Ausgabe 
7.12.1889
 
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Samstag den 7. December

Nr. 286.

1889

ichemr Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

Amts- unb Zlnzergeblatt für den "Kreis Grefzen

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Amtlicher Lheil.

Gießen, am 5. December 1889.

Betr.: Zurückstellung unabkömmlicher Beamten, hier von Lehrern und Schulverwaltern im Falle einer Mobil­machung.

Die

Großh. Kreis-Schulcommission Gießen

an die Schulvorstände de- Kreise-.

Sie wollen die Lehrer oder Schulverwalter einklassiger Schulen, welche militärpflichtig sind, darauf aufmerksam machen, daß Gesuche um Zurückstellung im Falle einer Mobllmachung innerhalb 8 Tagen bei uns einzureichen sind. Später einlaufende Gesuche können nicht berücksichtigt werden.

In den Gesuchen ist anzugeben:

1) Civilstellung,

2) Vor- und Zunamen,

3) Militärcharge und Truppengattung,

4) Genaue Angabe des Truppenthells, Regiment, Compagnie rc., bei welchem der Eintritt erfolgt ist, und Datum des letzteren.

5) Bezirk des Landwehrbataillons.

Bei Lehrern oder Schulverwaltern, welche bereits früher bei uns reclamirt haben, bedarf es der Angaben 15 nicht, es genügt hier einfache Meldung.

Abwesende Lehrer oder Schulverwalter, die als allein stehende Lehrer zur Reclamation berechtigt sind, wollen Sie sofort benachrichtigen.

v. Gagern

Gießen, am 4. November 1889.

Betr-: Die Einführung der Hebammen in die neue Dienst­anweisung.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die GroHH. Bürgermeistereien der nach­verzeichneten Gemeinden.

Wir beauftragen Sie, die nachfolgend aufgeführten Heb­ammen anzuweisen, zum Zwecke der Jnstruirung nach der neuen Dienstanweisung an den unten festgesetzten Tagen Nach­mittags 2 Uhr in der hiesigen Frauenklinik (Brandplatz Nr. 20) vor Großh. Kreisgesundheitsamt zu erscheinen und ihre In­strumente und Arzneien, sowie die neue Dienstanweisung mit­zubringen. Den Gemeindehebammen sind die Transportkosten und zwar per Bahn oder mit 40 H per Stunde zu vergüten. Außerdem ist denselben eine Gebühr von 2 JL für Zehrung aus der Gemeindekaffe zu bewilligen.

v. Gagern.

Wohnort. Namen.

Am S. December:

Mendorf a. d. Lahn Alten-Buseck Annerod Beuern Grüningen Mdgen Garbenteich Gießen

n

w

Am 10.

Katharine Ueberling. Christine Hofmann. Marie Kath. Schäfer. Christine Funk. Katharine Buß. Marie Balser.

Marie Bingel. Karoline Euler Antonie Fuhr. Eleonore Gerlipp.

December:

Alten-Buseck Beuern Gießen

H

Großen-Buseck Großen-Linden

Burkhardsfelden Hausen

Elisabeth Müller. Marg. Sommerlad. Lina Herbert Katharina Löb. Charlotte Loos. Friederike BonariuS. Katharine Mühl. Katharine Weigandt Eleonore Schmidt. Katharine Lang.

Am 11. December:

ließen Emma Löwenthal.

n

Großen-Buseck Großen-Linden

H Staufenberg Ruttershausen Klein-Linden Lang-Göns

Helene Rautenstrauch. Elisabeth Scharmann. Christine Pfeiffer. Elisabeth Weigandt. Katharine Stamm. Margarethe Reuter. Elisabeth Karber. Elisabeth Jung.

Marie Dern.

n

Katharine Kiefer.

Wohnort.

Namen.

Am 12. December:

Gießen

w Heuchelheim

H Steinberg Lang-Göns Leihgestern Lollar Wieseck Klein-Linden

Bertha Stock.

Margarethe Weber. Anna Elise Weller. Katharine Ruppert. Elisabeth Schneidmüller. Elisabeth Görlach. Marie Parr.

Elisabeth Erb Margarethe Döll. Elisabeth Adolf.

Am 13. December:

Leihgestern

Lollar Reiskirchen Daubringen Heuchelheim Watzenborn Wieseck Staufenberg

Marie Böger. Julie Faber. Katharine Taubert Marie Müller. Marie Walter. Luise Schimmel. Christine Weiß.

