Nr. 1S8. Donnerstag den 11. Juli 1889.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
»«r-au. S ch u l st r ° ß - 7. ' Erscheint tSglich mit Ausnahme des Montag». M
Amtlicher Hheik.
Bekanntmachung.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Friedrich Reitz Ehesrau von Obbornhofen durch Zeugniß der Großh. Direction der Entbindungs-Anstalt dahier zur Ausübung der Hebammenpraxis für gut befähigt erklärt und heute als Hebamme verpflichtet worden ist.
Gießen, am 9. Juli 1889. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v Gagern.
Politische Rundschau
Gießen, 10. Juli.
Von einem leichten Unfall, der unfern Kaiser auf feiner norwegischen Reife betroffen, wissen private Meldungen zu berichten. Ihnen zufolge gerieth die „Hohen- zollern" am Sonntag Vormittag mit dem Kaiser an Bord bei Eida auf Grund, glücklicher Weise konnte die Kaiseryacht sehr bald wieder flott gemacht werden und alsdann die Fahrt fortsetzen. Im Laufe des Sonntag hatte der Monarch den prachtvollen Wasserfall von Wöringssos besucht, leider stellte sich alsbald Regen ein, welcher den vollen Genug dieses unvergleichlichen Schauspieles einigermaßen beeinträchtigte. Am Montag reifte der Kaiser nach Bergen weiter, der wichtigsten Handelsstadt Norwegens und zugleich nächst Christiania der größten Stadt des Landes. Die Ankunft in Bergen erfolgte am genannten Tage Nachmittags 4 Uhr, doch verblieb der Kaiser an Bord der „Hohenzollern", um am Dienstag früh 8 Uhr nach Gudwangen am Sogne-Fjord wetterzufahren.
lieber den Zeitpunkt der Beendigung des Aufenthaltes Kaiser Wilhelms in Norwegen steht noch nichts Bestimmtes fest und hängt dies selbstverständlich ganz von dem Ermessen des hohen Herrn ab. Auch soll es noch keineswegs sicher sein, daß sich an den Besuch des Kaisers in Norwegen seine Reise nach England unmittelbar anschließt, dagegen sind die Dispositionen für seine Ankunft in England endgültige. Danach trifft Kaiser Wilhelm, geleitet von 12 deutschen Kriegsschiffen, am 2. August in Osborne, der Sommerresidenz der Königin Victoria auf der Insel Wight, ein, worauf am nächsten Tage die große Parade der englischen Flotte bei Spithead vor Kaiser Wilhelm und dem Prinzen von Wales ftattfindet, an welcher nicht weniger als 105 englische Kriegsschiffe und 26 Torpedoboote theilnehmen werden. Am 7. August gedenkt der Kaiser die Rückreise nach Deutschland anzutreten.
Der Reichskanzler Fürst BiSrnarck, welcher im vorigen Jahre von einem Bade-Aufenthalte absah, beabsichtigt Heuer wieder eine Trinkcur zu gebrauchen und zwar in dem von ihm seit vielen Jahren bevorzugten Kissi ngen. Man sieht'daselbst der Ankunft des Reichskanzlers für die erste Augustwoche entgegen, zu einem Zeitpunkte also, zu welchem die Rückkehr der Kaiserin und der kaiserlichen Prinzen von Kissingen nach Berlin, resp. Potsdam erfolgt sein wird.
Der BunveSralh hielt am Samstag seine letzte Plenarsitzung vor seiner allsommerlichen Vertagung ab, womit die lange parlamentarische Wintercampagne im Reiche ihren endgültigen Abschluß erhalten hat. Die Frage nach dem Wiederzusammentritte der genannten Körperschaft kann man indessen bis auf Weiteres getrost ruhen lassen, da jedenfalls während der nunmehrigen eigentlichen Sommermonate von Vorbereitungen für die Herbstsession des Reichstages nicht die Rede sein wird, wenigstens im Bunbes- rathe nicht. Dagegen scheint man allerdings im Schooße der Einzelregierungen hie und da sich bereits mit Anträgen für die nächste Reichstagssession zu beschäftigen und wird z. B. aus München gemeldet, daß die bayerische Regierung beabsichtige, dem Bunbekathe einen auf die Errichtung gewerblicher Schiedsgerichte zielenden Antrag zu unterbreiten. In Hinblick auf die Heuer in Deutschland sich weit stärker geltend machende Strikebewegung als sonst erscheint der bayerische Antrag offenbar höchst zeitgemäß.
