Ausgabe 
29.6.1887
 
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Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Correspondenz-Bureau.

Berlin, 27. Juni. Der Kaiser empfing Vormittags IO3/* Uhr den Hofmarschall Grasen Perponcher, machte um 11 Uhr eine Spazierfahrt und nahm einen längeren Vortrag Wilmowski's entgegen.

Berlin, 27. Juni. Die erste Torpedoboots-Division ist mit dem Divi- fions-Chef Prinz Heinrich am 27. Juni von Chatham nach Kiel in See gegangen.

abgereist Großherzogin von Baden ist gestern Abend nach Karlsruhe

Wien, 27. Juni. Der König von Serbien machte gestern dem Minister Kalnoky einen Gegenbesuch; empfing heute früh den Generalstabsarzt Podrazky zur Consultation und Mittags den russtfchen Botschafter Lobanow.

London, 27. Juni. Ferguffon theilte im Unterhaus mit, die Psorte hätte den lebhaften Wunsch ausgedrückt, die Ratification der englisch - türkischen Convention auf nächsten Montag sestzusetzen. Obschon eine so lange Verschiebung sonst nicht üblich sei, hätte die Regierung es doch für angemessen erachtet, dem Gesuch der Psorte zu entsprechen. Fergusson erklärte ferner, daß die Reihen- folge, in der die Königin die Glückwünsche der Botschafter und Gesandten ent­gegennahm, ohne politische Bedeutung sei. Der Gesandte des Papstes sei in etwas früherer Stunde als einige andere Botschafter empfangen worden; das Hof Journal" verzeichnete vermuthlich die Audienzen in thatsächlicher Reihen­folge. Smith erklärte, daß die Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen mit dem Vatikan weder vom Papst noch von der englischen Regierung angeregt sei. Das Haus trat sodann in die Discusfion des Berichts über die irische Zwangsbill ein. Das von der Regierung bekämpfte Amendement Morley's, wonach die Bill auf drei Jahre begrenzt werden soll, wurde mit 180 gegen 119 Stimmen verworfen.

Das Oberhaus erledigte die Einzeldebatte, betr. die Uebertraguna des Grundbesitzes, ohne wesentliche Amendements.

Chicago, 27. Juni. In dem Waarenlager der Chicago Packing und Provision Company brach gestern Nacht ein verheerendes Feuer aus. Die Ge- bäude, welche eine Oberfläche von 5 Acres bedecken, wurden zerstört und mehrere Millionen Pfund Speck und Schmalz verbrannten. Die Armour Cannina Company büßte 700 Fässer Schweinefleisch und 600 Schweine ein. Der ©e* sammtschaden wird auf 1% Million Dollars geschätzt.

Lokales.

^Schwurgericht.) Georg Friedrich Rausch von mnr "egen Verbrechens im Amte zu verantworten. Der An-

01^r 0o Gemeindeeinnehmer zu Höchst a. N. und führte bisher sein 5r?ULC bc§ origen Jahres gelangten Unregelmäßigkeiten in der Yir0 seiner vorgesetzten Behörde und es wurde

u X t v. I. bei Rausch vorgenommen. Es stellte sich hierbei heraus,

Gemeindegelder vereinnahmt, in seinem Nutzen verwendet und falsche Bucheinträge vollzogen hat. Der Angeklagte wurde in 7 Fällen der ihm zur Last Lfimr11 ^^echen schuldig befunden; die Geschworenen billigten jedoch dem voll Schicksalsschlagen Betroffenen mildernde Umstände zu, worauf Verurtheilung auf die Dau» "°°n 3 Jah7-n «folgk. ^b-rk-nnung der bürgerlichen Ehrens.

s Mainz, 27. Juni. Bet dem heutigen Trajekttren der Vassaaiere bes 2.,^-L 99X °°n Warms nach Bensheim ist das Damvsbvv'i Nr 2 d-r H°Kch-n Ludw^bM

I mit dem zu Thal kommenden DampferHaniel Nr. 1" zusammengestoßenwobei ersteres beschädigt wurde Die Passagiere des Zuges 223, von welchen Niemand ver- I gluckte, wurden vom DampferHantel" aufgenommen. Das beschädigte Dampf- I Ä fCLnem r*rOrbcJtbciL gesunken und war auf eine Sandbank nach der I Wormser Rheinseite geschleppt worden. Die Untersuchung ist eingeleitet (ft 3)

