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Nr. 264.
Dienstag den 12. November
1839.
Der Hteßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener AamitienVläller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Kenerat-Mnzeiger.
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Alle Annonccn-Durcaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
politische Neberficht.
Gießen, 11. November.
Der Kaiser und die Kaiserin werden von ihrer Orientreise am nächsten Samstag, den 16. d. M., wieder in Berlin eintreffen. An diesem Dienstag, den 12. d. gedenken die hohen Reisenden in Venedig zu landen, wo ihrer ein außerordentlich festlicher Empfang harrt. Die Kaiserin wird zwei Tage in der berühmten Lagllnenstadt verweilen, um deren Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, indes; ihr kaiserlicher Gemahl nochmals den König Humbert in Monza besucht. In Verona treffen der Kaiser und die Kaiserin voraussichtlich am 14. d. M. wieder zusammen und setzen alsdann die Heimreise über den Brenner fort. Hierbei erfolgt in Innsbruck die schon signalisirtc Zusammenkunft zwischen dem Kaiser Wilhelm und dem österreichischen Kaiser, doch wird dieselbe frei von allem Prunk und Ceremoniell sein und sich nur im allervertraulichsten Nahmen bewegen.
Der Bundesrath erledigte in seiner Wochenplenarsitzung vom 7. November eine ziemlich reichhaltige Tagesordnung, auf welcher sich auch die Actenstücke über den Ausstand in Ostasrika befanden- die Versammlung nahm von denselben Kenntniß.
Die Niedermetzelnng der Peters'schen Expedition in Ost- afrita hat den Ausschuß des Emin-Pascha-Comites in Berlin veranlaßt, die Mitglieder des Comites zu einer außerordentlichen Sitzung in Anbetracht der so total veränderten Sachlage einzuberusen. Der Tag der Einberufung ist aber erst dann festzusetzcn, wenn auf die nach Zanzibar gerichteten telegraphischen Anfragen nähere Mittheilungen über die Katastrophe eingetroffen sein werden. Inzwischen ist es' im deutsch-ostafrikanischen Schutzgebiet zu neuen Kämpfen zwischen den Wißmann'schen Truppen und den Aufständischen gekommen. Nach einer Meldung aus Zanzibar marschirte Hauptmann Wißmann mit einer starken Truppenmacht nach dem Zanzibar zunächst gelegenen Küstenplatze Saadani, von jeher der eigentliche Mittelpunkt der ausständigen Bewegung, um Saadani mit Unterstützung der deutschen Kriegsschiffe „Carola", „Sperber" und „Schwalbe" nunmehr zum dritten Male anzugreifen.
In Port Durnfort, an der kürzlich unter deutschen Schutz gestellten südlichen Somaliküste gelegen, wurde vom „Sperber" die deutsche Flagge gehißt.
Die schweizerische Bundesversammlung ist aus den 25. November einberufcn worden. Bereits jetzt werden die wesentlicheren Gesetzesvorlagen, welche das eidgenössische Parlament beschäftigen sollen, bekannt gegeben, ein deutsch-schweizerischer Niederlassungsvertrag befindet sich indessen nicht unter ihnen.
Das französische Parlament nimmt an diesem Dienstag seine Arbeiten auf und tritt demnach die am 22. September und 6. October gewählte neue französische Deputirtenkammer zum ersten Male zusammen. Man darf besonders gespannt darauf sein, wie sich die Parteigruppirung in dem neuen Hause vollziehen wird und wie sich speciell die Fractionsverhältnisse aus seiner republikanischen Seite gestalten werden. Einen ersten Probirstein hierfür wird die Präsidentenwahl abgeben, La es den Anschein hat, als ob die von einer Gruppe Depu- tirter der Linken angestrebte vorherige Verständigung aller republikanischen Gruppen hierüber nicht erzielt werden sollte. Am meisten Aussichten für den Präsidentenstuhl soll Leon Sah, der frühere Finanzminister, haben und tritt dieser einflußreiche Politiker überhaupt mehr und mehr hervor. So hielt er am Freitag eine große politische Banketrede in Paris, in welcher er die Grundzüge einer gemäßigt republikanischen Politik mit besonderer Betonung der Nothwendigkeit, das Gleichgewicht im Budget herzustellen, entwickelte. Die Rede Leon Says nimmt sich saft wie ein Regierungsprogramm aus und da gerade jetzt aus Paris gemeldet wird, daß das Ministerium Tirard-Constans nach den Wahlprüfungen zurückzutreten denke, so scheint es fast, als ob Herr Leon Sah weniger auf das Kammerpräsidium, als vielmehr auf den Vorsitz im neuen Cabinet speculire.
In Belgrad sah man für Sonntag oder Montag dem abermaligen Eintreffen des Königs Milan entgegen. Es heißt, daß es der Regentschaft nunmehr doch gelungen sei, die Königin Natalie zu einem vertragsmäßig stipulirten Abkommen bezüglich ihres künftigen Verhaltens zu bestimmen. König Milan wollte von diesen Verhandlungen an Ort und Stelle Kenntniß nehmen, eventuell zu dem Abkommen persönlich seine Zustimmung geben.
