Ausgabe 
31.12.1887
 
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Allianz und die energische Foctsetzut'g seiner Colonialpolit'ck durch die neue Afrika«Expedition hervorzuheben.

Im Vatikan vollzieht sich zum diesmaligen Jahreswechsel die Feier des sünfzigjähi igen Priester-Jublläums Papst Leo XIII, unter der lebhaften Thesi- nähme der gesammten katholischen Christenheit,

Die auswärtige Politik des EzarenreicheS ward auch in dem ablau­fenden Jahre hauptsächlich durch die bulgarische Frage beeinflußt, ohne daß es den russischen Staatsmännern gelungen wäre, dieselbe für die LnfchautMgen Rußlands wesentlich günstiger zu gestalten. Die inneren Angelegenheiten Ruß- landS wurden zumeist durch den Machtstreit zwischen GierS und dem Panslavisten- Führer Katkow beherrscht, der eigentlich erst mit dem Tode Katkow « seine Erledigung gefunden hat. Viel Aufsehen erregte der noch nicht ganz aufgeklärte Attentats versuch gegen den Czaren im Parke von Grischina, während auch bei dem Aufenthalte Alexander HL im Lande der dänischen Kosaken ein Mordanfall gegen den Czaren geplant gewesen sein soll. Im Urbrigen waren NuMsten- processe, Studenten-Unruhen, Zollerhöhungen, DeutschenoerfolgiriWN in dm Ostsee-Provinzen und Ausweisungen ausländ.scher llnterthanen charakteristisch- Erscheinungen für die inneren Verhältnisse Rußlands.

Sehr eigenthümlich nahmen sich im Jahre 1887 auch die inneren Zustände Frankreichs aus. Die finanzielle Krists und dis ewigen Partei-Jntriguen führten zum Sturze des Ministeriums Goblet und ward letzteres durch das Ca- binet Rouvier ersetzt. Unerhörte Scandal-Affairen, die auf den Fäulnißproceß, an welchem die franzöfische Republik krankt, ein Helles L.cht warfen, führtenu« einer weit ernsteren Krisis, die schließlich nicht nur den Rücktritt des Ministe­riums Rouvier, sondern auch den des Präsidenten Grevy veranlaßte. Des Letz- teren Stelle nahm Sadi Carnot ein und nach längerem Bemühen gelang es demselben, ein neues Ministerium unter dem Vorfitze Tirard's zu bilden; ihre Lebensfähigkeit wird die neue Regierung indessen erst noch zu beweisen haben. Für die Fortdauer des Revanche-Gedankens jenseits der Vogesen zeugten die Boulanger-Demonstrationen und die Probemobrlifirung eines Armee-Corps; doch muß aberkannt werden, daß Frankreich in den großen Fragen der europäischen Politik eine gewisse Reserve beobachtete.

Die letzte der Großmächte, England, nahm in den continentalen Fragen im Allgemeinen ebenfalls eine reservirte Stellung ein, doch lehnte sich in der bulgarischen Affaire England offenbar an den Dreibund an. Mit Rußland ver- einbarte England einen Ausgleich in den centralastatischen Händeln, wahrend er zügle!ch Conventionen mit der Pforte wegen Egyptens und mit Frankreich wegen der Neuen Hebriden und der Neutralisation des Suez-Kanals obfchloß. Im Innern trat im Cabinet Salisbury durch die Ersetzung Churchill'« durch den Unionisten Goschen eine bemerkenswerthe Veränderung ein. In Irland blieb fich die Lage ungeachtet des schärferen Vorgehens der Regierung gegen die An­hänger Parncll's gleich und will eine Besserung der dortigen Verhältnisse noch immer nicht eintreten. In der Hauptstadt London fanden bedenkliche socianstifche Unruhen und Kundgebungen der Arbeitslosen statt. Das 50jährige Regierung«- Jub läum der Königin Victoria ward im ganzen britischen Weltreiche festlich begangen.

