Nr. 257. Erstes Blatt. Sonntag den 3. November
1889.
Der Hietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des MontagS.
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Jakob Kreiling HL von Heuchelheim ist auf den Fischerei- und Polizei-Schutz für die Ufer der Lahn unterhalb der Wieseckmündung verpflichtet worden.
Gießen, den 31. October 1889.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Großh. Ministerium des Innern und der Justiz dem Vorstande des Rettungshauses für verwahrloste Kinder „Johannes- stist" in Metz die Erlaubniß zur Veranstaltung einer Haus- collecte innerhalb des Großherzogthums während der Monate Mai und Juni kommenden Jahres ertheilt hat.
Gießen, den 31. October 1889.
Großherzoglich es Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Nachdem die Maul- und Klauenseuche zu Londorf, Kesselbach und Allendors a. d. Lumda erloschen ist, werden die über diese Gemeinden, sowie über Odenhausen verhängten Sperrmaßregeln hierdurch aufgehoben.
Gießen, den 2. November 1889.
Großherzogliches Kreisamt.
v. Gagern.
Gefunden: 1 Brieftasche, 1 Handschuh, 2 Paar Strumpfbänder, 1 Taschenmesser, 1 Kinder - Regenschirm, 1 Spannkette, 1 Leine, 1 Kleidbesatz, mehrere Schlüssel und Hundeblechmarken, 1 Regenschirm.
Gießen, am 2. November 1889.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
PoUttsche Ueberficht.
Gießen, 2. November.
Der Generalstabschef Graf Waldersee ist, loie das „Berl. Tagebl." mitzutheilen weiß, jüngst von einem englischen Journalisten „interviewt" worden. Graf Waldersee soll hierbei die ihm untergeschobenen Absichten, als dränge er auf kriegerische Abenteuer Deutschlands, bestimmt bestritten und erklärt haben, er sei lediglich bestrebt, für die militärische Bereitschaft Deutschlands fort und fort zu wirken, damit den Feinden Deutschlands die Lust vergehe, dasselbe anzugreisen.
In der Prager Landstube sand am Donnerstag eine nochmalige Debatte über die Frage der böhmischen Königskrönung statt. Dieselbe endete damit, daß der Landtag über den jung- czechischen Antrag, eine Adresse hinsichtlich der Königskrönung an den Kaiser zu richten, zur Tagesordnung überging, welcher Ausgang der „Krönungsdebatte" sich allerdings voraussehen ließ. Die altczechische Mehrheit begründete in einer lang- athmigen Resolution ihre ablehnende Haltung gegen den Adreß- entwurs der Jungczechen, aus welcher zu entnehmen ist, daß auch die Altczechen gegen die Königskrönung an und für sich nichts einzuwenden hätten, daß sie aber die Erstrebung derselben für jetzt aus practischen Gründen nicht thunlich halten. Die Herren wollen den Zeitpunkt für die Verwirklichung dieses Gedankens „vertrauensvoll" der Krone überlassen — nun, da dürste noch mancher Tropfen die Moldau hinabfließen, ehe sich der Kaiser von Oesterreich im Prager Hradschin zum König von Böhmen krönen lassen wird.
In wenigen Tagen wird die neue französische Depntirten- kammer zusammentreten und ist man da in den politischen und parlamentarischen Kreisen Frankreichs aus die Gruppenbildung im neuen Parlamente sehr gespannt. Es ist viel die Rede davon, daß eine große republikanische Partei von con- servativer Färbung gebildet werden soll, deren Führung der ehemalige Finanzminister Leon Say übernehmen würde, aber die Bildung der neuen Partei scheint sich noch in ihrem allerersten Stadium zu befinden. Die Geneigtheit zwischen den einzelnen Gruppen der gemäßigten Republikaner, sich mit einander zu der gedachten Fraction zu verschmelzen, kann man wohl als vorhanden bezeichnen, aber man fordert auf beiden Seiten Bürgschaften und Unterpfänder und diese ist Niemand zu geben in der Lage, cs hat also mit der neuen conservativ- republikanischen Partei noch gute Wege!
