1869.
Freitag den 4. Januar
Nr. s
Gießener
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn«
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf<
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
teurMitt Schul st raße 7.
Betreffend: Die Audienztage bei Großherzoglichem Kreitamt Gießen.
.gerechnet werden.
Gießen, am 2. Januar 1889.
machen zu lasten.
Gießen, den 2. Januar 1889.
Der Civilvorfltzende der Großherzoglichen Ersatz-Commission Gießen. Jost, Regierungsrath.
Betreffend: Dar Ersatz-Geschäft pro 1889.
Mit Bezug auf die Bestimmungen der Deutschen Wehr-Ordnung werden alle im Jahre 1869 geborenen Militärpflichtigen, sowie die in früheren Jahren Geborenen, welche sich noch nicht zur Musterung gestellt haben, oder welche hinsichtlich ihrer Verpflichtung zum Eintritt oder ihrer Befreiung vom Militärdienste noch keine desinitive Entscheidung erhalten, und entweder im Kreise Gießen ihren dauernden Aufenthalt haben, oder m demselben als Studmten, Gymnasiasten und Zöglinge anderer Lehranstalten, oder als Haus- und Wirthschaftsbeamte, Handlungsdiener, Lehrlinge, Handwerksgesellen, Lehrburschen, Dienstboten, Fabrck- arbeüer oder in ähnlicher Eigenschaft sich aufhalten, hiermit aufgesordert, sich behufs Eirctragung ihrer Namen in dre Stammrolle m der ^ert vom !«♦ Januar bi« zu« 1 Februar L I, bei der Bürgermeisterei ihres Wohnortes, beziehungsweise ihres Aufenthaltsortes, zu melden und daber, wenn sie an diesem Orte nicht geboren sind, ihren Geburtsschein und wenn sie sich bereits bei einer früheren Musterung gestellt haben, ihren Loosungs-Schein vorzulegen.
Zugleich wird darauf aufmerksam gemacht, daß Diejenigen, welche die Anmeldung unterlasten, zu gewärtigen haben, daß sie mit einer Strafe bis zu 30 Mark oder mit Haft bis zu drei Tagen belegt! von der Theilnahme an der Loofung ausgeschloffen und ihrer etwaigen Ansprüche auf Zurückstellung rc. verlustig deinigen Mllitärpflichtigen, welche zur Zeit abwesend sind, sind deren Eltern, Vormünder, Lehr-, Brod- und Fabrikherren zu diesen
Anmeldungen verpflichtet. _ , , L , , P c Ci ,
Die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises werden beauftragt, Vorstehendes m ihren Gemeinden noch besonders auf ortsübliche Weise bekannt
Wir bringen in Erinnerung, daß der regelmäßige wöchentliche Audienztag bei unterzeichneter Behörde auf Dieu-tag festgesetzt ist.
Selbstverständlich werden auch an anderen Wochentagen die Beamten des Kreisamts, sofern sie auf dem Bureau anwesend sind, bereit sem, Anliegm entgegenzunehmen und zu befördern; mit Rücksicht auf auswärtige Termine kann aber nur an den Dienstagen aus die Anwesenheit aller Kreisamtsbeamten
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Politische Rundschau
Gießen, 3. Januar.
