Ausgabe 
1.12.1889 Zweites Blatt
 
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Nr. 281. Zweites Blatt. Sonntag den 1. December

1889.

General-Anzeiger.

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Der Dcrrot'sche Siscnbahn-Zoncntaris.

Bei dem allgemeinen Interesse, welches die Einführung des Perrot'schen Zonentarifs in Ungarn und voraussichtlich demnächst auch auf anderen Bahnstrecken für das ganze reisende Publikum und wer zäklt heutzutage nicht zu diesem! hat, dürste eine kurze Erläuterung dieser Reform für Manchen wohl willkommen sein. Schon vor 20 Jahren führte Herr Dr. Franz Perrot (jetzt in Mainz) den Beweis, daß es möglich sei, den Eisenbahn-Personentarif und das Packetporto ganz ähnlich einzurichten, wie das Briefporto. Die Reform des Packetporto wurde denn auch im Jahre 1874, zuerst in Deutschland, dann in Oesterreich-Ungarn re., schließlich theil- weise wenigstens auch hn Weltpostverkehr nach den Vorschlägen Perrots eingeführt. Nur der Eisenbahn-Personcntarif hält sich noch aus der ungefähren Höhe seines ursprünglichen Be­standes. Alle Anregungen Perrots aus diesem Gebiete scheiterten an der Befürchtung einer Schmälerung der Ein­nahmen.

Der Gedanke und die Begründung deS Zonentarifs für den Eisenbahn-Personenverkehr beruht nun auf folgenden statistischen Thatsachcn: 1) Der gegenwärtige Tarifirüngs- modus hat einen irgend nennenswerthen Fern-Verkehr für Eisenbahnreisende bisher überhaupt nicht entstehen lassen. Mehr als fünf Sechstel des Personenverkehrs spielen sich aus eine Entfernung von höchstens 45 Stationen ab. Die Person wird in Deutschland im ganzen Durchschnitt aus 28,8 Kilometer, d. h. auf eine Entfernung von durchschnittlich 4 Stationen transportirt. 2) lieber 75pCt. der bewegten Sitzplätze werden bei dem bisherigen Taris leer gefahren­es kann bis zur doppelten Frequenz mit dem bisherigen Personal und Material bewältigt werden, also ohne relativ erhebliche Steigerung der Kosten. An Gewicht von Personen­wagen befördern die Bahnen zehnmal soviel als an Gewicht von Personen. 3) Die Verdoppelung der Frequenz ist mehr als genügend, um bei dem zweistufigen Zonentarif (wie ihn Perrot ursprünglich vorschlug: bis 10 Meilen und über 10 Meilen) die alte Einnahme wieder herzustellen.

Der heutige Taris rechnet (auf den preußischen Staats­bahnen) pro Person und Kilometer in der 1. Klasse 8 Pfg., 2. Klasse 6 Pfg., 3. Klasse 4 Pfg., 4. Klasse 2 Pfg. - Gegenüber den Einwendungen von dem finanziellen Risiko macht Perrot nun den Vermittelungsvorschlag, vorläufig drei oder vier Zonen zu bilden. Da fünf Sechstel des Verkehrs sich bis zur 4. oder 5. Station bewegen, so könne man die Sätze so weit lassen, wie sie eben sind und von da an den Zonenverkehr beginnen lassen. Dann seien die Hauptein­nahmen sicher und das Risiko verschwindend. Von der 5. Station könnte sieh dann ein zwei- oder dreistufiger Zonen­tarif anschließen und zwar würde die erste Zone 5 weitere Stationen, also die 6. bis einschließlich 10. Station, die

zweite Zone 10 weitere Stationen, also von der 11. bis zur 20. Station umfassen, und es würden in die dritte Zone alle übrigen Stationen von der 21. bis zur Landesgrenze ent­fallen. Was die Preisstellung für die drei Zonen betrifft, so ergebe sich dieselbe aus den Grundsätzen des Zonentarifs überhaupt, im Zusammenhalt mit den für die fünf ersten Stationen beibehaltenen Preisen des bestehenden Tarifs etwa in folgenden Ziffern, immer von der Abgangsstation aus gerechnet:

1.5. Station (ea. 40 Kilometer) annähernd die bis­herigen Preise. 6.10. Station (ea. 40 bis 70 Kilometer) 3. Klasse 80 Pfg., 2. Klasse 1.40 Mk., 1. Klasse 2 Mk. 11. 20. Station (ea. 70 bis 130 Kilometer), 3. Klasse 1 Mk., 2. Klasse 2 Mk., 1. Klasse 4 Mk. 21. Station bis zur Landesgrenze 3. Klasse 2.50 Mk., 2. Klasse 5 Mk., 1. Klasse 10 Mk.

Eine solche Tarifermäßigung würde namentlich auch für die Arbeiter von großem Vortheil sein, weil sie dann mit Leichtigkeit sich an anderen, auch entfernteren Orten Arbeit suchen können, wenn sie zu Hause feine finden. Der Erfolg, den das System in Ungarn errungen hat, trotz der dort ein­geführten 14 Zonen, veranlaßte bereits den österreichischen Handelsminister, die Sache auch für Cisleithanien in Er­wägung zu ziehen. In Spanien ist ebenfalls auf einer Strecke der Estremadura-Bahn der Zonentarif in Wirksamkeit. Wie bereits gemeldet, erwägt die Hessische Ludwigsbahn die versuchsweise Einführung des Zonentarifs für die Strecke Mainz-Worms. Soeben wird gemeldet, daß die Commission des Verbandes Deutscher Touristenvereine für Verkehrs­erleichterung an den preußischen Minister für öffentliche Arbeiten Herrn von Maybach eine Eingabe gerichtet hat, in welcher um probeweise Einführung des Perrot'schen Zonen­tarifs auf den Linien der Kgl. Eisenbahn-Direetion Frank­furt a. M. gebeten wird. (Ist inzwischen abgelehnt worden).

Locales niid provinzielles.

Gießen, 30. November.

* Stadtverordneten Versammlung am 28. November. An­wesend : Herr Bürgermeister Gnauth, Herren Beigeordnete Keller und Langsdorff, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Georgi, Grüneberg, Dr. Gutfleisch, Hoch, Hornberger, Jughardt, Petri, Dr. Ploch, Scheel, Schopbach, Simon und Vogt. Die gestrige Sitzung wurde probeweise in der An­ordnung der Sitzplätze für die Stadtverordneten, wie sie sich infolge der Vermehrung um vier für die Folge ergibt, abge­halten. Herr Bürgermeister Gnauth berichtete zunächst über die Eröffnung des Fest- und Spiel Hauses in Worms, der er auf an ihn ergangene Einladung beigewohnt. Was den Bau des Wormser Festhauses betreffe, so könne

dessen Ausführung, trotz der eigenartigen Lösung der an ein solches gestellten Aufgaben, für die Errichtung weiterer der artigen Bauten, z. B. für Gießen, nicht als Muster dienen. Die über das Festspiel selbst geübte, weniger günstige Kritik in den Zeitungen müsse auch er theilen; es sei indeß zu hoffen, daß der in Worms betätigte Opfersinn (bekanntlich sind die Kosten für das Spielhaus im Betrage von 300,000 M. durch ein Geschenk von 100,000 M. von Herrn Schön, der Rest durch Sammlungen aufgebracht worden) auch in Gießen lebe und nur geweckt zu werden brauche- vorerst möge man aber streben, das Interesse an städtischen Schöpfungen zu erhalten. Was die sonst vom Herrn Bürgermeister besichtig­ten Anstalten in der Stadt Worms betreffe, so fiele eigent­lich nur ein Vergleich des Wormser Stadthauses mit dem hiesigen zu Ungunsten von Gießen aus, während in Bezug auf Straßen die Stadt Gießen den Vergleich mit Worms aushalte, die hiesigen Anlagen aber denjenigen von Worms voraus seien. Das Wormser Gaswerk liefere jährlich 1,000,000 Cbm. Gas, das Wasserwerk täglich 5000 Cbm. Wasser- dieser große Wasserverbrauch der Schwesterstadt Worms habe seinen Grund in der Verwendung des Wassers zu industriellen Zwecken (große Gerbereien), während in Gießen der täglich angenommene Wasserzufluß von 550 Cbm. ledig­lich Wirthschaftszwecken diene. Herr Commerzienrath Adolf Noll hat nachgesucht, fein bis 1892 laufendes Man­dat yls Stadtverordneter infolge anhaltenden Krankseins jetzt schon niederlegen zu können. Es wird beschlossen, das Gesuch mit Rücksicht auf die hier vorliegenden Bestimmungen des Art. 112 der Städteordnung zu genehmigen und Herr Bürger­meister Gnauth ermächtigt, Herrn Noll das Bedauern über die Gründe, die ihn zur Niederlegung seines Mandates ver­anlaßt, auszusprechen.

