Nr. ZOT Samstag den 31. December 1887.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gieße».
Vureanr Schulstraße 7.
mH nruäÄ(1Rm, . Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloh«.
mtt ^«saahme des Durch die Poft bezöge» vierteljährNch 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hheil.
m rp L Gießen, am 23. December 1887.
Betreffend: Die Ernennung von Vertrauensmännern für die Nahrungsmittel-Jndustrie-Berufs-Genossenschast.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
SN Großh. Polizeiamt Gießen und die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises Gieße«.
Wir benachrichtigen Sie hierdurch, daß die NahrungSmittel-Jndustrie-Berufs-Genossenschaft
den Herrn Franz Kupferberg in Firma Eh. Ad. Kupferberg in Mainz,
„ , I. B- Falk jun-, Metzgermeister in Mainz,
zu Vertrauensmännern ernannt hat.
Auf Grund des § 54 des Unfallversicherungsgesetzes vom 6. Juli 1884 weifen wir Sie hierdurch an, die Benachrichtigung über die Einleitung einer Untersuchung über die bei Mitgliedern der genannten Genossenschaft eingetretenen Unfälle an den vorbemerkten Vertrauensmann, beziehungsweise deffen Stell- vertreter, zu richten._____________________________________________________I V-- Jost. _________________________________________________________________
Nr- 48 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 23. d. M. enthält:
(Nr. 1759.) Gesetz, betreffend die Abänderung des Zolltarifs. Vom 21. December 1887.
Gießen, am 27. December 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
___________________________________3 V.: Jost.
Politische Jahresüberficht.
Gießen, 30. December.
Im raschen Wechsel der Zeit ist wiederum ein Jahr zur Rüste gegangen und die Morgensonne einer neuen Jahres steigt herauf. Ehe aber der neue Zeitabschnitt beginnt, geziemt es auch dem Politiker, nochmals einen Blick auf das zurllckgelegte Jahr mit seinen mannigfachen Ereignissen zu werfen und die» selben vcr dem geistigen Auge Revue passiren zu laffen. Fassen wir da zunächst die allgemeine Lage in'r Auge, so muß leibet constatirt werden, daß sie während der ganzen verflossenen Jahres wehr oder weniger umdüstert erschien und mehr wie einmal drohte die allenthalben in der politischen Atmosphäre herrschende electrische Spannung sich in einem furchtbaren Kriegsungewitter zu entladen. Wenn es trotzdem noch immer gelang, der Welt den Frieden zu erhalten, so ist dies in erster Linie der deutschen Politik zu verdanken, welche die stch zuspitzenden europäischen Jntereffen-Gegensätze immer wieder bis zu einem gewissen Grade auszugleichen wußte. Dankbar wendet sich daher der Blick den Männern zu, in deren Händen die Geschicke des Reiches ruhen ur.b vor Allem bleibt er an der greisen Heldengestalt Kaiser Wtlhelm's haften. Trotz seiner mehr als neunzig Jahre sorgt der edle Herrscher in jeder Beziehung, von seinen erprobten langjährigen Beralhern treu unterstützt, für die Wohlfahrt de» Reiches und die Vollendung seines neunzigsten Lebensjahre» gab der gesammten Nation eine willkommene Gelegenheit, dem greisen Monarchen aus'» Neue ihre unwandelbare Liebe und Verehrung zu bezeugen.
Obwohl Kaiser Wilhelm im Laufe de» Jahres wiederholten Krankheitsanfällen ausgesetzt war, haben dieselben doch keine tieferen Spuren hinterlassen und es ist dem kaiserlichen Herrn vergönnt, in erfreulicher körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische in den neuen Zeitabschnitt einzutreten. Dasselbe läßt sich Don seiner erlauchten Gemahlin sagen und hat die hohe Fran das Leiden, von welchem sie während ihres Herbstaufenthalte» am Rhein befallen worden, ebenfalls zur Zeit wieder völlig überwunden. Mit innigster Thetluahme aber wendet sich der Blick des deutschen Volkes zum Jahreswechsel seinem allgeliebten Kronprinzen zu, den ein herbes Geschick nöthtgt, noch immer fern der Heimath int Süden zu wellen. Hier, in der milden Luft San Remo'», hofft der ritterliche Kaisersobn die Genesung zu finden, die ihm in der Seeluft England» und in dem kräftigeren Klima der schottischen Hochlande wie Tyrol'r nicht werden sollte. Bei dem wechselvollen Charakter der Krankheit de» Kronprinzen ist deren Ausgang allerdings nach wie vor ein ungewisser, aber doch klingen die Meldungen aus San Remo seit Wochen wieder tröstlicher und da auch die Aerzte über die Natur des Leidens des Kronprinzen noch immer nicht einerlei Meinung zu sein scheinen, so darf das deutsche Volk an der Hoffnung festhalten, daß es ihm doch Noch vergönnt sein werde, den allverehrten Kronprinzen in früherer Kraft und Gesundheit wieder in seiner Mitte begrüßen zu können. — Von freudigen Er- eigniffen im deutschen Kaiserhause, welche das alte Jahr zeitigte, ist die Geburt eines vierten Söhnchens des Prinzen Wilhelm von Preußen und die Verlobung des Prinzen Heinrich von Preußen mit seiner Cousine, Prinzessin Irene von Hessen, zu registriren.