KölneL^,?. 2?< Juni. Heute ftüh gegen der Berltn-

Wottsstra^ M dem Uebergange an der Wermelskirchener Straße und der rmei ÖrfmnS? L führte vier Personen- und einen Schlafwagen, einen Post- und I afn ö0ef1tx k-r auf dem rechten Geleise einlaufen, in Folge falscher I Weichenstellung fuhr bte Locomotive in das Geleise der Bergisch * Märkischen Bahn I KV1' ^nen Gepäck- und einen Personenwagen mit sich führend; gleich hinter der enta^ikter? bD-?^^lung des dritten Wagens los und die übrigen sechs Wagen I tu k VJfiderselben fiel um auf die rechte Sette und der zweite kam aus aufterTalb HaCT auf J>ic "uke Seite gefallen, der Schlafwagen stand eben ebens? -in LfLL aufrecht, der Postwagen stand neben dem Geleise,

indem n a0; Passagiere des Zuges kletterten, soweit es möglich war,

bersten C S^^auerci ihnen Hilfe leisteten, aus den Wagen. Viele

HrbP sRMphHnn L1106^6^^118611 Glitten. Eine ältere Dawe erhielt eine erbeb- 9??is-ndln ?ag am Kopfe; Quetschungen und Beulen am Kopfe haben wohl die meisten "/hrere hatten Armverletzungen, ein Herr hatte beide Knie D 1? ? letzt bekannt, ist Niemand um's Leben gekommen. Alsbald

-."^nachbarten Hausern und der Station Hilfe zur Stelle. Der Bahnarzt hpn Moers waren sofort an der Unglücksstätte und

bsn Wen b c Hilfe. Die Verletzten wurden, soweit dies nöthig ben Schwestern aus dem Dreikönigen-Hospital in dieses I nlpr Krankenhaus geschafft. Augenzeugen erzählen, es sei ein ganz schreck-

gewesen, wie die entsetzten Passagiere, mit todtenbleichcn, von Staub ge- - v! Ämtern aus den Wagenthüren und Fenstern herausgeklettert seien. Der vtaub, der sich in Folge der Entgleisung erhob, war so stark, daß Leute, die an derr

Ne Mittel gewährten, einen weiteren Aufschwung dieser wichtigen Anstalt zur Folge haben, so versprechen die Nebenbahnen, deren Bau Sie gut geheißen haben, den Verkehr und namentlich den Absatz der Landesproducte in den Gegenden, welche bisher dieser Verkehrsmittel noch entbehrten, in erheblicher Weise zu fördern.

Durch die Bewilligung einer sehr namhaften Summe für die Erbauung einer Zellenstrafanstalt haben Sie die Möglichkeit gegeben, daß das Strafvoüstreckungswesen in dem Großherzogthum nunmehr in einen den heutigen Anforderungen entsprechenden Stand gebracht wird.

Der Fürsorge, welche Sie der Landwirthschaft, dieser Quelle des Unterhalts und Wohlstands der großen Mehrheit der Bewohner des Landes, zu widmen gewohnt sind, verdankt die Regierung, daß Sie noch gegen den Schluß des Landtags hin sich der Berathung großer und schwieriger Gesetze unterzogen haben, welche sämmtltch dahin abzielen, theils durch den Schutz, welchen sie gegen Ueberfluthung gewähren, thctls durch gemeinsame Einrichtungen und Maßnahmen den Ertrag der Arbeit des Land- wirths zu sichern und zu erhöhen.

Einen besonders erfreulichen Abschluß Ihrer Thätigkeit bildet die noch in den jüngsten Tagen erfolgte Verständigung über die Gesetzesvorlage, betreffend die Vor- blldung und Anstellung der Geistlichen.

Se. Kgl. Hoheit der Grotzherzog, Allerhöchstwelcher das gleiche Interesse für Seine katholischen wie für Seine evangelischen Untertanen hat und von dem Bestreben erfüllt ist, der einen wie der anderen Kirche in gleicher Weise gerecht zu werden, hat mich beauftragt, Ihnen Seine besondere Allerhöchste Befriedigung über das Zustande­kommen dieses Gesetzes zu erkennen zu geben, von dem man sich mit Zuversicht ver­sprechen darf, daß es für die Zukunft ein gleich ungetrübtes Verhältniß, wie es bisher zwischen dem Staate und der evangelischen Kirche bestand, auch in den Beziehungen des Staats zu der katholischen Kirche begründen und ein ersprießliches Zusammen- ! geben von Staat und Kirche in den ihnen obliegenden großen Aufgaben er- I möglichen werde.

_ Möge diesem Werke wie allen mit Ihrer Hülfe zu Stande gekommenen Arbeiten der Segen von Oben nicht fehlen!"

Uersammlung der Vertreter der Berussgenossenschasten.

. . m , Frankfurt a. M., 27. Juni.

