Ausgabe 
8.12.1889
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 287. Erstes Blatt. Sonntag den 8. December

1889.

Der

Httieirrr feiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag-.

Die Gießener

Damtkte« -kälter »erden dem Anzeiger »Lchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger.

Bierteljährigcr Avonnementspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog«« 2 Mark 50 Pfg.

Redaction. Expediti»» und Druckerei:

Kch»kstratze Ar.7.

Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigebltrtt für den Kreis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Gratisbeilage: Gießener Aamitienötätter.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Theil.

Das Großh. Steuercommiffariat Gießen

<ni die Großh. Bürgermeistereien des Bezirks.

Etwaige Bescheinigungen über im Laufe des Jahres ab­gebrannte oder niedergelegle und bis jetzt nicht wieder auf­geführte Gebäude müßten, falls solche noch Berücksichtigung finden sollen, baldmöglichst anher vorgelegt werden.

Gießen, 6. December 1889.

Süsfert.

Das Großh. Lteuercommtffariat Gi ßen

an die Gr OrtsgerichtS-Vorsteher des Bezirks.

Die, Ihnen dieser Tage zugehenden, Bau- und Kultur- Veränderungs - Verzeichnisie ersuchen wir Sie 4 Nochen lang offen zu legen und sodann am Schluffe der vierten Seite be­scheinigt alsbald wieder hierher einzusenden.

Gießen, 6. December 1889.

Süsfert.

Gefunden: 1 eiserner Haken, 1 Messerchen, 1 Läppchen nebst Band, 1 Laterne, 1 Pack (Cigarrenkistchen), 1 Arbeits­tasche mit Inhalt, 1 Hut, 2 einzelne Handschuhe, 1 Arbeits­jacke, 1 Metermaß, mehrere Schlüssel und Hundcblechmarken.

Gießen, den 7. December 1889.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Die Kaisertage in Darmstadt.

(Originalbericht desGießener Anzeiger".)

Darmstadt, 6. December.

M. Ein klarer, unbewölkter Himmel, richtiges Kaiser­wetter, lächelte dem Einzuge Seiner Majestät, der programm­gemäß um 9 Uhr Morgens stattsand.

Schon in den frühen Morgenstunden machte sich in unserer Residenz ein ungewöhnlich reges Treiben bemerkbar. Eine nach Tausenden zählende Menschenmenge bewegte sich den Straßen und Plätzen zu, welche der Monarch aus dem Wege vom Main-Neckar-Bahnhofe zu passiren hatte.

Die Aufstellung und Spalicrbildung verlief in geradezu mustergiltiger Ordnung.

Nach dem Empfange seilens des Oberbürgermeisters und der Stadtverordneten an der Ehrenpforte am Rheinthor, der etwa 8 Minuten in Anspruch nahm und bei welchem Seine Majestät sich dahin äußerte, daß es ihm, der in seiner Jugend oft und gerne nach Darmstadt gekommen sei und hier stets schöne Tage verlebt habe, längst Wunsch und Bedürsniß gewesen sei, die Stätte freundlicher Erinnerungen als Kaiser wiederzusehen- nach diesem Empfang kam Se. Majestät, unseren Großherzog neben sich, im offenen, im kurzen Trabe fahrenden Viererzug die .Rheinstraße herauf, begrüßt vom Jubel der Bevölkerung- Aus den doppelt und dreifach be­setzten Fenstern wehten weiße Tücher und klangen begeisterte Hochs. Der Kaiser dankte nach rechts und links.

Nach einer kurzen Rast im Residenzschlosse brach Seine Majestät um 101/., Uhr zur Jagd auf. Die Abfahrt geschah an der Hauptwache über den Markt auf den Paradeplatz, wo die Kriegervereine Ausstellung genommen hatten, nach deren Besichtigung der Weg durch die festlich geschmückte Alexanderstraßc, Hcinhcinierstraßc und Kranichsteinerstraßc ging.

