Ausgabe 
7.11.1889
 
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Nr. 260.Donnerstag den 7. November 1889.

3) er Hießenrr Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.

Die Gießener Anmitienötütler werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeig er

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chratisöeitage: Oießmer Kamilienölätter.

Aentlicher» Tbeil.

Bekanntmachung.

Klagen und sonstige Erklärungen und Anträge sind bei unseren Gerichtsschreibereien an allen Wochentagen, Vormittags zwischen 10 und 12 Uhr, vorzubringen. Wer einen Richter sprechen will, ohne vorgeladen zu sein, hat sich Mittwoch, Vormittags, einzufinden.

Gießen, den 2. November 1889.

Großherzogliches Amtsgericht.

Fresenius.

Bekanntmachung.

Der Unterzeichnete bringt hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß in der gestern zu Gießen abgehaltenen Hauptversammlung des landwirthschaftlichen Vereins von Oberh-ffen an Stelle des abgetretenen Freiherrn Nordeck zur Rabenau der Herr Graf Friedrich zu Solms Laubach zum Vereins­präsidenten erwählt worden ist.

Hardthos bei Gießen, am 31. October 1889.

Der Vicepräsident:

S ch l e n k e-

politische Nebersicht.

Gießen, 6. November.

DieVerl. Pol. Nach." bezeichnen die Blättermeldung, England habe gegen das deutsche Protektorat über die Somali- lüfte von Witu bis Kismaju protestirt, als falsch und bemerken, EnglanH habe auf dem betreffenden Gebiete gar keine Interessen zu wahren. Vielmehr handele es sich nur um Ansprüche der englischen Gesellschaft auf die nicht unter deutschen Schutz gestellten Inseln Manda und Patta und diese deutscherseits noch nicht anerkannten Ansprüche unterlägen noch weiterer Prüfung.

Aus Ostafrika sind über England neue sensationelle Nach­richten bezüglich Emin Paschas und Stanleys, eingegangen. Dieselben bestätigen allerdings die Nachricht von dem Aufbruche der beiden Afrikahelden nach der ostafrikanischcn Küste, sie melden aber zugleich, daß Wadelai, die bisherige Residenz Emin Paschas am Weißen Nil, von den Mahdisten endlich eingenommen worden sei, so daß sich schon hierdurch der noth- gedrungene Vormarsch Emins und Stanleys nach der Küste erklären würde. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß sie auf diesem Marsche außer mit den wilden Stämmen

der Eingeborenen auch mit den nachdrängenden Mahdisten scharf zu kämpfen haben und die Vorsicht des Reichscommissars Wißmann, der sich nähernden Stanley-Expedition in Mpwapwa, wo sie Mitte November erwartet wird, 100 Mann von seiner Truppe mit Lebensmitteln und Munition zur Unterstützung zurückzulassen, erscheint daher sehr angebracht. Wißmann selbst ist von Mpwapwa nach Zanzibar zurückgekehrt und be­findet sich nach seinem Berichte die Straße von Mpwapwa nach Bagamoyo in absolut sicherem Zustande.

Die Strikebcwegung unter den belgischen Kohlengruben- arbeitern weist theils eine Abschwächung, theils aber auch eine Zunahme auf. Das erstere gilt von dem sogenannten Borinage, )do der Ausstand allmälig abnimmt und im Lütticher Reviere sind jetzt alle Kohlenwerke wieder in Betrieb. Dagegen breitet sich der Strike unter den Kohlenarbeitern im Centralbecken um Mariemont aus, woselbst auf mehreren großen Arbeiter­versammlungen der allgemeine Ausstand beschlossen wurde/ die Ruhe ist indessen noch nirgends gestört worden.

Das schweizerische Budget für 1890 bereitet den schweize­rischen Bürgern eine unangenehme Ueberraschung, denn es weist einen Fehlbetrag von 13 Millionen Frcs. aus, was man in der Schweiz gar nicht gewohnt ist. Es haben hierbei besonders die Rüstungen und militärischen Vorbereitungen der Schweiz mit eingewirkt und ist denn auch das neue Militär­budget um 20^2 Millionen Frcs. höher, als im Vorjahre/ aber schließlich müssen sich die Schweizer mit den anderen Nationen trösten, die ja längst an den finanziellen Folgen des bewaffneten Friedens schwer zu tragen haben.

In der griechischen Deputirtenkammer fand am Montag die Bureauwahl statt. Bei derselben wurden die Candidatcn der Regierungspartei mit 67 Stimmen gegen 39 Stimmen der Opposition in das Bureau gewählt und dieser Erfolg der ministeriellen Partei bekundet, daß das Ministerinm Tri- kupis auch in der neuen Session über eine feste Mehrheit verfügen können wird.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 5. November. Das Amtsblatt des Groß­herzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz, Section für Justizverwaltung, Nr. 20 enthält Ausschreiben vom 29. October betreffend die Entmündigung Geisteskranker. Nr. 21 enthält Ausschreiben vom 1. November, betr. die Einrichtung von Strafregistern und die wechselseitige Mit­theilung der Strafurtheile an ausländische Regierungen.