Elisabeth Drescher- Elisabeth Stephan-

Die Kaifertage in Darmstadt.

nn. Darmstadt, 5. December. Unsere Stadt prangt nun im prächtigsten Fahnenschmuck. Sic ist bereit, Kaiser Wilhelm aus das Herzlichste zu empfangen und Tausende von Händen regen sich, um die letzten Arbeiten zu vollenden, um unserem Kaiser zu zeigen, welch' warmer Sympathien er sich bei Jedem erfreut.

Bis in die entlegensten Minke' der Stadt ist die Kunde gedrungen,der Deutsche Kaiser kommt" uud wie ein elec- trischer Funke fuhr es in Jeden und Alle wetteiferten im Schmücken der Häuser. Tausende von Menschen wogen be­reits in den Straßen auf und ab und die Stadt ist bereits überfüllt von Fremden.

nn. Darmstadt, 5. December. Heute Abend 10 Uhr 10 Minuten wird Se. Kgl. Hoheit der Erb groß Herzog aus Leipzig hier eintreffen, um bei dem Empfang Sr. Ma­jestät des Deutschen Kaisers anwesend zu sein.

nn. Se. Majestät der Deutsche Kaiser wird am Sonn­tag Morgen einer Einladung des Artillerie-Regiments Nr. 25 Folge leisten und im Osfiziers-Casino das Frühstück daselbst einnehmen.

Darmstadt, 6. December. Privatdepesche. Kaiser- Wilhelm traf pünktlich um 9 Uhr hier ein. Auf dem schön geschmückten Bahnhof war großer Empfang. Anwesend waren der Großherzog, der Erbgroßherzog, die Prinzen Heinrich und Wilhelm von Hessen, sowie Albert Victor von Holstein, ferner die Spitzen der Civil- und Militärbehörden. Die Ehrencompagnie gab die Leibcompagnie des Infanterie- Regiments Nr. 115. An der Ehrenpforte am Rheinthor hatte sich der Stadtvorstand aufgestellt. Hier hielt Ober­bürgermeister Ohly eine Ansprache, welche vom Kaiser dankend erwidert wurde. Der Kaiser nebst Großherzog fuhren in offenem Wagen mit Viererzug durch die prächtig als Via triumphalis geschmückte Rheinstraße, wo das Militär, die Studirendeu der technischen Hochschule, Schüler des Gym­nasiums, Realgymnasiums, Realschule und Stadtschulen, die Krieger- und sonstigen Vereine Spalier bildeten. Die zahl­reiche Menschenmenge brachte begeisterte Ovationen dar. Die Trabfahrt sand unter militärischer Escorte des Dragoner- Regiments Nr. 23 zum Schloß statt, woselbst die Prinzessinnen Heinrich von Preußen und Alix von Hessen den Kaiser am Eingänge seiner Quartiers empfingen.

Darmstadt, 6. December, 11 Uhr 21 Min. Der Kaiser sowie der Großherzog suhren um lO1^ Uhr im offenen Vier­spännerzug nach dem Paradeplatz, woselbst er die Krieger­vereine besichtigte,- daraus zur Jagd nach dem Kranichsteiner Wildpark.

Deutscher Reichstag.

SO. Plenarsitzung. Donnerstag den 5. December 1889, 12 Uhr.

Ein Schreiben des Reichskanzlers, welches die Ermäch­tigung zur strasrechtlichen Verfolgung der ElberfelderFreien Presse" nachsucht, wird der Geschästsordnungscommission über­wiesen.

Die zweite Etatberathung wird mit dem Special-Etat des Reichseisenbahn-Amtes fortgesetzt.

Es liegt dazu vor ein Antrag Richter u. Gen., zu beschließen: den Reichskanzler zu ersuchen, in Anbetracht der Kohlentheurung eine Untersuchung darüber zu veranlassen, ob

nicht eine allgemeine Tarifcrmäßigung geboten ist, insbesondere durch Ausnahmetarise, durch welche die höheren Tarife für die Kohleneinfuhr aus dem Auslande beseitigt werden und den inländischen Kohlenconsumenten gebührende Rechnung ge­tragen wird.

Abg. Henne berg (natl.) bittet, der Frage einer ein­heitlichen Zeitrechnung im Interesse des Verkehrs näher zu treten.

Abg. Graf Udo Stolberg (cons.) tritt diesem Wunsche bei und betont die Wichtigkeit einet] einheitlichen Zeitrechnung namentlich vom militärischen Standpunkte und für den Fall einer Mobilmachung.

