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10.11.1889 Zweites Blatt
 
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Nr. 263. Zweites Blatt.

Sonntag den 10. November

1889.

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Aamitienökatter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

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Generat-Mnzeiger.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giefzen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

Gratisbeilage: Gießener Aamilienölätter.

Alle Annoncen-Burcaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Theil.

Gießen, am 7. November 1889. Betreffend: Die Wahl der Vertreter der Forensen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grohh. Bürgermeistereien des Kreises.

Soweit Sie unserer Verfügung vom 25. September l. I. Kreisblatt 233 noch nicht nachgekommen sind, erinnern wir Sie an baldige Erledigung.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 7. November. In der Militärverwaltung herrscht eine . sehr eifrige Thätigkeit, welche dahin gerichtet ist, Vorkehrungen zur Ausführung der dem Reichstage vor­gelegten Abänderungen des Wehrgesetzes zu treffen. Es ist nach dieser Richtung hin alles so geordnet, daß die neuen Formationen sofort nach Bewilligung des Gesetzes durch den Reichstag ins Leben treten können. Es handelt sich dabei übrigens um Arbeiten von langer Hand. Ausgeschlossen ist nicht, daß in Einzelheiten noch einige Abänderungen eintreten können, die jedoch durchaus nicht belangreich sind und für das Gefüge des Ganzen nicht in Betracht zu ziehen sein sollen._____________________

Locales unfc provinzielles.

Gießen, 9. November.

* Kauft am Orte und laßt auch am Orte arbeiten. Wie alljährlich, so werden auch jetzt wieder angesichts der Weih­nachtszeit alle Die, in denen man eine gewisse Kaufkraft vermuthet, von auswärtigen Reisenden heimgesucht oder mit Preislisteu u. s. w. auswärtiger Geschäfte überfluthet- daraus, daß diese Art Geschästsempfehlung sich alljährlich wiederholt, ist wohl auch der Schluß zu ziehen, daß die Manipulationen auswärtiger Geschäfte sich rentiren, und zwar rentiren auf Kosten der Käufer. Immer wieder muß zugesehen werden, wie leider noch immer eine große Zahl hiesiger Einwohner ihren Bedarf an allem Möglichen selbst in kleineren Quanti­täten von auswärts beziehen, so von Hamburg, Berlin, Bremen, Frankfurt, selbst von Paris. Das ist schlimm genug und die Geschäftswelt kann nichts zBefferes dagegen thun, als sich mit wirklich guten und billigen Waaren immer wieder und so nachhaltig empfehlen, daß die Betreffenden zum Ver­gleichen der Preise und zum Eingeständniß ihres Jrrthums |

