Ausgabe 
10.8.1889
 
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Samstag den 10. August

1889.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Nr. isa.

tSureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloh«- Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 M

Amtlicher JheiL

Bekanntmachung.

. _ ®Lrotb. *ur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die

Bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Ausschlags von Füns vom Hundert, pro Monat Juli für den Lieferunas- vervsno Gießen pro 100 kg betragen:

Hafer JL 17.20, Heu Jt 6.80, Stroh JC. 5.80.

Gießen, am 7. August 1889. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

___________________________________________________I. V.: Jost, Regierungsrath.__________________________________________________________

Betreffend: Zusammenlegung von Grundstücken in der Gemarkung Lollars

Bekanntmachung.

Denjenigen, welchen aus Hypotheken oder Vormerkungen im Grundbuch, oder aus sonstigen Gründen Berechtigungen an Grundstücken des konsolidirten Theues der Gemarkung Lollar (in Flur I, XI und XII) zuflehen, wirv hiermit bekannt gemacht, daß die KonsoUdationsakten zu ihrer Einsicht in der Zeit « 21U9U r bl4 21 September l. I. bei uns offenliegen und daß etwaige Einwendungen wegen der von der Vollzugscommission veranlaßten Uebertraqunq Dieser Rechte auf neu gebildete Parzellen von demselben Werthe, wie ihn die alten, nicht mehr bestehenden Grundstücke hatten, während der angegebenen Frist Hel Meldung späterer Nichtberücksichtigung bei uns vorzubringen sind. ü '

Gießen, den 8. August 1889. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Jost, Regierungsrath.

Politische Rundschau.

Gießen, 9. August.

Ueber die politischen folgen des Kaiserbesuches in England kann man -in der Tagespresse nicht nur Englands und Deutschlands noch immer langen Erör­terungen begegnen und allseitig tritt Hierbei die Ansicht hervor, daß man England nunmehr noch bestimmter, als dies bislang schon geschehen, auf Seiten des Dreibundes sehen werde, auch ohne daß sich England formell dem Friedensbündnisse Deutschlands, Oesterreichs und Italiens anschließt. Gewiß wird man annehmen können, daß während Ler Anwesenheit Kaiser Wilhelms aus englischem Boden keinerlei irgendwie bindende Abmachungen zwischen Lord Salisbury und dem Grafen Herbert Bismarck getroffen worden sind, ein factischer Eintritt Englands in den Dreibund verbietet sich schon von selbst wegen der eigenthümlichen Weltstellung des britischen Reiches. Aber wahrschein­lich haben die Unterredungen zwischen beiden Staatsmännern zu einer Verständigung von Fall zu Fall geführt und zum Mindesten darf man jetzt England als einen warmen Freund des Friedensbundes betrachten und daß das mitteleuropäische Bündntß in seinen Friedensbestrebungen auf die Mithilfe des meerbeherrschenden Aibions rechnen kann, Lies erweist sich schon jetzt als eine der Früchte des Kaiserbesuches jenseits des Canals. Bei dem Festmahl des Nachtklubs erwiderte Kaiser Wilhelm auf den Toast des Prinzen von Wales, er schätze die Ehre seiner Admtralernennung hoch und freue sich der Flottenbesichtigung beigewohnt zu haben, welche er als die schönste der Welt betrachte. Wenn England eine seinen Erfordernissen entsprechende Flotte habe, werde dies von Europa überwiegend als ein höchst wichtiger Factor zur Aufrechterhaltung des Friedens betrachtet werden. Eine nicht minder bedeutsame Kundgebung des kaiser­lichen Herrn wird vom Frühstück von Aldershot berichtet. Der Kaiser antwortete auf den Trtnkspruch des Herzogs von Cambridge, er werde stets die Traditionen guter Genossenschaft beider Nationen aufrecht erhalten und hoffe er, daß diese Genossenschaft lange bestehen möge. Der Kaiser erinnerte daran, daß englische und deutsche Soldaten vor langen Jahren neben einander in's Feld gezogen seien und sprach er die Zuversicht aus, daß diese Waffenbrüderschaft noch lange fortdauern möge.

