Ausgabe 
5.9.1889
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 206. Donnerstag den 5. September 1889.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau» Schulstratzc 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag». Pr-i» vierteljährlich 2Mark M Pf mit Bringerlohn.

2 Mai-l 50 Pf.

Betreffend: Den Bezug von Saatkartoffeln. Gießen, am 31. August 1889.

Der Director des landwirthschastlichen Besirksvereins Gießen

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien deS Kreises.

. Es sind durch Vermittlung des landwirthschastlichen Bezirksvereins in diesem Frühjahr 1400 Centner SaatkartoffelnMagnam bonum aus der legend von Görlitz bezogen und um den Selbstkostenpreis an die Besteller abgegeben worden.

Ich ersuche Sie nun bei den betreffenden Personen, welche die Kartoffelsorte durch den Verein bezogen und gebaut haben, Erkundigungen darüber emzuziehen, welche Resultate mit dem Anbau dieser Kartoffelsorte erzielt worden sind, wie doch sich der Ertrag pro Morgen berechnet, ob die Kartoffeln durch Fäulniß gelitten haben oder nicht, ob die Kartoffeln auf schwerem, gutem, kräftigen Boden oder auf sandigem Boden gepflanzt worden sind, ob der Acker vorher gedüngt war und ob mit Stallmist oder künstlichem Dünger, ob die sragl. Kartoffel eine gute Speisekartoffel ist oder nicht. Erst nach Beantwortung dreser Fragen wird sich beurtheilen lassen, für welche Gegenden des Kreises Gießen der Anbau dieser Kartoffelsotte hauptsächlich empfohlen werden kann.

________________________________________Jost, Regierungsrath.______________________

Betreffend: Die Einrichtung der Fortbildungsschulen. Gießen, am 3. September 1889.

Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commission Gießen

sm die Schulvorstände des Kreises.

Wir erinnern Sie daran, daß die Schülerlisten in rubr. Betreff bis Ende des Monats an uns einzusenden sind.

r machen wir Sie daraus aufmerksam, daß nach § VI, pos. 2 a. b. c. d. des Ministerialausschreibens vom 13. Juli 1875 in die Listen

olle schulpflichtigen Schüler einzutragen sind und bei von auswärts Eintretenden die betr. Gemeinde anzugeben ist.

. _ .. Die aus Ihren Gemeinden in andere Gemeinden übertretenden Schüler sind getrennt von den anderen aufzuführen und dahinter ist zu bescheinigen, daß oie nöthrge Mittheilung an den Schulvorstand der betr. Gemeinden erfolgt ist; pos. 2 c.

Die Verzeichnisse sind nicht, wie vereinzelt geschehen, durch die Lehrer, sondern durch die Vorsitzenden der Schulvorstände mit Begleitbericht an uns emzusenden.

v. Gagern.

Politische Rundschau.

Gießen, 4. September.

Kaiser Wilhelm und seine erlauchte Gemahlin werden anläßlich der Corps- manöver des sächsischen Armeecorps an diesem Donnerstag Abend zum Besuche am Dresdener Hofe erwartet. Die sächsische Hauptstadt hat sich zu Ehren des kaiserlichen Phares in ein herrliches Festgewand geworfen, während ihre Bevölkerung zu den herz­lichsten wie glänzendsten Ovationen für die Majestäten bereit ist und deren Ankunst schon längst mit freudiger Ungeduld entgegensah; doch auch das ganze übrige Sachsen­land trägt den bevorstehenden Dresdener Kaisertagen seine herzlichste Theilnahme ent­gegen und heißt im Geiste das erlauchte Kaiserpaar freudig willkommen. Aus dem Programm der Kaiserlage in Sachsen seien folgende Punkte heroorgehoben: Am Donners­tag Abend Uhr Ankunft des Kaisers und der Kaiserin auf dem Leipziger Bahnhofe ln Dresden, woselbst Begrüßung durch König Albert, die Prinzen des sächsischen Königs­hauses, die bereits anwesenden fremden Fürstlichkeiten und den Rath der Stadt Dresden stattfindet. Alsdann Fahrt der Majestäten nach dem Residenzschlosse, wo das Katser- paar von der Königin Carola und der Prinzessin Mathilde empfangen wird; später ist im Schlosse Familien-, sowie Marschallstafel. Am Freitag Morgen reisen der Kaiser und der König Albert zur Parade des 12. Armeecorps nach Naundorf bei Oschatz; nach der Rückkehr nach Dresden findet im Schlosse große Tafel statt und alsdann er- ?olgt der Fackel- und Lampionzug nebst Serenade der . vereinigten Dresdener Gesang­vereine, als Huldigung der Stadt Dresden an den Kaiser. Samstag begeben sich sämmt- liche Herrschaften zum Beginn der Manöver nach Oschatz; Abends ist im Residenzschlosse Zu Dresden wiederum großes Diner, an welches sich eine Gala-Vorstellung im Hoftheater anschließt, während einer Pause führen die Kapellen sämmtltcher sächsischen Regimenter einen Zapfenstreich vor dem Schlosse aus. Den Sonntag gedenken der Kaiser und die Kaiserin im Kreise der königlichen Familie zu verbringen, am Montag begeben sich die Majestäten wiederum nach Oschatz, wohnen den Manöoern bei und diniren dann bet Baron von Zehmen auf Schloß Schleinitz. Von hier aus kehrt Kaiser Wilhelm nicht mehr nach Dresden zurück, sondern begtebt sich direct nach Hannover zu den Manöoern des 10. Armeecorps.