förmlich gezwungen werden. Das ist eben nur durch practisch abgefaßte Inserate möglich. Gewiß ist es sogar am klügsten, wenn man da, wo man wohnt, kauft und unfertigen läßt. Daß diese einzig gute Regel leider aber immer noch viel zu wenig beachtet wird, ist mit unter die Hauptursachen des gegenwärtigen Niederganges des Gewerbelebens zu rechnen. Es ist Thatsache, daß die Meisten die Erzeugnisse ganz fremder Länder den heimischen Erzeugnissen vorzuzichen pflegen. Nicht mit Unrecht schreibt man diese Manier zum größten Theile der Waarenunkenntniß oder dem Mangel an echtem Nationalsinn zu. Ab und zu hat die Presse sich schon mit diesem Thema beschäftigt und gerade jetzt müssen An­strengungen gemacht werden, diesen ungesunden Drang des Volkes in seinem ureigensten Interesse zu bekämpfen. Nur ein Blick auf die jetzt wieder zum Beginn der Winterszeit in hunderttausenden Exemplaren verbreiteten pariser Offerten und die sich immer wiederholenden lauten Klagen aus dem allgemeinen Geschäfts- und Kleingewerbebetrieb lehrt, daß eine entschiedene Besserung in dieser Beziehung immer noch nicht eingetreten ist. Es ist in der Gewerbe- und Handelswelt längst kein Geheimniß mehr, daß Fabrikate mancherlei Art am heimischen Boden erzeugt werden und die ausländischen Firmen lediglich die äußere Ausstattung und Verpackung (natürlich mit fremdländischer Sprache und Re­klame versehen) besorgen! Der Umstand aber, daß eben der Mehrheit des Publikums das Verständniß mangelt, die so bezogenen Waaren zu beurtheilen, ist der Hauptgrund, weß- habe sich dieses Mißverständniß auch jetzt noch behaupten kann. Nicht einmal der Nothschrei aus Gewerbe- und Handelskreisen und die hiermit in Verbindung stehende, Allen vor Augen liegende Krisis der jeweiligen Arbeiterbevölkerung vermag diese Leute umzustimmen- der eigenartigeNimbus",recht weit her", oder garrecht billig" (?) bezogen zu haben, gilt manchen Leuten mehr als das Wohlbefinden ihrer nächsten Mitbürger. Und die Moral? Die vielen Käufer aus­ländischer Erzeugnisse finden es ganz natürlich, daß man ihnen die bestellten Waaren nur gegen Vorhersendung des Betrages oder gegen Nachnahme einhändigt, wagt es aber ein ansässiger Geschäftsmann, nach Ablauf mehrerer Monate um die Begleichung seiner Rechnung zu bitten, so wird ihm zum Mindesten ein Gesicht gezeigt, das eher alles andere wie Freundlichkeit widerspiegelt. Besonderen Ständen dies zum Vorwurf zu machen, wäre verfehlt, von der Manie, besser und billiger auswärts zu kaufen, sind eben alle Stände befallen, ohne sich auch nur die Tragweite eines solchen Thuns zu vergegenwärtigen. Denselben Neigungen, wie der oben angedeutete Bezug ausländischer Fabrikate und Producte, ent­

springt auch die mehr und mehr in Schwung kommende Mode, Artikel anderer Branchen, insbesondere Lebensmittel, in vollständiger Umgehung des seßhaften Handels und oft in den nichtssagenden Quantitäten von anderen Plätzen zu beziehen. Ist der eine oder andere dannhineingesallen", so gibt es leider noch Hunderte, welche auch einmal die Probe zu machen wünschen. Aber auf alle Fälle kommen ausländische Waaren mindestens ebenso theuer, wenn nicht höher, als im Jnlande oder am eigenen Wohnsitze angefertigte oder gekaufte. Da­gegen erwachsen dem Consumenten heimischer Erzeugnisse unbestreitbare Vortheile: er hat die Auswahl reeller Firmen, er weiß und sieht zuerst, was er bezahlt und huldigt überdies dem Spruch:Leben und leben lasscn", indem er den Mitbürger in seinen industriellen und commerciellen Bestrebungen unterstützt und seine Steuerkraft erhöht. Auf der anderen Seite dagegen schenkt man gänzlich unbekannten Namen gegenstandsloses Vertrauen, anstatt den einheimischen. Bezieht man doch Nichtgesehenes im Voraus und hat, beson­ders wenn die bestellte Sache dem Zwecke nicht zu entsprechen scheint, einen sehr fatalen und umständlichen Regreß durch­zumachen, ehe man sein Ziel erreicht. Und eben deßhalb soll und muß man immer wieder zurusen:Schützet das heimische Gewer'be und den heimischen Handel!"

vermischtes.

