Nr. 60.
Dienstag den IS
1389.
Gießener
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r S ch u l st r a ß e 7.
PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
k 2" vormittag- 10 Uhr, findet im Regierungsgebäude dahier eine öffentliche Sitzrruu des Provinztaltag- der Provinz Oberheffen mit folgender Tagesordnung statt: " w * 9
& der Rechnung der Provinzialkaffe und Erstattung des Rechenschaftsberichts für 1887/88.
2) Feststellung des Voranschlags der Provinzialkaffe für 1889/90.
3) Wahl von 4 Mitgliedern und 2 Ersatzmttgliedern de» Provinzialausschuffe» an Stelle der Ende 1889 vermöge ihres Dienstalters aus- scheidenden Mtglreder Rechtsanwalt vr. Gutfleisch-Gießen, Oberbürgermeister Bramm-Gießen, Bürgenneister Stöpler-Lauterbach Landgerichtsrath $oljapfeb*® ie(je®ber Ersatzmitglieder Landgerichtsrath Dr. Gilmer-Gießen (jetzt in Darmstadt) und Gießen, den 25. Februar 1889. Der Vorsitzende des Provinzialtags.
-----------------------------------------------v. Eagern.
Sen Landwirthschaftslehrer Leithiger von Alsfeld wird in Weitershain Sonntaa den 31. Mein l. °L, Nacbmittaa« s Uhr einen Bortrag über die Anwendung de« künstlichen Düngers halten 8 4 ^achm.ttagS 2 Uhr,
^Mieder der landwirthschaftlichen Vereins und Freunde der Landwirthschaft werden zu dieser Versammlung hierdurch ergebenst eingeladen.
Gie.od"» We-tershain und der benachbarten Orte werden ersucht, aus möglichst zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken. Gießen, den 10. Marz 1889. Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen.
Jost, Regierungsrath.
Politische Rundschau.
Gießen, 11. März.
Der erste Gedenktag des 9* März, an welchem vor einem Jahre der .ahmvolle kaiserliche Begründer des neuen deutschen Reiches heimging, ist an zahlreichen Orten Preußens und des Reiches durch entsprechende Acte begangen worden. Am - Berliner Hofe wurde am Todestage weiland Kaiser Wilhelms I. Vorwittags 11«/, Uhr im königlichen Palais bei der Kaiserin Augusta ein Trauergottesdienst ab- gehalten, an welchem der Kaiser und die Kaiserin, die sämmtltchen zur Zett in Berlin anwesenden Mitglieder der königlichen Familie, das badische Herrscherpaar sowie diejenigen General- und Flügeladjutanten, welche bis zuletzt bei Kaiser Wilhelm I. Dienst gethan, Theil nahmen.
Der Reichstag tritt an diesem Mittwoch nach fünfwöchentlicher Pause zur Fortsetzung seiner Session wieder zusammen. An Berathungsstoff für den bevorstehenden ferneren Sessionsabschnttt fehlt es dem Reichstage durchaus nicht mehr, denn voraussichtlich wird er die neuen, vom Bundesrath genehmigten Vorlagen auf dem Tische des Hauses vorfinden, wahrend es zugleich noch Verschiedentliches aus dem bisherigen Theile der Session endgültig zu erledigen gtebt. Auch ist es der Commission für das Genossenschaftsgesetz noch in voriger Woche gelungen, ihre Arbeiten zu beenden und wird die betreffenbe Vorlage wohl auch in diesen Tagen dem Plenum zugehen; ebenso sieht zu erwarten, daß die Commission für das Altersversorgungsgesetz in längstens 14 Tagen die zweite Lesung des Entwurfes beendigt haben wird. Als Hauptgegenstand der Tagesordnung für die Reichstagssitzung am Mittwoch erscheinen die Rechenschaftsberichte über die Ausführung des Socialistengesetzes und dürfte sich hieraus vermuth- ltch eine lebhafte Socialtstendebatte entwickeln; vielleicht, daß sich die Reichsregierung bei dieser Gelegenheit auch über die in der Presse neuerdings angeregte Milderung des Socialistengesetzes oder Ersetzung desselben durch Bestimmungen, die sich mehr dem gemeinen Recht nähern, ausläßt.