Kaum aber von seiner bedeutungsvollen Englandsfahrt nach Berlin zurückgekehrt, empfängt hier Kaiser Wilhelm am Montag den Gegenbesuch des treuen Freundes und Verbündeten Deutschlands, des Kaisers Franz Joses von Oesterreich, und Mit freudiger Bewegung schaut ganz Deutschland dem Erscheinen des kaiserlichen Gastes entgegen, dessen Besuch am Berliner Hofe auf's Neue beredtes Zeugniß von der un­verminderten Fortdauer der langjährigen innigen Beziehungen ablegt, welche die erlauchten Kaiserhäuser von Deutschland und Oesterreich wie die beiderseitigen Völker mit einander verbinden.

Die vor Kurzem aufgetauchte Nachricht von der beabsichtigten Errichtung einer Lolonialpolitischen Abtheilung im Auswärtigen Amte soll sich bestätigen. Es heißt, daß schon im nächsten Rerchsetat eine neue Dtrectorstelle behufs der Bildung einer solchen Abtheilung beantragt werden würde. Bet der wachsenden Bedeutung der colonialpolttischen Fragen für Deutschland emfiehlt sich die Bildung einer besonderen Abtheilung im Auswärtigen Amte zur Behandlung der colonialpolitischen Angelegenheit schon von selbst.

Graf Julius Andrassy, der bekannte ungarische Staatsmann, hat sich in Pest einer Operation unterziehen müssen, die an und für sich zwar gut verlief, aber Len Kranken durch den gehabten Blutverlust sehr schwächte. Die Freunde Andrassy's hegen ernste Befürchtungen wegen seines Zustandes.

In Frankreich gestaltet sich jetzt der Boulanger-Proceß zur Alles beherr­schenden Tagesfrage. Am Donnerstag ist der Staatsgerichtshof der Senatoren zu seiner ersten ordentlichen Sitzung in Sachen Boulanger zusammengetreten und glaubt man, daß zur vollständigen Durchführung des Processes noch mindestens drei bis vier Sitzungen gehören werden. Noch vor Beginn der Proceßverhandlungen hat sich Bou­langer in seinem bekannten jüngsten Manifeste zu seiner Vertheidtgung an die Oeffent- ktchkett gewendet, doch erfährt das Manifest im Allgemeinen eine ungünstige Beurtheilung. Von Interesse für Deutschland ist hierbei das offene Eingeständntß Boulanger's, daß «r einen umfangreichen Spionendienst in Deutschland unterhalten und auf denselben beträchtliche Gelder aus den geheimen Fonds verwendet habe. Gewtffermaßen als Vorspiel zum Boulanger-Proceß ist der in Bordeaux gegen seine Freunde Laisant, I

Laguerre unb D6roul6d.e wegen der tumultuarischen Vorgänge beim Boulangistenbanket in Angoulöme verhandelte Proceß zu betrachten; derselbe endete mit Freisprechung Latsant's Md Verurtheilung seiner beiden Genossen zu geringen Geldstrafen.

Die Familtenbande zwischen dem russischen Kaiserhause und der monte­negrinischen Fürstensamilie knüpfen sich Immer enger. Der am Mittwoch in Pettrhof bei Petersburg mit besonderem Glanze stattgefundenen Vermählung des Großfürsten Peter Ntcolajewitsch, einem Neffen des Czaren, mit Prinzessin Mtlitza von Montenegro ging am Polterabend der Hochzeit die offizielle Verlobung des Prinzen Georg von Leuchtenberg, mit Prinzeß Anastasia, dritten Tochter des Fürsten von Montenegro, voran. Prinz Georg von Leuchtenberg, seit mehr als sechs Jahren verwittwet und im 37. Lebensjahre stehend, ist ein naher Verwandter des russischen Kaiserhauses und seine Verbindung mit Prinzeß Anastasia von Montenegro wird also die schon ange­knüpften verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Herrscherhause Rußlands und der montenegrinischen Fürstensamilie noch verstärken.