Wir kommen zum Schluß zu den europäischen Staaten zweiten und dritten Ranges. In Dänemark brachte das abgelaufene Jahr eine Wiederholung des alten Kampfes zwischen dem Ministerium Estrup und der radikalkn Parkei. In Schweden trat noch gegen Ende des Jahres eine noch ungelöste Ministerkrifis ein.; Belgien und die Schweiz beschäftigten fich vor- wiegend mit Rüstungsfragen; in Holland ward die Verfaffungs-Reoiston durchführt; in Spanien ward eine revolutionäre Bewegung entdeckt und niedergeschlagen; in Portugal fanden der Regierung günstige Neuwahlen zur Deputirtenkammer statt. Von der Balkan-Halbinsel find als die wichtig- strn Ereignisse die Wahl des Prinzen Ferdinand von Coburg zum Fürsten von Bulgarien und die hiermit zusammenhängende Bildung des Ministeriums Swmbuloff. sowie die Ersetzung des Ministeriums Garaschanin in Serbien durch da» Ministerium Ristics zu verzeichnen.

Deutschland.

Berlin, 28. December. DieMagd. Ztg." schreibt: Die Weihnacht«- berichte aus San Remo heben als das Erfreulichste an der Festfeier hervor, daß das Befinden de» Kronprinzen ein ganz vorzügliches war. Die von Deutsch­land und England eingegangenen Erweisungen zarter Aufmerksamkeit find kaum zu zählen; ihren Zweck haben fie erreicht, denn ste haben den hohen Patienten um der Gestnnung willen, die aus ihnen sprach, in die beste Stimmung versetzt. Angesicht» der übereinstimmenden Kundgebung innigster Verehrung und Liebe werden in San Remo gegentheilige Bestrebungen, fie mögen Formen irgend welcher Art annehmen, mit vornehmer Gelassenheit übersehen. Der Kronprinz und seine Gemahlin wissen nicht erst seit heute, wie fich ganz bestimmte Kreise und Personen zu ihnen stellen, und es wäre in der Villa Zirio als befremdlich empfunden worden, wenn gewisse Unterströmungen aufgehört hätten, fich bemerk­bar zu machen. Man ist an versteckte Befehdungen und doppelzüngige Nach­reden gewährt, und wie diese kleinlichen Dinge in früherer Zeit nie vermocht hatten, auch nur eine Meinungsäußerung zu veranlassen, so bleiben fie jetzt vollends außer Betracht. Als gewichtiges Material zur Beurtheilung von Men­schen und Verhältnissen behält das Vorgefallene feinen Werth, mag hinterher auck Jeder, der an den kleinlichen Hin- und Herzerrungen beiheiligt war, ver­sichern, er sei unbetheiligt gewesen oder gar, er wisse von nichts.

Nach den Andeutungen, die vom Staatsiecretär im Reichejustizamte, Dr. v. Schelling, bereits in der vorigen Session gemacht wurden und die auch in den Erläuterungen zum Etat der Reichsjustizverwaltung für das Jahr 1888 bi« 1889 eine Bestätigung fanden, wurde vielfach angenommen, daß der von der Commission zur Ausarbeitung eines bürgerlichen Gesetzbuches fertiggestellte Entwurf noch im Verlaufe dieses Jahres im Druck erscheinen würde. Diese Erwartung hat fich nicht erfüllt und wird in den wenigen Tagen, dis vom alten Jahre noch übrig sind, auch wohl schwerlich in Erfüllung gehen. Die generelle Revision, die nach den Erläuterungen des dem Reichstage jetzt vorliegenden Etat» noch übrig bleiben sollte, scheint danach langsamer von statten gegangen zu sein, als angenommen wird. Man wird indessen nach den Ferien, bei der zweiten Lesung iea Etats, Veranlassung nehmen, vom Herrn Staatssecretär v. Schelling genauere Angaben über den nunmehr in Aussicht genommenen Zeitpunkt für die Veröffentlichung des ersten Entwurfs zu erbitten.

Berlin, 29. December. In Betreff der Theilnahme des Prinzen Wilhelm an der Versammlung beim Grasen Waldersee Ichreibt diePoft":

