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Nr. 266

Donnerstag den 14. November

1889

©er Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Jiamtkien Vkäller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Kenerat-Mnzeiger.

Vierteljähriger ASonncmentspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Psg.

Rcdaction, Expedition und Druckerei:

Schutstraßc Ar.7.

Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblatt fßr den Areir Gieszen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den I T frt rt (SVxptWYt 0Y C&rtttTt ft OH ßfnf tfiY Alle Annoncen-Burcaux deS In- und Auslandes nehmen

folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr. | IlUyv. ^.UiHUU hVUUK l. Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher: Theil.

Bekanntmachung,

die Maul- und Klauenseuche Hu Gießen betreffend.

Nachdem die in den Stallungen des Heinrich Noll VII. und des Carl Rinn zu Gießen ausgebrochene Maul- und Klauenseuche erloschen ist, werden die angeordneten Sperr- rnaßregeln sowie das Marktverbot hierdurch aufgehoben.

Gr eßen, am 12. October 1889.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Bekanntmachung,

die Abhaltung landwirthschastlicher Vorträge betreffend.

Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß

i) Sonntag de« 17. November L I., Nach­mittags 3 Uhr, Herr Landwirthschaftslehrer Leithiger von Alsfeld einen Vortragüber Bcdenbereilung und Bodenbestellung" oderüber Samenwechsel, Saatgutzucht und Saatmethode" in dem Saale des Herin Gastwirths Guntrum zu Nriskirchen;

2) Sonntag den 24 November l I, Nach­mittags 3 Uhr, Herr Landwirthschaftslehrer Spieß zu Alsfeld einen Vortragüber Aufzucht und Fütterung von Zucht-, Milch- und Mastvieh" in dem Saale des Herrn Gastwirths Karl Kliebe zu Londorf;

3) Sonntag den 1. Deeember 1. I., Nachmittags 3 Uhr, Herr Landwirthschaftslehrer Leithiger in Als­feld einen Vortragüber Schweinezucht" in dem Saale des HerrnGastwirths Christian Wagner in Grün« berg

abhalten werden.

Alle Mitglieder des landwirthschaftlichen Vereins und der landmirthschaftlichen Localoereine und alle Freunde der Land- wirthschaft werden zu diesen Versammlungen hierdurch ergebenst eingeladen

Die Herren Bürgermeister der Gemeinden, in welchen die Vorträge abgehalten werden, sowie die der benachbarten Orte werden hierdurch ersucht, auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlungen hinzuwirken.

Gießen, den 19. October 1889.

Der Direclor des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen. Jost, Regterungsrath.

Gießen, am 12. November 1889. Betr.: Sterblichkeitsstatistik.

Das

Großh. Kreis-Gesundheitsamt Gießen an die Großherzoalichen Bürgermeistereien Alt - Buseck, Annerod, Beltershain, Bersrod, Eberstadt, Göbelnrod, Grünberg, Hungen, Leihgestern, Lieh, Lumda, Nieder-Befsingen, Ober-Befstngen, Treis a. d. Lda», LSeiterShain.

Wir ersuchen um umgehende Einsendung der Sterblich- keitsnachweise für die Monate September und October.

Dr. Köhler.

Apolitische Nebersickzt.

Gießen, 13. November.

Die Reise Kaiser Wilhelms nach Italien und der Balkan Halbinsel hat noch kurz vor ihrer Beendigung mit der Zu> sammenkunft des erlauchten Herrschers und des Kaisers Franz Joseph in der Hauptstadt Tyrols ein Ereigniß gezeitigt, dessen friedekündende Bedeutung man allseitig anerkennt. Dieselbe tritt um so mehr hervor, als dem Wiedersehen der beiden befreundeten Monarchen der nochmalige Besuch des deutschen Kaisers beim König von Italien unmittelbar vorangegangen ist, während außerdem auch die Friedrichsruher Begegnung zwischen dem Grafen Kalnoky und dem Fürsten Bismarck dem Kaisertage von Innsbruck zur überaus wirksamen Folie dient. Mit Recht hebt denn auch das WienerFremdenblatt" in einem längeren, diesen Fürsten- und Diplomatenbegegnungen gewidmeten Artikel hervor, daß dieselben nur dazu dienen könnten, die Friedenshoffnungen der Völker Europas auf's Neue zu stärken und zu festigen. Besonders bemerkenswerth ist bei diesen Ausführungen des Wiener Regierungsblattes der Hinweis auf den Gegenbesuch des Czaren in Berlin, der demFremdenblatt" zufolge den Ministerbesprechungen von Friedrichsruh offenbar zum Untergründe gedient hat und darf man jedenfalls nunmehr annehmen, daß die Politik des Czaren in Bezug auf die Balkanfragen mit derjenigen des Dreibundes mehr und mehr harmoniren wird. Gestatten schon all' diese Vorgänge den brechtigten Schluß auf eine gedeihliche Weiter­entwickelung der gegenwärtigen allgemein poltischen Verhältnisse Europas, so erfahren die allseitig auf's Neue geweckten Friedens- Hoffnungen noch eine weitere Kräftigung durch die jüngste große politische Banketrede Lord Salisburys, in welcher der

Feuilleton.