Im Wintermond. Der November bringt die trübsten Tage des JahreS. Der Himmel ist in ein trüb­selig Grau gehüllt und sendet Regen- und Flockenschauer. Die Felder sind leer und Baum uud Strauch, mit Ausnahme einiger Eichen und Steinbuchen, welche ihr dürres Laub trotzig festhalten, stehen entlaubt da. Die Nadelhölzer zeigen statt der immergrünen Farbe ein bräunliches Aussehen, alle Blumenpracht ist verschwunden und auch die letzten der ein­heimischen Zugvögel sind von dannen gezogen. Dafür kommen immer mehr Schwärme nordischer Gäste, große Wasservögel, Wildenten und Wildgänse, selbst Schneegänse und Schnee­ammern in unsere Gegenden. Wie die Blumen sind auch die allerkleinsten Thiere verschwunden und sind entweder todt oder halten ihren Winterschlaf. Für den Winter gerüstet sind auch die Vierfüßler,- ihr Kleid ist dichter und wärmer geworden, das sieht man jetzt an der Farbe: Rehe und Hirsche erscheinen blaugrau, Füchse dunkler, Hasen weißlicher, Eichkätzchen grauer, Iltisse dunkler braun und die Hermeline werden bis aus die Schwanzspitze völlig schneeweiß. Die Physiognomie des' November ist Oede und Leere und das

Feuilleton.

Aus der Reichshauptstadt.

Berlin, 6. November 1889.

Die Statistik hat es längst verrathen, daß Berlin mit mehr Frauen als Männern aufzuwarten vermag. Daß wir also viele Weiber besitzen, wußten wir bereits, daß es jedoch bei uns auch eine Gemeinde gibt, welche für Viel­weiberei schwärmt und den Lehren der Mormonen anhängt, das war eine Ueberraschung nicht minder groß, als die Ent­deckung, daß Spreeathen Seestadt werden kann. Ja! Neu- Jerusalem ist bei uns in mehreren Exemplaren, natürlich nur- theoretisch vertreten, dei.n der Praxis würden Polizei und Staatsanwaltschaft mit sehr energischem Veto entgegentreten. Diese Gemeinde besteht seit zwei Jahren und erst jetzt ist ihr Vorhandensein ruchbar geworden, der beste Beweis für ihr stilles Wirken unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Zu einer Anspiegelung, wie der Kunstausdruck der Mormonen für die Trauung lautet, ist es gemäß unseren Gesetzen nicht gekommen. Im gesetzten Alter befinden sich die weiblichen Mitglieder dieser Secte sämmtlich und es ist nicht zu ver­wundern, wenn sie selbst aus diesem etwas ungewöhnlichen Wege an den Mann zu kommen suchen und sei es mit meh­reren Frauen zugleich. Die Heilsversammlungen sind todt! Es lebe die Mormonengemeinde! So ist wenigstens Abwechs­lung in unser Vereinsleben gekommen, ohne daß etwas sich unheilvoll" darin gestaltet hätte und so mögen wir die Mor­monen als eine Curiosität der Weltstadt ruhig hinnehmen! Des Curiosen gibt es zwar außerdem genug, so die allge­meine Spannung, mit welcher unsere Alterthumsforscher, deren Specialfach die Kaiserstadt Berlin ist, dem Abbruch des Mühlendammes entgegensetzen. Was man sich da alles für Wunderdinge verspricht, das grenzt an das Wunderbare: Unter Anderem hoffen die Gelehrten nun endlich darüber Ge­wißheit zu erhalten, ob der alte Mühlendamm früher ein be­

festigter Brückenkopf war oder nicht, und ob die Wenden dort an der Spree schon ein geordnetes Gemeinwesen gegründet hatten, und ob die Deutschen die Gegend, auf welcher Berlin sich heute erhebt, in Besitz nahmen und die Wenden daraus vertrieben!

