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Donnerstag den 17. Januar

1SS9

Nr. 14.

jchcner Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

tettttaur Schulstr-ß- 7. Erscheint tSgli» mit Ausnahme des Montags. d^ P°st b-,°a.n vi^chLhriich 2 Mark M M

Amtlicher Ißeik.

Betreffend: Ermittelungen der den Vergütungen für Fourage und Landlieferungen der Gemeinden zu Grunde zu legenden Durchschnittspreise.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1837 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert, pro Monat December 1888 für den Lieferungsverband Gießen für 100 leg betragen: Hafer 15 «M. 10 H, Heu 8 J-L 50 Stroh 7 60

Gießen, am 14. Januar 1889. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Politische Rundschau

Gießen, 16. Januar.

Von Neuem hat die Welt Worte des Friedens aus dem Munde des deutschen Kaisers vernommen, die zu verkünden ihm die Eröffnung des preußischen Landtages Gelegenheit gab. Für gewöhnlich wird die auswärtige Politik in der preußischen Thronrede nicht erwähnt oder höchstens nur ganz flüchtig gestreift, da dieser Gegen­stand naturgemäß immer von den Thronreden bet Eröffnung der Reichstags-Sessionen behandelt wird. Um so bedeutungsvoller erscheint es daher, daß die diesmalige preußische Thronrede von dieser Gepflogenheit adweicht und der auswärtigen Lage sogar an erster Stelle gedenkt. Die bezüglichen Auslassungen der Rede sind nur geeignet, das Ver­trauen in die Fortdauer der friedlichen Zustände unseres Welttheiles zu stärken, da sie einerseits die Beziehungen des Reiches zu sämmtlichen Staaten als freundliche bezeich­nen und anderseits die Hoffnung des Kaisers auf die fernere Erhaltung des Welt­friedens unter nochmaligem Hinweise auf die großen Auslandsreisen des Monarchen in bestimmtester Weite ausdrücken. Die Friedenskundgebungen, welche das neue Jahr bei seinem Eintritte brachte, haben mit der preußischen Thronrede eine wettere Ver­mehrung er fahren und letztere selbst hebt besonders hervor, daß die Segnungen des Friedens sich in der Besserung der wirthschaftlichen Lage in Deutschland und Preußen ausdrückten, wozu auch der Hinweis auf die günstige Finanzentwickelung des preußischen Staates paßt. Unter dem Eindrücke des friedenszuoersichtlichen Tones der Thron> rebe können die preußischen Landboten mit um so größerer Hingebung an die Lösung -er ihrer harrenden manigfachen gesetzgeberischen Aufgaben gehen.

Im BttNdesrathe ist ein neuer Gesetzentwurf, betr. eine anderweitige Regelung 3>er Erbschaftssteuer in Elsaß-Lothringen, etngegangen.

Bei der in BreSlarr-Oft am Montag staltgefundencn Reichstagsersatzwahl für Len verstorbenen socialdemokrattschen Abgeordneten Kräcker fielen auf Schneidermeister Kühn (Soc.) 7799, auf Stadtrichter Friedländer (freis.) 5533, auf Kaufmann Tschocke, ben Candidaten der vereinigten Eonservativen und RationaUiberalen, 4585 Und aus Stellmacher Kühn, den Eandtdaten der verbündeten Soctalresormer und Centrnms- «ähler, 1481 Stimmen. Es hat mithin eine engere Stichwahl zwischen Schneider­meister Kühn und Stadtrichter Friedländer zu entscheiden. Bei der vorigen Reichs- lazswahl in Breslau-Ost gelangte der Eandidat der Eartellparteien mit dem Social- demokraten in die Stichwahl; wenn diesmal der freisinnige Eandidat mit dem Candi- baten der Socialdemokraten um den entscheidenden Sieg zu ringen hat, fo liegt dies daran, daß diesmal die Zünftler, Antisemiten und ein Thetl der Centtumspartei eine Sondercandidatur aufgestellt hatten, während sie bei der vorigen Reichstagswahl mit ben Eartellparteien zusammengingen.

Auch in RegenSburg fand am Montag eine Ersatzwahl zum Reichstage statt, bei welcher nach den vorliegenden Berichten Graf Walderdorf (Centr.) gewählt worden sein dürfte.

