Ausgabe 
4.1.1888
 
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Parthien des PhllokteLes, die von Hrn. Dr. Bender zu Darmstadt und Hrn. Gymn.- Lrhrer Dr. Keller zu Karlsruhe componirt war, zu übersenden. Da aber diese Com- Positionen eine freie deutsche Uebersetzung zur Unterlage hatten, so componirte Herr Dr. Bender für die in Athen beabsichtigte Aufführung zu den Rhythmen de« altgriechischen Textes des Philoktetes eine neue Musik, über deren Schönheit die athenischen Zeitungen gelegentlich der jungst staltaehabten zwei Aufführungen enthusiastische Berichte brachten. Die dortigen Aufführungen des Philoktetes fanden jedesmal vor überfülltem Hause statt und erzielten eine mächtige. tief­gehende Wirkung wovon namentlich der Jubel Zeugntß ablegte, welcher sich der Zuhörer bei einzelnen vatriotischen Stellen des Stückes bemächtigte. Wie wir hören, möchten die Athener gerne in Stand gesetzt sein, auch noch andere Tra­gödien des Sophokles in ähnlicher Weife, wie den Philoktetes, auf ihrer Bühne darzustellen, und soll Herr Dr. Bender nicht abgeneigt sein, ihrem Wunsche ent­gegen zu kommen.

Darmstadt, 2. Januar. Wegen des Ablebens Ihrer Hoheit der Her­zogin Marie von Sachsen-Meininqen, geb. Vrknressin von Hoffen, ist aus Allerhöchsten Befehl eine Hoftrauer bis zum 9. l. Mts. einschließlich ange­ordnet morden.

Berlin, 1. Januar. Se. Maj. der Kaiser und Ihre Maj. die Kaiserin wohnten heute Vormittag dem Gottesdienste in der Kapelle de» Palais mit kleinem Gefolge bei. Um 11 Vr Uhr empfingen die Majestäten die Gratulationen der Mitglieder dcs königlichen Hause» und sodann kiej-niqen der Hoschargen. Um 12V4 Uhr nahm Se. Maj. der Kaiser die Glückwünsche der Generale und der Obersten der Leib-Regimenter, dann der Minister und endlich diejenigen der Botschafter entgegen. Um 5 Uhr fand Familiendinrr statt.

Berlin, 2. Januar. DieRordd. Allg. Ztg." saat in ihrer Zeitungü- Rundschau Folgendes:In der Veröffentlichung der g fälschten Aktenstücke documenttrt sich ohne Frage das bei Weitem bedeutsamste zeitgeschichtliche Er- eigniß. Damit wird für die loyalen Gesinnungen der Czaren ein beredter Beweis geliefert und einer zuversichtlicheren Auffassung der Gesammt-aze die Bahn geebnet."

DerRat.-Ztg." zufolge sagte der Kaiser beim gestrigen Empfang der Generalität:Ich bemerke Ihnen, meine Herren, daß Ihre Aufmerksamkeit in diesem Jahre die Kaisermanöver, welche die Garde und das dritte Corps ab­halten, in Anspruch nehmen werden."

Der Oberstkämmerer Gras Otto Stolberg-Wernigerode erhielt gestern den Schwarzen Adlerorden.

Zur Aufmunterung beim Erlernen d-r deutschen Sprache werden durch kriegemivisteriellen Erlaß vom 24. December v. Js. denjenigen Comvagnien, Schwadron n und Batterien, unter deren Ersatzmannschaften sich mindestens 10 Procent nicht deutsch sprechende Elsaß-Lothringer befinden, 15 JL jährlick ausgesetzt. Der Betrag kann zur Zahlung von zwei Prämien eine zu 9 und eine zu 6 für solche Leute verwendet werden, die sich durch Fleiß

in Erlernung der deutschen Sprache und durch Fortschritte in derselben der An­erkennung würdig gemacht haben.

Hestcrreich.

Wien, 1. Januar. Die imDeutschen Reichsanzeiger" veröffentlichten gefälschten Aktenstücke haben hier eine beispiellose Verblüffung hervorgerufen. DieNeue Freie Presse" besorgt, daß die Publikation in Petersburg einen sehr üblen Eindruck machen werde: dieselbe sei geeignet, die Lage zu verschärfen. Dasselbe Blatt läßt sich aus Berlin berichten, daß in dortigen unterrichteten Kreisen die Friedenschancen über­wiegend angesehen würden. Graf Peter Schuwaloff nehme entschieden friedliche Ver­sicherungen nach Petersburg mit. (F. I.)