Das Gesuch des Herrn I. M. Schulhof um Erlaub- niß zum Ausschank von Branntwein wird nicht befürwortet. Polizei wie Stadtverordneten-Versammlung vermögen trotz des länger als 30 Jahre ohne Copeession betriebenen Brannt­wein-Ausschanks ein Bedürfniß zur Ertheilung der nachge­suchten Coneession nicht zu erblicken, da in allernächster Nähe vier mit Branntweinschank verbundene Wirthschasten sich befinden. Heber den folgenden Punkt der Tagesordnung, Erbau­ung eines Knabenschulgebäudes, berichteten wir, so­weit dies den Bau betrifft, bereits in voriger Nr. Es kommt sonach der Plan des Herrn Architect Haas zur Ausführung. Herr Bürgermeister Gnauth nahm nach Schluß der Be- rathung über den Plan Veranlassung, Herrn Haas schon jetzt für die Förderung der Arbeit bis zu diesem Stadium den Dank der Versammlung auszusprechen. Die Rechnungen über die Vorschule des Gymnasiums und des Ne al - g y m n a s i u m s für 1889 werden genehmigt. Die Einnahmen und Ausgaben der Realschule belaufen sich aus ea. 71,000 M.,

Feuilleton.

Hessische Dichter der Gegenwart.

Von Dr. Ella Mensch.

VII. ^Nachdruck verboten.!

Fast alle unsere lebenden Dichter sind von einer unglück­lichen Liebe beherrscht. Es ist dies die durch nichts zu ertödtende, durch keine Mchtbeachtung, keinen Mißerfolg zu erkältende Liebe zum Theater. Ein Stück auf die Bühne zu bringen, von der Scene herab auf die Gemüther der Zeitgenossen zu wirken! das scheintein Ziel, aufs innigste zu wünschen". Wenige erreichen es. Hingegen fällt es nicht so schwer, ein Drama auf den Markt zu bringen. Es finden sich noch immer Verleger, die ein einigermaßen gut gebautes, stofflich interessantes Stück in Vertrieb nehmen, es an Bühnen und Zeitungen schicken, ja wohl gar den Muth haben, dem Erstling Nachfolger zu geben. Die hessische Literatur hat an solchen Buchdramen auch keinen Mangel. Ein Zufall, eine Reihe günstiger Umstände gehört dazu, um ein Buchdrama über Nacht zu einer Bühnennovität zu stempeln. Denn man hat wohl zu unterscheiden zwischen einem Werk, das von vornherein ohne jegliche Rücksicht auf die Bühnenverhältnisse geschaffen wurde dies ist das eigentliche Buchdrama und einem Stück, das nur durch Schicksalsungunst den weltbedeutenden Brettern fernebleibt.