Am Jägerthor, woselbst eine Abtheilung Jäger postirt war und ein Männerchor das Lied aus demFreischütz" sang:Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen", hatte man höchst sinnvoll eine künstliche Felsschlucht herzu­stellen gewußt.

Von der Behörde und der Bürgerschaft ist überhaupt Alles, was zu dieser Jahreszeit möglich war, geleistet worden, um der hessischen Residenz ein stimmungsvolles Festgewand zu leihen. Die hervorragend geschmackvollen Decorationen der beiden Bahnhöfe, des Post- und Bankgebäudes, des Stände- und Rathhauses, sowie verschiedener Privatgebäude finden lauten Beifall bei Einheimischen und Fremden.

Bei der Gelegenheit des Kaisereinzugs hat es sich auch so recht gezeigt, was unsere langen, breiten, ob ihrer schnur­geraden Einförmigkeit so oft bewitzelten Straßen wcrth sind. Nur diese Anlage ermöglichte die Herstellung einer so groß­artigen via triumphalis.

Die localen Bedingungen, u. a. der Abschluß der Rhein­straße durch das Ludwigsmonument, welches für die Decoration ein natürliches Centrum ergab, haben sich als unschätzbare Helfer erwiesen.

Die Illumination der Stadt, mit welcher kurz vor 7 Uhr begonnen wurde, steigerte den Eindruck namentlich an den Orten, wo das elcctrische Licht Tageshelle schuf, zu feenhafter Wirkung. Die leichte, festgefrorene Schneedecke, welche König Winter vor einigen Tagen unserer Stadt übergeworfen hat, harmonirt vortrefflich mit dem frischen, dunklen Grün der Tannenbäume, die längs der Bürgersteige gepflanzt sind.

Eine Art Weihnachtsglanz liegt ausgegossen über der Stadt, in der sich bis weit nach Mitternacht frohes, ge­schäftiges Leben regte. Gegen 8 Uhr Abends nahm im Großh. Hoftheater die Galavorstellung vor geladenem Publikum den Anfang. In der großen Mittelloge nahmen die höchsten Herrschaften Platz. In den Rang- und Parketlogen sowie in den Sperrsitzreihen saßen die fremden Gäste und die Creme der hiesigen Gesellschaft.

Nach einem Hoch auf den Kaiser und dem Abspielen der Nationalhymne, welcher die Anwesenden stehend zuhörten, wurde mit dem ersten Theil des Theaterprogrammes begonnen: Scenen und Finale aus dem 2. Act derZauber flöt e". Eine längere Pause, während welcher die Herrschaften in dem geschmackvoll dccorirten Foyer eine Erfrischung zu sich nahmen, trennte diesen von der zweiten Hälfte, die in der Vorführung des 3. Actes der OperDie Kaiserst o ch ter" bestand. Dieses Werk unseres Capellmeisters Willem de Haan, das s. Z. sowohl hier als in Rotterdam, der Heimath des Componisten, ehrenvolle Aufnahme gefunden, paßt ob der stimmungsvollen Musik und des ansprechenden Textes der­selbe behandelt die Liebesgeschichte des Geheimschreibers Egin­hard und Emma, der Tochter Karls des Großen vor­züglich in den Rahmen einer Festvorstellung.

Sowohl die Scenen aus derZauberflöte" als die aus derKaiserstocher" ließen eine volle Entfaltung unserer recht bedeutenden Opernkräfte zu.

Se. Majestät schenkte den Vorgängen auf der Bühne rege Theilnahme.

Die Presse, welche während des Kaiserbesuches eine fieberhafte Thätigkeit entwickelt und bemüht ist, das Publikum mit Allem auf dem Laufenden zu erhalten, läßt theilweise Extranummern erscheinen. Am Einzugstage brachten sämrnt- liche hiesige Zeitungen auf ihrer ersten Seite einen schwung­vollen Willkommengruß. In die Huldigung für den Deutschen Kaiser mischen sich zugleich die Kundgebungen treuer Liebe und Verehrung für den Landesfürsten.