Die Vorgänge in Serbien stehen noch immer im Mittelpunkte des europäischen Tagesinleresses und in den Betrachtungen, welche die Presse aller Länder den serbischen Ereignissen widmet, spiegelt sich das lebhafte Interesse wider, welches man allseitig der Wetterentwickelung der serbischen Frage widmet. Unmittelbar auf das empfindungsvolle Manifest, mit welchem sich König Milan von seinem Volk verabschiedete ist die Regentschaft mit einer Proclamatton gefolgt, welche die Grundzüge der Ge- "immlpolittk der Regenten darlegt und in Serbien den befteir Eindruck gemacht hat. Auch das neue radicale Cabinet unter der Präsidentschaft . Generals Grutc erfreut sich im Lande überwiegend einer wohlwollenden Beurtheilung und alle Parteien hoffen, daß sich an dasselbe eine neue Aera des Parlamentarismus knüpfen werde. Die Einberufung der Skupschtina zu einer außerordentlichen Session behufs Vereidigung der Regenten auf die neue Verfassung stehl unmittelbar bevor. Was König Milan an- velangt, so will sich derselbe zunächst nach Pest und Wien begeben, um seine Haltung beün Kaiser Franz Joses zu rechtfertigen, nach den Andeutungen österreichischer Blätter ist es aber nicht wahrscheinlich, daß Kaiser Franz Josef den serbischen Ex-Monarchen nach dem, was vorgefallen, noch empfangen wird. Später gedenkt Milan einige Wochen in dem fftrischen Seebade Abbazia zuzubringen, sodann aber über Constanttnopel eine längere Reise nach Syrien und Egypten anzutreten. Nach einer Mittheilung der -Pol. Corresp." erklärte Milan, daß er auf das ihm verfassungsmäßig zustehende Recht zur Leitung und Erziehung des minderjährigen Königs Alexander in keiner Weise verzichten und deshalb häufig und auf längere Zeit in Serbien weilen werde. Aber Königin Natalie wird jedenfalls auch versuchen, Einfluß auf ihren Sohn, nun er König der Serben ist, zu gewinnen, natürlich, um ihn in russisches Fahrwasser zu lenken. Die kräftige Unterstützung dieser Bestrebungen durch die serbische Russenpartei und, wenn auch heimlich, durch das osficielle Rußland ist nicht zu bezweifeln und daß in dem Kampfe, der sich hierüber zwischen Königin Natalie und König Milan voraussichtlich ent spinnen wird, die Chancen nicht auf Seiten des letzteren liegen, ist wohl sicher.
In der französischen Hauptstadt herrscht seit einigen Tagen große Börsen- panik. Das große Geldinstitut des Comptoir d'Escompte hat sich in Kupferactien total verspeculirt und fein Zusammenbruch würde eine unübersehbare finanzielle Katastrophe für den Pariser Platz im Gefolge haben; schon jetzt sollen einige mit
dem Comptoir d'Escompte zugleich in der Kupferspeculation engaglrt gewesene Pariser Bankhäuser ihre Zahlungen eingestellt haben. Um einen allgemeinen Krach zu verhüten, hat eine Vereinigung der größten Pariser Finanziers mit Gustav v. Roth- sckild an der Spitze den Beschluß gefaßt, dem Comptoir d'Escompte zur Regultruna seiner Verbindlichkeiten einen Vorschuß von ICO Millionen Frcs. zu gewähren, die nöthtgen Mittel will die Bank von Frankreich gegen Garantien gewähren. Der Finanzminister Rouvier hat sich um diese Uebereinfunft wesentlich verdient gemacht und hofft die „Liberia", daß Dank der Initiative Rouvier's die Crisis beschworen sei, welche dem Pariser Handel am Vorabend der Weltausstellung einen unermeßlichen Schaden zufügen könnte.
Die italienische MinisteecrifiS ist definitiv beendigt. In das umgebildete Cabinet Crispi sind neu eingetreten: Seismit Doda (Finanzen), Giolitte (Schatzamt) und Finali (öffentliche Arbeiten); die übrigen Minister haben ihre bisherigen Portefeuilles behalten.
