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Nr. 176.

Amts- und Anzeigkblatt für den Kreis Gießen.

Bureaur Schnlftraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlvhn. Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 M

Amtlicher Hßeil.

Bekanntmachung.

. Unter, Bezugnahme auf unsere Bekanntmachung vom 26 L 9JI wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß das 2. und 3. Bataillon des Grohh. Insantene-Regments Nr. 116 aus den Teufelrbergen, nördlich Wißmar, am Donnerstag den 1. August und Freitag den 2. August d F. von Vormittags < Uhr blS Mittags ungefähr 5 Uhr Schießübungen abhatten werden. '

Gießen, den 30. Juli 1889. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Jost, Regierungsrath.

Betreffend: Die Liquidationen über Naturalleistungen für die bewaffnete Macht. Gießen, am 30. Juli 1889.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

a« dte Grotzh-rzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

~ 20 n empfehlen Ihnen, die von den Truppenteilen bei vorkommenden Einquartierungen Ihnen auszuhändigenden Bescheinigungen über gelieferte

Hellies Quartter und gestellten Vorspann jedesmal alsbald nach Abmarsch der betr. Truppen an uns einzusenden, damit die Liquidation der entsprechenden Vergütungen baldmöglichst erfolgen kann.

I. V.: Jost, Regierungsrath.

Wolitifc-de Skuudsehsrr

Gießen, 31. Juli.

Die Rede, mit welcher Prinz Ludwig von Bayern, als Ehrenpräsident 2es VU. deutschen Turnfestes in München, am vorigen Samstag die erschie­nenen Turngäste begrüßte, hat wegen ihrer hochpolitischen Wendungen in ganz Europa Aufsehen erregt, in Deutschland aber wegen der vaterländischen Begeisterung, die aus der Rede des bayerischen Thronerben von Anfang bis Ende heroorleuchtete, jubelnde Zustimmung erfahren. Treu festzuhalten an Kaiser und Reich und an der tm schweren Kampfe errungenen nationalen Einheit der deutschen Stämme diese Mahnung-an das deutsche Volk klang Immer wieder aus den Worten des fürstlichen Redners hervor und sie wird sicherlich tm Herzen aller guten Deutschen eine bleibende Stätte finden Und wenn Prinz Ludwig am Schlüsse seiner Kundgebung auf das Bündniß zwischen Deutschland, Oesterreich und Italien, als den mächtigen Hort des Völkerfrtcdens htn- wies und hierbei seine feste Zuversicht aussprach, daß diese Allianz Europa auch ferner den Frieden erhalten werde, so wird diese Schlußwendung gewiß bei den Friedezrs- freunden von ganz Europa die freudigste Genugthuung Hervorrufen.

Die in Unterhausen bei Neuburg a. Donau beigesetzt gewesenen Gebeine des französischen Neoolutionsgenerals Latour d'Auvergne wurden am Montag Mittag in Gegenwart der französischen Commission und des Regierungspräsidenten von Schwaben ausgegraben, doch wird ihre feierliche Uebergabe erst in einigen Tagen vor sich gehen. Auch die Asche des in Magdeburg ruhenden Generals Carnot, des Großvaters des jetzigen Präsidenten der französischen Republik, ist ausgegraben worden und wird ihre feierliche Überführung nach Frankreich an diesem Freitag mit militärischen Ehren erfolgen.

Das Tagesereigniß in der auswärtigen Politik bildet der Ausfall der franzö­sischen Generalrathswahlen, vor Allem wegen der kläglichen Niederlage, die sich Boulanger hierbei zugezogen hat. Bekanntlich war die Candidatur Boulangers für bie Generalräthe in weit über 100 (Santonen oder Bezirken aufgestellt worden und hierzu hatten sich die boulangistischen Wahlletter wohlweislich solche Bezirke heraus­gesucht, welche in den für vorzugsweise boulangistisch gesinnt geltenden Departements liegen, und das erhoffte Probeplebiscit für den Zukunftsdictator Frankreichs schien demnach gesichert. Um so unangenehmer ist daher für die Boulangisten die eclatante Niederlage ihres Herrn und Meisters, denn er wurde nur in 12 Cantonen gewählt, dagegen soll er in 73 Bezirken gänzlich unterlegen sein, während er noch in einer Anzahl von Bezirken zur Stichwahl steht. Was diesen Rückschlag in der Volksgunst gegenüber Boulanger veranlaßt hat, mag vorläufig noch dahingestellt bleiben; zur Zeit interessirt bie Thatsache, daß der Boulangismus einen schweren Schlag verzeichnen muß, Doch ist es freilich nicht ausgeschlossen, daß die boulangisttsche Bewegung trotzdem wieder von Steuern aufflammt, sobald nur erst die Kammerwahlen vor der Thür stehen. Nicht f