Das, was in der Presse glaubhaft über die Auslassungen des Prinzen Wilhelm bezüglich der an seine Person sich anknüpfenden öffentlichen Diskussion verbreitet wird, bestätigt vollinhaltlich unsere Ausführungen vom 24. d. Mt». Nichts habe ihm so wird berichtet ferner gelegen als die Parteinahme für eine politische oder kirchliche Richtung. Er sei peinlich berührt davon, daß er in das Partetgetriede hineingezogen worden sei. Gerade Rücksichten der letztgedochtcn Art waren es, welche uns bewogen haben, so lange als möglich Zurückhaltung zu beobachten. Erst als aus zahlreichen Einzel- Wahrnehmungen unabweisbar der Schluß gezogen werden mußte, daß die klerikalckonser- vattve Partei, insbesondere die Richtung Stöcker, die Person des Prinzen Wilhelm genau in derselben Weise als Vorspann für ihre Partcizwecke mißbrauchen will, wie dieS seitens der deutschffreisinuigen Partei mit seinem erlauchten Vater geschieht, als selbst kaum mehr daran zu zweifeln war, daß, als man Prinz Wilhelm für die Stadtmission interessirte, in der Hauptsache der Zweck verfolgt wurde, für die Fruklificirung seines Namens in majorem gloriam jener Richtung dle Möglichkeit zu gewinnen, haben wir unsere Abneigung gegen eine Betheiligung an der öffentlichen Diskussion überwunden und alsdann uniere Meinung mit der gewohnten Deutlichkeit ausgesprochen. Denn es kann in einer Zeit voll äußerer und innerer Gefahren nichts im monarchischen In­teresse Bedenklicheres geben, als wenn das Königshaus in das politische Parleigetriebe hinetngezozen, als wenn man die künftigen Träger der Krone als Träger oder Schützer einer politischen oder kirchlichen Partei darstellen, ihre Namen und ihre Autorität |ür spectfische Parteiinteressen mißbrauchen will. Dank der königstreuen Gesinnung unseres Volkes ist es ohne Zweifel ein mächtiger Hebel für die Bestrebungen einer politischen Partei, wenn sie dieselben an den Namen eines Erben der Krone Preußens und des Reiches anknüpfen kann; diesem aber und dem Katserhause kann kein schlechterer Dienst erwiesen werden, als wenn man sie zu Schirmern einer einseitigen Partetpolitik und selbst einer solchen extremster Richtung in der öffentlichen Meinung zu stempeln sucht. Nicht nur schädlich, sondern geradezu verwerflich ist es, wenn dies, wie bezüglich des Kronprinzen und seines Sohnes, ohne thatsächliche Unterlage und selbst wahrheits- widrig geschieht. Am moralisch verwerflichsten aber ist ein solcher Mißbrauch von Seiten einer Richtung, welche die königstreue und monarchische Gesinnung vorzugs­weise im Munde führt und sich mit einem besonders hohen Maße derselben brüstet. Ein solches Gebahren geht noch weit über jenes Wort:Und der König absolut, wenn er unseren Willen thut" hinaus. Es ist ein Akt der schlimmsten Heuchelei, daß man die Nothwendigkeit mit Emphase betont, das Königthum gegen den Anarchismus zu vertheidigen und sich eine Art besonderen Vorkämpferthums in diesem Kampfe vin- dicirt, zugleich aber die Autorität und das Vertrauen thatsächlich erschüttert, indem man das Königshaus als Deckung für die eigenen Partei- und Herrschastsgelüste miß­braucht. Gegen einen derartigen Mißbrauch mit aller Entschiedenheit Front zu machen, ist die Pflicht jedes Mannes von aufrichtig ivyalistischer Gesinnung. Gerade die In­teressen der Monarchie und des Königshauses erheischen gebieterisch, daß demselben rechtzeitig uud wirksam gesteuert wird. So weit ersichtlich, dürfte diese Wirkung für jetzt nach allen Richtungen erreicht sein; es wird hoffentlich unnölhig sein, auf dle Sache zurückzukommen.

Karlsruhe, 29 December. In Folge des eingetretenen Eisganges wurden heute die Eiseubahn-Schlffbrücken bei Maxau und Speyer abgeführt. Ter Bahnverkehr nach der Pfalz wird über Germersheim vermittelt. (F. Z.)

i Kesterreich.

Budapest, 29. December. Auf den ungarischen Staatsbahnen ist in Folge der Schneefälle der gelammte Personenverkehr von hier aus eingestellt. (F. Z.)

Isrankreich.

Pari-, 29. December. In politischen Kreisen herrscht im Gegensatz zu den Börsenkreisen eine optimistische Stimmung über die politische Lage vor. Man glaubt an die Friedensliebe Rußlands. DieFrance" versichert aber, Frankreich werde Rußland nicht allein lassen, wenn es gezwungen sein würbe, mit Deutschland und Oesterreich gleichzeitig Krieg zu führen. (Fr. Ztg.)

Italien.