Pesth, 1. Januar. Die liberale Partei des Parlaments brachte heute in corpore dem Ministerpräsidenten Tisza ihre Glückwünsche zum neuen Jahre dar. Graf Bela Banffy gab den Gefühlen der Partei Ausdruck und versicherte den Ministerpräsidenten als ihren Parteiführer ihrer unbedingten Anhänglichkeit. Tisza hob in seiner Er­widerung die Erfolge der Regierung hervor und betonte, der ungarische Staat wolle den Frieden. In dem Falle aber, daß seine Existenz und seine Ehre bedroht wären, schrecke die ganze Nation vor keinerlei Opfer zurück. Falls die allgemeine Weltlage nicht störend einwirke, werde die Regelung der ungarischen Finanzen gelingen. Er schließe sich nicht Jenen an, welche eine Kriegsgefahr als unmittelbar bevorstehend erblickten; auch heute noch hoffe er, daß Oesterreich-Ungarn diese Gefahr vermeiden werde; andererseits sei er aber auch überzeugt, daß Ungarn und die öffentliche Meinung Ungarns nie einen Krieg proooctren werden. Würde ein solcher ihm aber aufgedrungen, so werde Ungarn seinen Platz aussüllen. Mehr wolle und könne er nicht sagen, weil er eine pessimistische Ansicht nicht gerechtfertigt finde und die Verbreitung einer opti­mistischen Auffassung ein Fehler wäre, da dies oft die Widerstandskraft lähme, deren das Land, wie er nicht hoffe, möglicherweise dennoch bedürfen könne. Der Präsident dcs Abgeordnetenhauses, Pechy, erwiderte, die ungarische Nation habe in schweren Zetten immer bewiesen, daß sie kein Opfer scheue, um Vaterland und Thron zu vertheidigen; er hoffe, jeder Ungar werde auch jetzt seine Pflicht thun.

Arankreich.

Paris, 1. Januar. Präsident Carnot empfing heute das diplomatische Corps und erwiderte auf die Namens desselben von dem päpstlichen Nuntius ausgesprochenen Wünsche: Er schätze sich glücklich, auf die Mitwirkung des diplomatischen Corps rechnen zu können, nicht blos um die Bande der Freundschaft zwischen Frankreich und den auswärtigen Regierungen aufrecht zu erhalten, sondern um dieselben noch fester zu knüpfen. Er vereinige seine Wünsche mit denjenigen der Vertreter der fremden Mächte, daß jede Besorgniß schwinden möge und die Völker in voller Sicherheit sich der Entwickelung ihrer moralischen und materiellen Wohlfahrt widmen können.

Paris, 1. Jrnuar. Bei dem heutigen Empfange des diplomatischen Corps beantwortete Präsident Carnot die Glückwunsch-Ansprache dcs Nuntius mit einer Aus­lassung, worin er sagte: Er wünsche sehnltchst, daß dieses Jahr alle Befürchtungen (apprehensions) beseitigen möge und daß es uns gelingen möge, die Völker zu beruhigen. Carnot war von sämmtlichen Ministern und seinem gesammten Militärftabe umgeben. Der Empfang war wesentlich feierlicher als zu Zeiten Grevy's. Die friedlichen Worte Earnot's machten den günstigsten Eindruck. (F. I.)

Italien.

Rom, 1. Januar. (Verspätet eingetroffen.j Das Wetter am heutigen Jubiläums­tage des Papstes ist kalt, aber schön. Bereits zu früher Stunde waren die Zugänge zum Petersplatze von einer überaus zahlreichen Volksmenge umlagert. Ein Militär- Eordon verhinderte das Betreten des Platzes durch andere als mit Karten versehene Personen. Im Innern wie außerhalb der Basilika herrschte vollkommene Ordnung. Während der Jubelmcsse des Papstes wurden sämmtliche Glocken Roms geläutet. Um 9>/r Uhr Vormittags begab sich der Papst, welcher auf der Sedia gestatoria getragen wurde, über die reserotrte Treppe aus dem Vatikan in die Kirche und durchkreuzte dieselbe, indem er unter lebhaften Zurufen der Versammelten nach rechts und links den Segen spendete. Der päpstliche Hofstaat folgte dem Tragsessel und gab demselben auch zur Seite das Geleite. Die Schloßgarde und die päpstlichen Gensdarmen leisteten im Dome Ehrendienste. Nach der stillen Messe intonirte der Papst das Tedeum. Darauf setzte sich der Zug in Bewegung. Als derselbe die Mitte des großen Kirchen- 1

schiffes erreicht hatte, ertheilte der Papst von der Höhe des Thronsessels mit ver­nehmlicher Stimme die feierliche Bcnedtction. Alsdann kehrte der Papst in den ; Vatikan zurück.

Telegraphische Depesche».

