Nr. 230 Zweites Blatt. Donnerstag den 3. October 1889
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
VureaurHulstr°ß- 7." 'Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. >jgg»CTKSffMiSiSgBtoj
Amtlicher HHeil.
Betreffend: Maul- und Klauenseuche auf der Pirrmühle, Gemarkung Mendorf a. d. Lda.
Bekanntmachung.
Nachdem unter dem Rindvieh des Müllers Nahrgang auf der Pirrmühle, Gemarkung Allendorf a. d. Lda., die Maul- und Klauenseuche aus- gedrochen ist, haben wir die Sperre über das Gehöft derselben angeordnet.
Gießen, am 1. October 1889. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
_______________________________v. Gagern. _____
Bekanntmachung.
Nachdem in mehreren Gehöften zu Londorf und Keffelbach, sowie zu Allendorf a. b. Lda. die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen ist, sehen wir UNS veranlaßt, aus Grund des § 28 des Reichsviehseuchengesetzes die Abhaltung des auf 9. l. MtS. zu Grüubeea anberaumten Biebmarkte» hierdurch zu verbieten. Gestattet ist nur der Verkauf von Pferden.
Gießen, am 1. October 1889. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
. v. Gagern._______________________________
][ Darmstadt, 1. October. Aus zuverlässiger Quelle erfahren wir, daß Seine Majestär der Kaiser Wilhelm nun doch noch im Laufe dieses Jahres zum Besuche des Großherzoglichen Hofes dahier eintreffen wird. Als Zeitpunkt wird Ende November oder Anfang December angegeben, d. h. also, der Kaiserliche Besuch dahier würde erst nach der Rückkehr des Monarchen aus Griechenland ftattfinden. — Prinz Ludwig von Battenberg, der Gemahl der Prinzessin Victoria von Hessen, wird am Donnerstag von hier abreisen, um in seine Stellung als Osficter in der englischen Marine zurückzukehren. Prinz Ludwig ist zur Zeit der Mttlelmeerflotte zugetheilt, welche in Malta statconirt ist. Während der Abwesenheit des Prinzen wird die Prinzessin Victoria, welche im vorigen Jahre ihren Gemahl nach Malta begleitete, hier im Großherzoglichen Schlosse verbleiben, welches sie mit ihren beiden Töchtern bewohnt. In eben demselben Schlosse residirt zur Zeit auch die Prinzessin Heinrich von Preußen, welche mit ihrem Sohne Waldemar von Schloß Heiltgenberg hierher übergestedelt ist. Die Prinzessin Julie von Battenberg, die Wtttwe des Prinzen Alexander von Hessen, bewohnt das Palais ihres Sohnes, des Prinzen Ludwig von Battenberg, auf dem Louisenplatze. — Der Großherzog residirt zur Zeit ebenfalls im Schlosse, der Erbgroßherzog und die Prinzeffm Alix sind noch in Balmoral in Schottland bet Ihrer Königlichen Großmutter.
Lokales.
r, Gießen, 2. October. Der Oberhessische Geschichtsverein wird demnächst wieder seine Sitzungen mit Vorträgen aufnehmen und ist zunächst ein Vortrag des Herrn Gymnasiallehrer Dr. Röschen in Laubach in Aussicht genommen über das Treffen bet Grunberg am 21. März 1761. Herr Dr. Röschen, ein ausgezeichneter Kenner der kriegerischen Ereignisse in unserer Provinz namentlich während des siebenjährigen Krieges, hat durch neue Studien im Staatsarchiv zu Marburg und durch neue Mittheilungen aus dem Archiv des großen Generalstabs und der Bibliothek zu Berlin sehr ausgedehntes neues Material über die kriegerischen Ereignisse in Oberhessen gesammelt uno es ist mit großem Danke zu begrüßen, daß er dem Oberhessifchen Geschtchtsveretn die Ergebnisse seines Fleißes mitzutheilen die Absicht hat. Es wird Tag, Stunde und Ort des Vortrags noch genauer mitgetheilt werden.
Gießen, 2. October. Der Oberhess. Geschichtsverein hat während des Sommers durch feinen Vorstand das Museum aus dem unteren in zwei obere Zimmer des alten Rathhauses ubergeräumt und dabei übersichtlicher ausgestellt, als dieses im früher ge- brauchten Zimmer möglich war. Vieles ist dabei ausgeschieden, vieles Neue aber auch eingeretbt worden, das durch Kauf und Schenkung erworben wurde. Nächsten Sonntag den 6. October wird dasselbe zum erstenmale und von da an regelmäßig Sonntags z11 Vl? geöffnet sein. So erwünscht der zahlreiche Besuch der Jugend ist,
die ein lebhaftes Interesse für die Sammlungen bekundet, so erfreulich wäre es, wenn auch von den Erwachsenen eine regere Theilnahme bezeugt würde. Gerade sie würden reicht erkennen, wo es noch fehlt — und daß noch sehr große Lücken vorhanden sind, die rm Laufe der Zeit ausgefüllt werden müssen, weiß der Vorstand des Vereins sehr gut — aber wie viel steckt auch noch unbeachtet in Kammern und auf Speichern, das, wenn auch nur leihweise, zur Bereicherung der Sammlung dienen könnte. Auf Ankauf kann freilich der Verein nur geringe Beträge verwenden, umsomehr, als die Neueinrichtung beträchtliche Kosten veranlaßt hat.