Berlin, 4. November. Officiös wird geschrieben:Wenn durch den Ausbau zahlreicher Ncb enb ahn en in dem letzten

Jahrzehnt ein großer Theil der seitwärts der Hauptlinien belegenen Ortfihaften in das Staatseisenbahnnetz unmittelbar einbezogen und zugleich durch die möglichste Ausdehnung deS Stückgutverkehrs auf die kleineren Stationen und Haltestellen die Ausgabe und Abnahme der Stückgüter wesentlich erleich­tert worden ist, so leidet doch der Kleinverkehr solcher Städte oder größerer Ortschaften, welche eine unmittelbare Bahnver­bindung noch nicht besitzen und in größerer Entfernung von der nächsten Bahnstation belegen sind, noch unter mannigfachen Erschwernissen, deren möglichste Beseitigung im öffentlichen Interesse erwünscht erscheinen muß. Wie wir hören, ist auch die Aufmerksamkeit der Staatseisenbahnverwaltung diesem Gegenstände zugewendet/ es ist in Aussicht genommen, an entlegenen größeren Seilenorten amtliche Güternebenstelleu nach Art der an einzelnen kleineren Bahnhaltestelleu schon bestehenden Güteragenturen einzurichten, an welchen die Ab­nahme von Stückgut zu und von der Eisenbahnbeförderuug mit gleicher Rechtswirkung und derselben Sicherheit für das Publikum wie an anderen öffentlichen Eisenbahn-Güterstellen erfolgen kann. Zunächst sollen in einigen Directionsbezirken nach gemeinsamen, im Ministerium der öffentlichen Arbeiten aufgestellten Grundzügen Versuche mit einer derartigen Ein­richtung angeftellt werden/ wenn sich dieselben, wie zu er­warten ist, bewähren, so wird mit einer allgemeinen Ausdeh­nung solcher Güternebenstellen dem Kleinverkehr abgelegener Bezirke eine sehr willkommene Erleichterung geboten werden."

Deutscher Reichstag.

8. Plenarsitzung. Dienstag den 5. November 1889, 1 Uhr.

Haus und Tribünen sind mäßig besetzt.

Am Bundesrathstische: Dr. v. Boetticher, Herr- furth u. A.

Das Haus tritt in die Tagesordnung ein: Erste Be- rathung des Socialistengesetzes.

Abg. Dr. Reichensperger (Str.) bekämpft das Aus­nahmegesetz, welches die Socialdemokratie gefördert habe, indem es eine übertriebene Vorstellung von der Macht dieser Partei erzeuge. Auch die loyale Arbeiterbevölkerung, welche sich bei ihren Bestrebungen streng auf gesetzlichem Boden hält, wird von dem Socialistengesetz getroffen. Es empfiehlt sich heute die Rückkehr zu normalen rechtlichen Zuständen. Alle vorgeschlagenen Aenderungen bestätigen den Grundcharacter des Ausnahmegesetzes nicht und was die ungesetzliche Agitation betrifft, so bleibt zu erwägen, ob diese nicht gerade durch das Gesetz hervorgerufen worden ist. Mit dem Begriffe des

Feuilleton.

Der Flick-Logarithmus

MUttärische Humoreske von Gerhard o. Am yntor.

(Sch.)

Seit den Heereszügen des Xcrxes oder Alexanders des Großen bis hinein in die Zeit der Hinterlader und Torpedos sind ähnliche Journale mit solch astronomischer Genauigkeit wohl noch nie geführt worden. Das Schema zu diesen Büchern hatte er selbst entworfen und es ließ an erschöpfen­der Gewissenhaftigkeit nichts zu wünschen übrig. Es enthielt über dreißig Ueberschriften, deren geschickte Herstellung im so­genannten Kopfe der liniirten Tabellen immer die Verzweif­lung des einjährig-freiwilligen Commis, den sich mein Feld­webel als Privat-Secretär gelangt hatte, hervorries. Die Ueber- schrift zerfiel in zwei Hauptgruppen: Flickereien an der Tuch- und an der leinenen Bekleidung. Unterabtheilungen waren: Flickereien an a) rothem, b) blauem, c) grauem Tuche, und diese hatten wieder die Unter-Unterabtheilungen: aa) mit blauem Zwirn, bb) mit schwarzem Zwirn, cc) mit grauem Zwirn, dd) mit schwarzem Hanfgarn u. s. w. Durch die Einführung der griechischen Buchstaben gewannen die Flick- Tagebücher wirklich das äußere Ansehen von mathematischen Heften oder astronomischen Tafeln, und die gemeinen Sol­daten, welche in ihrer Eigenschaft als Ordonnanz einmal Ge­legenheit bekamen, einen neugierigen Blick in diese geheimniß- vollen Werke zu werfen, mochten von der Gelehrsamkeit des Herrn Feldwebels und der Herren Offiziere gewiß eine außer­ordentlich hohe Meinung fassen. Das Annähen von Knöpfen wurde in einem besonderen Anhänge gebucht, während Kunst­werke, wie das Einsassen von Knopflöchern oder die Ergänz­ung unnennbarer Theile an den Hosen, in stehenden Haupt- colonnen des dreißig- und mehrtheiligen Schemas zu ver­merken waren. Hinter jeder Flickerei-Eintragung waren zwei mikroskopisch kleine Tabellen / in die erstere wurden Tag und