Die entscheidende Niederlage, welche der in Oberegypten eingedrungenen mah- distischen Streitmacht durch General Grenfell bet Toskt bereitet wurde, scheint von keinerlei Einflüsse auf die englische Politik bezüglich Egyptens werden zu sollen. Wenigstens hat sich der Schatzsecretär Smith im englischen Unterhause dieser Tage dahin ausge­sprochen, daß die englische Regierung der egyptischen die Wiederbesetzung von Berber und Dongola nicht empfehlen könne und daß sich England nach wie vor zu nichts Weiterem als zur Vertheidtgung der Grenzen Egyptens verpflichtet fühle. Man will also in London trotz des Sieges von Toski von einer Wtedereroberung auch nur eines Theiles des egyptischen Sudans nichts wissen und dementsprechend befinden sich auch die englischen Truppen Grenfells bereits wieder auf dem Rückmärsche nach Kairo, da der Feldzug gegen die Derwische als beendet betrachtet wird; ein egypttsches Bataillon aus Wadyhalfa besetzte Sarras lediglich zur künftigen besseren Bewahrung der Grenzen Oberegyptens.

A«S dem Großherzogthum Hessen, 6. August, wird demFrankfurter Journal", geschrieben: Ein Artikel derKöln. Ztg.", in welchem die beabsichtigte Ver- naatlichung der Hessischen Ludwtgsbahn in eingehender und sachgemäßer Weise be- sprachen wurde, hat in weiten Kreisen, insbesondere aber bet den maßgebenden politischen Männern des Großherzogthums, vielseitige Zustimmung gefunden. In beiden Kammern der Stände ist ein klares Programm gefunden worden, durch welches die Verworrenheit (Ausdruck derK. Z.") unserer hessischen Eisenbahnoerhältnisse die unerträglichen finanziellen Schäden desselben beseitigt werden sollten, ein Programm welches mit den von derK. Z." entwickelten Ansichten im Wesentlichen übereinstimmen mag. Dies läßt sich wenigstens einestheils aus dem Anträge Osann, anderntheils auS den Verhandlungen Der Ersten Kammer erkennen, bet welch letzterer Graf Solms- Laubach seine Zustimmung zu dem erwähnten Anträge ausdrücklich zu betonen Ver­anlassung nahm. Es muß einfach als unmöglich erscheinen, daß ein Land von der geo­graphischen Lage unseres Großherzogthums dauernd in einem wirthschaflltchen und finanziellen Abhängigkettsverhältniß zu einer großen Privatgesellschaft beharren soll deren Actionäre und Letter seit vielen Jahren Einnahmezuschüsse aus der Kasse der hessischen Steuerzahler überwiesen erhalten, Zuschüsse, welche sich in den letzten zehn Jahren durchschnittlich auf eine halbe Million jährlich bemessen haben mögen. Das Land hat demnach seine herrliche geographische Lage und den reichen Verkehr seiner wohlhabendsten Provinzen unter großen eigenen Verlusten an eine Privatgesellschaft verpachtet, deren Actionäre zum Thetl nicht einmal Deutsche, keinenfalls aber Steuer­zahler des Großherzogthums sind. Daß man aus einem derartigen Vertragsverhältntß herauszukommen sucht, sobald dies die für den Staat so ungünstig abgefaßt gewesenen Eoncessionen nur irgendwie gestatten, muß als ganz selbstverständlich angesehen werden weßhalb denn auch der Antrag Osann, durch welchen mit Verfall der Eoncessionen im Jahre 1893 die Verstaatlichung herbetgeführt werden soll, die allseitigste Zustimmung fand. Welche Wendung diese Dinge nehmen werden, das wird sich bet den dem- nächfttgen Verhandlungen der Ständekammer zeigen, denen jetzt nicht vorgegriffen werden kann. Nur das Eine sei hier noch bemerkt, daß eine kaum beachtete "Notiz welche kürzlich von einem Theile der Presse verbreitet wurde, von der größten Bedeutung für die weitere Entwickelung dieser hochwichtigen Angelegenheit werden kann. Die Groß- herzogliche Regierung hat näpüich eine eingehende Eontrole über die Betriebsoerhält- nisse der Hessischen Ludwtgsbahn angeordnet und bereits eine Untersuchung vornehmen lasten, die zahlreiche Beschwerdepunkie zu Tage gefördert haben soll. In den Con- cessionen, welche den Geschäftsbetrieb der Hessischen Ludwigsbahn zu regeln haben sind dieser Gesellschaft so weitgehende Rechte hinsichtlich der Ausnutzung der Wirtschaft-