Beim RerriahrSempfairge am BerlinerHofe scheinen, soweit dies bekannt, -keinerlei politische Aeußerungen gefallen zu sein, dagegen liegen solche aus gleichem Anlasse aus anderen europäischen Hauptstädten vor. Vor Allem hat der ungarische Ministerpräsident Tisza den Empfang der ihn zum Jahreswechsel beglückwünschenden Mitglieder der liberalen Partei Ungarns zum äußern Anlaß einer hochpolitischen Kundgebung benutzt, die von allen Friedensfreunden nur freudig begrüßt werden wird. Tisza bezeichnete das mitteleuropäische Bündniß als die hauptsächlichste Friedensgewähr, da es im Vergleiche mit früheren Allianzen, welche die Geschichte auf- weise und die nur einer Eroberungspolitik entsprungen seien, nichts erobern und nichts zerstören wolle, sondern lediglich bestrebt sei, im Interesse der Humanität und der Entwickelung der Völker den Frieden zu sichern. Die Auslassungen Tisza's über die allgemeine Lage endeten mit dem bestimmten Ausdrucke der Hoffnung, daß es in Anbetracht dessen, daß es heute in Europa keinen Staat gebe, welcher den Krieg unbedingt wünsche, auch im neuen Jahre gelingen werde, den Völkern die Segnungen des Friedens zu erhalten. Gleich dem ungarischen Cabinetschef hat auch König Humbert von Italien beim Neujahrsempfange der Deputationen des Senats und der Deputirtenkammer seiner Ueberzeugung, daß es auch im neubegonnenen Jahre gelingen werde, den Frieden zu sichern, Ausdruck verliehen und da mit diesen Hoffnungen die politische Eonstellatton am Jahreswechsel durchaus im Einklänge steht, so hat gerade zum Beginne des Jahres 1889 die allgemeine Frtedenszuoersicht eine wettere Kräftigung erfahren und hoffentlich entspricht diesen günstigen Anzeichen die politische Entwickelung des neuen Jahres.
Der Jahresanfang hat an bemerkenswertheren Nachrichten auf dem Gebiete der innerdeutschen Angelegenheiten so gut wie nichts gebracht. Was die parlamentarische Lage anbelangt, so sind eine Menge Mitthetlungen über die für den Reichstag bestimmte ostafrikanische Vorlage im Umlaufe, die sich aber durchweg als unrichtig erweisen. Namentlich haben noch keinerlei Besprechungen zwischen den Regierungsvertretern und einflußreichen Reichstagsmitgliedern über die gedachte Vorlage oder über die Weiterentwickelung der ostafrikanischen Angelegenheiten überhaupt stattgefunden. Dagegen sollen im Laufe der kommenden Woche die Eonferenzen der Regierung mit Aftikareisenden über die Vorlage ihren Anfang nehmen und erst auf Grund dieser Besprechungen werden endgiltige Bestimmungen des Reichskanzlers zu erwarten sein. Auch die Nachrichten über die künftige Stellung des Premierlieutenants Wißmänn in Ostafrika, über die Anwerbung einer Colonialtruppe für Ostaftika u. f. w. sind einstweilen nur mit großer Zurückhaltung aufzunehmen.
Das Gerücht von der beabsichtigten Bildung einer österreichische« Donau« ikriegsstotille wird jetzt vom Wiener „Fremdenblatt" als völlig unbegründet bezeichnet. Das Wiener Regierungsblatt gibt zwar zu, daß diese Frage in competenten Kreisen schon öfters theoretisch erörtert worden sei, aber es bestreitet ganz entschieden, daß die Marinesection eine Denkschrift hierüber ausgearbeitet habe und erklärt die Nachricht, daß die österreichisch-ungarische Regierung in dieser Angelegenheit diplomatisch in Bukarest oorgegangen sei, als noch viel weniger begründet, es könne daher auch von einer den Delegationen zu unterbreitenden bezüglichen Creditforderung keine Rede sein. — Mit dieser Erklärung des officiösen Blattes dürfte die in den letzten Tagen aufge- tauchte Frage der Errichtung einer österreichisch-ungarischen Kriegsflotille auf der untern Donau einstweilen wieder ad acta gelegt sein.
In Wie« grasstrt zur Zeit eine Typhus-Epidemie, von welcher auch der Bruder Heß österreichischen Kaisers, Erzherzog Ludwig Victor, ergriffen worden ist, ob
wohl das amtliche Bulletin nur von einem Cholcrine-Anfall spricht. Derselbe trat aber bei dem Erzherzoge so heftig auf, daß das Schlimmste zu befürchten stand und ihm bereits die Sterbesacramente gereicht wurden; doch lauten neuerliche Meldungen über das Befinden des erlauchten Kranken dahin, daß eine unmittelbare Lebensgefahr als ausgeschlossen zu betrachten ist.
