Nr. 212
Donnerstag den IS. September
1889.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureaur Schulstraße 7.
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Erscheint täglich mit Ausnahme des MottiagS.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Büdingen, den 30. August 1889.
Dr. Obwald, Gymnasiallehrer.
Mäser, Bürgermeister.
Klietsch, Kreisrath.
Nos, Bürgermeister.
Das Schulgeld beträgt für jeden der beiden Curse nur 12
Anmeldungen sind schriftlich oder mündlich an die Mitglieder des Kuratoriums oder den Dirigenten der Anstalt, Landwirthschaftslehrer Dr. Ullmann, zu richten. Auch sind dieselben zu anderweitiger, bezüglicher Auskunstserthellung gerne bereit.
März des kommenden Jahres geschloffen.
Die Anstalt, zunächst für die Befriedigung des Bildungsbedürfniffes des mittleren und kleinen Landwirths bestimmt, wird den Schülern neben der Fortbildung in den Realfächern die Grundlage für den rationellen Betrieb der Landwirthschaft übermitteln. Es erstreckt sich der Unterricht auf Ackerbaulehre, Viehzucht, Obstbaumzucht, landw. Betriebslehre, Schreiben, Rechnen, Mathematik, Deutsch, allgemeine Naturkunde, Versaffungs- und Verwaltungslehre. Der diesbezügliche Lehrplan ist nach dem von der Grobherzoglichen Regierung für die landw- Winterschulen festgestellten Unterrichtsplan entworfen und erstreckt sich auf zwei Winter curse. Es bestehen daher zwei zusammengehörige Klaffen.
Zum Eintritt in die untere Klasse sind Absolvirung der Volksschule und einige Kenntnisse von dem praktischen Betriebe der Landwirthschaft Vorbedingung. In die obere Klasse können nur solche junge Leute ausgenommen werden, welche entweder bereits im Vorjahre die untere Klaffe einer landw. Winterschule mit Erfolg besucht oder sich doch anderweitig die in derselben zu erwerbenden Kenntnisse angeeignet haben. Nach jedesmaligem Schulschluß empfangen die Schüler der unteren Klasse ein Interims-, die der oberen Klaffe em Abgangszeugniß.
Dann soll ebenso wie im Wintercursus 1888/89 auch in diesem den in den vorderen Jahren aus der Anstalt entlassenen Schülern gestattet werden, unentgeltlich an dem Unterricht von specieü landwirthschaftlichen Fächern
Betreffend: Die landwirthschaftliche Winterschule des landwirthschaftlichen Vereins für die Provinz Oberheffen zu Büdingen.
Bekanntmachung.
1889/90. in der 1. Klaffe noch einmal Theil zu nehmen, so daß dieselben zur Erweiterung
Der Unterricht der landwirthschaftlichen Winterschule zu Büdingen 5?sp- größeren Gründlichkeit ihrer landwirthschaftlichen Kenntnisse einen dritten beginnt in diesem Jahre Montag den 4. November und wird Ende Kursus absolviren.
* . Unterrichten werden außer den beiden Landwirthschaftslehrern Dr. Ull-
' mann und Andräe, Lehrer Diehl sen. aus Bleichenbach, Lehrer i. P., Fr ei mann, Veterinärarzt Gerhard, Hofapotheker Krauß er jun., Lehrer Ruth Der Unterricht ist durch eine Sammlung werthvoller Lehrmittel ; unterstützt. Auch wird durch zahlreiche Excursionen nach nahe gelegenen mittleren und größeren Gutswirthschaften und Hofraithen, nach größeren Obstbaumschulen und gewerblichen Etablissements, durch Feldmeßübungen und Feld- taxationen, von zweckmäßig, n Wiesenanlagen und Drainagen die praktische Seite im Unterricht besonders berücksichtigt werden.
Die Unterrichtsstunden sind so gelegt, daß Schüler aus solchen Ortschaften, welche nicht weit von Büdingen oder in der Nähe der Oberhessischen Eisenbahn liegen, zu Fuß oder per Bahn täglich den Weg hin und zurück machen können. Diejenigen Schüler aber, welche in Büdingen Wohnung und Kost nehmen wollen, können solche zu sehr mäßigen Preisen erhalten.
Vom,' Besuche der Fortbildungsschule sind die Schüler der landwirth- ^schastlichen Winterschule entbunden.
