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Nr. 258. Erstes Blatt. Dienstag den 5. November
1889.
Der fiefteiter Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.
Die Gießener JamikleuöläUer werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigelegt.
Gießener Anzeig er
Generat-Mnzeiger.
Vierteljähriger Avonnemcntspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.
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Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Giefzen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
Gratisbeilage: Gießener Aamitienbtätter.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher Theil.
Gießen, den 2. November 1889.
Betr.: Ermittelung der landwirthschaftlichen Bodenbenutzung und de» Ernteertrags im Jahre 1889.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
<m die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Soweit Sie mit Einsendung der rubricirten Verzeichnisse im Rückstände sind, erinnern wir Sie unter Hinweis auf unsere Verfügung vom 30. Juli l. I. — Anzeiger Nr. 177 — an deren alsbaldige Vorlage.
v. Gagern.
Durch rechtskräftiges Erkemttniß des Provinzialausfchuffes der Provinz Oberheffen vom 13. April ist dem Johannes Haas zu Gießen das demselben am 23. Juni 1842 ertheilte Patent als Geometer II. Classe entzogen worden.
Der deutsche Kaiser in Konstantinopel.
Das „Wvlff'sche telegr. Corrcsp. Burcau" berichtet aus Konstantinopel, 2. November: Das kaiserlich deutsche Geschwader wurde gestern um 4 Uhr Nachmittags auf der Höhe der Insel Tcnedos von der Uacht „Jzzedelin" mit den Abgesandten des Sultans, dem deutschen Botschafter Radowitz und dem Ehrendienst an Bord, eingeholt. Der Kaiser be- schied die Abgesandten Said, Musurus, Edhem an Bord des „Hohenzollern" und drückte seine hohe Befriedigung darüber ans, in ein befreundetes Land zu kommen, in ein Land, welches er seit seiner Jugendzeit zu besuchen wünschte. Sodann empfing der Kaiser die übrigen Herren, namentlich die der Kaiserin zugetheilten Strecker Pascha und Goltz. Nach der Rückkehr der Abgesandten an Bord der „Jzzedelin" setzte das Geschwader die Fahrt fort. Heute Morgen 9 Uhr wurde das Geschwader bei San Stefano von 3 Schiffen mit Angehörigen der deutschen Colonie, Zöglingen, Vereinen und Musik begrüßt; unter den Klängen vaterländischer Lieder passirte die Flotte, der Kaiser dankte sichtlich erfreut für diese Huldigung. Gegen 10!/2 Uhr kündigten 33 Salutschüsse des Kriegsschiffes vor Dolmabagdje die Ankunft des deutschen Geschwaders an. Das Ufer bot einen prächtigen Anblick, da die Sonne den leichten Morgennebel durchbrach. Der Kaiser bestieg eine Barkasse, um die Kaiserin abzuholen - in dem Augenblick, wo die Kaiserin sich in der Barkasse befand, wurde die türkische Flagge gehißt und von dem „Kaiser" mit 33 Salutschüssen begrüßt. Der Sultan begab sich in Erwartung der Ankunft des Kaisers Wilhelm, von den hohen
Würdenträgern, dem Personale der deutschen Botschaft und deutschen Offizieren umgeben, von dem Thronsaale aus zu der auf den Bosporus führenden Treppe. Die Leibgarde bildete von dem Thronsaale bis zum Landungsplätze Spalier. Der Sultan war in großer Uniform und mit dem Bande des Schwarzen Adler-Ordens angethan. Bei der Landung waren der Kaiser und Prinz Heinrich der Kaiserin behülflich, die Barkasse zu verlassen, worauf dieselben von dem Sultan begrüßt wurden. Die Musik intonirte die preußische Hymne. Der Sultan und der Kaiser schüttelten sich wiederholt die Hände, indem sie gegenseitig ihrer hohen Befriedigung über die heutige Begegnung Ausdruck gaben. Sodann bot der Sultan der Kaiserin den