. g Versammlung der V^treter der Berufsgenossenschaften behufs Begründung eines Verbandes der deutschen Berufsgenossenschaften waren anwesend etwa 150 Vertreter von Genoffenschaftsvorstanden, außerdem wohnten Staatssekretär v. Bötticher Mrmsterlaldirektor Bosse, Präsident Boediker und Oberbürgermeister Miquel der Ver- A^IUI20(oxbecm ?orMende eröffnete die Versammlung mit einem dreimaligen Hoch auf Se.Matestat den Kaiser. Nachdem die Versammlung durch das Frankfurter Lokalcomrt6 begrüßt worden war, nahm der Staatssekretär v. Bötticher das Wort und sprach seme Freude darüber aus daß ihm die Einladung Gelegenheit gebe, den Ver- ^^rn der deutschen Industrie seinen Dank auszusprechen für die eifrige, verständniß- volle Mitarbett an den sozralpolttischen Maßregeln, welche der Förderung des inneren grtebenä gewidmet s-i-n. W-nn die Gesetzgebung Fehler enthalte, so liege der Grund darin, daß man sich nicht aus Erfahrungen stützen konnte. An angs sei die Rei-bs- r-gl-rung m üoorgc gewesen, ob sie innerhalb der Industrie das erforderliche opfe?-

@nt0Wnfo n ben be. na$ ben je8igcn Erfahrungen sei dieser Zweifel Leschwunden und die Regierung gehe mit Zuversicht daran, den Beru sgeno sen'schasten Ä' ruruwe.sen, welche durch die Altersversicherung beding werden

Ge'°tzmtwurs werde voraussichtlich früher zum Abschluß kommen, als man Ansangs zu haften wagte; dann werde Deutschland aus dem Gebiete der Humanität «ine Gesetzgebung besitzen, wie kein anderes Land, die aber hoffentlich auf andere ? eInn,rtfn Die heutige Organisation solle die noch vor- d-n LstrLgen von Herz°7^bk,Cm Sinne «ÜMe er ^5!0« ^s Ausschusses, welche heute ihren Abschluß finden solle durch die

Schaffun0 einer eudgiltigen Organisation der Berufsgenossenschaften auf Grund eines Statuts, welches der^ Ausschuß der Versammlung zur Genehmigung vorlege

/r,Hebcr ^Eferirt Direktor Holtz-Berlin (Chemische Industries Seitens

der Gegner des Unfallverficherungsgesetzes werde vorzugsweise geltend gemacht daü Be Apparat ber berufsgenossenschaftlichen Organisation über bas Bebürfniß ber ^ ?^brstcherung hmausgehe, unb baß letztere viel einfacher unb billiger burch bureau- ^^£0 eingerichtete Versicherungsanstalten burchgeführt werben könne. Dieser Ein-

, f06 CZ P^beutung bes Unfallversicherungsgesetzes noch gar

erfftnnt 1 kerbten ft, bie Berufsaenossenschaften ins Leben gerufenen

haben, sei an sich mmbeftens ebenso groß, wie bas ber Durchführung ber UnfanJr ÄSS lei ^durch zum ersten Male eine

fSliche Vertretung ber gesammten beutschen Jnbustrie geschaffen worben wAche be- aub berufen ist, eine Reihe von Aufgaben zu lösen bie über den hor

^nfallversicherung weit hinausreichen. Kon

rufsgenoffenschaften neue weitergehende Funktionen iu überfraam .

bet in Vorbereitung begriffenen Jn°alibenveZ°rgung g?m7cht werd^ bekannt; ebenso, baß ber Reichstag bei ber Beratbuna ber L fei

fi" £

schaffen. Von anderer Seite gehe man noch weiter und wolle^die Reaelün? iu 'D7tblil5.tn(JPr0,bufti0n Maßgabe des wechselnden Bedarfs in di?hä,che der Bmüsae' noffen chasten legen, um so eine der Hauptqucllen wirthschaMicher Kri >u

Man könne gegen viele dieser Pläne sich ablehnend Debatten- iebenfnns r b e große Entwickelungssähigkeit der Bcrufsgenossenschasten, berin ÄÄ® als einer ber ftuch barsten gefttzgeberischen Gebanken bes Fürsten Bismarck anerkannt I Keyb,ckn n"rb- Diese weitere Entwickelung stets im Auge zu behalten unb Einstuß auk I dieselbe zu gewinnen, sei in erster Linie Sache ber Genossenschaften selbst 2 K ei es nothw-nbig eine Vereinigung zu bilben, welche'di- Intern der Ges mmt inbustr>e in allen diesen Fragen vertreten soll. Aber abgesehen von diesen weites Zielen habe auch schon die nächstliegende Aufgabe der Berussgenossen chasstn d^! Unsallvcrstcherung, das B-dürfniß eines engeren Zusammenschlusses allgemein iüblbar gemacht. Täglich tauchen auf diesem Gebiete neue Fragen aus, zu deren Lölnna -I wunschenswerth M. daß die Erfahrung der EinzAnen der ©eUmt^iu ®ute kommt, unb bie Schwierigkeiten burch gemeinsame Arbeit unb Erörteruna ^befdtiat roerben. In btejem ©inne empfiehlt ber Rebner bie einmüthige Annahm? des vor­liegenden Statuten-Entwurfs. vmc ÜC5 DOrs