Vermischtes.
_ . ^bu-Ulrichs!ein, 1. October. sMonats- Bericht der Arbeiter-Colonie pro September 1889.] Ende September sind in der Colonie stellen-, resp. arbeitslos tns- gesammt 42 Mann.
Hiervon waren Anstreicher 1, Arbeiter 12, Barbiere 1, Bäcker 3, Buch- ^ucker 1 Bildhauer 1, Bildweber 1, Cigarrenmacher 1, Drahtzieher 1, Elfenbein- Anitzer 1, Färber 2, Gärtner 1, Goldarbeiter 1, Kaufleute 3, Sattler 1, Schneider 5, Schreiber 1, Schuhmacher 2, Steindrucker 1, Weber 1, Zimmermann 1.
, Dieselben verthetlen sich: Grvßherzogthum Hessen 10. Königreich Preußen: Regierungsbezirk Cassel 6, Regierungsbezirk Wiesbaden 6, Brandenburg 1, Hannover 3, Rheinland 3 Westphalen 1 Sachsen 2, Schlesien 1, Pommern 1. Thüringische ®ta^en Königreich Sachsen 1. Königreich Bayern 1. Königreich Württemberg 1. Grvßherzogthum Baden 1. Freie Stadt Hamburg 1.
Abgegangen sind im Laufe des Monats September 10.
Davon gingen in Stellung durch die Colonie 2, auf eigenen Wunsch 5, entlaufen 1, in die Familie zurück 2. '
Im Ganzen wurden seit Eröffnung der Anstalt ausgenommen 1237 Kolonisten, • abgegangen sind 1195. '
Verpflegungstage im September 1889: 1131. Gearbeitet wurde an 977 Tagen, darunter 116 für fremde Rechnung.
^SfEld 1. October. Vor kurzer Zeit brachte der „Lauterbacher Anzeiger" die folgende Mttthetlung:
. „ «L"ut"bach, 21. September In Rudlos öffneten kürzlich die Angehörigen der Backhaus schen Landwirthschastsschule ein Hünengrab. Ihre Bemühungen über
trafen die höchsten Erwartungen, denn nach anstrengender Arbeit gelang es ihnen, eine vollständig erhaltene Grabstätte bloszulegen. Dieselbe war mit großen (Steinen bedeckt, welche theilwerse mit rothen Schriftzügen geziert sind. In dem Grabe selbst befanden sich eine Anzahl menschlicher Knochenthetle, unter denen ein noch gut erhaltener Schädel bemerkenswerth ist. Auch befanden sich verschiedene Waffen in dem Grabe, so ein Steinbeil, Schildgerippe und ein Dolch. Schädel, Steinbeil und Schildgerippe sind dem VölkermusLum zu Leipzig überwiesen und mit großem Danke angenommen worden."
Leider ist diese Nachricht auch in verschiedene andere Blätter übergegangen, leider, weil an derselben kein wahres Wort ist. Der Witzbold, der diese Nachricht in den „Lauterbacher Anzeiger" geimpft hat, hat sicher gedacht, er habe einen ungemein feinen Witz gemacht, stellte sich aber selbst nur ein klägliches Armuthszeugniß aus. Kläglich aber ist auch die Leichtgläubigkeit des Schriftleiters, der offenbar von unbekannter Hand das Machwerk erhielt und unbesehen aufnahm. Es ist Aufgabe der gutgeletteten Presse, solchen Artikelfabrikanten auf die Finger zu klopfen.
△ Aus Rheinhessen, 30. September. Mit Hinterlassung beträchtlicher Schulden ist letzter Tage nach Verübung großer Betrügereien ein Makler von Gau- Aspisheim flüchtig gegangen. Derselbe hat große Verkäufe von Frucht und Obst vermittelt und das sämmtliche Geld hierfür zu seinen Zwecken verwendet. — Der ungetreue Kassirer des Ockenheimer Consumoereins wurde dieser Tage in das Untersuchungs- gefängnitz nach Mainz eingeliefert. — Der durch seine Thätigkeit in den landwirth- fchaftlichen Vereinen in weiten Kreisen bekannte Oeconom Anoreas Braunwarth, ein Sohn des ehemaligen Bürgermeisters von Hechtsheim, ist gestern in noch nicht vollendetem 61. Lebensjahre gestorben.