DaS Kuratorium:
Dr. Ullmann, Knaf, Landwirthschaftslehrer. Bürgermeister.
Wolitissde Mrmdfehsrk
Gießen, 11. September.
Das „Berl. Tagebl." will von guter Seite erfahren haben, daß man am Berliner Hofe nickt mehr auf de- Besuch des russischen Kaisers rechne. Da alle officiellen Mtttheilungen über die Absicht des Czaren, den Besuch des Kaisers Wilhelm zu erwidern, von Petersburg bislang ausgeblieben sind, so hat Kaiser Wilhelm nunmehr seine Reise- dtsposittonen für die nächsten acht Wochen, wie verlautet, bestimmt getroffen und in ihnen ist kaum mehr ein Tag für eine Entreoue in Berlin oder Potsdam fre‘. Was aber das Unterbleiben des Gegenbesuches Kaiser Alexander's am Berliner Hofe bedeuten würde,^ das bedarf wohl keiner besonderen Beleuchtung. Selbstverständlich kann die in den nächsten Tagen in Hannover erfolgende Begrüßung des Kaisers Wilhelm durch den Thronfolger Nicolaus von Rußland in keiner Weise als ein etwaiger Ersatz für den Czarenbesuch betrachtet werden.
Kaiser Franz Josef hat sich nach Beendigung der galizischen Manöver nach Leitomischl in Böhmen begeben, woselbst der österreichische Monarch ebenfalls Truppenübungen beiwohnt. ♦
Die Ersetzung des bisherigen Statthalters von Böhmen, Baron Kraus, durch den Grafen Franz von Thun-Hohenstein wird in der österreichischen Presse vorwiegend als eine zunächst gegen die jungczechischen Bestrebungen gerichtete Maßregel charakterisirt. Aber auch die Deutschen Böhmens haben von diesem Personalwechsel für |ich nicht das Mindeste zu hoffen, denn der neue Statthalter ist vor Allem ein starrer Feudaler, der es sich angelegen lassen sein wird, neben den liberalen Principien zugleich das Deutschthum zu bekämpfen, welches somit in Böhmen neuen Kämpfen entgegengeht.
Auf Schloß FredenSborg wurde am Mittwoch der Geburtstag des Czaren festlich begangen. Die Feier bestand in FestgotteLdienst und einem Frühstück an Bord der 2)acht „Dershawa", an welchem sämmtliche zur Zett in Kopenhagen weilende kaiserliche und königliche Herrschaften theilnahmen. Nach der Feier reiste der Großfürst- Thronsolger Nicolaus zur Theilnahme an den deutschen Kaisermanövern nach Hannover ab, nach deren Beendigung er direct nack Fredensborg zurückkehrt.
Eine seltsame Demonstration hat sich ein höherer französischer Marine- Commandeur geleistet. Wie aus Algier gemeldet wird, hielt daselbst der Commandant des französischen Mtttelmeergeschwaders, Admiral Du Petit-Thouars, bei einem Empfange oer Li totere der Landtruppen eine Ansprache, in welcher er an den Krimkrieg erinnerte. aDmtral DhouarS bemerkte hierbei, damals hätten die Franzosen einen ritterlichen Gegner gehabt, dem sie nach dem Kampfe loyal die Hand reichen konnten und den sie heute zu ihren Freunden zählten. — Vielleicht würde Herr Du Petit-Thouars etwas anders gesprochen haben, wenn die Franzosen im Kriege in der Krim nicht Sieger gewesen wären; für ihn sind die Deutschen natürlich keine ritterlichen Gegner, weil sich dieselben erfrechten, anno 70 die „grande nation“ auf's Haupt zu schlagen!
. Gladstone, der Führer der englischen Liberalen, weilt jetzt zum Besuche
der Weltausstellung in Paris und hier hat sich der „große alte Mann" in einer merkwürdigen Verhimmelung der französischen Regierung gefallen. Am Samstag Abend wurde nämlich im Ausstellungspalaste ein Banket zu Ehren Gladstone's gegeben, welchem u. A. auch der Ministerpräsident Tirard beiwohnte. Gladstone hielt hierbei eine große Jieöe, in welcher er der Bewunderung für die Weltausstellung, sowie seiner Werth- ichatzung und Anerkennung für die französische Regierung Ausdruck verlieh, welche letztere er in den 10 Jahren, die er an der Spitze Der englischen Regierung gestanden,
kennen und schätzen gelernt habe. Mr. Gladstone hat allerdings immer für Frankreich geschwärmt und so darf denn sein überschwengliches Loblied auf die dritte französische Republik schließlich nicht gerade Wunder nehmen.