Wolff'S telegr. @

Berlin, 2. Januar. Bet den gestrigen Empfängen des Kaisers unterblieb jedes politische Wort. Der Kaiser, welcher sich sehr wohl befand, verkehrte mit jedem Einzelnen, huldvolle Worte an denselben richtend.

Das Kaiserpaar empfing Vormittags die aus Halle eingetroffene Deputation der Salzwirkerbrüderschaft, welche Neujahrsglückwünsche und Geschenke darbrachte. Der Kaiser arbeitete darauf mit Wilmowski, machte Nachmittags eine Spazierfahrt und empfing nach der Rückkehr den commandirenden General Heuduck. Sodann hörte er den Vortrag des Staatssecretärs Bismarck.

Berlin, 2. Januar. DieNordd. Allg. Ztg." bemerkt bezüglich der Blätter­meldung, der Botschafter von Schweinitz sei als Ueberbringer eines allerhöchsten Hand- u -rCt it f11 .j '11 ruf[i^cn Kaiser in besonderer Mission nach Petersburg gegangen: Besser ^Unterrichtete hatten auf die irrthümliche Mittheilung hingcwiesen. Ebenso unbegründet wie die falsche Nachricht von der besonderen Mission des Generals von Schweinitz seien verschiedene damit in Verbindung gebrachte Betrachtungen, daß der Botschafter seit 1 einer Rückkehr noch nicht in Gatschina gewesen sei. Es verrathe Unkenntnlß diplomatischer Gepflogenheit, anzunehmen, daß ein Botschafter unmittelbar nach der Rückkehr vom Urlaub um Audienz nachzusuchen habe. Derselbe werde im Gegen- Iherl, wenn ihn nrcht außergewöhnliche Umstände nötigen, sich dem Throne sofort zu nähern, ruhig abwarten, daß sich ihm Gelegenheit darbiete, mit dem Souverän, ohne demselben zur Last zu fallen, zusammenzutreffen. Autographe Briefe von Souverän zu Souverän wenn dieselben in Famtlienbeztehungen stehen, wie dies zwischen dem deutschen Kaiser und dem russischen Kaiser zutreffe, seien etwas ganz Gewöhnliches. Es wäre also nicht auffallend gewesen, wenn Den Schweinitz ein allerhöchstes Hand­schreiben an den russischen Kaiser anvertraut worden wäre. Im vorliegenden Falle and aber kein solcher Schriftwechsel statt, es lag deshalb kein Grund vor zu einer schleunigen Reise des deutschen Botschafters nach Gatschina.

Hirschberg i. Schl., 2. Januar. Zwischen Merzdorf und Rubbank ist gestern Abend ein von Dittersbach, kommender Güterzug entgleist; die gedachte Strecke ist in Folge deffen tur den Personenverkehr gesperrt.

Posen, 2. Januar. Heu'e begann vor der zweiten Strafkammer des Land­gerichts die Verhandlung wider den Studenten Bronislaw Slowinski und Genossen wegen Tberlnahme an gebeimen Verbindungen und Anreizung verschiedener Klassen der Bevölkerung zu Gewalttbätigketten gegen einander (§$ 128, 129 und 130 des Strafgesetzbuchs). Die Angeklagten sind meist Handwerker polnischer Nationalität. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurde die Oeffentlichkeit^ausgeschlossen. Für die Verhandlung find zwei Wochen in Aussicht genommen.

Wien, 2. Januar. DasFremdenblatt" schreibt:Mit Rücksicht auf Artikel von Petter Blättern, wonach verbürgte Berichte in Ästen eingelangt, wären, daß Ver- schlebungen russischer Truppenmassen und Kriegsgüter aus dem Innern des Reiches nach Westen ungestört fortdauern, sind wir auf Grund beglaubigter Informationen in )en? Meldung dahin zu rektifiziren, daß in letzter Zeit keine weiteren autben- Ufchen Nachrichten über neue Dislokationen russischer Truppenmassen aus dem Inneren des Reichs nach den Westgrenzen angelangt sind, vielmehr aus den letzten Berichien hervorgeht, daß es sich bei den in jüngster Zeit gemeldeten Nachrichten hauptsächlich um Verschiebungen innerhalb der Grenzprovinzen zu handeln scheint.

Antwerpen, 2. Januar. Das hiesige Alhambratheater wurde gestern Abcr.d durch eine heftige Feu-rsbrunst zerstört. Der Kastellan und seine Kinder, welche, da keine Vorstellung stattfand, allein im Hause sich befanden, wurden gerettet.

