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Nr. 163. Dienstag dm 16. Juli

Gießener Anzeige

Amts- und Anzkigrblntt für den Kreis Gießen.

Schulstr-ß- 7. Erschein« tägliÄ mit Ausnahme d-s M-ntagS. dl^Post'Eg-n^i^tchährUch 2 Ma?°Pf

Amtlicher Hheit.

Betreffend: Die regelmäßigen Ergänzungswahlen der Mitglieder des Gemeinderaths. Gießen, am 11. Juli 1889.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Seotzherzoglicheri Bürgermeistereien des Kreises.

Soweit Sie in Befolg unseres AuSschrelbens vom 18. Mai l. I Kreisblatt 121 mit Einsendung der bis jetzt erwachsenen Wahlakten noch im Rückstand sind, erinnern wir Sie an deren baldige Vorlage.

________________________________________v. Gagern. _____________________________________________________

An die eingetragenen Genossenschaften des Bezirks.

Das am 1. October l. I. in Kraft tretende neue Genoffenfchaftsgesetz nöthigt die bestehenden Genossenschaften in einer Reihe von Punkten ihre Statuten zu ändern (s. § 154 ff. des Ges.) und legt ihnen zugleich nahe, alsbald an dis Prüfung der Frage heranzutreten, ob von den durch das Gesetz gebotenen Erleichterungen der Haftpflicht der Mitglieder (§ 2/3 u. 3 d. Ges.) Gebrauch gemacht oder ob die unbeschränkte Haftpflicht fortbestehen soll. Die Ueberleitung der seitherigen in die neuen Verhältnisse wird mit Schwierigkeiten verbunden sein, welche den Vorständen das Bedürfniß nach Rath und Unter­stützung nahe legen werden. Der Landesverband der Hess, landw. Creditvereine und Consumvereine ist nun bereit, den Genossenschaften, welche dem Verband angehören, diese Hülse und Unterstützung zu gewähren, er wird die nöthigen Statutenänderungen, die Formulare für die gerichtlichen Anmeldungen, die zur Veröffentlichung bestimmten Auszüge und Mitgliederlisten zur Verfügung stellen. Wir empfehlen daher denjenigen Genossenschaften, welche diesem Verband mcht bereits angehören, sich demselben alsbald anzuschließen und sich dieserhalb an den Verbandsleiter, Großh. Kreisrath Haas in Offenbach, zu wenden. Dieser Anschluß wird es auch voraussichtlich ermöglichen, daß die nach den Bestimmungen des neuen Gesetzes vorgeschriebene regelmäßige Revision der Einrichtungen und Geschäftsführung der Genossenschaften durch den vom Landesverband, anstatt durch den vom Gericht bestellten Revisor erfolgt. Denjenigen Genossen­schaften, welche sich dem Landesverband nicht anschließen wollen, empfehlen wir, sich alsbald mit den Bestimmungen des neuen Gesetzes bekannt zu machen und die vorgeschriebenen Statutenänderungen, Anmeldungen rc. rechtzeüig vorzunehmen.

Gießen, den 10. Juli 1889. GroßherzoglicheS Amtsgericht.

Politische Skrrndfcharr

Gießen, 15. Juli.

Die Dispositionen fänden bevorstehenden Besuch Kaiser Wilhelm- in Eng» laut haben insofern eine Abänderung erfahren, als die Kaiserin, entgegen der ursprüng­lichen Absicht, ihren erlauchten Gemahl hierbei nicht begleiten wird. Vielmehr gedenkt die hohe Frau ihren ersten Besuch an einem ausländischen Hofe in Monza, also am Sommerlager derlitalienischen Königsfamtlte, abzustatten und zwar Ende September, um von dort mit dem Kaiser alsdann nach Athen zu reisen.

Der wiederholt verschobene Besuch Kaiser Wilhelm- in Meß ist nach einem in Metz eingetroffenen Schreiben des Hausministers v. Wedell für die zweite August­hälfte bestimmt angekündigt worden.