In ganz China haben sich anläßlich der Thronbesteigung des jungen Kaisers größere Feindseligkeiten gegen die Ausländer kundgegeben. Gegen die Fremdenkolonie in der südchinesischen Hafenstadt Chefoo wurde sogar ein Angriff der chinesischen Garnison befürchtet und ging deshalb das britische Kriegsschiff „Mutine" zum Schutze der Europäer von Shanghai nach Chefoo ab.
peutschlaud.
K Darmstadt, 10. März. Den neuesten Dispositionen zufolge werden Seine Königliche Hoheit der Großherzog mit dem Erbgroßherzog und der Prinzessin Alix, hochstwelche heute noch in St. Petersburg der Feier des Geburtsfestes Sr. M. des Czaren beiwohnen, am 12. März von dort abreifen und direkt über Berlin hierher zurückkehren, ohne unterwegs irgendwo Aufenthalt zu nehmen. Von Kafsel führt ein Extrazug die Herrschaften Hierher, wo sie am Donerstag Abend erwartet werden.
Berlin, 9. März. Der Trauerfeier zum Gedächtniß Kaiser Wilhelm's I. im göiferltdjen Palais wohnten die gegenwärtig hier anwesenden Mitglieder der kaiser- Uchen Familie, Großherzog und Großherzogin von Baden, die in Potsdam wohnenden Prinzen und Prinzessinnen, sowie die damals und heute im Dienste befindlichen Adjutanten und Hofbeamten bei; auch der Reichskanzler Fürst Bismarck und General- Feldmarschall Graf Moltke nahmen Theil. Gesänge des Domchors leiteten die Feier ein und schlossen dieselbe; Ober-Hof- und Domprediger Kögel hielt die Gedächtnißrede Nachdem die Majestäten noch kurze Zeit bei den Großh. badischen Herrschaften DermeiU* fuhren dieselben nach Charlottenburg, um am Sarge des Kaisers einen Lorbeerkram niederzulegen. Kaiserin Augusta begab sich um 1 Uhr allein dorthin.
ic ~ Nach Mittheilung der „Nordd. Allgem. Ztg." lautet das Telegramm des Kaisers von Oesterreich an Feldmarschall Graf Moltke wie folgt: „Ich beglückwünsche Sie in meinem Namen, sowie in dem Namen meiner gelammten bewaffneten Macht welche Sie als das Muster aller militärischen Tugenden ehrt und hochhält, auf das Aufrichtigste der seltenen Feier der Vollendung des siebenzigsten Dienftjahres. Möge die göttliche Vorsehung, welche Ihnen vergönnte, Ihre Dienste fünf Monarchen des Hauses Hohenzollern zu weihen, Sie noch lange zur Freude Ihres erlauchten Kaisers, meines theuren Freundes und treuen Bundesgenossen, und zum Wohle des Deutschen Reiches erhalten."
™ Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt: Der gestern vom Chef des Generalstabes Grafen Waldersee abgehaltenen Besprechung der taktischen Prüfungsarbeiten, woran außer den Generalstabsofficieren und den zum Generalstab kommandirten Lieutenants fast alle Generale des Garde-Corps und die Flügeladjutanten des Kaisers theilnahmen, wobnte auch der Kaiser bei. Derselbe griff selbst in die Besprechung ein und richtete, anknüpfend an die gestellten Aufgaben, bestimmte belehrende Worte an i’ie Officiere. Schließlich wies auch Graf Waldersee auf die hohe Bedeutung hin welche der diesjährigen Versammlung durch die Theilnahme des Kaisers an der Be- fprechung verliehen worben sei, und sodann darauf, daß dieselbe am 70jährigen Dienst- jubilaum des Mannes stattfinde, dem der deutsche Generalstab nicht blos seinen Weltruf, sondern auch seine Durchbildung verdanke; die Pflicht eines jeden Generalstabs- osficiers sei es, dem Feldmarschalle dadurch seinen Dank abzutragen, daß jeder l Einzelne in treuester Hingabe sich im Generalstabsdienste tüchtig mache, um voll und ganz für des Kaisers und Königs und für des Reiches Herrlichkeit Mitwirken zu I können.
| , Berlin, 9. März. Der „Reichsanzeiger" schreibt: Mit dem heutigen Tage ist ' ein Jahr dahingegangen, seit Kaiser Wilhelm l. nach thaten- und ruhmreichem Leben