Durch den am 21. Februar neugewählten Reichstag erhielten einige mehr oder minder wichtige Gesetzentwürfe ihre Genehmigung. An ihrer Spitze standen die Septennatsvorlage und das Unfalloersicherungsgesetz für die Seeleute und Bauarbeiter, womit das socialpolitische Reformwerk wieder um einen bedeutenden Schritt gefördert wurde. Seinen Abschnitt soll dasselbe bekanntlich durch die Alters- und Jnvaliditätsverficherung erhalten, die wahrscheinlich noch in der gegenwärtigen ReichStags'Session zur Erörterung gelangen wird; als das bedeutsamste bisherige Ergebniß der jetzigen Session stellt sich die Annahme der etwas modificirten Kornzoll-Vorlage dar, womit der Agitation für und wider die weitere Erhöhung der Getreidezölle ein vorläufiges Ziel gesetzt worden ist. — Aus kirchenpolitischem Gebiete brachte die Genehmigung der neuen Kirchen- Vorlage seitens des preußischen Landtages den endlichen Friedensschluß zwischen
der preußischen Regierung und dem Vatican und auf Rechnung diese» Einverständnisse« ist die rasche Neubesetzung der erledigten preußischen Bischofsstühle wie die Rückkehr einer Anzahl Orden zu setzen. — Leider waren auch im Jahre 1887 Hoch- und Landesverrathsprozeffe, wie Verhandlungen gegen Socialisten und Anarchisten keine ungewöhnlichen Erscheinungen in unserem öffentlichen Leben und lieferten sie den Beweis, daß fortgesetzt dunkle Elemente an der Erschütterung des Reiches arbeite«, glücklicher Weife ohne sonderlichen Erfolg. Aus den einzelnen Bandesstaaten sind die Landtagswahlen in Bayern, Baden und Sachsen zu erwähnen, die indessen keine besonderen Veränderungen in den betreffenden parlamentarischen Körperschaften hervorbrachten. Schließlich sei noch des Beginnes der Arbeiten zum Nord-Ostsee-Canal gedacht, al« eines da» Interesse ganz Deutschlands beanspruchenden Ereignisses, welches durch die Thellnahme des Kaisers noch eine besondere Weihe erhielt.
In der auswärtigen Politik des Reiches spielten die Zwischenfälle mit Frankreich — die Schnäbele-Affatre und der Fall Kauffmann — eine hervorragende Rolle und wesentlich der Mäßigung Deutschlands ist es zuzuschreiben, wenn diese Vorfälle wieder in friedlicher Weise beigelegt wurden. Bedauerlicher Weise trübten sich die alten freundschafllichen Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland mehr und mehr, panslavistische Hetzereien und geheime Zettelungen, die in der Fälschungs-Affaire der Bismarck-Depeschen gipfelten, trugen das chrige hierzu bei und auch der Besuch Kaiser Alexanders III. in Berlin hat an dem bedauerlichen Stande der Dings nichts geändert. Um so fester steht das deutsch-österreichische Bündniß da, welches durch die Einbeziehung Italien» einen markanten Machtzuwachs erhielt; indessen hat Deutschland durch da« neue Sep- tennatrgesetz wie durch das neue Landwehr- und Landsturmgesetz deutlich zu erkennen gegeben, daß es nöthigenfalls ganz aus eigener Kraft feindliche Angriffe zurückzuweisen wissen wird.
Werfen wir nun den Blick zunächst auf das uns so treu verbündete Oesterreich-Ungarn, so sehen wir, daß dasselbe ebenfalls den drohenden Zettoerhältniffen Rechnung zu tragen wußte. Die diesmal in Wien versammelt gewesenen Delegationen bewilligten in patriotischer Einmüthigkeit bedeutende außerordentliche Kredite für die Verstärkung der Schlagfertigkeit de» Heeres und daß das Donaureich alle Ursache hat, fortgesetzt auf dem militärischen: „Halt, wer da?" zu stehen, beweist der Zwischenfall wegen der russischen Truppenansammlungen an der galizischen Grenze. Dieselben haben zwar keine besondere Gegenmaßregeln Oesterreich-Ungarns hervorgerufen und sind auch inzwischen von Petersburg aus in Halbweg befriedigender Weise erklärt worden, jedenfalls beweist aber der Zwischenfall, wie sehr sich für unser« österreichischen Verbündeten Wachsamkeit an seinen Ostgrenzen empfiehlt. In den inner-österreichischen Angelegenheiten markirte sich der Austritt der deutsche» Abgeordneten aus dem böhmischen Landtage als einen Beweis sür den fortglimmenden Nalio- nalitäten-Zwist in Böhmen, sonst trat aber der Oesterreich durchwühlende unglückselige Nationalitäten - Hader während des zur Rüste gehenden Jahres nicht so schroff, wie früher hervor. Von den Czechen wurde in Sachen der oielberufene» Mittelschul-Angelegenheit ein heftiger Ansturm gegen den Unterrichts-Minister v. Gautsch infcenirt, indessen von dem fich für solidarisch erklärenden Ministerium Taaffe entschieden zurückgewiesen.
Italien, die dritte im Bunde der Friedensmächte, sah im vergangenen Jahre in Folge der das englische Prestige am Rothen Meere so schrecklich erschütternden Vorgänge bei Saati und Dogali eine Ministerkrtfis. Dieselbe ward durch die Reconstruction des Ministeriums Deprelis, in welches die bis- herigen Oppositionsführer Crispi, Saracco, Zanardelli und Viale eintraten, beseitigt. Nach dem Tode Depretis', einem Ereigniß, welches zu einer großen nationalen Trauerfeier führte, übernahm Crispi die Leitung des ital:em,chen Ministeriums und unter feiner Minister-Präsidentschaft hat der »peninuenstaat nach Innen wie Außen bereits neue Fortschritte zu verzeichnen. In letzterer Beziehung ist namentlich der Anschluß Italiens an die deutsch - österretchische


