Ausgabe 
4.1.1888
 
Einzelbild herunterladen

Nr. S Mittwoch den 4. Januar 1888.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

I PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mtt Bringerloh«. tenttttu bchnlstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf,

Amtlicher HHeit.

Betreffend: Die Prüfung der Bewerber um die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst im Frühjahr 1888.

Bekanntmachung.

Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der im Frühjahr 1888 stattfirrdenden rubr. Prüfung zu unterziehen, werden hierdurch ausgefordert, ihre desfalsigen Gesuche um Zulassung bei Meldung des Ausschlusses von dieser Prüfung

spätestens bis zum ! Februar 1888

bei der unterzeichneten Commission einzureichen _ r

Hinsichtlich der Anbringung der Gesuche roirb im Speciellen das folgende

1) Das Gesuch ist bei der unterzeichneten PrüsungS - Commission nur dann anzubringen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum Hessen seinen boueniben Aufenthaltsort hat.

2) Die Zulassung zur Prüfung kann nicht vor vollendetem 17. Lebens­jahr erfolgen. ,

3) Das Gesuch muß von dem Betreffenden s'lbst geschrieben lein. Auch erscheint eS zweckdienlich, wenn stets die nähere Adresse an­

bemerkt :

In diesem Attest darf die Erklärung des Vaters oder Vor­mundes, dass er in der Lage sei, den Freiwilligen während des einjährigen Dienstes unterhalten zu können, nicht fehlen, auch muß die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein; z c. ein Unbescholtenheitszeugnih, welches von der Polizei-Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde auszustellen ist;

d. ein selbstgeschriebener Lebrnslaus.

gegeben wird.

4) Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:

a. Geburtszerrgniß;

b. Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes, mit der Erklärung über dessen Bereitwilligkeit und Fähigkeit den Frei- willigen während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten und zu verpflegen;

lieber die Anforderungen, welche an die zu Prüfenden gestellt werden, Ordn, vom 28. Septbr. 1875 Reg.-Bl. Nr. 55 von 1875) Ausschluß.

Bezüglich des Prüfungs-Termins, sowie des Local», in welchem Ladung kann nicht gerechnet werden.

Darmstadt, den 29. December 1887.

5) In dem Gesuche ist außerdem anzugeben, in welchen zwei fremden Sprachen (Französisch, Englisch, Lateinisch oder Griechisch) der sich Meldende geprüft sein will.

6) Ist bereits srüher ein Gesuch um Zulassung zur Prüfung eingereicht worden, so bleibt dem erneuten Gesuche nur ein UnbescholteuheitS- zeugniß beiznlegen.

gibt die Prüfungs-Ordnung (Anl. 2 zur Ers.-Ordn. I. Theil der Wehr- die Prüfung stattfindet, erfolgt ev. weitere Bekanntmachung; auf specieüe 'Großherzogliche P'cüfungs-Commission für einjährig FreiwMge.

Der Vorsitzende: Dr. Zeller.

Politische Uebersicht

Gießen, 3. Januar.

Die Ansprachen, welche bei den diesmaligen diplomatischen Neujahrsempfängen gehalten worden sind, tragen im Allgemeinen eine zuversichtliche Haltung zur Schau und geben der Hoffnung Raum, daß es trotz der umdüsterten Weltlage gelingen werde, den Frieden zu erhalten. Be­sonders bemerkenswerth ist die Kundgebung des ungarischen Ministerpräsidenten, des Herrn Tisza, die er beim Empfange der ihn zum Jahreswechsel in corpore beglückwünschenden liberalen Partei des Abgeordnetenhauses in seiner Erwide­rung auf die Ansprache des Grasen Banffi) niederlegte. In allerdings reser- virter Form wies Herr Tisza die Anschauung, als ob eine unmittelbare Kriegsgefahr bestünde, zurück und betonte er, daß seitens Oesterreich-Ungarns nichts geschehen werde, das einen Krieg provociren könnte. Anderseits ließ er aber auch durchblicken, daß Oesterreich - Ungarn im Nothfalle entschlossen sei, seine Würde und Ehre zu wahren und warnte er zugleich davor, sich nun einem durchaus nicht berechtigten Optimismus hinzugeben (siehe unter Pesth).

Ein ferneres bedeutsames Anzeichen, daß die herrschende Spannung sich zu lösen beginnt, dars in der endlichen Veröffentlichung der gefälschten Aktenstücke zur bulgarischen Frage erblickt werden. Dieselben sind auf Veranlassung des Czaren dem Fürsten Bismarck überwiesen und gerade zum Jahreswechsel im amtlichenReichsanzeiger" vollinhaltlich abgedruckt worden. Diese fingirlen Dokumente bekunden, durch welch ungeheuerliche Ruchlosigkeit der Czar dahin gebracht wurde, Zweifel in die Aufrichtigkeit der deutschen Politik zu setzen und ohnstreitig handelt es sich um eine sehr geschickte Fälschung, deren Opfer der russische Herrscher in nur zu erklärlicher Weise werden sollte. Wenn die Namen Derer, durch welche die gefälschten Aktenstücke dem Czaren in die Hände gespielt wurden, nicht zugleich mit veröffentlicht worden sind, so ist dies eben ein deutlicher Beweis, daß es sich hierbei um sehr hochgestellte Persön­lichkeiten handelt; was die Frage nach dem eigentlichen Urheber der gefälschten Dokumente anbelangt, so kann man hierbei angesichts der nun auch vom Czaren anerkannten Thatsache der Fälschung wohl zur Tagesordnung übergehen.