Abg. Richter (dfr.) befürwortet seinen vorerwähnten Antrag. Die Statistik ergebe einen gesteigerten Bedarf an Kohle für Industrie und Landwirthschaft, dem die heimische Kohlengewinnung nicht mehr genügen könne. Die Tarife für ausländische Kohlen sind nur zu dem Zwecke erhöht, um die Einsuhr ausländischer Kohle zu erschweren und die Ausfuhr einheimischer Kohlen zu erleichtern. So kommt es, daß Paris im Stande ist, sich billiger mit weftphälischen Kohlen für seine Gaswerke zu versehen, als Berlin. ES ist dies dasselbe wirth- schaftliche Princip, welches bei den landwirthschastlichen Zöllen zum Ausdruck gekommen ist. Es bestehen gegenwärtig 42 Ausnahmetarife für Kohlen lediglich im Interesse der Producenten. Das widerspreche der Versassung, welche mög­lichste Gleichmäßigkeit der Tarife anstrebe. Lassen sich die allmälig entwickelten Verhältnisse bei der Kohlenproduction auch nicht von heute aus morgen ändern, so muß doch eine allmälige Aenderung im Interesse der Consumenten angebahnt werden, denn die gegenwärtigen Verhältnisse der Kohlen­production sind ungesund und die Prvducenten selbst müssen wünschen, daß eine Besserung stattfinde.

Geh. Ober-Regicrungs-Rath Dr. Schultz: Daß die Ausnahmetarife mit der Verfassung im Widerspruche stehen, ist nicht zutreffend. Die in der Verfassung gewünschte mög­lichste Gleichmäßigkeit der Tarife hat nicht den Sinn, den der Vorredner in diese Bestimmung legt. Dieselbe hatte nur den Zweck, möglichste Einheitlichkeit in die damals bestehenden verschiedenen Tarife zu bringen.

Abg. Stumm (Rp.): Der Antrag Richter ist gegen­standslos. Die Enquete ist überflüssig, denn bei den Eisen­bahnen bestehen Auskunftsbureaus, in denen die nöthigen Ermittelungen über die Frachtsätze angestellt werden können. Die Tarife haben sich nach den Productionsverhältnissen ge­stalte,t und hieran würde eine Herabsetzung der Tarise für ausländische Kohlen nichts ändern. Der heutige Zustand der Kohlentheuerung wird nicht lange dauern, der Rückschlag ist unvermeidlich. In Bezug auf die einheitliche Zeitrechnung bei den Eisenbahnen wünscht Redner, daß überall die Orts­zeit auch bei dem Eisenbahnverkehr festgehalten werde.

Abg. Schrader (dfr.) befürwortet den Antrag Richter, allerdings bestehe ein Uebergangsstadium in der Kohlen­gewinnung, aber es wäre doch Unrecht, wenn die Regierung gleichgültig und theilnahmlos der bedenklichen Preissteigerung der Kohlen zusehen wollte.

Abg. Graf Stolberg (cons.) erklärt fid) gegen den Antrag Richter. Die Enquete ist überflüssig. Gleichmäßige Tarife würden zur Folge habe», daß ausländische Kohlen bei uns billiger befördert werden als einheimische.

Abg. Dr. Hammacher (natl.): Herr Richter hat insofern Recht, als die Kohlentheuerung auch von den Gruben­besitzern als Uebelstand empfunden wird. Doch würde eine Neutarifirung der Kohle nach den Wünschen der Antragsteller viel ungerechtere Verhältnisse beim Kohlentransport herbei­führen, als sie heute bestehen- auch aus die Rentabilität der Bahnen würden neue Tarise einen sehr ungünstigen Einfluß üben. Die Enquete würde keinen Erfolg haben, sie sei ledig­lich ein Schlag ins Wasser - trotzdem sei er bereit, derselben nicht zu widersprechen.

Abg. Richter (dfr.): Der gegenwärtige Zeitpunkt ist für Tarifermäßigung sehr günstig. Man hat auch bei den Zollerhöhungen keine Rücksicht auf die zeitweilige Conjunctur genommen- aber bei den Erhöhungen war man zu jeder Zeit bei der Hand, zu Ermäßigungen ist man nie bereit.

Abg. v. Wedell-Malchow (cons.): Eine so vorüber­gehende Erscheinung, wie die zeitweilige Kohlentheuerung, dürfe man nicht, zum Ausgangspunkt so tiefgreifender Maß­regeln machen. Die Folge einer Tariferhöhung würde fein, daß die Kohlenindustrie ihre mühsam erkämpften Absatzgebiete wieder an das Ausland verliert.

Abg. Schrader (dfr.): Die Verminderung der Rentabi­lität der Bahnen ist kein Grund gegen den Antrag, denn die Bahnen sind gerade verstaatlicht, um billigere Tarife herbei­zuführen. Es empfehle sich, den Antrag Richter an eine Commission zu verweisen.