Arm und gefolgt von dem Kaiser, welcher die Uniform der Leib-Garde-Husaren mit dem großen Bande des Jmtiaz-Ordens trug, dem Prinzen Heinrich und dem beiderseitigen Gefolge, führte der Sultan seine Gäste nach dem Thronsaale, wo die gegenseitige Vorstellung der hervorragendsten Würdenträger stattsand. Hierbei wandte sich der Sultan huldvoll an den Staatsseeretär Grafen Bismarck und erkundigte sich nach dem Befinden des Reichskanzlers. — Sodann fuhr das Kaiserpaar in reich geschirrten Hofwagen nach dem Iildiz-Palais. In deut ersten Wagen saß die Kaiserin mit dem Sultan und dem früheren Großvezir Said Pascha, in dem zweiten der Kaiser Wilhelm mit dem Prinzen Heinrich und dem Großvezir Kiamil Pascha. Hierauf folgten zwei Wagen mit den Damen der Kaiserin und mit Edhem Pascha. Im fünften Wagen saßen der Staatsseeretär Graf Bismarck mit dem Botschafter v. Radowitz und der General- Adjutant Ali Nizami Pascha. Vier General-Adjutanten und eine Cavallerie-Abtheilung eröffneten den Zug; der Wagen des Sultans und des Kaisers Wilhelm wurde von den deutschen Paschas eotoyirt - zwischen beiden Palästen bildeten Truppen Spalier; dahinter befanden sich Tausende von Zuschauern aller Nationalitäten, welche unter begeisterten Zurufen dem glänzenden Schauspiele beiwohnten. Zahlreiche Militärbanden spielten die preußische Hymne und den Hohenfriedberger Marsch. Die Truppen zeigten eine sehr gute Haltung und boten in ihren bunten Uniformen einen schönen Anblick. Dieselben erregten augenscheinlich das lebhafte Interesse des Kaisers, welcher fortwährend grüßte. Im Mdiz-Palais angekommen, dessen Umgebung von einer ungeheuren Menschenmenge, insbesondere von Einheimischen und Frauen, erfüllt war, zog sich der Kaiser auf kurze Zeit zurück und stattete alsdann dem Sultan, welcher inzwischen nach dem nahen Dolmabagdje zurückgekehrt war, daselbst einen Besuch ab. — Bald darauf fand der Vorbeimarsch der Truppen statt, welchem der Sultan und der Kaiser von einem besonderen hierzu errichteten Kiosk beiwohnten. Derselbe dauerte
I V4 Stunden. Kaiser Wilhelm sprach wiederholt seine Be friedigung über die vortreffliche Haltung der Truppen, beson ders der Artillerie aus. Alle Militär-Attaches waren bei dem Vorbeimarsch zugegen. Nach demselben wurde das Frühstück eingenommen, an welchem das kaiserliche Gefolge und der Botschafter v. Radowitz mit Gemahlin Theil nahmen. Am Nachmittag besuchte der Staatsseeretär Graf Bismarck in Begleitung des ersten Dolmetsch der Botschaft Testa Stambul; der Kaiser arbeitete mit den CabinetSchefs; der Courier hatte zahlreiche Depeschen überbracht. — An dem Galadiner, welches am Abend im Aildiz-Palaste stattfand, nahmen 120 Personen Theil. Der Sultan empfing die Majestäten den Kaiser und die Kaiserin an der Treppe und geleitete Ihre Majestät die Kaiserin, welcher er auch beim Aussteigen aus dem Wagen behilflich war, in's Palais. Ein kurzer Cercle ging dem Diner voraus, und während desselben stellte der Sultan persönlich den Majestäten die am ottomanischen Hofe beglaubigten Botschafter und deren Gemahlinnen, sowie die hohen türkischen Staatswürdenträger vor. Die Tafeln waren in zwei neben einander gelegenen Sälen aufgestellt. An der Galatafel saß links vom Sultan Se. Majestät der Kaiser, sodann Herzog Friedrich Wilhelm von Mecklenburg, der deutsche Botschafter von Radowitz, rechts vom Sultan saß Ihre Majestät die Kaiserin, sodann folgte Se. K. H. Prinz Heinrich und der Staatsminister Graf Herbert Bismarck. Außer den höchsten Herrschaften hatten auch die Botschafter, sämmtliche geladenen Damen und das Gefolge an der Galatafel Platz genommen. Der