Präsident Böbicker constatirte, um Mißverständnissen vorznbeugen daü nHr Ä'Äen btt® »'eiche Maß von Selbständigkeit genießen und daß dos | derselben zum Reichsoersicherungsamt jeden Zweifel an Harmonie

.Das Statut wurde schließlich en bloc angenommen, bie Wahl bes geschah führenben Ausschusses ieboch vertagt. seicyesis-

..rm, Mitglieds bes geschäftsführenben Ausschusses würben gewählt: Die noid- oMe Baugewerks-Berufsgenossenschast, bie Norbbeutsche Textil - Berufsgenossenschast bie Rheim-Wests. Maschinenbau- u. Kleineisen-Jnbustrie-Berufsgenossenschaft, bie Berufs- genos enschaft ber chemi chen Jnbustrie, bie Knappschafts-Berufsgenossenschaft, bi- Wer

Holzindustrie Berufsgenossenschaft, bie deutsche ^?b^^-derufsgenossenschaft, bie Brauerei- unb Mälzerei-Berufsgenossenschaft di-

* unb Spebitionsgenossenschaft. Den Vorsitz führt bie Buchbrucker Ge- ^ofienschast. Zu Punkt 2 ber ^agesorbnung, Verstänbigung mit ben Regierungen im De reff ber behorblichen unb berufsgenossenschaftlichen Unfallverhütungs - Vorschriften

o- Bötticher, baß bei einer Collision von genossenschaftlichen und' behördlichen Vorschriften die letzteren nicht ohne Weiteres außer Kraft gesetzt werden konnten, bie Regierung werbe aber bie Behörben anweisen, in allen Fällen eine?5 stanbigung nut ben Genossenschaften zu suchen. Punkt 3 ber Tagesordnung (Verhält-

Ä0 unb Beauftragten ber Berufsgeuossenschaften

ru den staatlichen Aussichtsbehorben) bebauert Dr. Martius-Berlin, baß für bie Ehrung ber vom Reiche erlassenen Gewerbeorbnung nicht auch eine Reichsbehörde mafegebenb sei. In einer Genossenschafts-Sektion, bie sich über mehrere Staaten erftreefe, stehen oft 3 ober mehr Staatsbeamte mit verschiebenen Ansichten bem Be­auftragten ber Genossenschaft gegenüber. Rebner hofft, baß burch Einsetzung einer Behorbe für bas Reich auch dieser Uebelstanb beseitigt werde. Ministerialbirektor Bosse verspricht, baß ber Antrag wegen gewerblich technischer Reichs- n^rrbnir+1tn0imenb ^Ogen werbe, eine Abhülfe bes gerügten Uebelstanbes sei badurch S^rLft111^ )mmer zu erwarten, boch werbe bie Regierung stets bereit fein, wenn ©eIbÜDern)anunö§or0ane sich vertrauensvoll an sie roenben, berechtigte Interessen ber

Wa?TnÄme2L , Punkt 4 (Unfallstatistik) würbe beschlossen) baß ber a£ I^oft^uhrenbe Ausschuß eine Commission niebersetzen solle, welche in Gemeinschaft mit 91.mfttCA^ürrT*ereni§amt 0/^6nete Normen für bie Unfallstatistik aufstellen soll. Punkt 6 ber Tagesordnung (Entschadigungsfeststellungen mit Rücksicht auf bie Ent- L^C,rbUn0Cn b*eV richte unb bes Reichsoersicherungsamts, sowie Ausstellung

.allgemeinen Invaliditätsi.cala) würbe von ber Versammlung für unburchführbar erla (Entschädigungsfeststellung für nur zeitweilig beschäftigte Tages-

im'Ännc" Versicherungspflicht auf bie bet bem Unternehmer

P^lvuen) unb 9. (Zulässigkeit einer Cautionserhebung 5? lecher Weise, wie bei ber Betriebseinstellung) würben zurück- g^ogen.. Die Punkte 10 (Grunbung eines Verbanbes ber Berufsgenossenschaften zur eT 1C?LUn? Genossenschaftsorgane gegen Unfälle bei Ausübung ihrer

Obliegenheiten) unb 11 (Bestimmung bes Ortes unb ber Zeit bes nächst­jährigen Berufsgenossenfchaftstages) würben dem Ausschüsse zur Erlebigung übers wiesen. Morgen findet ein gemeinsamer Ausflug nach bem Nieberwalb statt.