Deutsches Reich.
Berlin, 9. November. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht heute die Verleihung des schwarzen AdlerordenS an den Prinzen Georg von Griechenland.
Berlin, 9. November. Der Reichskanzler erhielt heute Abend das nachstehende Telegramm vom Kaiser aus Corfu: „Vorzügliche Fahrt von Stambul bis hierher; Wetter- prachtvoll - Farbeneffect und Beleuchtungen an Land und auf See von ungekannter Schönheit gesehen. Die Klarheit war gestern so stark, daß sämmtliche drei Spitzen und das dazwischenliegende Festland des Peloponnes auf einmal zu übersehen waren, was sonst noch nie eintraf. Alles wohl. Wilhelm."
Dresden, 9. November. Die neue Landtagssession wird am Mittwoch durch den König in Person eröffnet werden.
Ausland.
Pest, 9. November. Slaatssecretär Graf Herbert Bismarck ist heute Vormittag in Begleitung des General- consuls v. Plesscn nach Wien abgereist. — Staatssekretär Gras Herbert Bismarck ist um 12 Uhr 30 Min. in Wien eingetroffen und vom deutschen Botschafter Prinzen Reuß, Botschastsrath Graf Monts, dem Militärattache v. Deines und den übrigen Herren der Botschaft auf dem Bahnhose empfangen und nach dem Palais der Botschaft geleitet worden.
Paris, 9. November. Die Boulangisten beabsichtigen gelegentlich der am nächsten Dienstag stattfindenden Kammereröffnung eine Kundgebung aus dem Concordien-Platze zu veranstalten.
Paris, 9. November. Mit Rücksicht auf die von den Boulangisten anläßlich der Kamme^eröffnung am nächsten Dienstag beabsichtigte Kundgebung auf dem Concordien-Platze wird, wie bestimmt verlautet, keinerlei Ansammlung geduldet und jeder Versuch, Ruhestörungen herbeizusühren, auf das Strengste unterdrückt werden.
— Fünf Delegirte des Wahle omites von Montmartre werden den Eintritt in die Kammer verlangen, um dem Kammerpräsidenten einen Protest gegen die Proclamation Joffrins zum Deputirten zu überreichen.
London, 9. November. (Ausführlichere Meldung über die Rede Lord Salisburys auf dem Lordmayor-Banket.) Lord Salisbury beglückwünschte den Lordmayor zu dem Umstande, daß dessen Amtsantritt zu einer Zeit erfolge, wo der lange vermißte Wohlstand wiederzukehren beginne. D/r Redner wies auf die gegenwärtigen Streitigkeiten zwischen dem Capital und der Arbeit hin und richtete an beide Parteien eine Warnung wegen der großen Verantwortlichkeit, welche sie eingehen, wenn sie durch ihre Streitigkeiten in einer Zeit der lebhaftesten Concurrenz aus den Fortgang des großen Industriebetriebes Englands störend einwirken würden. In Betreff Irlands bemerkte Lord Salisbury, daß die Negierung nicht im Entferntesten geneigt sei, ihre Politik in Irland nach der Richtung der Home Ruler hin zu ändern. Zu den auswärtigen Angelegenheiten übergehend, erklärte der Redner, mehr als irgend eine andere Frage beschäftige gegenwärtig Afrika die europäischen Staaten. Alle Nationen bekundeten einen edelmüthigen Wetteifer in ihren Bemühungen, die Civilisation in jenem Welttheile zu fördern. Großbritannien stehe darin nicht zurück. Für Egypten bestehe noch immer die Gefahr einer Invasion. Die Macht des Khalisen sei noch stark, wie die Besiegung Emin Paschas beweise. Der Zeitpunkt für die Räumung Egyptens sei daher noch nicht eingetreten. Die anderen Mächte könnten England bei der Einführung von Maßregeln zur Hebung des Wohlstandes in Egypten unterstützen oder den Tag für die Räumung Egyptens von englischen Truppen hinausschieben, indem sie den Bemühungen der englischen Regierung entgegenarbeiteten. In Betreff Europas erklärte Lord Salisbury, wenig zu sagen zu haben. Die auf Kreta entstandenen Schwierigkeiten gingen einer schnellen Beseitigung entgegen. Eine andere Ursache zur Beunruhigung Europas bestehe zur Zeit nicht. In Betreff des Gerüchts, wonach die britische Politik durch besondere Abmachungen gebunden sei, betonte der Redner, daß die Politik Englands hinsichtlich Europas und des Mittelmeeres der ganzen Welt bekannt sei- sie sei die Politik des Friedens und der Ausrechterhaltung der bestehenden Dinge- keine Aenderung wäre verderblicher als eine Gebietsvermehrung irgend einer Großmacht, wodurch eine Katastrophe sicherlich schnell herbeigeführt würde. Eine Tollheit, ja unmöglich wäre es, England an irgend welche speci- fische Schritte für die Zukunft zu binden. In diesem Jahre hätten in mehr als einem Lande Ereignisse stattgefunden, welche in der Richtung des Friedens lägen. Die auftichtigen Bestrebungen der europäischen Herrscher zu Gunsten des Friedens hätten erhöhte Krast gewonnen. Der politische Barometer steige deutlich in der Richtung des Friedens.
