifrau von Adelsheim in Wachbach, geb. Freiin v. Schertel-Burtenberg, ist der Bürgermeisterei ein Band Giesische gemeinnützige Anzeigen" aus dem Jahre 1765, nach Angabe d?s Herrn Bürgermeisters der 2. Jahrgang dieses Blattes, geschenkweise übermittelt worden. Der Herr Bürgermeister wird ermächtigt, für dieses Geschenk, welches eine werthvolle Ergänzung des Bürgermeisterei-Archivs bilden wird, der Spenderin den Dank der Stadt auszusprechen.*)

*) Wir sind ebenfalls im Besitze dieses Zeitungsjahrganges; derselbe trägt den Titel:Giesische wöchentlich-gemeinnützige Anzeigen und Nachrichten vom J^lb e 17*5. Horat. Et prodesee volunt 4 deleotare. Mit Hochfürstl. Hessen-Darmstädtischer gnädigster Er­laubnis. Giessen, bey Johann Philipp Krüger."

Red. d. G. A-

Fenilleton.

Der Esel des Hnrn von Schiller.

(Eine Episode aus dem Leben Georg Herweghs.) Humoreske von Georg Franken berg.

Es war am 10. November 1859. Hochauf loderten, weit über die Grenzen Deutschlands hinaus, die Flammen der Begeisterung: der hundertjährige Geburtstag Friedrich v. Schillers wurde feierlich aller Orten begangen, soweit die deutsche Zunge klingt.

Als eine der Ersten in der Reihe der Feiernden stand die freie Schweiz. Sie, um welche Schiller durch seinen Wilhelm Teil" den unvergänglichen Zauber der Poesie gewoben, schien Allen voran zeigen zu wollen, mit wie un­auslöschlicher Verehrung das Andenken des großen Todten in ihr Merkbuch eingetragen sei. Kein Flecken, so klein er war, keine Hütte, so ärmlich sie auch sein mochte, wo an diesem Tage nicht der Name Schillers genannt wurde - kein Firn, von dessen schneebedeckter Höhe nicht das Roth der nächtlichen Freudenseuer zu den Thälern hinableuchtete. An allen großen Orten war ein Drängen und Jauchzen schon von frühester Morgenstunde an; herab von den Dächern flatterten die Fahnen und wie eine große unendliche Kette rankte sich von Haus zu Haus b?r grüne Schmuck ber Guirlanben.

Ganz außergewöhnliche Erwartungen knüpfte man an die mit großem Trara angefünbigtc Fest - Vorstellung im Stabttheater. War es bem Oberpriester bes Züricher Musen­tempels, vulgo Director, wirklich so sehr barum zu thun gewesen, zu bem feierlichen Dankopfer, welches bie beutsche Nation ihrem Dichter-Titanen barbrachte, auch seinerseits ein Scherflein beizusteuern, ober hatte er diesen hunbertjährigen

Geburtstag nur als eine sogenannte günstige Gelegenheit aufgefaßt, bie er, echt theaterbirectormäßig, burch eine gute Einnahme feiern zu müssen glaubte, kurz, es waren bie riesigsten Anstrengungen gemacht worden, um das Publikum zum Theaterbesuch zu reizen. Bor allen Dingen war es Eins, was die ohnehin schon festlich erregten Gemüther noch ganz besonders in erwartungsvolle Spannung zu versetzen geeignet war: die Nachricht, daß Georg Herwegh, der Sänger und Freiheitsheld, mit einem von ihm gedichteten Prolog die Feier im Theater persönlich einleiten werde. Herwegh sprechen! Das zündete.

Der Abend kam heran und sah das Haus bis auf den letzten Platz gefüllt. Hinter der Bühne herrschte, der regste geschäftliche Eifer. Künstler und Künstlerinnen befanden sich längst in ihren Garderoben, um sich für den entscheidenden Moment, der sie auf die Bühne rufen würde, zu rüften; einzelne schritten sogar bereits fix und fertig, ihre Rolle noch einmal oberflächlich memorirend, zwischen den Couliffen hin und her. Sehr aufgeregt zeigte sich der gute Director. Er war, wie man zu deutsch zu sagen pflegt, ein Original. Immer mürrisch, bissig, unzufrieden- selbst heute, wo er ein übervolles Haus hatte, spielte er den Mißvergnügten. In seinen erschrecklich großen Filzsocken, die ihm wie ein Paar Schneeschuhe an den Füßen hasteten, dazu mit einem gänzlich verschossenen und ausgewachsenen, bis oben hinaus zugeknöpften langen grünen Rock bekleidet, von dem Niemand sagen konnte, ob er je neu gewesen war, flitzt das dünne, hagere Männchen in langgedehnten, schleichenden Jntriguantenschrittcn aus einem Winkel ber Bühne nach bem anbern, überall schnüffelnb unb spionirenb. Jeden Kleistertopf guckte er erst aus, unb wo zwei ober brei zusammenftanben unb sprachen, ba tauchte er plötzlich, wie aus ber Versenkung, bazwischen auf unb warf ein paar hämische Bemerkungen in die Unterhaltung. Dabei

