Ausgabe 
10.10.1889 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

1889

Krrreaur Schulstraße 7.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Nr. 236 Zweites Blatt. Donnerstag den 10. October

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. 2Mark 20 Pf. mit Bringerloh«.

w Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Wart 50 Pf.

Amtlicher Hßeil.

n,,, 0S11.Senntn,6 gebracht, daß Großh. Ministcrium des Innern und der Justiz dem Mainzer Vorstand des Bicycle-Clubs bebuss

imt^9 9iennMn sur den Radfahrsport in Mainz d,e Erlaubniß zur Verloosung von Fahrrädern und Fahrradutensilien aus den 21?December t) I. gT/rfmtf h.rSfin f 9 'T? c01, ba6ro "ihr als 12000 Loose ä 1 Jt. ausgegeben werden dürfen und mindestens 62% des Bruttoerlöses aus dem Verttreb de! Loose im' GrNogchum $U Grobherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat zugleich den

Gießen, am 5. October 1889. Großherzoglicher Kreisamt Gießen.

______________________________v. Gagern.

f . . Montag den u. «ctober 1. I., Nachmittags 1 Uhr, wird in der Turnhalle zu Lich die Hauptversammlung der landwlrthschastlrchen Bezrrksvereins abgehalten werden.

ergebenll ^ingeladen^^ be5 ^ndwirthschaftlichen Bezirksvereins und alle sonstige Freunde der Landwirthschast werden zu dieser Versammlung hierdurch Die Herren Bürgermeister werden ersucht, den in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Vereins von dieser Einladung Kenntniß zu geben.

Tagesordnung:

1) Vorlage der Rechnung pro 1888/89.

2) Festsetzung des Voranschlags pro 1889/90.

3) B^ug von Saatsrucht (Hafer) oder Saatkartoffeln aus fremden Gegenden.

4) Vortrag des Herrn Dr. von Peter zu Friedberg über Obstbau und Gründung eines Obstbauvereins.

5) Wahl des Ausschusses.

Gießen, 3. October 1889.

Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen- Jost, Regierungsrath.

Iur Crnahrungsfrage.

Angesichts der neulich stattgehabten Verhandlungen des Deutschen Vegetarter- Congresses durften für diejenigen Leser, welche den Bestrebungen der Vegetarier etwas mehr Juteresse als Abneigung entgegenbringen, die nachstehenden Ausführungen über die hochwichtige Ernährungsfrage willkommen sein. Zeitgemäß ist das Thema gewiß, denn nicht allein die hohen Lebensmtttelpretse lassen eine Erörterung der Ernäyrungsfrage geboten erscheinen, sondern auch vom Standpunkte der Verfechter dec Fleischkost die in der Neuzeit in bedenklichem Maße auflretenden Vtehkrankhetten. Ohne uns besonders für die eine oder andere Art der Ernährungsweise zu erklären, über beten beiderseitigen Vorzüge oder Nachthetle die Wissenschaft noch ftr itet, wollen wir zu Betrachtungen darüber durch Abdruck des demFranks. General-Anz." entnommenen Artikels Ver­anlassung geben:

Es ist ja gewiß nicht» die Kost allein, die den starken Mann macht. Natürliche Veranlagung, Uebung der Kräfte thun wohl das meiste. Immerhin spielt sicherlich auch die Nahrung bet der Ansammlung und Erhaltung der Körperstätke eine ent­scheidende Nolle. Und da ist denn die allgemein zugestandene Thalsache interessant, daß es keineswegs die Fleischkost ist, die sich in erster Linie als Quelle ungewöhnlicher Korp.rkräfie bewäh'.t hat. Die Frage, weiche Nahrung die zweckmäßigste und gesündeste sei, rst sicher noch lange nicht entschieden, und insbesondere Der Vegetarianismus Hal noch durchaus nicht alle Einwände aus dem Wege geräumt. Der eine Vorwurf aber dav dre Pflanzenkost kerne Körperkräfte gebe, ist jedenfalls unbegründet. Die römischen Legionssoldaten, welche überall im Reiche riesenhafte Arbeiten ausführten und eine so schwere Ausrüstung trugen, daß die kräftigsten unserer heutigen Feldarbeiter davon erdrückt werden würden, nährten sich von L>chwarzbrod und herbem Wein. Ihre Lebens­weise war die denkbar einfachste und sie trieben regelmäßige Leibesübungen. Der spanische Bauer arbeitet Den ganzen Tag, tanzt die halbe Nacht und itzt doch weiter nichts als schwarzes Brod, eine paar Zwiebeln und eine Wassermelone. Die Last­träger in Smyrna gentetzcn weit.r nichts als einige Früchte ur.b ein paar Oliven Dennoch tragen sie leicht und fröhlich die schwersten Lasten. Der chinesische Kuli ißt nur Reis und kann viel mehr Strapazen ertragen als jener Neger, welcher Fleisch itzt Diejenigen Neger, welche kein Fleisch essen, wie die Kru-Neger, sind durch athletischen Körperbau und große Stärke ausgezeichnet. Fügen wir hinzu, daß die Trappisten, welche sich die mührseligsten Arbeiten erwählen und keine einzige Nacht ununterbrochen schlafen, sich nur von Brod und in Wasser gekochten Gemüsen ernähren und an vielen Tagen sogar vollständig fasten. Ihre Langlebigkeit ist sprichwörtlich. Die großen Arbeiten auf unserem Erdball werden nur von solchen ausgeführt, welche die ein­fachste und mäßigste Kost haben. Professor Dr. med. Balz sprach sich auf dem Anthro- pologen-Eo.'igresse in Karlsruhe folgendermaßen aus:Das niedere Volk bei Den Japanesen, das stark arbeitet, ist weil größer und kräftiger gebaut; es genießt weitaus überwiegend Pflanzenkost. Warf) meiner Erfahrung ist diese Kost für jede körperliche Bewegung ausreichend, vorausgesetzt, daß starke Bewegung gemacht wird. Die vor­nehmen Leute essen weit mehr Fische und Fletsch nebst Eiern als die niederen Stände, welche eine bisher in Europa alsschlecht" bezeichnete Nahrung haben, aus überwiegend Reis und Gerste, und doch sind die letzteren sehr kräftig, wie z. B. die Wagenzteher, deren Leistungen in Europa sehr oft geschildert sind. Ich fand selbst ans eigener Er- fahrung, daß, wenn ich im Innern des japanischen Landes nichts anders zu essen hatte als die sapamsche Nahrung, ich unmittelbar, nachdem ich mich mit Reis gesättigt hatte ohne Müdigkeit im Stande war, einen Marsch anzutreten, wenn ich aber eine regel- re*te«Tpafäe aMlgit mit viel Fleisch eingenommen hatte, sich das Bedürfniß nach Ruhe einstellte. Jeder, der Japan kennt, weiy, wie erstaunlich die erwähnten Wagenzteher laufen können, wie es für eine mäßige Leistung gilt, einen erwachsenen Menschen bei einer Hitze von 30 bis 35 Gr. im Schatten, auf sonniger Straße in f 60, 70 und mehr Kilometer zu ziehen. Diese Leute kommen, nachdem sie 1^ bis 14 Kilometer, ohne aus dem Trabe zu kommen, gelaufen sind, an die Station, gießen fick) einen Eimer kalten Wassers an den Körper, schlürfen rasch ihre Reis- mahlze t in sich hinein und ehe sie noch den Mund leer Haden, sind sie bereit zum Weiterlaufen. Ich glaube, daß sie das bei Fleischnahrung nicht thun könnten." Unsere größte Autorität auf dem Gebiete der Ernährungsphysiologie, Professor v. Bort in München, sagt:Die Pythagoräer nahmen nur Pflanzen auf, besonders aber waren

schon langst ganze große Völker Vegetarier und sind es zum Theile noch, nicht nur im fernen Asien, wie die Chinesen, Japanesen, Siamesen, sondern auch in unserer nächsten Nahe. Die kräftigen Bauern in L-üdbayern, in Oberbayern und in Schwaben haben bis vor einigen Jahrzehnten Jahrhunderte hindurch fast ausschließlich Nahrungsmittel aus dem Pflanzenreiche verzehrt, vorzüglich aus Mehl bereitete Gebäcke (Nudeln Knödeln, Spätzeln u. s. w.), höchstens haben sie etwas Milch und Deren Produkte dazu genommen; und noch heutzutage kann man vielfach in jenen Gegenden das Gleiche ftnden, wo Fleisch nur an hohen Feiertagen in den Topf kommt; die Holzarbeiter im Gebirge, welche zur Winterszeit Die angestrengteste Arbeit, die einem Menschen auf­erlegt werden kann, verrichten, nehmen am Beginn Dec Woche nur Mehl oder Brod und Schmalz in die Berge mit."

Lokales.