Uolksschullehrec und Gbstbaunijucht.

(Nachdruck verboten.)

Wie so Mancher wird bei dem Lesen der vorstehenden Ueberschrist achselzuckend lächeln und von utopischen Ideen, Schwärmereien und dergleichen sprechen. Aber nur gemach! Erst alles lesen, dann prüfen, sorgsam prüfen und dann urtheilen! Vielleicht finden doch so Manche in Nachstehendem ein gutes Körnchen, das als Samen herrliche Früchte zeitigt.

Es ist zwar schon häufig und viel über Obstbaumzncht geschrieben worden, daß es nicht leicht fällt, etwas wirklich Neues auf diesem Gebiete zu bringen. Wir wollen aber hier keine Pomvlogie treiben, sondern nur auf eine Nutz­anwendung und auf ein Erwecken von Liebe dazu Hin­weisen.

Die Obstbaumzucht umfaßt alles, was zur Erziehung, Vermehrung und Veredelung der Obstbäume, zur Anlage von Obstbaumgärten, Obstplantagen, Obstalleen, zur Ernte und Aufbewahrung des Obstes :c. gehört, und bildet dem­nach einen der allerwichtigsten Zweige unserer Lanl wirthschaft.

Es bedarf wohl kaum weiterer Auseinandersetzung, daß dem Obstzüchter zunächst eine sorgfältige Auswahl und Be­arbeitung des für die Obsteultur bestimmten Bodens und Berücksichtigung der Lage obliegt, wie nicht minder eine um­sichtige Wahl der Obstarten und Sorten nöthig ist, da das Gedeihen des Obstes durch das locale Klima und durch sonstige Verhältnisse der Oertlichkeit bedingt ist.

In Mitteleuropa unterscheiden wir vier Haupt-Obst­regionen, nämlich die des Weines, des Weizens, des Roggens und des Hafers. Wo daher der Wein im Großen gebaut werden kann, dort gedeihen alle Arten von Obst, selbst die feinsten Sorten. In der Weizenregion ist es überall mög­lich, Aprikosen und Pfirfiche zu ziehen. Selbstverständlich tragen hier auch alle übrigen Obstarten, mit Ausnahme der Maronen (Kastanien), welche hier nur selten genießbare

Früchte liefern. In der Region des Roggens wird die Obstbaumzucht häufig durch starke Nachtfröste während der Blüthezeit erschwert und Aprikosen und Pfirsiche halten hier meist nur in ganz geschützten Lagen aus. Dasselbe gilt von feinen Wein- und Pfiaumensorten. Doch gedeihen noch viele Kernobst-, wie auch die meisten Pflaumen- und Kirschensorten. Dahingegen ist endlich die Haferregion, d. h. die der hohen Gebirge und die der hochnordischen Länder, wo der Roggen nicht mehr fortkommt, der Obstbaumzucht am allerwenigsten günstig. Hier ist dieselbe, weil sie nur in sichersten Lagen und auf dem besten Boden betrieben werden kann, auf ganz wenige Arten von Birnen, Aepfeln, Süßkirschen und Beeren­früchten beschränkt. In den höher gelegenen Theilen des sächsischen Erzgebirges gedeiht nicht einmal mehr die ordinärste Aepjelsorte der Holzapfel.

Als geeignetster Boden für die Obstbaumzuchr gilt im Allgemeinen ein schweres, womöglich mergelhaltiges, tief­gründiges und recht gleichartiges Erdreich, auf dem Weizen, Luzerne und Klee gedeihen. Der Boden kann mit Steinen vermengt, darf aber nicht naß oder torfig sein. Dagegen kann nasses Erdreich durch gute Drainage in ein der Obst­baumzucht günstiges verwandelt werden. Auf reinem Moor­oder Torfboden aber gedeiht kein Obstbaum. Hier kümmert jede Obstsorte, trägt schlechte Früchte und geht langsam ein.

Eine Hauptbedingung des Gedeihens aller Obstbäume ist ein ausreichender Abstand derselben, um ihnen Raum zur Ausbreitung und der Luft und dem Lichte allseitigen Zutritt zu sichern, denn viele Krankheiten und Jnsektenschäden werden, wie bei den Holzarten überhaupt, durch einen gedrängten Stand veranlaßt. Der Abstand der einzelnen Bäume soll bei den Aepfeln 1416 Meter, bei Birnen 1214 Meter, bei Kirschen und Pflaumen 810 Meter, bei Kastanien und Wallnüffen mit sehr umfassender und tiefschattiger Krone 20 bis 30 Meter betragen.

Eine Hauptregel beim Verpflanzen ist, daß kein Baum tiefer eingesetzt werden darf, als er vorher gestanden hat.

Von ganz besonderer Wichtigkeit ist der Schnitt der Obstbäume, welcher zunächst den Zweck hat, eine schöne Baum­

englische Premierminister am Schlüsse die bestimmte Versicher­ung aussprach, daß die Friedensaussichten zur Zeit die denk­bar besten wären und daß der politische Barometer deutlich in der Richtung des Friedens steige- hoffentlich wird derselbe ausBeständig" bleiben.