Großvezier, die hohen türkischen Beamten, die übrigen Mitglieder der deutschen Botschaft und die Beamten des deutschen Generalconsulats, die deutschen Offiziere, sowie der Ehrendienst saßen im zweiten Saale. Se. Majestät der Kaiser Wilhelm trug den rothen Galarock des Garde du Corps-Regiments. Das Diner bestand aus 12 Gängen. An der Galatafel wurde auf Gold, im Nebensaale auf Silber servirt. Das prachtvolle Tafelgeschirr- erregte die Bewunderung der Majestäten, die während der ganzen Dauer des Diners mit dem Sultan eine lebhafte Unterhaltung führten. Die Musikcapelle, welche die Tafelmusik aufführte, brachte zumeist deutsche Musikstücke zum Vortrage. Um 9 Uhr ward die Tafel ausgehoben, und die Majestäten und der Sultan hielten Cercle. In demselben wurden die Botschafter von den Majestäten mit Ansprachen beehrt. Hierauf nahmen die höchsten Herrschaften die Illumination in Augenschein, in welcher der Wdizpark und seine Umgebung einen wundervollen Anblick boten. Zum Schluffe wurde ein prächtiges Feuerwerk im Parke abgebrannt. Ihre Majestäten verabschiedeten sich um 10 Uhr vom Sultan, welcher Ihre Majestät die Kaiserin abermals zum Wagen geleitete.
Feuilleton.
Der Zlick-Logarithmus.
Militärische Humoreske von Gerhard 0. Amyntor.
Drei alte Schnauzbärte saßen im Saale des Restaurants und plauderten bei einer Taffe Kaffee. Die meisten Besucher des reizend auf einer Anhöhe über dem Strome gelegenen Etablissements saßen schon im Garten und blickten über die im ersten Grün sich regenden Fliederbüsche hinaus in die Niederung; den alten Herren war aber das Mailüftchen, das aus Nordost wehte, noch zu frisch, und so hatten sie sich in den offenen Saal zurückgezogen und führten dort eine so laute Unterhaltung, daß die im Garten zunächst Sitzenden jedes Wort verstehen konnten. Es waren unverkennbar frühere Militärs, die da in ihren Erinnerungen kramten. Der Eine mußte Artillerist gewesen sein, denn er schimpfte auf die neue Zeit mit ihren Hinterladern und „knifflichen Fickfackereien" und lobte die vergangenen Tage mit ihren glatten Rohren und nun antiquirten Kartätschenschüssen. Der Biedermann hatte vermuthlich be^ feiner früheren lärmenden Beschäftigung einen Theil deS Gehörsinnes eingebüßt; wenigstens schrieen ihm seine beiden Kameraden so überlaut in die Ohren, daß man draußen im Garten die Erzählung des Einen mit dem langen, schneeweißen Schnurrbarte hätte Wort für Wort nachschreiben können.
Ich saß unter einem offenen Fenster des Saales und reckte meinen Hals, um den lauten Sprecher drinnen mir näher anzuschauen. Er guckte aus einem Paar klarer, gut- müthig lächelnder Augen, saß noch steif wie ein Ladestock vor fc<ncr „halben" Kaffee und stieß dem tauben Artilleristen 0. D. ab und zu, bei besonders interessanten Theilen seines Vortrags, in die Seite, wie um sich seiner gesteigerten Aufmerksamkeit zu versichern.. Der Dritte im Bunde hatte den Ellenbogen auf den Tisch gestützt und hielt die hohle Hand hinter die Ohrmuschel, um ebenfalls kein Wort der Geschichte
zu verpassen,- er mochte wohl auch kein ganz tactfestes Trommelfell mehr besitzen. Der lange weiße Schnauzbart aber berichtete das Folgende:
„Ich versichere Dir, Herr Bruder, der gute Oberst war rein des Teufels,- es war ihm in keiner Weife beizukommen. Er konnte mir es nicht vergessen, daß ich bei der Königsgeburtstags-Parade die Richtung meiner in Front defilirenden Compagnie verdorben hatte und so war ich zum Strafbataillon, welches detachirt in dem kleinen, verfluchten Neste lag, versetzt worden, und kein Mittel wollte mir verfangen, wieder in das Stabsquartier des Regiments zurückzukommen.