Belgrad, 2. Januar. Die Skupschtina genehmigte mit 120 gegen 63 Stimmen die Zwanzigmilltonen-Anleihe, worauf sie durch königlichen Ukas bis zum 29. Januar vertagt wurde.

Lokaler.

Gießen, 3. Jrnuar. Tagesordnung für die Stadtverordneten-Sitzung am Donnerstag den 5. Januar 1888, Nachmittags 4 Uhr.

1. Prüfung der Rechnung vom Jahre 1886/87.

2. Umbau des Bahnhofs Gießen.

3. Kostendecreturen.

4- Gesuch des Bezirksbauaufsehers Senßselber um käufliche Ueberlassung städtischen Geländes.

5- Gesuch des Commerzienraths Adolf Noll um pachtweise Ueberlassung städtischen Geländes.

6. Herstellungen im Haftlokal.

7. Gesuch um Verbreiterung der kleinen Sandgasse.

8. Versteigerung von Bauplätzen neben der Freimaurerloge.

9. Den Brunnen auf dem Seltersberg betr.

10. Die Verschlämmung des Fluthgrabens an den Hardthösen.

11. Das Straßenpflaster und den Canal in der Lindengasse.

12. Die Unterhaltung von Gräbern auf Kosten der Stadt.

Gießen, 3. Januar. Innerhalb weniger Tage ertönten gestern Abend */49 U^r jum zweiten Male die Sturmglocken. In dem Dachgeschoß der Kleinkinder- Bewahranstalt war Feuer ausgebrochen, welches sich schnell fast über das ganze Dach verbreitete und hell emporflammte. Bei dem Umstande, daß der Schoorgraben fest zugefroren und auch fönst Wasser nicht schnell zur Hand gewesen, war es nicht möglich, das Feuer im Entstehen zu dämpfen; dasselbe konnte erst nach Eintreffen der Feuerwehr und Zuleitung von Wasser aus den städtischen Hydranten gelöscht werden. Nach ^stündiger Arbeit durfte die Feuerwehr wieder abrücken. Der angerichtete Schaden ist ziemlich bedeutend der Dachstuhl ist fast ganz zerstört, während das in den unteren Theil de? Gebäudes dringende Master Decken, Wände und das in den verschiedenen Räumen befindliche Mobiliar beschädigte.

Gießen, 3. Januar. (Theater.) Mit den beiden Neujahrs-Novitäten hat untere Theaterdirection einen entschieden glücklichen Griff gethan, denn auch die gestrige VorstellungGoldslsche erzielten vor vollständig besetztem Hause einen durch­schlagenden Erfolg. Das Ensemble war wiederum ganz exquisit und brachte uns das geiftoolle Lustspiel des genialen Schönthan in feinster Detailmalerei vor Augen. Der Dichter hat den Boden der etwas derberen Schwänke, wie z. B.Raub der Sabinerinnen verkästen und bringt uns dieses Mal ein Salonlustspiel, wie man es sich formgewandter kaum denken kann. Die ganz exquisite Darstellung trug noch wesentlich zum Gelingen des Ganzen bei und nennen wir mit Auszeichnung die Damen Bauer, Rottmeyer und Butsson, sowie die Herren Heinrich, Hoofacker und Kreisel, denen sich die Vertreter der kleineren Rollen geschickt anschlossen. Auch der eleganten Garderobe sämmtlicher Darsteller sei an dieser Stelle lobend Erwähnung gethan. Nach unserem Dafürhalten kann die Theaterdirection unserem gebildeten ^heaterpublikum gewiß eine große Freude damit bereiten, wenn sieGaldfische" noch­mals zur Aufführung bringt, denn solch ein vornehmes Lustspiel sollte jeder Kunst­freund gesehen haben. Der Feuerlärm von gestern Abend verursachte im zweiten Akt estre kleine Stockung, wurde aber von der Bühne herab dem Publikum in geschicktester Weise unterbietet, fo daß nach einer kleinen Pause ruhig weitergespielt werden konnte. Unser beliebter Komiker, Herr Woisch, hat am Donnerstag zu seinem Benefiz die beliebte GesongsposseLumpaci Vagabundus oder Das liederliche Klee­blatt" gewählt. g

Vermischtes.

Mainz, 2. Januar. Gestern Abend geriethen in Folge des stark zunehmenden Treibeises mehrere ^chiffe, die sich noch auf dem freien Rhein befanden, in große Noth. Es mürben eiligst Signale gegeben und eilten schwere Dampfer herbei, um die bedrängten Schiffe aus der gefährlichen Lage zu holen. M

M a tn z, 2 Januar Bei der hiesigen Staatsanwaltschaft ist Anzeige erhoben worden von beträchtlichen Wilddiebereien, die auf dem Friedhöfe in Kastel von dem