Im ungarischen Parlamente stößt die neue Wehrvorlage auf größere Schwierigkeiten, als Anfangs erwartet wurde. Die Opposition der ungarifchen Par­teien in dieser wichtigen Frage richtet sich hauptsächlich gegen die verschärften Bestimm­ungen über den einjährig-freiwilligen Dienst, gegen die (deutsche) Prüfungssprache und gegen den Paragraphen über die Dauer der Wehroerfassung. Herr Tisza, der unga­rische Ministerpräsident, hat sich in Wim überzeugen müssen, daß die bärtigen leitenden Kreise auf unveränderter Annahme der Wehroorlage auch durch dm ungarischen Reichs­tag bestehen und bemüht sich Tisza, in diesem Sinne auf die liberale Regierungspartei in Ungarn einzuwirkm; er ist entschlossen, mit der Vorlage zu stehen und zu fallen. Vorläufig gibt man sich in den ungarischen Regierungskreisen noch ziemlich optimistisch und meint der officiöseNemzet" bezüglich der Gerüchte über eine ungarische Minister- crisis, daß die Situation keine solche sei, um irgendwelche mit neu eintretenden Com- plicationen und Crism verbundene parlamentarische Gestaltungen befürchten zu lasten.

Der am Sonntag in Mailand abgehaltene Congreß der französischen und italienischen Radicalen ist ohne Störungen verlaufen. EinFriedenscongreß" war es aber weniger, als vielmehr ein Verbrüderungsfest, das die Herren in Mailand ver­einigte, und welcher Geist die Versammlung durchwehte, geht schon daraus hervor, daß von verschiedenen Rednern ein französisch-italienisches Offmsio-Bündniß zurBefreiung" Elsaß-Lothringens und Triests von derFremdherrschaft" empfohlen wurde.

Die amerikanischen Kriegsschiffe auf Samoa sind durch die CoroetteTrmton", das Flagschtff Admirals Kimberley, Befehlshabers des Unionsgeschwaders in der Süd­see, verstärkt worden und ist dieTrenton" von Panama nach Samoa abgegangen. Mehrere andere amerikanische Kriegsschiffe werden zum Schutze der Interessen Nord­amerikas nach Panama entsendet werden, da daselbst der Ausbruch von Unruhen unter den Tausenden von Arbeitern, die bislang beim Bau des Panarna-Canalö be­schäftigt waren, befürchtet wird.

peulschland.

. Berlin, 15. Januar. Das Herrenhaus genehmigte in seiner (2.) Plenar­sitzung am Dienstag den Vorschlag seines Präsidenten, die von der Regierung ein­gegangenen Vorlagen zur Vorberathung an Commissionen zu verweisen, namentlich

wurdm das Gesetz, betr. die Ausdehnung der Verwaltungsgerichtsbarkeit auf die Pro­vinz Posen, und ein Hannoversches Lokal-Gesetz zur Vorberathung an Commissionen verwiesen. Außerdem wurden Personal-Veränderungen mitgetheilt. Nächste Sitzung unbestimmt.

Deutscher Reichstag.

20. Plenarsitzung., Dienstag, den 15. Januar 1889, 1 Uhr.

Am Bundesrathstische: Minister Herrfurth, Dr. v. Schelling, Graf Herbert Bismarck, später Reichskanzler Fürst Bismarck.

Die Plätze des Hauses und die Tribünen sind zahlreich besetzt.

Das Haus tritt in die Tagesordnung ein: 1) An Stelle des aus seinem Amte ausgeschiedenen Schriftführers Tröndlin (nl.) wird Dr. Meper-Jena (nl.) für dieses Amt gewählt und zwar, dem Anträge des Abgeordneten Dt. Windthorst gemäß, per Acclamation.

0T 2) Das Etats-Control-Gesetz wird debattelos in dritter Lesung genehmigt.

3) Es wird sodann die zweite Etatsberathung fortgesetzt und zwar mit dem Special-Etat des auswärtigen Amtes.

, Bei dem TitelConsulat in Zanzibar" weist her Abg. Richter (dfr.) darauf hin, daß nach Inhalt des neuen Weißbuches der General-Conful in Zanzibar das Ab­kommen zwischen der ostafrikanischen Gesellschaft und dem Sultan von Zanzibar ver- \MtteIt Hal, obwohl dem Genet al-Consul bekannt sein konnte, daß diese Gesellschaft keine genügende Mittel besaß,- die Hoheitsrechie an einer 75 deutsche Mrflen langen Küste auszuüben. Die ganze Gesellschaft bestand aus einigen jungen Officieren und Beamten und von den drei Millionen Kapital waren anderthalb Millionen an den Dr. Peters gezahlt. Es hätte nicht geschadet, wenn diese Dinge erst von dem General - Consul ermittelt worden wären. Nun scheint es doch bedenklich, das Recht, mit dem Sultan zu verhandeln, auch einem Vice-Consul zu übertragen. Unter diesen Umständen bean­tragt Redner, die Abstimmung über den Titel auszusetzen, bis die Debatte über das Weißbuch Klarheit über die Sache geschaffen.