* Gieße«, 9. October. Ueber den Stand der für den hiesigen Platz bedeutungs- vollen Rauchtabak- und Cigarrenfabrikation hat die Großh. Handelskammer Gießen in ihrem Jahresberichte für 1887/83 sich dahin geäußert, daß das Geschäft sich von den Folgen der Zoll- und Steuererhöhung, unter welcher der Tabakconsum bedeutend gelitten hat, nicht hat erholen können; die Rohmaterialien erfuhren eine weitere Preis­steigerung, wogegen bei der gesteigerten Concurrenz ein Aufschlag nicht möglich und dadurch das Geschäft, gegenüber dem aufgewendeten größeren Kapital, ein wenig lohnendes geworden ist. Dazu kommen noch die fortgesetzten Beunruhigungen der Tabakindustrie durch neue Steuerprojecie, unterstützt durch Petitionen aus den tabak- bauenden Gegenden Deutschlands, nach denen für den deutschen Tabakbau dem aus­ländischen Gewächs gegenüber um höheren Schutz ersucht wurde. Allein nicht durch höheren Zoll auf den ausländischen Tabak kann der Tabakbau in Deutschland größere Vortheile abwerfen. Tabak aus Gegenden, welche sich für den Tabakbau eignen, wirft in der Regel für den Tabakpflanzer entsprechenden Nutzen ab. Aus Gegenden, wo dies stattfindet, z. B. aus vielen Orten der bayerischen Pfalz, aus dem Bühlerthale u. s. w., sollen, wie man hört, auch keine Unterschriften oder doch nur sehr wenige für Aenderung des Verhältnisses zwischen den Zoll- und Steuersätzen abgegeben worden sein. Gegenden, welche sich für Tabakbau wenig oder gar nicht eignen, oder wo den Pflanzen auf dem Felde oder später nicht die nöthige Pflege zu Theil wird, wird dagegen durch größeren Zollschutz nicht geholfen. Tabake, welche in solchen Gegenden gebaut werden ober bet welchen später eine der angeführten Voraussetzungen eintritt, werden den Anforderungen der Fabrikation nicht entsprechen und deshalb auch bet erhöhtem Zollschutz nur ungenügenden Nutzen abwerfen.

Spectell aus der Cigarrenbranche sagt der Bericht: Die geschäftliche Lage unserer Industrie blieb während der diesmaligen Berichtsperiode eine ebenso schwierige, wie in der oorausgegangenen. Die ohnehin bescheidenen Ziffern des Exports erlitten einen weiteren Rückgang, da die betheiligten Fabrikanten sich außer Stande sahen, mit den Interessenten benachbarter, durch günstigere Zolloerhältnisse bevorzugter Länder in erfolgreiche Concurrenz zu treten. Obgleich somit die Production saft nur auf den inländischen Markt angewiesen war, nahm dieselbe dennoch an Ausdehnung fortwährend zu, wohl mit aus dem Grunde, weil vielseitig das Bestreben vorherrschte, den ver­minderten Einzelgewtnn durch erhöhten Umsatz auszugletchen. Daraus ergab sich bann mit Nolhwendigkeit ein überaus starkes, die Nachfrage weit übersteigendes Angebot und eine Erschwerung der Absatzoerhältnisse des Einzelnen in denkbar schärfstem Maße. Eine Besserung dieser Verhältnisse ist wohl kaum zu erwarten, wohl aber stehen uns wertere Belastungen in Aussicht, einesthetls durch die Verordnung des Bundesraths vom 9. Mai 1888,die Einrichtung und den Betrieb der zur Anfertigung von Cigarren bestimmten Anlagen betr.", ar :rntheils durch das Alters- und Jnvaliden-Versorgungs- gesetz. Die in der angezogenen Verordnung gegebenen Vorschriften gehen in manchen Punkten zu wett; namentlich erregt der auf 7 Cubikmeter für den einzelnen Arbeiter bemessene Luftraum ernste Bedenken und theilen wir Die Ansicht erfahrener, mit Den praktischen Verhältnissen vertrauter Männer, daß 5 Cubikmeter in gut oentilirtem Raum vollständig ausreichend seien, um allen berechtigten Ansprüchen zu genügen. Das Gesetz, die Alters- und Jnvaltden-Versorgung betr., würden wir freudig begrüßt haben, wenn wir Überzeugt wären, daß die uns damit aufetlegten Kosten unfet en Arbeitern wieder zu Gute kämen. Dies wird aber voraussichtlich nur zum kleinsten