Stunde der Arbeit, in die zweite die eigenhändige Unterschrift des die Arbeit ausgeführt habenden Mannes eingetragen. Allmonatlich wurde das Journal durch den ältesten Lieutenant, der für die gewissenhafte Führung verantwortlich blieb, sum- mirt und abgeschlossen und dann dem großen Manne einge­reicht, der sich nun an den dienstfreien Nachmittagen mit einer Art Wollust in die Lesung dieser Bücher vertiefte und die feinsten logarithmischen Berechnungen und Vergleichungen der Resultate anstellen mochte. Dann kamen wohl Aufforderun­gen zu umgehenden Berichten an irgend eine Compagnie, warum z. B. der Gefreite Rumdibumski am 11. Januar, Nachmittags 4 Uhr 40 Minuten, sein blaues Rockfutter mit grauem, statt mit blauem Zwirn ausgebessert habe, und warum diese Reparatur zu so später Nachmittagsstunde im Winter, also bei der Lampe und nicht lieber am Hellen Vormittage ausgesührt worden sei, wo das Tageslicht doch eine genauere Arbeit ermöglicht haben würde.

Du wirst begreifen, Herr Bruder" hier hörte ich ein brummend-zustimmendesHm!" des tauben Artilleristen, der vom Erzähler wahrscheinlich wieder einen zum Aufmerken ermunternden Rippenstoß erhalten haben mochte //daß, wenn man dieses Tagebuch der Vorschrift gemäß geführt hätte, einem nicht viel Zeit zu den anderen Dienstverrichtun­gen übrig geblieben wäre, da die mit dem Flick-Journale unentrinnbar verbundenen, umfangreichen und zahllosen Be­richte an den braven Obersten täglich auch ein Stündchen zu rauben pflegten. Ich hatte daher einen verzweifelten Ent­schluß gefaßt und trug seit Jahr und Tag in die fatalen Bücher am Tage vor ihrer Einreichung immer eine Anzahl Phantasie^Arbeiten ein, damit nur etwas darinnen stand / und war dieser kleine Betrug auch noch nie entdeckt worden, so hatte ich doch auch noch nie eine Belobigung vom Regimente wegen meines Flick-Journals erfahren, wie es schon anderen Offizieren hin und wieder passirt war.

Eine größere Gleichmäßigkeit in den Reparaturen an der Tuchbekleidung!" hatte meine Flamme gesagt/ diese

Gleichmäßigkeit sollte also wohl das Herz des Obersten rühren und meine Zurückversetzung in's Stabsquartier herbeisühren helfen? Aber, was zum Teufel hieß denn eine größere Gleich­mäßigkeit? Ich konnte vorerst nicht dahinter kommen.

Die Herbstübung verging/ ich war wieder mit meinem detachirten Bataillon in unser kleines Nest eingerückt, da er­halte ich eines Tages ein Briestein von zarter Hand. Ahnungsvoll öffne ich das Couvert und siehe da: der in­liegende Zettel enthält nur die fein geschriebenen Worte:

Man näht nicht im Dezember 581 Knöpfe an Män­tel und Röcke und nur 13 an Hosen / der bewußte Herr legt Werth aus ein größeres Ebenmaß in den Zahlen.

Ihr Schutzengel."

Jetzt fielen mir alle meine Sünden ein. Ich hatte immer auf gutes Glück die erste beste Anzahl von Reparaturen ein­getragen und nicht bedacht, daß der gestrenge Herr Revisor die Zahlen unter einander und auch mit denen der anderen Compagnieen verglich oder durch sein Töchterlein denn sie schien doch gründlich in diese Geheimnisse der Taktik einge- weiht vergleichen ließ! Das gute Mädchen! sie hatte mir jetzt den Schlüssel zum väterlichen Herzen ausgeliefert und schon im Februar enthielt mein Journal 250 Knopfbesestigun- gen an Röcken, 249 dito an Mänteln und 251 dito an Hosen. Auch hatte ich gewagt, einen Modus zu erfinden, der in graphischer Darstellung den Umfang der Flickereien in meiner Compagnie mit einem Schlage dem Blicke des Herrn Ober­sten verrathen sollte. Ich hatte nämlich für jede Gattung von Flickerei eine besondere Farbe gewählt, und in bunten Vierecken, deren Größe der Zahl der Reparaturen entsprach, stellte ich die Flickthätigkeit meiner Leute in einer bunten und sauberen Zusammenstellung auf einem einzigen Blatte dar. Dieses Blatt legte ich als eine besondere Beigabe in mein Journal, als es vom Regimente eingefordert worden war.

In großer Spannung wartete ich auf den Erfolg/ aber er blieb gänzlich aus. Zwar hatte mein Bildchen Gnade gefunden, und wurden derartige farbige Uebersichten fortan