Reichskanzler Fürst Bismarck: Es wird heute ober morgen eine Vorlage über die ostafrikanifchen Angelegenheiten an den Bundesrath und wenn sie dort nicht abge­lehnt werden sollte, auch an dieses Haus gelangen. Die Errichtung eines Vice- Consulats ist bei der Wichtigkeit unserer geschäftlichen Beziehungen in Zanzibar sehr nöthig.

Abg. v. Bennigsen (nl.) bemerkt, daß in der Commission eine eingehende Er­örterung der ostafrikanischen Angelegenheit nicht stattgefunden habe, nur Graf Bismarck habe einige vertrauliche Mittheilungen gemacht.

Der Titel wird genehmigt.

Bei TitelKamerun" und der Schutzgebiete weist der Abg. Wo er mann (nl.) auf die Ausnutzung der Privilegien der Royal-Niger-Company in der Nähe von Kamerun hin, durchweiche auch deutsche Interessen geschädigt werden; es sei wünschens- werth, daß die Privilegien dieser Gesellschaft nicht erweitert werden.

Reichskanzler Fürst Bismarck: Es fehlt an der erforderlichen vertragsmäßigen Berechtigung, um eine birecte Aufforberung an England» zu rechten. Vielleicht macht her Herr Vorrebner seinen Einfluß in ber Presse geltend; in solchen Angelegenheiten fällt oft die Stimme eines Preßorganes gewichtiger aus, als eine diplomatische Anregung.

Staatssecretär Graf Bismarck conftatirt, baß die Niger-Company bie erhobenen Beschulbigungen in Abrebe stellt. Es ist zunächst ein Beamter nach Lagos geschickt, um diese Dinge festzustellen und es ist zu hoffen, daß England bet seiner entgegenkommenden Haltung in unseren colonialpolitischen Angelegenheiten die Sache gütlich zu regeln bereit fein wirb.

Abg. Richter verweist auf die schädlichen Folgen des übermäßigen Branntwein- Handels und die Gefahren ber Waffenausfuhr in Kamerun; er finbe, baß bie west- afrikanischen Stationen bem Reiche mehr kosten, als sie etwa einigen hort betheiligten Firmen einbringen. Wenn btese Colontalploitik so rentabel ist, warum halten beim bie Hamburger ihre Taschen so zu? Geben Sie boch! Sie haben es ja dazu! (Heiter­keit.) Auch über bie Sklaverei in ben westafrikanischen Schutzgebieten wünscht Redner Auskunft; es soll in ber Nähe von Kamerun noch Sklaverei bestehen unb ebenso eine ber Sklaverei sehr ähnliche Vielweiberei; auch in ben beutschen Faktoreien soll noch Sklavenarbeit verrichtet werden.

Reichskanzler Fürst Bismarck: Wir müssen uns jedenfalls hüten, alle Die­jenigen gegen uns aufzuhetzen, die wie wir in Zanzibar sehen, von dem Handel mit Sklaven leben, auch bie Sklaven würben ja verhungern, wenn sie ohne Weiteres freigelassen werden. Ich kann doch nicht glauben, baß ber Vorredner sich blos zum Worte gemeldet, um eine dem Reiche schädliche Angelegenheit zu der feinigen zu machen.

Abg. v. Kar dorff (Rp.) weist auf bie immensen Ausgaben hin, bie England unb Frankreich für ihre Colonien zahlen; gegen solche Ausgaben kommen die 56000 die hier bewilligt, gar nicht in Betracht.

Abg. Woermann (natl.) wirst dem Abg. Richter vor, daß er mit völliger Unkenntniß ber Sache gesprochen. Der Branntwein-Consum in ben Schutzgebieten sei ein sehr gemäßigter. Gerade von Englanb aus gehen hauptsächlich Branntwein unb Pulver nach ben Colonien. Rebner bekämpft bie Behauptungen bes Abg. Richter, baß bie Hamburger sich vor Ausgaben für bie Colonialpolitik scheuen. Eine gewisse Zurück­haltung herrscht allerbings in Deutschland», vielleicht liegt bas baran, baß man schwer bie geeigneten Personen finbel ober hoch nur finbet, wenn man ein hohes unb festes Gehalt für solche Personen bieten kann. Das Schlimmste aber ist jene Presse, bie sich mit allen Kräften bemüht, bas Kapital unb bas Interesfe von ber Colonialpolitik ab- zuwenden. Don Sklavenarbeit sei in ben beutschen Schutzgebieten keine Rebe.