Die spanischen Cortes sind dieser Tage zu ihrer Wintersession zusammengetreten. Es erfolgte dabei jedoch keine Thronrede, da die Kammern sich im Juni nur vertagt hatten, so daß die Wintersession eigentlich nur die Fortsetzung der Herbstsession bedeutet. Französische Blätter schildern die Lage des Ministeriums Sagasta als sehr kritisch. Die Oppositionsführer aller Schattirungen sollen sich zusammengethan haben, um gemeinsam dem Ministerium auf den Leib zu rücken und zwar mit dem neuerdings auch jenseits der Pyrenäen beliebten Mittel der parlamentarischen Obstruction. Die Fragen, an welche die Hemmung aller Regierungsmaßnahmen, eine Art parlamentarischen „Boycotts" anknüpsen soll, erscheinen als äußerst kleinliche und nebensächliche, aber dies ist ja auch, vom tactischen Standpunkt aus betrachtet, auch ziemlich gleichgültig. Die Hauptsache ist und bleibt für die Herren von der Opposition, zu erfahren, ob der Obstructionsplan eine Mehrzahl auf seine Seite bringen wird. Die wahrzunehmende Thatsache, daß die schutzzöllnerischen, also vom Ministerium Sagasta abweichenden Liberalen sich von den Obstructionsversuchen fern halten wollen, läßt die Hoffnungen der Opposition vorerst als ziemlich zweifelhafte erscheinen.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 1. November. Der Kaiser telegraphirte an den Reichskanzler: „Heute sechs Uhr Nachmittags die Dardanellen bei schönem Wetter Passirt- beste Grüße! Wilhelm."
Berlin, 1. November. Die „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht ein Glückwunschtelegramm des Kaisers anläßlich der Enthüllung des Joachim-Denkmals in Spandau, datirt aus Athen: „An der Feier der Enthüllung des Standbildes meines Ahnherrn Joachim II. spreche ich dankend und segenswünschend meinen herzlichen Antheil aus. Wilhelm." Der „Nationalztg." zufolge lautet das Telegramm der Kaiserin: „Dankbar bewegt, begehe ich in der Ferne den Tag der Enthüllung des Denkmals Joachim II. und wünsche der wichtigen Feier Weihe und Segen."
Berlin, 1. November. Durch ein dem Reichstage zugegangenes Gesetz über die Abänderung des Bankgesetzes wird der Paragraph 24 des letzteren dahin abgeändert, daß aus dem Reingewinn zunächst den Anteilseignern eine ordentliche Dividende von 3*/2 pCt. des Grundkapitals berechnet und vom Mehrbetrag eine Quote von 20 pCt. dem Reservefond zugeschrieben wird, so lange dieser nicht 1I4 des Grundkapitals beträgt. Der verbleibende Ueber- rest wird zur Hälfte an Antheileigner, zur Hälfte an die Reichskaffe bezahlt, soweit die Gesammtdividende der Antheils- eigner nicht sechs Prozent übersteigt. Vom weiter verbleibenden Reste erhalten die Antheilseigner die Reichskasse 3/4. Erreicht der Reingewinn nicht volle 31/2 pCt. des Grundkapitals , so ist das Fehlende aus dem Reservefond zu ergänzen. Ein etwaiges Aufgeld bei der Begebung der An- theilsscheine fließt dem Reservefond zu. Die Dividenden- rückstände verjähren binnen vier Jahren. Das Gesetz tritt am 1. Januar 1891 in Kraft.
Berlin, 1. November. Der „Post" zufolge bestellte die deutscho st afrikanische Gesellschaft Herrn Walter von St. Paul-Hillaire zum Vertreter und obersten Administrator des Gefellschaftszollwesens. Die statutengemäß erforderliche Zustimmung des Auswärtigen Amtes sei bereits erfolgt.
Spandau, 1. November. Mittags fand die Enthüllung des Kurfürst Joachim-Denkmals statt in Gegenwart des Prinzen Friedrich Leopold, der Minister v. Goßler und v. Herrfurth, des Oberpräsidenten Achenbach, der Behörden, des Offiziercorps, der Deputationen der brandenburger Städte und der Geistlichkeit. Reichstagspräsident von Levetzow würdigte in feiner Festrede die geschichtliche Bedeutung Joachims II. und der Einführung der Reformation. Auf Befehl des Prinzen fiel die Hülle von dem erzenen Denkmale. Der Kaiser und die Kaiserin übermittelten von Athen Segenswünsche. Unter Glockengeläute fand der Einzug in die Nikolaikirche statt. Der Superintendent Hensel begrüßte den Prinzen mit einer Ansprache. Oberpfarrer Recke hielt die Festpredigt. Die Stadt ist festlich geschmückt. In den Straßen bildeten Vereine, die Schulen und Militär Spalier. Das Wetter ist schön.
Hamburg, 1. November. In der vergangenen Nacht entgleisten bei Boizenburg von den Güterzügen 307 und 334 beim Rangiren, vermuthlich durch falsche Weichenstellung, mehrere Wagen, wodurch die beiden Hauptgeleise gesperrt wurden. Von hier ist ein Hilfszug abgesandt. Die Passagiere des Courierzuges mußten umsteigen und trafen mit einer
vierstündigen Verspätung ein. Verletzt wurde bei dem Unfall Niemand.
Hamburg, 1. November. Graf Kalnoky ist heute Abend eingetroffen und gedenkt hier zu übernachten. Kalnoky wird sich morgen Vormittag zum Reichskanzler nach Friedrichs- ruh begeben.