Und doch zogen mich ein Paar wunderblaue Augen unwiderstehlich nach der Garnison des alten Jsegrimms, und das fatalste bei der Sache war, daß diese Augen seiner einzigen, leiblichen Tochter angehörten. Sie war ein allerliebster Schelm, hatte mich in ihr kleines, klopfendes Herz geschlossen und litt unter meiner Verbannung nicht weniger als ich selbst. Bei einer Herbstübung, die mich mit meinem Bataillon in Cantonnements in der Nähe des Stabsquartiers führte, war ich mit der Kleinen wieder einmal zusammengekommen. Es war ein großes Gartenfest gefeiert worden, bei welchem die Capelle meines Regiments concertirte, und bei dieser Gelegenheit hatte ich das herrliche Wesen wiedergesehen und ihr unter einem blühenden Goldregen beim Schlagen der Nachtigall mein Glück und mein Leid gestanden.
„Gibt es denn kein Mittel, das Herz Ihres Herrn Vaters zu erweichen, mein gnädiges Fräulein? Kein Mittel, das mich aus meiner Verbannung erlöst und wieder in Ihre Nähe zurückbriugen kann?" fragte ich sie in Schmerz und Sehnsucht.
Sie sah sich schüchtern um; wir waren allein in einer dunklen Ecke des Gartens; von ferne tönten die Klänge der Tell-Ouvertüre; bebend flüsterte sie:
„Wenn Sic mich nicht verrathen wollen — ja, es gibt ein Mittel!"
„Und das wäre?"
„Wenn Sie das Flick-Journal Ihrer Compagnie fortan derart führen wollen, daß eine größere Gleichmäßigkeit in den Reparaturen der Tuchbekleidung daraus erhellt."
Ich glaubte falsch gehört zu haben. Als ich um nähere Erklärung dieses orakelhaften Rathes bitten wollte, wurden Schritte in unserer Nähe laut.
„Man kommt," rief sie ängstlich, „wir müssen uns trennen. Sie sollen Weiteres von mir erfahren. Vertrauen Sie mir!"
Ich wollte noch schnell die Hand um ihre Taille legen und sie sanft an mich ziehen; aber sie entwand sich mir und huschte davon; und so mußte ich um nichts klüger, aber reicher an Hoffnung, zum Tische meiner Kameraden zurückkehren, die um eine Gurkenbowle geschaart saßen und tapfer zechten.
Vergebens zerbrach ich mir den Kopf, was der Rath des geliebten Mädchens eigentlich besagen wollte. &afe der gestrenge Herr Papa „Flick-Journale" in seiner Truppe eingeführt hatte, war schon ganz richtig; sie bestanden auch anderwärts; aber ich wußte nicht herauszubringen, was die „gleichmäßigeren Reparaturen an der Tuchbekleidung" bedeuten sollten. Die verdammten Flick-Journale! Ich mußte den ganzen Abend, statt an mein geliebtes Blondchen, immer an diese unseligen Bücher und ihren noch unseligeren Urheber denken. Der Oberst war, so zu sagen, ein reiner Satan; er hatte schon die aberwitzigsten Befehle und Anordnungen erlassen, und wenn ihm unser guter, alter Major einmal wagte, über eine neue seiner Eulenspiegeleien bescheidene Vorstellungen zu machen, dann hatte er scheinbar harmlos und mit einem Zuge tiefster Befriedigung immer erwidert, daß er sich vollkommen bewußt wäre, wie das beanstandete Gebot oder Verbot durch nichts begründet fei, ja, eigentlich gegen den gesunden Menschenverstand verstoße, daß er es aber nur zum Zwecke ersonnen hätte, um gerade durch das Ungewöhnliche, Befremdende und zum Widerspruch Reizende desselben seine Untergebenen im Gehorsam zu üben. Mein alter Hauptmann, der von dieser Begründung gehört hatte, pflegte bei