J° 6ünsttg sind die Generalrathswahlen für die Republikaner in Bezug auf deren Berhaltntß zu den Monarchisten verlaufen. Von den vorzunehmenden 1429 Wahlen waren bis Dienstag früh 1421 bekannt, es fehlten demnach nur noch 8 Wahlen; gewählt srnv 751 Republikaner und 497 Conservative, Boulanger ist in 12 Cantonen gewählt 97a$cn sich 161 Stichwahlen erforderlich. Bis jetzt haben die Republikaner ^itze in den Generalräthen verloren und jedenfalls wird sich diese Zahl durch den Ausgang der Stichwahlen noch erhöhen, so daß die Monarchisten die allein Gewin­nenden bet den Generalrathswahlen fein werden. Auf alle Fälle fällt indessen dieser Erfolg der monarchistischen Sache nicht allzusehr ins Gewicht und sind dte General- rathswahlen unter ^t>en zur Zeit in Frankreich obwaltenden Verhältnissen für die Repu- blrkaner noch verhältnißmäßig günstig ausgefallen. Jedenfalls werden erst die nächsten allgemeinen Wahlen dte Entscheidung über das Schicksal der französischen Republik

Jenseits des Canals beherrscht der unmittelbar bevorstehende Besuch des deutschen «aiserS am englischen Hofe erklärlicher Weise fast das gesammte Tagestnteresse. Großartig verspricht das Flottenschausptel bei Sptthead am Sonnabend zu werden, nt?* ""Niger als 74 englische Kriegsschiffe, unter ihnen die stärksten und statt- ttchsten der ganzen englischen Marine, werden am genannten Tage vor Kaiser Wilhelm und dem Prinzen von Wales, als dem Vertreter der Königin Victoria, paradiren; außerdem werden noch 25 bis 30 Torpedoboote dieser grandiosen Flotte betgegeben sein. Der Prinz von Wales wird sich mit dem Kaiser Wilhelm, dem Prinzen Heinrich von Preußen und den übrigen Mitgliedern der englischen Königsfamilte während der Parade an Bord der königlichen flachtVictoria und Albert" befinden, an deren Bord sich | auch dte Lords der englischen Admiralität begeben werde... Das Londoner diplomatische '

Corps wird dcr Revue von Sptthead an Bord desTamar" beiwohnen, indeß sich dte Mitglieder des Oberhauses auf demEuphrates", diejenigen des Unterhauses auf dem Serapis" befinden werden.

Zur bulgarischen Frage sind im Oberhause seitens des Premiers Salisbury eine Anzahl Erklärungen abgegeben,«die indessen nichts besonders Neues enthalten und sich höchstens durch die ungewöhnlich entgegenkommende Sprache auszeichnen, welche der leitende Staatsmann Englands gegenüber Rußland führt. Im Unterhause erklärte Unterftaatssecretär Fergusfon, die Einwohner Kretas hätten keineswegs den Wunsch ausgesprochen, sich unter englischen Schutz stellen zu dürfen.

. Die Entscheidung auf dem oberegyptischen Kriegsschauplätze steht unmittetbar bevor Wad-el-Njurni, der Oberbefehlshaber der Derwische, brach sein Lager bet Abu Simbäl ab und rückte weiter nach Norden vor, während ihm.Oberst Greensell mit einer englischen Brigade und zwei egypttschen Brigaden von Assuan aus entgegenge­zogen ist. Wad-el-Njumi soll in den letzten Tagen noch bedeutende Verstärkungen empfangen haben.

Telegraphische Depeschen.

