Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Ar. 1/17 Mittwoch den 29. Juni 1887«
Gießener Anzeiger
Vureaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
-reis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
>urch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
tW \ Amtlicher Hheil.
Gießen, am 25. Juni 1887.
Betreffend: Die Gemeindekrankenversicherung der Arbeiter; hier die Verrechnung der desfallsigen Einnahmen und Ausgaben.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglicheu Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche unserem Amtsblatt Nr. 4 vom 21. April l. I. noch nicht nachgekommen sind, werden an die Einsendung der Voranschläge pro 1837 mit Frist von 8 Tagen erinnert.
Dr. Boekmann.
Nr. 20 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 24. d. M., enthält:
(Nr. 1724.) Gesetz, betreffend Abänderung bezw. Ergänzung des Gesetzes, betreffend die Quartierleistung für die bewaffnete Macht während des Friedenszustandes, vom 25. Juni 1868 (Bundes-Gefetzbl. S. 523), sowie des Gesetzes über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden vom 13. Februar 1875 (Reichs-Gefetzbl. S. 52). Vom 21. Juni 1887.
(Nr. 1725.) Verordnung, betreffend die Caution des Kafsirers der Legattonskaffe. Vom 16. Juni 1887.
(Nr. 1726.) Allerhöchster Erlaß, betreffend die Aufnahme einer Anleihe auf Grund der Gesetze vom 16. Februar 1882 (Reichs-Gesetzbl. S. 39), Vorn 31 März 1885 (Reichs-Gesetzbl. S. 79), vom 16. März 1886 (Reichs-Gesetzbl. S. 58), vom 30. März 1887 (Reichs-Gesetzbl. S. 148) und vom 1. Juni 1887 (Reichs-Gesetzbl. S. 204). Vom 16. Juni 1887.
Nr. 21 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 25. d. M., enthält:
(Nr. 1727.) Gesetz, betreffend die Besteuerung des Branntweins. Vom 24. Juni 1887.
Gießen, den 27. Juni 1887. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Politische Ueberficht.
Sietzen, 28. Juni.
Mit freudiger Genugthuung ist die Nachricht zu verzeichnen, daß Kaiser Wilhelm am Freitag Nachmittag zum ersten Male seit Wochen wieder eine Ausfahrt unternommen hat. Dieselbe ist dem greisen Monarchen, der von seiner erlauchten Tochter, der Frau Großherzogin von Baden, begleitet war, in erwünschtester Weise bekommen und kann somit das jüngste Unwohlsein des Kaisers als gänzlich beseitigt betrachtet werden. Es steht daher auch dem Antritt der alljährlichen Badereisen des Kaisers nichts mehr im Wege und soll die Abreise nach Ems nunmehr am kommenden Samstag erfolgen.
Obwohl das Reichsparlament bereits seit länger als einer Woche geschloffen ist, so herrscht in Bundesraths-Kreisen doch noch eine angestrengte Thättgkeit, da die vom Reichstage beschlossenen Gesetze bekanntlich der Sanction durch den Bundesrath bedürfen. Am Freitag hielt die genannte Kärperschast eine Plenarsitzung mit ziemlich reichhaltiger Tagesordnung ab; es wurden das Branntweinsteuergesetz und das Unfallversicherungsgesetz sür Bauarbeiter, die Gesetze über die Anwendung gesundheitsschädlicher Farben, über die Rechtsverhältnisse in den deutschen Schutzgebieten und über die Abänderung der Gewerbeordnung (Jnnungswesen) genehmigt. Die Gesetze, resp. die Novellen zum Nahrungsmittelgesetz und zum PostdampsschifffahrtSgesetz, werden zur allerhöchsten Vollziehung vorgelegt werden. Die Anträge von Reichstagsmitgliedern über Arbetterschutz-Bestimmungen wurden den bezüglichen Ausschüssen überwiesen. In einer der nächsten Sitzungen wird über die Unfallversicherung der Seeleute und über die Zuckersteuer beschlossen werden. Das Plenum des Bundesrathes wird wahrscheinlich noch ein paar Wochen versammelt bleiben und bezüglich der Ausschüsse verlautet sogar, daß dieselben den ganzen Sommer über tagen würden.