* Aus dem Grvßherzogthum Hessen. Im Jahre 1888 wurden im Grvßherzogthum 191059 Gegenstände geaicht und dafür an Gebühren 57 533.38 X erhoben. Diese Gegenstände bestehen in 288 Längemaßen, 2054 Flüssigkeitsmaßen, 2 Meßapparaten für Flüssigkeiten, 94 252 auf den Inhalt geprüften Fässern, 71 aus Tara geprüften Fässern, 258 Hohlmaßen für trockene Körper, 3 Kasten- und Rahmenmaßen, 8 Meßrahmen für Holz, 88 041 Handelsgewichten, 456 Präcistonsgewichten, 1624 gleicharmigen Balkenwaagen, 160 oberfchaligen oder Tafelwagen, 1 Decimal- Balkenwaage, 397 Decimal- und Centesimal-Brückenwaagen, 349 einfachen Balkenwaagen für Laufgewicht, 5 zusammengesetzten Balkenwaagen mit Laufgewicht, 202 Brückenwaagen mit Laufgewicht und Scala, 313 Präctsionswaagen, 23 Federoder Neigungswaagen, 1814 Gasmessern und 138 Herbstgefäßen.
Frankfurt a. M., 1. October. Gestern Abend fand eine öffentliche Volks-- Versammlung statt. Dieselbe beschloß, einen Arbeiterwahlverein zu gründen. Einer demnächst zu berufenden constituirenden Versammlung wird der Satzungsentwurf unterbreitet werden. Bis jetzt sind dem Verein 243 Arbeiter beigetreten.
— Interessante Ziffern enthält der „Lrchwäbische Bierbrauer" über den Malzverbrauch der Münchener Brauereien in der Zeit vom 1. Juli 1888 bis 30. Juni 1889. Danach wurden in 30 Münchener Brauereien zusammen 1304125 Hectoliter Malz verbraucht, davon entfielen von den über 100 000 Hectoliter Malz verarbeitenden Brauereien auf Spatenbräu 242 319, Löwenbräu 223 389, Augustiner 158 366, Franziskaner 132 334 und Pschorr 125 270 Hectoliter. lieber 50000 Hectoliter verarbeiteten Hackerbräu mit 91 208, Bürgerbräu mit 71527, Gebrüder Schmederer mit 54 551.
— In welcher Weise die Pariser Weltausstellung den Verkehr im Allgemeinen beeinflußt, geht aus nachstehenden Ziffern hervor, die darthun, daß Weltausstellungen doch noch etwas mehr wie bloße Schaustellungen für große Städte sind und die aufgewendeten Millionen sich recht gut verzinsen können. In den Monaten Mai bis Juli 1889 waren in den Pariser Hotels 224,519 Provinziale und 120,573 Ausländer ungemeldet, 111,026 Provinziale und 70,835 Ausländer mehr als 1888. Die städtische Steuer verzollte von Mai bis Juli 119,702 Hektoliter Wein, 5152 Spirituosen, 52,062 Hektoliter Bier mehr als im gleichen Zeiträume des Vorjahres, ferner 1,490,396 Kilo Fleisch, 372,202 Schweinefleisch und Wurstwaaren, 430.180 Butter und Käse, 17,411 Kilo Eier mehr als in 1888; die Omnibusse und Pferdebahnen beförderten in der gleichen Zeit 52,858,401 Passagiere, 7,895,653 mehr als 1888; die „Pariser Pferdebahnen" (Nord- und Südnetz) 16,215,825 (1,947,970 mehr als 1888), die Dampfschiffe 10,393,217 (5,722,703 mehr als im Vorjahre). Die Bahnzüge nach und von Paris haben in den Monaten Mai, Juni und Juli um 1,878,747 mehr Reisende befördert als in der gleichen Zeit von 1888. Hierbei sind die Ringbahnzüge nicht eingerechnet, welche täglich 30,000 Reifende mehr als 1888 und im Ganzen während der drei Monate 7,823,445 Reisende beförderten.
«n, [80,000 Gulden im Papierkorb.] Eine Kranken Wärterin war in
Wien ^et einem reichen Herrn bedienstet, dessen Testament gegenwärtig eine Menge von Schwierigkeiten verursacht. Die Wärterin fand in einem Papierkorbe etwa 80,000 Gulden in Werthpapieren und in baarern Gelbe. Sie deponirte das Geld bei der Behörde und hat sich nun nach Ablauf eines Jahres beim Magistrat mit der Bitte um Ausfolgung des Finderlohnes gemeldet, mit der Bemerkung, daß der Inhalt des Papierkorbes zum Verbrennen bestimmt war und der Betrag nur durch ihre Vorsicht gerettet wurde.