Zur Samoa Angelegenheit liegt eine bemerkenswerthe neue Nachricht vor. Aus Sydney kommt die Melvung, daß die beiden Prätendenten auf die samoanische Königswürde, der deutschfreundliche Häuptling Tamasese und der von den Amerikanern begünstigte Häuptling Mataafe, formell Frieden mit einander gemacht hätten, nachdem zwischen ihnen schon seit längerer Zeit thatsächlich Waffenruhe herrschte. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß diesem erfreulichen Ereignisse der Beschluß der Berliner Samoa- Conferenz, den von den Deutschen abgesetzten und gefangen genommenen Malietoa wieder als König von Samoa anzuerkennen, zu Grunde liegt. Bekanntlich soll das seit der großen Schiffskatastrophe im Hafen von Apia daselbst ftationtrte deutsche Kanonenboot „Wolf" nach den Marschalls-Inseln abgegangen sein, um Malietoa, welcher zuletzt auf genannter Inselgruppe ftationirt war, nach den Samoa Inseln zurück- zubringen. Die von der englischen Regierung gegen ihren Consul auf Samoa ein- geleitete Untersuchung, welcher deutschfeindlicher Handlungen beschuldigt war, hat die Grundlosigkeit der erhobenen Beschuldigungen ergeben und gedenkt der mit der Untersuchung betraut gewesene englische Specialcommissar, Sir John Thurston, demnächst Samoa wieder zu verlassen.
Berlin, 9. Juli. Der Hofbericht meldete neulich den Besuch des Kaisers bei dem Bildhauer Professor Begas. Man nahm an, daß der Kaiser dem Künstler zu einer Büste eine Sitzung gewährt habe, doch ist diese Annahme eine irrtümliche; es handelte sich, wie man verbürgt mittheiit, um die Auswahl des Materials für den dem Kaiser von der Stadt Berlin gestifteten monumentalen Begas-Brunnen, der auf dem Schloßplatze Aufstellung finden soll. Die Stadt hatte die Wahl des Materials dem Kaiser überlassen, dem Monarchen gefielen besonders zwei Steinsorten: ein rother Granit und der graue Basalt vom Felsenmeer im Odenwald. Da jedoch die Ausführung aus dem grauen Basalt theurer zu stehen kommt als die aus dem rothen Granit, wollte der Kaiser keine Entscheidung treffen; die anwesenden zwei Vertreter des Stadtmagistrats erlaubten sich jedoch zu bemerken, daß lediglich der Wunsch Sr. Majestät maßgebend sei. Die Entscheidung wird nun wohl zu Gunsten des grauen Basaltes getroffen werden. Auch die neue Kaiser-Wilhelm-Brücke, welche die Verbindung zwischen Schloßufer und Kaiser-WUHelmstratze bildet, ist aus diesem Material hergestellt. (F. I.)
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Korrespondenz-Burean.
Berlin, 9. Juli. Den „Berl. Poltt. Nachr." zufolge sind einige Personaloeränderungen in den Eisenbahnabtheilungen des Arbeitsministeriums erfolgt. Die Abtheilung für die technischen Angelegenheiten der Verwaltung der Staatseisenbahnen ist zwar unverändert geblieben, der Abtheilung für die Verkehrsangelegenheiten der Staatsbahnen sind jedoch das Tarifwesen, das Betriebsreglement, die Fahrplansachen, die Wagendisposition und die übrigen Angelegenheiten des Verkehrs einschließlich betz Mililäroerkehrs und der Zollsachen unter Leitung des Ministerialdtrectors Fleck zuge- theilt worden. Die übrigen Verwaltungsangelegenheiten sind zugleich mit der Staatsaufsicht über die Prioatbahnen der Abtheilung für die Staatsaufsicht über die Privatbahnen und für die allgemeinen Verwaltungs-Angelegenheiten unter Leitung des Ministerialdtrectors Brefeld zugewiesen worden.
— Dasselbe Blatt stellt in einer Besprechung der russischen Conversion die Ansicht auf, daß erneuerte Versuche gemacht werden dürften, den deutschen Markt zur Annahme des nicht plackten Materials zu bewegen.
Jägerndorf, 9. Juli. Die Arbeitseinstellungen nehmen zu; seit heute Nachmittag strtten die Arbeiter der Fabrik Flucenisch, sowie nahezu 200 Arbeiter auf den der Analobank gehörigen Etablissements in Wiesen.
Prag, 9. Juli. Bet den Handelskammerwahlen sind 8 Alt-Czechen und sieben Deutsche gewählt worden.
Paris, 9. Juli. Es ist endgiltig festgestellt, daß 208 Bergleute in St. Etienne umgefoivnen sind.
London, 9. Juli. Das Unterhaus beschloß, die Frage der Dotirung der Enkelkinder der Königin im Einklang mit der Berathung der Apanagen der Konigsfamflie einem Sonder - Ausschüsse zu überweisen und lehnte mit großer Majorität alle Amendements der Radikalen ab.