Durch die Blätter ging jüngst die Nachricht, wonach zahlreiche preußische Offiziere Vie Pariser Weltausstellung hätten besuchen wollen natürlich in Civil, daß aber der Kaiser, welcher aus Urlaubsgesuchen von.dieser Absicht Kenntniß erhallen habe, den Osfizteren den Besuch der Ausstellung streng verboten habe. Von anscheinend osficiöser Sette wird nun in derKöln. Ztg." diese Nachricht in der vorliegenden Form als falsch bezeichnet, dagegen als richtig zugegeben, daß seit der Sptonenriecherei und dem Erlaß des Spionagegesetzes in Frankreich preußischen Offizieren überhaupt das Betreten Frankreichs streng verboten sei. Die deutsche Regierung habe als Beweis ihrer großen Friedensliebe diese Maßregel getroffen, damit jede Gelegenheit genommen werde, die aus Anlaß jener französischen Krankheit zu einem ernsteren Zwischenfalle führen könnte. Daß den preußischen und deutschen Offizieren überhaupt nicht nur der Besuch der Pariser Weltausstellung, sondern auch jedes Betreten französischen Bodens nach­drücklich verboten worden ist, kann man gewiß nur voll billigen, denn zu welchen ernsten Zwischenfällen es führen könnte, wenn jenseits der Vogesen ein deutscher Offizier als Spion"aufgegriffen" werden würde, braucht wohl kaum erst des Näheren ausgeführt zu werden. Uebrigens wird aus Paris schon wieder die Verhaftung eines angeblichen deutschen Spions, Namens Paul Bonntnger, gemeldet, der vermuthlich nichts weiter als ein harmloser und vielleicht etwas unvorsichtig aufgetretener deutscher Vergnügungs- retsender ist.

In Hamburg fand am Freitag im festlich geschmückten Ausstellungsgebäude die feierliche Eröffnung der HaudelSauSflettung durch Freiherrn v. Ohlendorff statt. Nach dem Eröffnungsacte folgte ein Rundgang der geladenen Gäste durch die Ausstellung, welche überseeische Seltenheiten aufweift, die theilweise noch nie in Europa waren.

Der deutsch'schweizerische Streitfall weist, anstatt sich abzuschwächen, eine bedauerliche Verschärfung auf. Dieselbe bekundet sich in den jetzt bestätigten verschärften Controllmaßregeln, welche seit Anfang voriger Woche gegenüber den aus der Schweiz kommenden Reisenden an der süddeutschen Grenze gehandhabt werden. Es wird ver­sichert, daß es sich hierbei um ein gemeinsames Vorgehen der süddeutschen Regierungen auf Grund einer von Berlin aus ergangenen Weisung handele, da die Retchsregierung gesonnen sei, mit den in den Bismarck'schen Noten angedrohten Repressalien gegen die Schweiz nunmehr Ernst zu machen. Im Interesse einer endgültigen freundschaftlichen Auseinandersetzung zwischen Deutschland und der Schweiz können dieRepressalien" gegen letzteres Land nur bedauert werden, um so mehr, als die Erreichung ihres offen­baren Zweckes, die Schweizmürbe" zu machen, höchst fraglich erscheint. Anderseits wird aus Berlin gemeldet, daß es sich vorerst nur um retchszollamtliche Anordnungen ohne politischen Hintergrund handele, von eigentlichen Vergeltungsmaßregeln im deutsch- schweizerischen Verkehr habe die Neichsregierung dagegen noch abgesehen.

Das BUd der LandiagSwahlen in Oesterreich rundet sich durch neuerliche Meldungen immer mehr ab. So wird aus Laibach berichtet, daß bet den Landtags­wahlen im Großgrundbesitz von Krain die von deutsch-liberaler Seite aufgestellten zehn Candidaten sämmtlich gewählt wurden, welcher Sieg sich dadurch allerdings sehr leicht gestaltete, daß sich die Slooenen der Wahl enthielten.

Der große Strike in dem hochindustriellen Brünn, der Hauptstadt Mährens, hat seinen Höhepunkt überschritten. In voriger Woche waren daselbst wieder 20 Woll­

fabriken im Betriebe und arbeiteten wieder 7000 Textilarbeiter; im Laufe der gegen­wärtigen Woche wird die Wiederaufnahme der Arbeit auch in den übrigen noch feiern­den Brünner Etablissements erwartet.