Rom, 27. December. Gestern Morgen überreichte der Herzog von Norfolk dem Papste die Geschenke der Königin Victoria: Einen großen Goldpokal mit Schale zum persönlichen Gebrauche des Papstes beim Lesen der Messe. Beide Objecte sind eine Copie des im Schlosse von Windsor befindlichen Pokals und Schale und sind in Hautrelief ausgeführt. Der König von Württemberg überschickte dem Papste ein in Gold und Silber nach dem persönlichen Entwürfe deS Königs ausgeführtes Kreuz; der Herzog von Cumberland überschickte einen kostbaren Reliquienbehälter; der Präsident der Vereinigten Staaten von Venezuela überschickte einen goldenen mit Edelsteinen ver­zierten Becher; der Präsident der Republik von Ecuador eine prunkvolle, mit Rubinen, Saphiren und Smaragden verzierte Urne aus Bergkrystall. Die vatikanische Palast­wache schenkte einen silbernen ciselirten Thron mit der Statue Leo'S XIII. darauf, der mit der Tiara und den Pontificalgewändern den Segen ertheilend dargestellt ist. Als Geschenkgeberin hat sich auch Die Mutter des Bulgarenfürsten, Prinzessin Clementine, eingefunden. sie spendete einen Keich mit der stolzen Widmung:Eine Tochter des heiligen Ludwig dem Nachfolger des heiligen Petrus".

Rom, 29. December. Die vatikanischen Blätter veröffentlichen eine Encyclica des Papstes an die bayerischen Bischöfe, ein langes Schriftstück, das mehr allgemein historisch-scholastisch als konkret gehalten ist. Ter Papst erwartet darin von der poli­tischen und religiösen Gesinnung des Prinzregenten, als des Erben der Herrschaft und der Gesinnungen Maximilian's I. und II, daß er die Kirche im Sinne jener beiden Herrscher fördern und die Schwierigkeiten htnwegräumen werde, auf die die Kirche that­sächlich gestoßen sei. Je mehr die Angelegenheiten der Kirche gefördert würden, desto patriotischer würden die Katholiken, die die Majorität der Bevölkerung Bayerns blldeten, ihre Pflichten erfüllen. (F- Z-)

Rom, 29. December. Heute traf hier Graf Brühl-Pforten mit einem Glück­wunschschreiben des deutschen Kaisers an den Papst ein. Herr v. Schlözer erwartete ihn am Bahnhof.

Einige Blätter melden, daß sich der Papst müde fühle und vielleicht T>ie Jubiläumsmesse verschieben werde.(F- Z-)

Lelegravhiskhe -Depeschen.

Wolss'S telegr. Eot^svvtrdenr-Kurea«.

Berlin, 29. December. Se. Majestät der Kaiser empfing im Laufe deS Vor­mittags den militärischen Vortrag durch den Kriegsminister und durch den Obersten v. Brauchitsch vom Militärcabinet. Um 1 Uhr machte die Kaiserin, um IV« Uhr der Kaiser eine Spazierfahrt. Um 3 Uhr empfängt der Kaiser den Prinzen Joseph Windischgrätz.

Gestern Abend war eine kleine Theegesellschaft, zu der auch der Minister v. Maybach und Graf Radolinski eingeladen waren.

Nach den nunmehrigen Bestimmungen findet am Neujahrstage bei Ihren Majestäten um IOV2 Uhr Gottesdienst statt, um llVi Uhr kommen die Glieder der königlichen Familie zur Gratulation, um 1IV« Uhr die Hofchargen und Flügeladjutanten, um 12V« Uhr die aktiven Generäle, die Commandeure der Leibregimenter, um 1 Uhr die Minister und Präsidenten des evangelischen Oberktrchenraths und um l8/« Uhr bi* anwesenden Botschafter.

Berlin, 29. December. Ein hier eingetroffenes, von den Aerzten Mackenzfi Schrader, Krause und Hovell unterzeichnetes Bulletin aus San Remo von früh 7 Uh 25 Min. sagt:Die zuletzt aufgetretene Wucherung am linken Taschenbande hat »ich weiter um sich gegriffen, sondern sich in Geschwürflocke umgewandelt, welche sich zr benarben beginnt. In der Nähe derselben bleibt eine dauernde Verdickung des Taschen­bandes, sowie eine Neigung zur Schleimabsonderung, welche jedoch auch im Nachlassen begriffen ist. Das Allgemeinbefinden Sr. K. K. Hoheit des Kronprinzen ist, wie schon immer seit Wochen, durchaus befriebigenb.