Der Statthalter Fürst Hohenlohe verließ am Sonntag Abend die Stadt Saargemünd wieder, woselbst er die landwtrlhschaftliche Ausstellung für Lothringen eröffnet hatte. Dem Statthalter wurden auch bet der Abreise, wie schon bei der An­kunft, sehr herzliche Ovationen seitens der Saargemünder Bevölkerung bereitet.

Der Lohnkampf zwischen den Dockarbeitern der englischen Hauptstadt und ihren Arbeitgebern ist noch immer unentschieden. Die Dtrectoren der Dockgesellschaften lehnen es bestimmt ab, die Erhöhung des Stundenlohnes auf 6 Pence unbedingt zu bewilligen, die Strikenden ihrerseits sind fest entschlossen, von ihren Forderungen kein Jota fallen zu lassen und bet dieser erbitterten Stimmung auf beiden Setten ist nicht zu ersehen, wie ein Ausgleich herbeigeführt werden soll. Die Leiter des Ausstandes haben ihren Entschluß, nicht nachzugeben, auf der am Sonntag im Hydepark stattge­fundenen abermaligen Massen-Versammlung der Dockarbetter wiederum verkündigt und anscheinend können es die Strikenden noch eine ganze Weileaushalten", da ihnen von allen Setten Geldunterstützungen zuströmen. In allen Arbeiterklassen Englands begegnet der Strtke der Londoner Dockarbeiter kräftigen Sympathien, von welchen auch die Haltung der am Sonntag in Dundee (Schottland) stattgefundenen Jahresversammlung der englischen Gewerkoereine (Trades Unions) zeugte. Einstimmig nahm die Versammlung eine Resolution an, in welcher die Forderungen der Dockarbeiter für gerechtfertigt er­klärt und die Gewerke des ganzen Königreiches aufgefordert werden, den Strikenden jede mögliche Geldunterstützung zu gewähren. Auch der Gewerkverein in Chicago be­kundete in einer Resolution seine Sympathie für die Sache der Londoner Dockarbeiter. Selbst die Londoner Rheder fangen jetzt an Stellung gegen die Dockgesellschaften zu nehmen, denn die Vereinigung der Rheder verlangte von den Directoren der Dockge­

sellschaften das Recht, ihre eigenen Arbeiter für Beladung und Entladung der Schiffe verwenden zu dürfen. Den Dtrectoren wurde zur Antwort eine 24 stündige Bedenk- frtst h^willtgt und falls jene zustimmend lauten sollte, wollen die Rheder versuchen, sich selbst mit den Strikenden auseinander zu setzen. Dagegen nahmen die Eigmthümer der Einlade- und Ausladequais an der Themse einstimmig eine Resolution an, in welcher die von den Dtrectoren der Dockgesellschaften den Arbeitern gemachten Vorschläge als gerecht und billig bezeichnet werden und welche die Strikenden zur Wiederaufnahme der Arbeit ermahnt.