Bet der Propaganda in Rom sind zum Jahreswechsel verschiedene Unglücksbotschaften aus fernen Ländern etngegangen. So wurde aus der Mandschurei berichtet, daß diese chinesische Provinz von verheerenden Ueberschwemmungen heimgesucht worden sei, bet denen eine große Anzahl von Menschen das Leben verloren hätten. Ferner traf von Quelon, an der Küste von Malabar (Ostindien), die Meldung vom Auftreten der Cholera ein, die daselbst gegen 2000 Christen hinweggerafft habe; die Pflege der an der Cholera Erkrankten hätten italikkische Karmeliter übernommen.
Die russische Regierung scheint gleich der französischen von der Spionenfurcht befallen worden zu sein. Wie die „Nowoje Wremja" zu melden weiß, ist den russischen Zollämtern oorgeschrieben worden, vom 1. Januar 1889 ab ausländischen Schiffen, die Bergungsdampser mit inbegriffen, keine Pässe mehr zur Berechtigung der Küstenschifffahrt in den russischen Gewässern auszustellen. Diese Maßregel wird damit begründet, daß die Küstenschifffahrt in den russischen Gewässern ein ausschließliches Recht der russischen Unterthanen sei, es scheint indessen fast, als ob die russische Regierung aus politischen und militärischen Gründen den Eintritt ftemder Schiffe in die russischen Küstengewässer von nun an beschränken will. Zu dem Capitel der russischen Vorkehrungen für einen etwaigen Krieg gehört ferner die kaiserliche Verordnung, welcher zufolge in die Etats der Militärbezirke von Kiew und Wilna Positionen für Gehilfen der Hauptchefs der genannten Militärbezirke im Range eines Generallieutenants oder Generals einzustellen sind.
Von neuen militärischen Vorkehrungen bringt der Telegraph aus Rußland zum Jahresbeginn die Kunde. Eine Verordnung des Czaren befiehlt die Einrichtung besonderer Trainabtheilungen in der russischen Armee und sollen hiernach fünf Train- Cadre-Batatllone zu 18 Compagnien errichtet werden, die in Kriegszeiten auf 18 Train- Bataillone zu bringen sind. Das Trainwesen befand sich im russischen Heer bislang gerade nicht im glänzendsten Zustande und es kann daher die neue Maßregel, durch welche die russischen Train-Compagnien reorganisirt werden, nicht besonders überraschen.
Zum politischen Neujahrsempfang in Paris liegt folgende Meldung vor: Präsident Carnot empfing das diplomatifche Corps und erwiderte auf die Glückwünsche deffelben, Frankreich schicke sich an, durch die Ausstellung ein Werk des Friedens und der Arbeit zu feiern; er wünsche, das Jahr 1889 möge allerwärts ein glückliches sein.
Die Zweifel, welche hinsichtlich der Richtigkeit der Meldung von der Gefangennahme Emin Pascha» und Stanley» durch die Mahdisten alsbald laut wurden haben zum Jahreswechsel eine neue Verstärkung erfahren. In Suakin traf am 31. December 1888 auf dem Wege über Kaschala ein Grieche aus Chartum ein, welcher angibt, daß in Chartum von einer Eroberung der Aequatorialprovinz durch den Mahdi Abdallah und der Gefangennahme Emin Pascha's durchaus nichts bekannt sei. Vielmehr sollten die Streltkräfte des Mahdi in dem Gebiete des Gazellenflusse» (Bahr-el-Gazal) zweimal von den Truppen Emin Pascha'S geschlagen worden sein. — Auch diese Meldung bedarf natürlich wiederum der Bestätigung, denn es kommt vor Allem darauf an, ob der betreffende Grieche ein glaubwürdiger Mann ist; entsprechen indessen seine Aussagen der Wahrheit, so könnte man wenigsten« über da» Geschick Emin Pascha's beruhigt sein, während freilich die widerspruchsvollen Nachrichten über Stanley noch voll bestehen bleiben.