Der Staatssecretär Graf Herbert Bismarck ist am Sonntag Abend in Friedrichsruh eingetroffen; vermuthlich hat er dem Reichskanzler eingehenden Bericht über die politischen Ergebnisse der Kaiserreise nach Monza, Athen und Constantinopel und ebenso über die Resultate der Unterredungen, welche Graf Bismarck mit den leitenden Persönlichkeiten in Pest und Wien gepflogen, erstattet.

In Frankreich hat es noch unmittelbar vor der am Diens­tag erfolgten Eröffnung der neuen Parlamentssession eine kleine Ministercrisis gegeben. Der Marineminister Krantz reichte wegen Streitigkeiten mit dem Staatssecretär der Colonien Etienne seine Entlassung ein und ließ er sich auch nicht be­wegen, sein Demissionsgesuch zurückzunehmen. Indessen gelang es rasch, durch Ernennung des Senators Barbey zum Marine­minister Ersatz für Herrn Krantz zu beschaffen und so konnte denn das Ministerium Tirard am Dienstag vollständig vor der neuen Kammer erscheinen. Am Vorabend der Kammer-Er Öffnung fand eine Versammlung republikanischer Abgeordneter aller Parteien im Sitzungsgebäude der Deputirtenkammer behufs Verständigung über die Präsidentenwahl statt. Es waren gegen 300 Personen anwesend und erklärten sich 174 Stimmen für Floquet, 64 Stimmen für Brisson als ersten Kammerpräsidenten und demgemäß wird wohl auch Floquet (radical) zum Presidenten gewählt werden.

In Italien sind am Sonntag die einen politischen An­strich tragenden administrativen Wahlen vorgenommen worden. Soweit bekannt, nahmen dieselben in den größeren Städten überall einen vollständig ruhigen Verlauf, obwohl die Be- theiligung an dem Wahlacte fast allerorten eine starke war. Speciellere Nachrichten über den Wahlansfall liegen indessen noch nicht vor. In Rom kam es am Montag zu einer anarchistischen Demonstration; 17 Demonstranten wurden verhaftet.

Deutscher Reichstag.

13. Plenarsitzung. Dienstag den 12. November 1889, 1 Uhr. Haus und Tribünen sind spärlich besetzt.

Am Bundesrathstische: Dr. v. Boetticher, v. Oehl- sch l ä g e r, Dr. v. Rottenburg u. A.

kröne zu bilden, später die fruchttragenden Zweige zu ver­mehren, sie gleichmäßiger zu vertheilen und größere und schmackhaftere Früchte zu erzielen. Durch den Schnitt lassen sich auch durch allzu reiches Tragen entkräftete Bäume wieder stärken. Am besten ist es jedoch, daß man das Beschneiden der Bäume von kundiger Hand vornehmen läßt, da der Laie leicht sehr viel Schaden anrichten kann.

Wenn nun auch alle Sachkenner darin übereinstimmen, daß in einigen Theilen unseres deutschen Vaterlandes, in Böhmen, Mähren und anderen Ländern der Obstbau rüstig und geschickt betrieben wird, so geschieht dies doch noch lange nicht in allen dafür geeigneten Gegenden, obwohl er auch da mit verhältnißmäßig wenig Mühe und Kosten erstehen und eine Quelle von Wohlstand und Segen für Alt und Jung werden könnte. Ist und bleibt doch das Obst allen Altersstufen eine Labe, der Jugend ein Bedürfnis Die aber oft erwähnte Ueberproduction ist vollständig ausgeschlossen. Dagegen ist die Vermehrung des Baumbestandes sehr von Vortheil, d. h. also als Regulator des Naturhaushalts in Rücksicht auf Regen und Sonnenschein, Abhilfe der Wohmmgs- uoth für nützliche und willkommene Vögel, Verbesserung der Athemlnft, Zierden der Landschaften re. Daher sollten und könnten auf Landstraßen, Weiden, Rainen, öden Flächen und Abhängen, unter Berücksichtigung des Eingangs Gesagten, Millionen von Fruchtbäumen stehen. Demi Jahr für Jahr fallen ungezählte Massen durch Erweiterungen der Städte, Bau von Eisenbahnen, Straßen, industriellen Anlagen, durch Ueberschwemmungen, Frostschäden und Altersschwäche. Daß aber das erbaute Obst unseres Continents den Bedarf schlechterdings nicht zu decken vermag, geht schon daraus her­vor, daß Amerika schon seit geraumer Zeit unsere Märkte mit Dürr ob st versehen muß. Wie viele Millionen Mark werden allein schon dadurch dem Vaterlande entzogen.

Was aber von dem Früchteertrag nicht roh, gekocht und getrocknet verzehrt wird, könnte so trefflich dienen, ein wohl­feiles und gesundes Volksgetränk zu schaffen. Wäre dies nicht ein praktisches Mittel, dem verderblichen Schnapsgenuß einen festen Damm zu setzen? Wie aber ist der Liebe zur