Inden Kirchen des Bisthums Metz ist am Neujahrstage ein bischöfliches Rundschreiben an den Clerus verlesen worden, in welchem die Gläubigen ausgefordert werden, für die Wiederherstellung des deutschen Kron­prinzen zu beten.

Die Reservisten derjenigen österreichischen Truppen- theile, die bereits mit Repetirgewehren ausgerüstet sind, haben Ordre erhalten, sich behuss einer siebentägigen Hebung im Gebrauche des neuen Gewehres bei ihren Truppenkörpern zu stellen- Die Hebung wird am 22. ds. Mts. beginnen.

Die Sammlungen der Katholiken der ganzen Welt zur Opfer- gäbe, welche dem Papste anläßlich seines Priesterjubiläums überreicht worden ist, haben die Gesammthöhe von 2 Millionen Francs erreicht. Außerdem sind

aber dem Papste noch sonstige zahlreiche Geldgeschenke zugegangen, die sich noch gar nicht summiren lassen und was den Werth der ihm dargebrachten Jubel­geschenke anbelangt, so wird derselbe auf mindestens 35 Millionen Francs geschätzt. Von den ihm zugeflossenen Geldsummen hat der erhabene Jubilar einen edlen Gebrauch gemacht. Alle ehemaligen päpstlichen Beamten und Soldaten erhalten für den Januar ein doppeltes Monatsgehalt; für die Armen der Stadt Rom spendete der Papst 100,000 Frcs., dem Blindenhospital in San Abessio überwies er 10,000 Frcs. und so wären noch viele andere wohl- thätige Handlungen Leo's XIII. anzusühren, zu denen die Jublläumsseier Anlaß gegeben hat.

Die serbische Ministerkrisis ist rascher, als man nach Lage der Dinge erwarten konnte, zum Austrag gelangt.

Der neue Sabiners-Ches Gruic ist der bisherige Kriegsminister, welcher neben dem Vorsitz fein bisheriges Portefeuille beibebalten hat und da Gruic als Anhänger der radikalen Partei gilt, so kann man sein Cadinet im Allge­meinen als radikal gefärbt betrachten.

In Rumänien hat da« neue Jahr eine Heberraschung gebracht: Durch königliche» Decret ist die Deputirtenkammer aufgelöst und der Schluß der par­lamentarischen Session ausgesprochen worden. Die Neuwahlen find aus den 4. Februar er. anberaumt worden und sollen die neuen Kammern bereit» am 19. Februar zusammentreten. Man hat cs hierbei offenbar mit einem Schlage gegen dis radikale Opposition seitens des Ministerpräsidenten Bratianu zu thun; die gehässigen Angriffe, welche die Radikalen fortgesetzt gegen den Minister­präsidenten und dessen Politik, namentlich wa» die Behandlung der auswärtigen Angelegenheiten anbelangt, richten und wobei es die Radikalen nicht verschmähen, sogar die Person de» Monarchen selbst in den Bereich dieser Angriffe zu ziehen, hat in ganz Rumänien lebhafte Entrüstung hervorgerusen und unter deren Ein­druck werden sich die Neuwahlen vollziehen.

Deutschland.

][ Darmstadt, 2. Januar. Die Neujahrs-Galatasel, welche herkömmlicher Weise alljährlich im Kaisersaale de» Großh. Schlosse» stattfindet, ist, wie wir hören, auf den 7. Januar anberaumt. Einladungen dazu ergehen an die Mitglieder de» diplomatischen Corp», an die Spitzen der Cioil- und Militärbehörden und an die Großh. Hofstaaten.

Wir berichteten s. Z. über eine Aufführung de» Sophokleischen Philok- tete», welche im Januar v. I». durch Primaner de» hiesigen Gymnasiums im Großh. Hosiheater stattfand. Diese Aufführung war auch in athenischen Zei­tungen besprochen worden und erregte in Athen den Wunsch, die Darmstädter Aufführung mit ihrer musikalischen Begleitung und ihrer antiken Bühneneinrich­tung in Athen zu wiederholen. Professor Galani au« Athen wandte sich des­halb an Herrn Gymnasiallehrer Dr. Bender zu Darmstadt mit der Bitte, ihm für die oom Lehrerverein zu Athen im dortigen Königl. Theater geplante Dar­stellung die mufikalische Begleitung der Chorlieder und der melodramatischen