Der Strike der Londoner Dockarbeiter ist trotz aller gegentheiliger Meldungen noch nickl beendigt. Die Ausglerchsverhandlungen zwischen den Dockgesellschaften und den Strikeführern Burns und Tillet haben ungeachtet der Vermittelung des Lordmayors von London und des Cardinals Manning noch zu keiner Verständigung geführt. Die Directoren erklären, sie könnten über ihr Zugeständniß den Stundenlohn von 6 Pence vom 1. Januar 1890 ab einzuführen und bis dahin 5 Pence zu gewähren, nicht hinausgehen, während die Strikeführer fordern, daß der Stundenlohn von 6 Pence chon vom nächsten 1. October ab in Kraft trete. Inzwischen haben jedoch einige Besitzer von Ein- und Ausladequais an der Themse die Bedingungen der Strikenden angenommen.
Telegraphische Depesche».
Wolffs telegr. Korrespondenz-Bureau.
Berlin, 10. September. Die „Post" schreibt, die Kaiserin Friedrich werde mit der Prmzestm (Sophie von Kopenhagen nack Berlin zurückkehren, um die Reise nach Griechenland anzutreten. Ein Zusammentreffen mit der Herzogin von Cumberland sei ausgeschlossen und zwar wohl auch nach den Wünschen der Kaiserin, um auch nur dem Schein der Möglichkeit einer wölfischen Einwirkung zu begegnen. Damit werde vermieden, daß etwa wieder deutscherseits nationale Empfindlichkeiten wachgerufen werden könnten, deren Beilegung wohl zu den Resultaten der Reise des Kaisers nach England zu rechnen seien.
— Der „Vossischen Zeitung" zufolge ist dem Finanzminister in einem gnädigen Handschreiben des Kaisers ein sechsmonatlicher Urlaub gewährt und Die Hoffnung ausgesprochen worden, daß das Augenleiden des Ministers bis dahin gehoben sein werde. Das Augenleiden, fügt die „Voss. Ztg." hinzu, sei allerdings derart, daß es zu ernsten Besorgnissen Anlaß gebe.
Berlin, IO. September. Den „Berl. Pol. Nachr. zufolge trat heute Mittag im Reichsamt des Innern unter dem Vorsitze des Geh. Oberregierungsraths Rösing die Konferenz über Seeangelegenheiten zusammen, welche sich mit der von Nordamerika angeregten Frage einer internationalen Seekonferenz beschäftigen dürfte-
Minden, 10. September. Anläßlich des Kaiferbesuches sind der Bahnhof, die Häuser der Stadt und besonders diejenigen der Einzugsstraße reich geschmückt. Am Abend findet eine allgemeine Illumination statt. Der Fremdenzudrang ist ein großer, die Bevölkerung festlich gehoben- Der Großherzog von Hessen und Prinz Maximilian von Baden sind am Vormittag, Prinz Carl von Schweden am Mittag und Prinz Balduin von Flandern am Nachmittag eingetroffen und vom Ehrendienst empfangen worden. Das Wetter ist prächtig- Abends 7 Uhr traf der Kaiser mittels Sonderzug mit großem Gefolge auf dem Bahnhofe ein, wo die erste Kompagnie des 15. Infanterie-Regiments die Ehrenwache abgab und wo die anwesenden Fürstlichkeiten, die Oberpräsidenten, General Albedyll, die übrigen Generäle und der Oberbürgermeister Beck zum Empfang sich eingefunden hatten- Nach der Begrüßung und dem Abschreiten der Ehren-Kompagnte begab sich der Kaiser in einem vierspännigen Wagen, dem eine Schwadron Kürassiere vorausritt, unter dem Geläute der Glocken und Den enthusiastischen Zurufen einer nach Tausenden zählenden Menge nach seinem Absteigequartier, der Villa Leonhardt. Auf dem Wege dorthin hatten die Fackeln und Lampions tragenden Arbeiter, die Feuerwehr, die Bürgerkompognien und die Schüler Spalier gebildet. Vor dem prachtvollen, um Weserthor errichteten Triumphbogen wurde der Kaiser vom Oberbürgermeister begrüßt, welcher den Dank für die hohe Auszeichnung aussprach, die der alten deutschen Stadt