Wolffs telegr. Korrespondenz-Bureau.

Wilhelmshaven, 30. Juli. Das für gestern beabsichtigte Schwimmfest sand heute Nachmittag um 3 Uhr statt und verlief trotz der kurzen Vorbereitungen in gl^nzmder Weise. Das Katserpaar wohnte dem Fest an Bord des Arttllerteschulschtffes

Breslau, 30. Juli. Dr. Julius Stein, der frühere Chesredacteur der Breslauer Zeitung", ehemals Mitglied der preußischen Nationalversammlung, ist Nachts gestorben.

. da*iS, 30. Juli. Von den am Sonntag stattgefundenen 1429 Wahlen sind bis letzt 1421 Ergebnisse bekannt. Es sind gewählt worden: 751 Republikaner und 497 Conservative. Boulanger ist in 12 Wahlbezirken gewählt worden, tn 161 Wahl­bezirken haben Stichwahlen ftattzufinden. Dte Republikaner haben 66 Sitze gewonnen und 93 Sitze verloren.

Paris, 30. Juli. Der Schah von Persien ist in Cherbourg angekommen.

nr x London, 30. Juli. Das Unterhaus verwarf nach achtstündiger Debatte den Antrag Morley's zur Apanagenvorlage mit 355 gegen 134 Stimmen und nahm den Regterungsantrag an.

Nach einer Meldung desReuter'fchen Bureaus" aus Yokohama hat in Kumamoto auf der Insel Ktnsin in der Nähe von Nagasaki ein Erdbeben stattgefunden, wodurch großer Schaden angerichtet worden ist und viele Menschenleben oerloren gegangen sind.

Petersburg, 30. Juli. Der Zustand des Großfürsten Constantin ist wieder bester. Die Vermählung des Großfürsten Peter ist auf den 7. August festgesetzt.

Athen, 30. Juli. Der Gouverneur von Kreta ist nach Konstantinopel berufen worden. Eure aus 4 Christen und 2 Muselmännern bestehende krelensifche Delegation geht nach Konstantinopel, um wegen Concefsionen zu verhandeln.

VII. Deutsches Turnfest

München, 29. Juli.

. ~ An dem heutigen Festzuge, dessen Spitze um 11 Uhr 52 Minuten am Portale bes Festplatzes anlangte, wahrend die letze Abtheilung um 3'/. Uhr eintraf, nahmen 867 Fahnen ^heil. 914 Tafeln mit der Bezeichnung der Vereine wurden denselben vorangetragen. Die Zahl der Theilnehmer betrug über 11800 Mann. Der stärkste Verein war der Männerturnverein Leipzig, der zweitstärkste der Turnverein Berlin. Die Zahl der den Turnern zum Willkomm zugeworfenen Sträußchen und Kränzchen war enorm. Eine Blumenhandlung hatte gestern allein 3000 solcher Turnersträußchen anzufertigen. Die Hypotheken- und Wechselbank hatte ungefähr 250 Eichenkränze den Turnern gespendet. Mehrere der Sträußchen enthielten sinnige Dichterfpenden von schöner Sc «.3 ^nem solchen Bouquet stand auf einem Zettel:Frisch, fret, fromm, fröhlich. Heber Turner, ich bin noch ledig". N. N. Leider erhielt das Sträußchen ein schon bejahrter verheirateter Turner. An verschiedenen Orten wurden den Turnern Er­frischungen gereicht. In liebenswürdiger Weise hat besonders das Corps Vttrurta"

Theatinerstraße die Bewirthung unserer Gäste übernommen. Unter allgemeiner Heiterkeit wurden in mehreren Straßen Weinflaschen rc. an langen Schnüren herab- gelasfen und unten von den Turnern stürmisch empfangen. In der Kausingerftraße regnete es außer Blumensträußchen auch in Papier eingewickelt: Gansachteln und sonstiges Geflügel; von den GasthäusernSpaten" undPschorr" wurden Würste, ^Mrren rc., joroie von den FirmenPichler sel. Erben" und WeinhandlungKurtz" reichlich Getränke verabreicht, was bei vielen Privaten in den übrigen Straßen Nach­ahmung fand.