Aufmerksame Leser unserer großen illustrirten Zeit­schriften werden feit einer Reihe von Jahren unter populär gehaltenen naturwissenschaftlichen Aufsätzen, die viel In­teressantes und Neues aus der Thierwelt zu berichten wissen, die Namen Adolf und Carl Müller finden. Die Bekannt­schaft mit den Naturforschern, die mit ihrem großen, gemein­

sam verfaßten WerkeThiere der Heimath" weit über das Hessenland hinausgedrungen sind, stellt sich viel schneller her als die mit dem Dichterpaar Adolf und Carl Müller. Der erstere ist feit einer Reihe von Jahren als Dramenschrift- steller thätig. Seine TragödieFaust", die sich in die Reihe der Versuche stellt, das Goethe'sche Werk zu beenden, bezw. weiterzuführen, ist im Großen und Ganzen von der Presse mit Wohlwollen aufgenommen, obwohl man sich nicht ver­hehlen kann, daß gerade dieser Stoff, der so ganz und gar dem Leben des 18. Jahrhunderts angehört, sich für unsere Zeit schwer zu einem festgefügten künstlerischen Organismus gestalten dürfte.

Die zweite größere Wihnendichtung, mit der Adolf Müller auf dem Plane ersWenen ist, heißtThusnelda".

Es gibt gewisse historische Stoffe, die, weil sie an sich schon dramatisch sind und dem Dichter auf halbem Wege entgegenkommen, immer von Neuem zur poetischen Belebung anlocken. Solche Stoffe, die den ganzen Mechanismus des Dramas : Exposition, Verwickelung und Auflösung, alles das, was der Dichter sonst erst schaffen muß, 5Mits in sich tragen, sind in der deutschen Geschichte: die Befreiung Deutsch­lands vom Römerjoch durch Hermann und die Zeit der Hohenstaufenkaiser. Beide Themen sind von verschiedenen Geistern aufs Verschiedenartigste behandelt worden. Unter all den Dichtern, welche die sympathischen Gestalten des Hermann und der Thusnelda von der Bühne herab auf das Nationalgefühl wirken lassen wollten, haben sich Kleist mit seinerHermannschlacht" und Halm mit demFechter von Ravenna" die größte Beachtung errungen. Letztere Tragödie zeigt uns bekanntlich die zwar äußerlich gedemüthigte, aber in ihrer stolzen Geisteskraft noch ungebrochene Germanen­fürstin Thusnelda zu Rom in der Gefangenschaft, in dem Rom des Caligula, woselbst man ihr Kind, den Sohn Her­

manns, als Fechter auferzieht und ihm systematisch das Bewußtsein seiner Abkunft und seiner Aufgabe für das Schicksal des Vaterlandes raubt.

Adolf Müller hat sich in seinem fünfactigen Trauerspiel Thusnelda" eine ähnliche Aufgabe gestellt. Auch er führt uns in das kaiserliche Rom, woselbst die gefangene Thus­nelda einen aufreibenden offenen und geheimen Kampf gegen die Gewalten zu bestehen hat, die ihr den Sohn bei Adolf Müller ist dieser noch ein zartes Knäblein ent­reißen wollen. Der Confliet wird verschärft durch den Um­stand, daß Thusneldas leiblicher Vater in der Reihe der Widersacher sich befindet und seine Ränke es zu Wege bringen, daß Thusnelda unterliegt.

Ein historisches Jntriguenstück kann man das Ganze nach Anlage und Durchführung nennen. Als wir das Stück vor einem Jahre lasen, berührte uns angenehm die der Haupt­sache nach confequente Zeichnung der Charaetere und die fließende, durch einen gewissen markigen Nachdruck ausgezeich­nete Sprache. Wie wir hören, hat der Autor mittlerweile das Drama einer vollständigen Umarbeitung unterzogen, und da wir nicht wissen, auf welche Punkte sich dieselbe erstreckt und ob verschiedene formale Unzuträglichkeiten, welche uns damals auffielen, ausgemerzt sind, müssen wir mit unserer Besprechung dieses Werkes innehalten.

Mit seinem neuesten OpusDie bekehrten Emanei- pirten" bewegt Adolf Müller sich auf einem Gebiete, das in feiner burlesken Seite von Benedix (Dr. Wespe) und Sonn­tag (Frauenemaneipation) nachgerade erschöpft sein dürfte. Die Dinge, die man verspottet oder lächerlich macht, müssen auch wirklich im Leben existiren, nicht blos in der Phan­tasie der Autoren und den Zeichnungen derFliegenden Blätter".