Darmstadt, 6. December. Nach dem vom Präsidenten des KriegerverbandesHassia", Oberst Ger lach, dem Kaiser überreichten Front-Rapport standen 310 Krieger­vereine mit 180 Fahnen und über 7000 Mann in Parade, darunter 1200 Mann aus Oberhessen. Daß gerade die Kriegervcreine aus Oberhessen in so stattlicher Zahl er­schienen, wurde von unserem Großherzog besonders freudig bemerkt.

Die Ansprache, mit welcher Oberbürgermeister Ohly den Kaiser vor der Ehrenpforte am Rheinthor begrüßte, lautete:

Ew. Kais. Majestät nahen in tiefster Ehrerbietung die Vertreter der Stadt Darmstadt, um Ew. Majestät als Gast unseres geliebten Landesherrn den jubelnden Willkommen unserer Bevölkerung cntgegenzubringen. Die Haupt- und Residenzstadt Darmstadt steht in unwandelbarer Treue zu Kaiser und Reich und zu den hohen nationalen Gütern, welche das deutsche Vaterland dem in Gott ruhenden Kaiser Wilhelm I. ruhmreichen Angedenkens verdankt. Ew. Majestät, dem gottbegnadeten Träger unserer nationalen Macht und Wohlfahrt, huldigen auch wir aus dankbarstem Herzen mit unbegrenztem Verbauen. Wie in patriotischer Gesinnung, so sind wir einig auch in dem Gebet zu Gott, er möge Ew. Majestät und das Kaiserliche Haus allezeit schützen und schirmen mit seinem reichsten Segen. Gott segne Ew. Majestät Eingang in die Stadt."

Darmstadt, 6. December. Herr Oberbürgermeister Ohly har an die Einwohnerschaft Darmstadts folgende Be­kanntmachung erlassen:

Seine Majestät der Kaiser haben bei Allerhöchst Ihrem Einzuge in die Stadt die Begrüßung durch die Vertretung der Stadt in der Allerhuldreichsten Weise entgegengenommen und mir den Auftrag ertheilt, der hiesigen Bevölkerung für den Ihm bereiteten herzlichen Empfang Seinen Kaiserlichen Dank auszusprechen. Indem ich diesem ehrenvollen Auftrage hiermit nachkomme, darf ich freudigst bewegt die Mittheilung beifügen, daß Seine Majestät Allerhöchst Ihrer warmen Sympathie für die Stadt Darmstadt in der Allergnädigsten Weise Ausdruck gegeben haben."

Deutscher Reichstag.

.31. Plenarsitzung. Freitag den 6. December 1889, 12 Uhr.

Die Bankgesetz'Novelle wird in zweiter Lesung berathen.

Vom Abg. Graf Mirbach (cons.) ist der in der zweiten Lesung mit 110 gegen 96 Stimmen abgelehnte Antrag Huene wieder eingebracht: die höhere Dividenden-Grenze der Antheil- besitzer von 6 auf 5 Procent herabzusetzen.

In der Generaldebatte nimmt zunächst das Wort der Abg. Klemm (cons.): Man hat verlangt, daß die Bank dem kleinen Mann zugängig sein und Credit gewähren solle. Das ist nicht durchführbar und nicht der Zweck der Bank. Dem Creditbedürfniß des kleinen Mannes nachzukommen, ist die Reichsbank nicht das geeignete Institut, sondern die int vorigen Jahre gesetzlich neu geregelten Genossenschaften.

Abg. Frhr. v. Huene (Ctr.) wird für seinen früheren Antrag stimmen- er habe es nicht für angezeigt erachtet, diesen Antrag, der keine principielle, sondern eine rein sach­liche Bedeutung hat, nochmals einzubringen, nachdem er in der zweiten Lesung in namentlicher Abstimmung abge lehnt ist.