Die österreichisch-rrngarische DelegationSseffibN ist am Freitag nach einem ; ganz ungewöhnlich glatten Verlauf ihrer Verhandlungen geschlossen worden. In der Schlußsitzung der ungarischen Delegation wurde die vollkommene Uebereinftimmung in den Beschlüssen beider Delegationen festgestelll; in der Schlußsitzung der österreichischen Delegation fanden noch einige Petitionen Erledigung, worauf die Delegirten die sämmt- lichen früheren Beschlüsse in dritter Lesung endgilltg genehmigten. Minister Graf Kalnoky sprach den Delegirten den Dank und die Anerkennung des Kaisers für das patriotische Zusammenwirken aus und dankte auch Namens der gemeinsamen Regierung. In beiden Delegationm erfolgte der Schluß der Session mit begeisterten Hochrufen auf dm Kaiser.

Die letzten Tage der französischen Kammersesfion sind, wie überhaupt die ganze Sitzungsperiode, durch forlgesetzte widrige Scandalscenen ausgefüllt worden. Die scandalösen Auftritte, welche der Boulangtst Le HSrisse und vor Allem sein Ge­sinnungsgenosse Laguerre in der Kammer hervorriefen, dann auch die lärmenden Kammer­verhandlungen vom Freitag über die Amnesttefrage, wobei es zwischen verschiedenm Deputirten zu Duellforderungen kam, haben ein neues häßliches Licht auf Vie zunehmende Verrohung in den Kreisen der französischen Volksvertreter geworfen es ist wahrlich die allerhöchste Zeit, daß diese Kammer nach Hause geschickt wird! Damit der Ratten- könig von Scandalen nur noch vermehrt wird, hat die Rechte zu guter Letzt in der Kammer noch einen Antrag gestellt, den Minister des Innern, Constans, wegen an­geblicher Erpressungsoerhandlungen, in denen der verstorbene Generalgouverneur von Jndochina, Richaud, eine Rolle spielt, anzuklagm, welch' ein Schmutz! Glücklicher Weise lehnte die Kammer den monarchistischen Antrag mit großer Mehrheit ab. Und unter dem Eindrücke dieser Kammerscandalosa hat man nun in Paris am Sonntag den 100. Jahrestag des weltgeschichtlichen Bastillensturmes (14. Juli 1789) gefeiert ob da die Feier wirklich soerhebend" verlaufen sein mag?

Deutschland.

Darmstadt, 12. Juli. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Aller- gnädigst geruht:

Den Oberlandesgerichtsrath beim Großh. Oberlandesgericht Carl Wiener zum Landgertchtsdirector beim Großh. Landgericht der Provinz Oberhessen,

den Ersten Staatsanwalt beim Großherzogl. Landgericht der Provinz Rhein­hessen Wilhelm Hallwachs zum Oberlandesgerichtsrath beim Großh. Oberlandes- gertcht, und

den Landgerichtsrath beim Großh. Landgericht der Provinz Rheinhessen Carl St einem zum Ersten Staatsanwalt bet diesem Gerichte zu ernennen.

Berlin, 13. Juli. DieNordd. Aüg. Ztg." bemerkt in einem Artikel über die von der Opposittonspresse heroorgehobene Verschiedenheit des Tones in dem vom Reichskanzler an den deutschen Gesandten in Bern gerichteten Erlasse: die erste Depesche vom 5. Juni sei auf Grund der Verständigung mit Rußland entstanden und war mit gleichzeitig überreichter russischer Depesche darauf berechnet, durch gewisse Ueberein- stimmung in Ton und Inhalt den beabsichtigten Eindruck zu verstärken. Dieser Zweck sei insoweit erreicht, als Schweizer Behörden sich beeilten, den russischen Reclamatwnen Rechnung zu tragen und als zu erwarten war, daß dies schließlich auch den deutschen gegenüber geschehe, wenn auch in weniger freundlicher Form und in weniger beschleunigten Fristen als Rußland gegenüber. Darauf komme schließlich nichts an. Die diplomatische Action Deutschlands sei nur gegen die Socialdemokratie in der Schweiz gerichtet, gegen die Schweiz selbst nur insoweit, als dort feindliche Elemente gehegt und gefördert werden. Letztere zu bekämpfen sei die Aufgabe der deutschen Reichspolitik und werd« es bis zur Lösung bleiben.

Nürnberg, 13. Juli. Gestern Abend fanden auf dem Plärrerplatze Zusammen-- rottungen strikender Maurer statt. Die Tumultuanten wurden durch die Polizei und eine requirirte Abtheilung der hier garnisonirenden Cheoeauxlegers ohne erns lichen Zusammenstoß langsam zerstreut. Von den Ruhestörern wurden 27 verhaftet.