Wien, 1. November. Anläßlich des Besuchs K alnokys in Friedrichsruh bemerkt das „Fremdcnblatt": Die Besprechungen beider Staatsmänner bewahren ungeachtet gleichartiger Wiederholungen ihre ungeschwächte Tragweite für die Ziele des Friedensbundes. Der Besuch des Czaren in Berlin bot demselben reichliche Gelegenheit, von dem Mißtrauen gegen die Zwecke der Friedensliga abzukommen. Schon in der geänderten gerechteren Beurtheilung der Politik der verbündeten Mächte durch den Czaren, sowie in der Herstellung ungetrübter freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Höfen von Berlin und Petersburg liegt in hohem Maße ein werthvoller, für den Frieden wichtiger Erfolg. Diesem Character der Situation verlieh die deutsche Thronrede vernehmlichen Ausdruck. Beide Staatsmänner werden bei ihren Besprechungen gewiß nur von dem Streben beseelt sein, zur Erfüllung der Hoffnungen beizutragen, welche die deutsche Thronrede ausgesprochen hat.
Bern, 1. November. Die Nachricht, daß Bundesrats Droz mit einem Berichterstatter des „Siecle" eine Unterredung in Betreff des Verhältnisses der Schweiz zu Deutschland gehabt habe, ist unrichtig. Eine solche Unterredung hat nicht stattgesunden. Dagegen werden im Bundesrathe die jetzigen Beziehungen der Schweiz zu Deutschland als sehr gute bezeichnet. Von einem baldigen Beginn der Unterhandlungen in Betreff eines Niederlassungsvertrages mit Deutschland weiß man hier nichts.
London, 1. November. Die Gesandten des Sultans von Zanzibar empfingen Vormittags den Secretär der britischen ostafrikanischen Gesellschaft Mackenzie in längerer Unterredung; derselbe überreichte Namens der Gesellschaft kostbare Geschenke für den Sultan. Nachmittags begeben sich die Gesandten in das Auswärtige Amt, wo eine Unterredung mit Salisbury stattfinden wird; hierauf besuchen sie den deutschen Botschafter, Graf Hatzfeld.
London, 1. November. Seit heute Morgen wüthet ein heftiger Sturm an der Westküste Großbritanniens- mehrere Schiffe sollen gescheitert und etliche Personen umgekommen sein. Die Rettungsboote hatten große Dienste geleistet.
Glasgow, 2. November. Die hiesige große Teppichfabrik, worin 140 Frauen beschäftigt sind, ist in Folge eines orkanartigen Sturmes gestern Abend eingestürzt. Man schätzt die Zahl der Todten und Verwundeten auf fünfzig.
Petersburg, 1. November. Anläßlich der bulgarischen Anleihe bemerkt das „Journal de St. Petersbourg", es sei erstaunt, zu sehen, wie Ferdinand und Stambulow durch Verpfändung der Eisenbahnen über das Nationaleigenthum verfügen. Ihre Stellung würde aber dadurch nicht vom Rechtsstandpunkte gewinnen, da die materielle Bürgschaft bei der Vereinbarung weder den älteren Schulden, noch den Rücksichten des internationalen Rechtes Rechnung trage. Was die dabei Betheiligten betrifft, so muß man deren Muth bewundern, Geschäfte mit einer unrechtmäßigen Regierung zu machen, die sich wenig um frühere Verpflichtungen kümmert.
vermischtes.
Darmstadt, 1. November. Im Stadthaus fand am Mittwoch Nachmittag die 25. Generalversammlung des Vereins zur Unterstützung und Besserung der aus den Strafanstalten Entlassenen unter dem Vorsitze des Präsidenten, Herrn Oberlandesgerichtsrath v. Ric^p, statt. Der Rechenschaftsbericht entrollte hinsichtlich der Finanzlage des Vereins ein durchaus zufriedenstellendes Bild, die Mit- gliederzahi ist, Dank dem Beitritt von 338 Gemeinden des Großherzogthums, auf 1786 gestiegen. Auch mit den Erfolgen der Vereinsthättgkeit konnte man, in Berücksichtigung der gerade hier vorliegenden sehr schwierigen Art der Vereinsausgaben, im Allgemeinen ganz zuftieden sein. An Stelle dreier aus dem Vorstände wegen zwingender Gründe ausscheidenden Mitglieder wurden die Herren Stadtpfarrer Flöring und Landgerichtsrath Arnold in Darmstadt und Provinzialdirector Frhr. v. Gagern in Gießen neu in den Vorstand gewählt, der im Uebrigen in feiner vorherigen Zusammensetzung verblieben ist. (D. Tgbl.)
Mainz, 30. October. Ein Dienstmädchen auf der großen Bleiche feiert mit dem Heutigen ihr 25 jähriges Dienstjubiläum bei ihrer Herrschaft. In Anerkennung ihrer treu geleisteten Dienste wurde der Jubilarin Seitens ihrer Herrschaft ein