Abg. Graf Mirbach (cons.) befürwortet den von ihm gestellten Antrag und verwahrt die conservative Partei gegen den Vorwurf, den Handelsstand für unpatriotisch gehalten zu haben- nur gegen den übertriebenen Zwischenhandel wendet sich seine Partei, nimmt aber für die Landwirthschaft die gleichen Rechte wie für den Handelsstand in Anspruch. Für den Antrag spricht namentlich der Umstand, daß durch den­selben 586,000 Mk. jährlich" für das Reich mehr einkommen als bisher. Wir könnten damit die Kosten der Colonial­politik vollständig decken. Es stehen sich hier die Interessen des Großcapitals und die Interessen des kleinen Mannes und Steuerzahlers gegenüber, es wird sich zeigen, für wen sich das Haus entscheidet.

Reichsbankpräsident v. Dechend: Es ist mir nicht eingefallen, dem Hause Feindseligkeit gegen das Kapital vor­zuwerfen. An Wohlwollen für die Landwirthschaft fehlt es der Regierurg nicht, aber die Errichtung eines Neben-Jn stituts zur Befriedigung des landwirthschaftl. Credites ist äußerst bedenklich. Möge man ein derartiges Institut gründen, die Reichsbank wird es kräftigst unterstützen. Der Antrag Mirbach ist eine Härte gegen die kleinen Antheilbesitzer, welche ihre Antheile mit 130 erworben haben.

Abg. v. Strornbeck (Ctr.) bekämpft den Antrag Mirbach, dessen finanzielle Tragweite doch nur gering ist. Um nicht außer den Zerklüftungen, welche die Socialdemo­kratie zwischen Arbeiter und Arbeitgeber angerichtet hat, nun noch neue Zerklüftungen zwischen den einzelnen besitzenden Klassen zu schaffen, bittet er, den Antrag Mirbach zu ver­werfen.

Abg. Dr. Meyer- Halle (dfr.): Der Antrag Mirbach ist die verschleierte Verstaatlichung. Die Landwirthschaft ist sehr wohl in der Lage, sich die nöthigen Credit-Institute selbst zu schaffen. Wenn wir für die Regierung stimmen, so liegt darin die Garantie, daß die Regierung Recht hat. Wenn die Colonialpolitik nicht theurer war, als dies, was bei der Bank erübrigt werden könnte, so würden wir uns die Colonialpolitik gern gefallen lassen. Hohe Dividenden werfen einen günstigen Reflex auf die finanzielle Lage der Bank.

Abg. Mooren (Ctr.) führt erneut Klage über die Privilegien, welche sich die Reichsbank für ihre Filialen ver­sprechen läßt, namentlich für die Bank-Filiale in Eupen.

Bankpräsident v. Dechend: Die Filiale in Eupen hat sich so wenig rentirt, daß die Aushebung derselben gerecht­fertigt gewesen wäre. Ohne Unterstützung der Commune hätte die Aushebung erfolgen müssen.

Damit wird die Generaldebatte geschlossen.

In der Specialdebatte sprechen noch die Abgg. Gras Stolberg (cons.), Büsing (nl.), Graf Mirbach (cons.) und Singer (Soc.). Letzterer erklärt sich für Verstaat­lichung und für den Antrag Mirbach, obwohl ihm dies neue Cartell mit den Confervativen wenig behage. (Heiterkeit.)

Der Antrag Mirbach wird hierauf mit 126 gegen 98 Stimmen abgelehnt und die Regierungsvorlage unver­ändert angenommen.

Die Resolution Mooren, welche sich gegen die Steuer­privilegien für Filialen der Reichsbank ausspricht, wurde ab­gelehnt. Alle eingegangenen Petitionen werden durch diese Beschlußfassung für erledigt erachtet.

Es wird sodann die zweite Etatbcrathung fortgesetzt mit dem Specialetat der Zolle und Verbrauchssteuern.

Abg. Broemel (dfr.) findet die Zölle, welche mit 285,522,000 in Ansatz gebracht sind, zu niedrig bemessen-