nn. Darmstadt, 3. September. Seine Königliche Hoheit der Großherzoa wird am 6. September von seiner Jnspectionsreise wieder hier etntreffen. Später wird sich Seine Königliche Hoheit in das Manöoerfeld der Großh. Hess. Division begeben und den Hebungen beiwohnen, welche im Odenwalde stattfinden.

nn. Darmstadt, 3. September. Zum erstenmale seit langer Zeit hatte sich heute die gesammte hessische (25.) Division auf dem Griesheimer Schießplätze ver­sammelt, um durch den Diotsions-Commandeur General v. Wißmann tnsptcirt zu werden. Die Jnspection nahm nahezu zwei Stunden in Anspruch und hatte sich zu diesem Schauspiel ein sehr zahlreiches Publikum zu Fuß und zu Wagen eingefunden.

Berlin, 3.September. DiePost" schreibt: Unter den militärischen Vor­lagen, welche dem Reichstag in seiner nächsten Tagung zugehen werden, erwartet man die Errichtung von zwei neuen General:Commandos. Es unterliegt kaum einem Zweifel, daß eine Thetlung des 15. Armeekorps beabsichtigt ist, das zur Zeit nicht weniger als 49 Bataillone Infanterie zählt, also über den gewöhnlichen Umfang eines Armeekorps weit htnausgeht. Da dasselbe an Feld-Artillerie heute nur den geringen Bestand von 2 Regimentern zu je 9 Batterien hat, so benöthigte dasselbe einer erheb­lichen Vermehrung, wozu die kürzlich gebildeten dritten Abtheilungen der älteren Feld- artillerte-Regimmter ein geeignetes Mittel bieten. Es bedürfe dann noch der Bildung der Stäbe von einem Armeekorps, einer Infanterie-Division, einer Infanterie- wie einer Feldarttllerie-Brigade. An Caoallerie besitzt das 15. Armeekorps eine Caoallerie- Dioiston, an deren Thetlung nicht gedacht werden darf. Das neue 16. Armeekorps müßte also auf andere Weise mit Caoallerie ausgestattet werden. An Pionier- Bataillonen bestehen beim 15. Armeekorps bereits zwei, das 15. und 16. Das zweite der neu zu bildenden General-Commandos möchten wir in den Ostmarken des Reiches suchen. Nach der Thetlung der Provinz Preußen in die Provinzen West- und Ost­preußen wäre die Errichtung eines zweiten General-Commandos recht angezetgt gewesen, sie unterblieb mit Rücksicht auf Rußland. Nachdem dies aber im vergangenen Jahre in den Militärbezirken Wilna und Warschau je ein Armeekorps neu gebildet hat, kann ein solcher Grund für die Unterlassung nicht mehr ausschlaggebend sein. Mit der gedachten Umbildung würde eine Truppenvermehrung nicht beabsichtigt jein. Die oben erwähnten Artillerie-Abtheilungen zu zwei Batterien würden aus ihren bisherigen Ver­bänden ausscheiden und neue Abtheilungen zu drei Batterien daraus hervorgehen. Alles dies hat mit der neueren französischen Militärgesetzgebung keinerlei Zusammen­hang. In Frankreich wie in Italien haben die Armeekorps von vornherein eine gleich­förmige Zusammensetzung erhalten; Oesterreich-Ungarn wie Rußland haben sich einer solchen in neuerer Zeit sehr genähert. Nur Deutschland steht in dieser Hinsicht noch vereinzelt da, würde sich aber nach obiger Umbildung in einem wesentlich besseren Ver- hältnitz befinden. Immerhin bleiben noch das 11. und das 12. (königlich sächsische) Armeekorps mit je 3 Infanterie-Divisionen und 39, bezw. 36 Bataillonen ungewöhn­lich stark, das 13. (königlich württemb.) mit 21 Bataillonen ungewöhnlich schwach. Dies hat aber eine territoriale Begründung.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Korrespondenz-Bureau

Berlin, 3. September. DieNordd. Allg. Ztg." bemerkt zu der angeblichen Aeußerung des Statthalters Hohenlohe bei dessen Rundreise im Kreise Chateau-SalinS wegen Aufhebung des Paßzwangs, die Meldung scheint ungenau und jedenfalls insoweit unrichtig, als die Aufhebung des Paßzwangs längst vom Kaiser abgelehnt und keine.