Von den europäischen Staatsmännern, die am besten zu ur- theilen befähigt seien, würden die Friedensaussichten zur Zeit für größere als zuvor gehalten.
London, 9. November. Die Verfrachter beschlossen heute Nachmittag, die Forderungen ihrer Arbeiter zu bewilligen.
Neueste llacbricbten*
Wolffs telegraphisches Corrcspondcnz-Bureau.
Wien, 10. November. Sicherem Vernehmen nach wird sich der Minister des Auswärtigen, Graf Kalnoky, heute Abend auf einige Tage nach Pest zum Kaiser begeben.
Wien, 10. November. Das „Fremdenblatt" bespricht den Besuch Kaln o ky s in Friedrichsruh und die bevorstehende Begegnung der beiden Kaiser in Innsbruck: Es sei nunmehr als ein Erfolg des Czarcnbesuches anzusehen, daß es dem Reichskanzler gelungen sei, das Mißtrauen des Czaren gegen die Zwecke der Friedensliga wesentlich zu entkräften. Kalnoky und Bismarck gewannen die berechtigte Erwartung, daß der Czar keineswegs den Frieden Europas stören will. Nur vermöge des Friedens und aus Grund der von der deutschen Thronrede betonten geltenden Verträge kvijnen die bestehenden Schwierigkeiten auch ohne etwaige politische Ab machungen eine legale Lösung finden. In der Begegnung zu Friedrichsruh, wie in derjenigen zu Innsbruck seien neuerliche Bürgschaften der friedlichen Consolidirung Europas zu suchen.
Wien, 10. November. Der Fürstbischof von Breslau, Dr. Kopp, stattete gestern dem deutschen Botschafter, Prinzen Reuß, einen Besuch ab und empfing später dessen Gegenbesuch.
Venedig, 10. November. Der Gemeinderath macht bekannt, daß das deu sche Kaife rp aar am Dienstag Mittag im Hafen von Malamokko eintreffen und um 2 Uhr nach Venedig Weiterreisen werde.
Athen, 10. November. Der Großfürst Thronfolger hat seinen hiesigen Aufenthalt bis zum 17. d. M. ausgedehnt.
— Bei der königlichen Familie wurde gestern der Geburtstag des Prinzen von Wales festlich begangen - die Schiffe im Piräus hatten Flaggenschmuck angelegt.
Locales unö provinzielles.
Gießen, 11. November.
— Herr Peter Mendorf hier wurde am 3. November zum Gehilfen bei dem Kreisamte Gießen ernannt.
* In seiner neuesten Nr. bespricht das Gewerbeblatt für das Großherzogthnm Hessen die diesjährige Oberhessische Gewerbe- und Industrie-Ausstellung zu Büdingen. Es findet sich in dieser Besprechung unter anderem folgender Satz: „Wenn ein Besucher voraussetzte, ein geschlossenes Bild der oberhessischen Industrie- und Gewerbethätigkeit zu finden, so entsprach die Ausstellung, wie sie sich nun einmal enwickelt harte, einer solchen Erwartung durchaus nicht- waren doch, abgesehen von den etwa 2O°/o betragenden nicht oberhessischen Ausstellern ganz bedeutende Zweige industrieller Thätigkeit der Provinz überhaupt nicht vertreten, auch mußte die geringe Betheiligung der Provinzialhauptstadt besonders auffallen. Etwas mehr Localpatriotismus wäre unserer Ansicht nach hier sehr wohl am Platze gewesen, derselbe würde es ermöglicht haben, der Ausstellung wirklich das Gepräge einer „oberhessischen" zu geben." Der Wahrnehmung, daß die Ausstellung eigentlich keine „oberhessische" gewesen, und demnach auch nicht recht geeignet war, ein Gesammtbild des Standes der oberhessischen Industrie zu geben, haben auch wir uns von allem Ansang an nicht verschließen können. Wenn die Provinzialhauptstadt Gießen, bis zu einem gewissen Grade mit Recht, des Mangels an Localpatriotismus mit geziehen wird, so muß dieselbe doch insofern in Schutz genommen werden, als ihre 20 Aussteller immerhin ein Bild der gewerblichen Thätigkeit bieten konnten, da sie fast in allen Hauptgruppen zu finden waren. Vermißt wurden eigentlich nur die in Gießen so bedeutende Tabakbranche, die Möbelbranche, die Arbeiten der Sattler und Tapezierer, die Lampen- und Brennerfabrikation, die Cor- settfabrikation. Dagegen muß darauf hingewiesen werden, daß nicht allein das Fehlen einiger immerhin bedeutender Industriezweige der Ausstellung die Eigenschaft eines Ge- sammtbildes oberhessischer Gewerbethätigkeit benahm, sondern in höherem Maße das Vorhandensein solcher Gegenstände, die weder von den Ausstellern, noch in der Provinz oder deren zugelassenen Nachbarbezirken hergestellt waren, sondern als Handelswaare ihre Entstehung der Gewerbethätigkeit so ziemlich aller Herren Länder verdankten. Diese Gegen-