Welche Wendung für die Geschichtsforschung die erwar­tete Untersuchung nehmen mag für die Entwickelung der Stadt bedeutet das Fallen dieses ältesten Bezirks eine vor­treffliche Wendung zum Besseren und Schöneren, und das ist eine Sache, über welche alle Gelehrten einig sind. Worüber dieselben ferner einig sind, ist, daß untrügliche Zeichen für das Herannahen des Weihnachtsfestes vorhanden sind. Auf den Straßen knarrt und brummt es bereits von jenen Instru­menten, die jugendliche Händler zum Kauf anbieten und ein Dreier das Schäfchen! Ein Sechser der Hampelmann!" Diese Rufe, welche selbst die neue Währung des wieder er­standenen Deutschlands überdauert haben, umtönen uns auf's Neue mit ihrer ganzen Kläglichkeit. Große Pfefferkuchenläden haben, den kleineren Buden vorausgehend, sich aufgethan und die Kunstfertigkeit Hollands und Braunschweigs in der Her­stellung der nach ihnen benannten Honigwaaren lockt in mäch­tigen Schaufenstern mit ihren Erzeugnissen die naschlustige junge und alte Welt herbei. Zu diesen pfefferküchlerischen und künstlerischen Schaustellungen Pflegt man hier große, neue Magazine zu wählen, die noch keinen Miether gefunden haben, da die Miethspreise gepfefferte sind, als daß Jemand auf Brod, viel weniger noch aus Kuchen rechnen könnte. Solcher prächtigen Läden, die noch ihrer Benutzung harren, gibt es viele, dennoch wird munter fortgebaut, indem die Capitalisten darauf bauen, daß ein Krach nicht zu befürchten stehe. Krach beabsichtigten jedoch die Bauhandwerker zu machen, und zum 1. Mai k. I. haben sie einen allgemeinen Strike angesagt. Es scheint sich jetzt das Schauspiel in Berlin alljährlich wieder­holen zu sollen, daß, wenn der Mai gekommen ist, nicht allein die Bäume ausschlagen, sondern auch die Arbeit ausgeschlagen wird. Das wäre denn schon der vierte Mai, in welchem

nicht die Liebe, sondern der Haß zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmeraufgegangen" wäre. Kein Wunder daher, wenn die Bauherren vor diesem offiziell verkündeten Termin so viel wie möglich unter Dach zu bringen suchen und die Arbeiter wiederum sich bestreben, möglichst viel noch zu ver­dienen, um zum Frühjahr für den Kampf gerüstet zu sein. Die Steine reden daher trotz der winterlichen Nähe eine sehr laute Sprache und für die Geschäftswelt ist es auch ganz gut, denn diese Steine bedeuten Brod und von herrschender Noth und Sorgen hört und empfindet man augenblicklich nicht viel in Berlin. Im Gegentheil ist es bezeichnend, daß kürz­lich ein Spielernest ausgenommen wurde, dessen Stammgäste nicht den oberen Zehntausend, sondern den unteren Hundert­tausend angehörten. Dreizehn Personen, sämmtlich sogenannte kleine Leute", wurden in einem Kellerlocal beim Hazardspiel von der Polizei überrascht und verhaftet. Es ist wohl zu beachten, daß es nicht verkommene Subjecte oder Spieler von Profession, sondern einfache, biedere Handwerker waren, die vermeinten, sich das erlauben zu können. Wenn auch nicht aus ihre Moral, so wirft es doch auf ihr Einkommen ein günstiges Licht, denn Jemand, der nur ein paar Mark Wochen­lohn erhält, wagt es nicht, an einem regelrechten Hazard sich zu betheiligen oder er würde, selbst wenn er es wollte, von den Genossen als ein Hungerleider, dem doch nichts abzu­gewinnen sei, gar nicht zugelassen werden. Ich bin weit davon entfernt, es zu vertheidigen, daß ein selbst gut gestell­ter Handarbeiter sein sauer erworbenes Geld beim Hazard auf's Spiel setzt. Dennoch erscheinen mir jene in einem weit milderen Lichte, als die jungen Herren Commis in den hie­sigen Bankgeschäften, welche sich an die Börse wagen und geht es ihnen dort schief, nicht allein die Börse, sondern gleich das ganze Geldspind ihres Herrn mitnehmen- wie z. B. der mit 95000 JL. flüchtig gewordene Commis Döring. Wenn dcrselbe auch bereits wieder ergriffen worden, so ist doch für diesen Defraudanten das Spiel noch nicht aus.

Heinrich Blankenburg.