Das Ergebniß über die alljährlich anzustellende Ermitte­lung deS Ernteertrages für die Gemarkung Gießen wird zur Kenntniß der Versammlung gebracht. Es waren danach im Jahre 1889 bepflanzt mit Weizen 190Hcctare, Roggen 185, Gerste 70, Hafer 230, Erbsen 40, Wicken 20, Kartoffeln 300, Rüben 120, sonstigen Pflanzen 45 Hectare. An Wiesen waren vorhanden 450 Hectare. Die Zahl der Apfelbäume betrug 4775, Birnbäume 2698, Zwetschenbäume 8683, Kirsch­bäume 1403, Aprikosen :c. 10, Wallnüßbanme 72. Die Arbeiten zur Herstellung dreier Schulsäle in der neuen Real­schule sind, dem Beschlüsse der vorigen Sitzung gemäß, ver­geben worden, nachdem Großh. Direction der Realschule sich im Einverständnisse mit der Stadtverordneten-Versammlung erklärt, daß mit Vornahme dieser Bauveränderungen nicht die Erbauung eines neuen Festsaales bedingt, sondern ange­nommen sei, daß die Schulfestlichkeiten in der Turnhalle statt­finden sollen. Das Baugesuch der Herren Johs. Seibel und Johs. Häuser wurde in einer früheren Sitzung bean­standet, weil Gesuchsteller beabsichtigen, den geplanten Neubau an der Frankfurter Straße direct an die noch anzulegende Straße nach dem Güterbahnhofe und nicht in einer einen Vorgarten lassenden Entfernung zu errichten. Gegenüber einem bei Großh. Ministerium einzureichenden Gesuch um Entbindung von den Bestimmungen der Vocalbauordnung erklärt die Versammlung Beharren auf dem früheren Beschlüsse. Die Gesuche von Heinr. Stolting und Georg Todt II. um Ertheilung der Wirthschafts-Concession sollen, da es sich um Fortsetzung bereits bestehender Wirthschasten (Restauration Feldschlößchen resp. Wirthschaft P. Hubeler Wwe.) handelt, befürwortet werden, desgl. dasjenige des Johs. Seibel, welcher in seinem Neubau an der Frankfurter Straße eine Gastwirthschaft zu betreiben beabsichtigt. Die von Großh. Administrations-Commission geltend gemachten und der Berücksichtigung empsohlenen Bedenken über die Zu­lassung eines Wirthschastsbetriebes in der Nähe der neuen Kliniken wurde, in Uebeveinftimmung mit Großh. Kreisamt, als nicht begründet bezeichnet, die nachgesuchte Erlaubniß zum Wirthschastsbetrieb befürwortet. Anders verhielt es sich mit dem Gesuche von Ehr. Lony und Ehr. Heß, welche beide die Erlangung der Concession zum Wirthschastsbetrieb in ein und demselben Locale (Lonys Bierkeller und angrenzen­den Neubau) bezwecken. Ohne Eingehen auf die Frage, welchem von beiden über die Berechtigung zum Wirthschasts­betrieb Streitenden dieselbe zu ertheilen ist (hierüber ent­scheidet eine höhere Instanz), wird die Bedürfnißsrage bejaht. Laut einem Schreiben des Rathes der Stadt Leipzig haben von den 23 Städten, deren Vertreter im Jahre 1863 aus Anlaß des 50. Jahrestages der Schlacht bei Leipzig beschlossen, auf dem Schlachtfeld bei Leipzig ein Denkmal zu errichten, 16 sich für Wiederaufnahme des Projectes, nachdem dessen Aussührung infolge ber nach 1863 eingetretenen Pöli­

tz alte seine Sprache jenen halb heiseren, halb hohlen Ton, für den das Theaterlexikon den höchst treffenden Ausdruckver- schminkt" ansührt; und eigentümlich war die Art und Weise, wie er fein Organ zu gebrauchen pflegte. Im säuselndsten Pianisfimo beginnend, wuchs feine Rede am Schlüsse stets zu einem Poltertone an, der lebhaft an das Geräusch eines über defectes Steinpflaster fahrenden Rollwagens erinnert, so daß man eigentlich immer nur die Worte verstand, mit denen er endete.

Heute waren es vornehmlich der Theatermeister und der Regisseur der letztere lebt jetzt in Berlin die er zum Blitzableiter seiner boshaften Eingebungen ausersehen hatte. Die beiden unglücklichen Opfer arbeiteten eben noch im Schweiße ihres Angesichts an dem Arrangement der Schiller­gruppe, die als decorativer Brennpunkt der Eröffnungs­feierlichkeit im Centrum der Bühne ihre Aufstellung finden sollte, als der Director wie ein Uhu hinter ihnen aushuschte. In der von ihm beliebten Manier hatte er natürlich wieder allerlei an dem wirklich geschmackvollen Ausbau auszuietzen, und vor allen Dingen gefiel ihm nicht, daß die Büste Schillers auf einem freistehenden Postament einen exponirten Stand­punkt erhalten hatte. Der Regisseur, der sich im Laufe seiner langjährigen Bühnenthätigkeit ein unbesiegbares.Phlegma an­geeignet hatte, hörte die Nörgeleien seines Chefs längst schon mit stoischer Gelassenheit an; anders der Theatermeister. Er, auf dem ohnehin heute eine ungewöhnliche Arbeitslast ruhte, kam derartig in Harnisch, daß ihm in seiner biderben süd­deutschen Art die etwas respectwidrigcn Worte entfuhren: So wie wir's halt arranschirt hab'n, bleibts a! 's het halt ka Esel beim Herrn v. Schiller was zu suche!" Ein sehr geistreiches Gesicht war es gerade nicht, mit welchem der Herr Director diese ihm etwas unerwartet gekommene Ent­gegnung seines Theatermeisters begleitete. Jedoch mochte er