Bergen, 9. Juli. Se. Majestät der Kaiser Wilhelm machte gestern eine Rundfahrt durch den hiesigen Hafen und stattete dem englischen Admiralsschiffe „Northumber- lanb" einen Besuch ab. Heute Morgen 9 Uhr verließ die „Hohenzollern" den Hafen unter den Saluten der norwegischen und britischen Schiffe, während die verschiedenen Musikkapellen die deutsche Nationalhymne spielten. Der Kaiser stand während dieser Huldigung auf der Kommandobrücke. Das Wetter ist schön.
Kairo, 9. Juli. Von der englischen Infanterie gehen 600 Mann und ferner eine Eskadron Husaren gegen Ende dieser Woche nach Assuan.
Mainz, 10. Juli. sPrioatdepesche.j Der Großherzog, nebst der Prinzessin Heinrich von Preußen und Prinzessin Alix, sowie Gefolge sind heute Morgen von hier nach Darmstadt abgereift.
Berlin, 10. Juli. Nach einer Reuter-Meldung aus Zanzibar vom 9. d. Mts. griff Hauptmann Wißmann gestern Pangani an und besetzte dasselbe nach vorherigem Angriffe durch die Geschütze verlustlos. Die Eingeborenen zogen sich zurück.
Die Eisenbahnkatastrophe in Röhrmoos bei München.
München, 7. Juli.
Emanuel Spitzer, glaube ich, heißt der Maler, dessen Bild „Der aoisirte Bahnunfall" vor einigen Jahren die Runde durch alle Kunststädte Deutschlands machte und überall ob seiner erschütternden Wirkung Sensation erregte. Dieses Bild in nackte, entsetzliche Wirklichkeit übertragen, bot heute Vormittag der Perron unseres Bahnhofes. Der um 8 Uhr 5 Minuten hier fällige Schnellzug von Ingolstadt war nicht eingetroffen. Bekanntlich werden die Schnellzüge Köln-Frankfurt-München und Berlin-Bamberg- München in Treuchtlingen zu einem Zuge verkoppelt und fahren von hier aus gemeinsam über Ingolstadt nach München. Dieser Zug enthielt nun eine große Anzahl Passagiere — meist Vergnügungsreisende aus Norddeutschland —, welche in München von vielen Verwandten und Bekannten erwartet wurden. Der Zug kam nicht. Anfänglich hieß es, er hätte Verspätung. Bald aber machte sich das Gerücht geltend, dem Zuge sei ein. Unglück zugestoßen. Das Gerücht hatte recht. Die allmählich einlaufenden officieHen Depeschen besagten, daß sich ein fürchterliches Eisenbahnunglück zugetragen habe. Die Angst, die Bestürzung der Wartenden kann man sich denken. Die Telegraphen- und Betriebsbureaus wurden förmlich gestürmt, man wollte Gewißheit haben, man wollte wissen, welche Größe das Unglück angenommen und ob nicht ein theurer Freund oder Verwandter verunglückt sei. Die Beamten konnten keine Auskunft geben, ste wußten selbst noch nichts Näheres. Gegen 9 Uhr wurde ein Hilfstrain mit A ersten und Arbeitern nach dem Platz der Katastrophe abgelassen. Mittlerweile hatte sich die erschütternde Kunde in der Stadt verbreitet. Schaarenweise strömten die Leute nach dem Bahnhofe. Die Feuerwehr erschien und sperrte den Perron ab. Das Sanitätscorps kam mit zwei Transportwagen, um die eintreffenden Verletzten nach dem Krankenhause zu transportiren. Endlich 10 Minuten vor 12 Uhr kehrte der Hilfszug zurück. Er brachte zum Theile die unglücklichen Opfer der Katastrophe — Todte und Verwundete. Schauerlich berührte das Gestöhn und die Schmerzensschreie der Schwerverletzten, als man sie aus dem Postwagen herausnahm und auf die Tragbahre legte. Da war eine Dame, welcher der Fuß banbagirt war, ben sie einigemal gebrochen hatte, bann zog man einen Herrn heraus mit eleganter Kleibung, ber innere Verletzungen erlitten hatte unb ber bei jeber Berührung laut aufschrie, bann brachte man wieber einige Tobte in verhüllten Tragbahren — ein entsetzliches Bilb. Jeber, ber einen Bekannten erwartete» brängte sich natürlich mit banger Angst vor, um zu sehen, ob nicht ber Erwartete sich unter den Verletzten befänbe. Herzzerreitzenbe ©eenen spielten sich ab. Da entbeckl