Der kirchenpolitische Ausgleich in Preußen hat durch die nun definitiv erfolgte Ernennung des Bischofs Dr. Kopp von Fulda zum Fürstbischof von Breslau eine neue Besiegelung erfahren. Dr. Kopp hat sich durch feine erfolgreiche vermittelnde Thätigkett zwischen Preußen und dem Vatikan mit Recht den ehrenden Beinamen eines Frtedensbiichofs erworben und seine Berusung aus den wichtigen sürstbischöflichen Sitz von Breslau kann man nur als ein weiteres Zeichen für das gegenwärtig zwischen der preußischen Regierung und dem Vatikan herrschende gute Einvernehmen betrachten. Es scheinen sich in den maßgebenden vatikanischen Kreisen von extremer Seite nicht unerhebliche Einflüsse geltend gemacht zu haben, um die Besetzung des Breslauer fürstbifchöf- lichen Stuhles durch eine so versöhnliche Persönlichkeit, wie Dr. Kopp, aus allen Kräften zu Hintertreiben. Wenn trotzdem die Ernennung desselben ersolgt ist, so darf man hierin unzweifelhaft einen Sieg der gemäßigten Elemente im Vatikan begrüßen und zugleich einen wesentlichen Erfolg der persönlichen Politik des Papstes Leo XIII. erblicken. Bemerkenswerth ist auch oas Schreiben, welches der neue Cardinal-Staatssecretär Rampolla an den Weihbischof Gleich, den Verwalter der Breslauer Diöcese, gerichtet hat. In dem Schreiben heißt es, daß nach Erwägung der gesammten Verhältnisse dieser Diöcese und unter Berücksichtigung „der ausgezeichneten Verdienste des Bischofs Kopp von Fulda und des Rufes, des Talentes, der Klugheit und der Frömmigkeit desselben, sowie auf Empfehlung mehrerer Bischöfe Deutschlands" sich der Papst entschlossen habe, den so lange verwaisten Bischofssitz durch den Oberhirten Kopp zu besetzen, und zwar „unter Hintansetzung der Vorschlagsliste des Capitels." Aus letzterem Passus geht hervor, daß sich Bischof Kopp gar nicht aus der Candi- datenliste des Breslauer Dom-Capitels befunden hat.
Schon vor einiger Zeit verlautete, daß Prinz Ludwig von Bayern,
der älteste Sohn des Prinz-Regenten Luitpold, den Wunsch geäußert habe, ein* mal an den Uebungen der deutschen Panzerflotte theilnehmen zu dürfen. Dieses Gerücht bestätigt sich, denn es ist dem bayerischen Thronfolger eine auf dessen Wunsch bezügliche Einladung des Kaiser- zugegangen und wird demgemäß Prinz Ludwig an Bord des Panzerschiffes „Kaiser" den diesjährigen Manöver-Uebun- gen des deutschen Panzer-Geschwaders beiwohnen. Dieselben beginnen vor- aussichtlich am 21. August und dauern bis zum 11. September und ist während dieser Zeit Capitän-Lieutenant Baron von Plessen als seemännischer Begleiter des Prinzen commandirt.
An diesem Dienstag finden in Bayern die eigentlichen Abgeordneten- wahlen seitens der am 21. Juni gewählten Wahlmänner statt. Durch die Abgeordnetenwahlen werden noch manche Ungenauigkeiten in den Wahlresultaten vom 21. Juni ihre Berichtigung erfahren, aber an den Ergebnissen dieses Tages ändern sie im Großen und Ganzen nichts mehr. Als das hervorragendste Moment der diesjährigen Landtagswahlen bleibt daher die empfindliche Niederlage "der klerikal - patriotischen Partei, oder wie sie sich jetzt nennt, der bayerischen Centrumspartei, bestehen; durch den Verlust ihrer bisherigen Mandate in München, Augsburg, Regensburg, Passau u. s. w. wird die extrem-klerikale Partei in der neuen Kammer nicht unwesentlich vermindert, etwa in der Anzahl von 70 Mitgliedern, wiedererscheinen und also nicht mehr die führende Rolle besitzen. Dieselbe fällt vielmehr den vereinigten Liberalen zu, die ca. 78 Mann stark sein werden, nur ist vorerst noch abzuwarten, ob die Einigkeit aus liberaler Sette lange vorholten wird. Ueberraschend sind die Erfolge der Socialdemo- kratie, welche diese Partei bei den bayerischen Landtagswahlen errungen hat, an denen sie sich zum ersten Male jetzt planmäßig betheiligte. Zwar unterlagen die Socialdemokraten in Nürnberg den vereinigten Anstrengungen der Gegenparteun, aber ihre Candidaten brachten es doch aus ansehnliche Minderheiten, in München II und Fürth aber haben die socialistischen Candidaten sogar Aussichten, gewählt zu werden, so daß die Partei nun vielleicht auch in den bayerischen Landtag einztehen wird, wie ihre Vertreters ja bereits in den Landtagen von Sachsen und Hessen sitzen.
Darmstadt, 26. Juni. Die Thronrede, welche Staatsminister Finger in der gemeinschaftlichen Schlußsitzung beider Kammern verlas, hat folgenden Wortlaut: Durchlauchtigste, hohe und hochzuverehrcnde Herren!
Es ist Ihnen, Durchlauchtigste, hohe und hochzuoerehrende Herren, bekannt, daß Se. König!. Hoheit der Großherzog aus Anlaß der Feier des höchsterfreulichen Regierungsjubtläums Ihrer Majestät der Königin von Großbritannien und Irland außer Landes weilen. Hierdurch zu Allerhöchst Ihrem Bedauern verhindert, persönlich den gegenwärtigen Landtag zu schließen, haben Seine Königl. Hoheit mich beauftragt, Ihnen Allerhöchst Ihren landesherrlichen Gruß, sowie Dank und Anerkennung für Ihre höchst ersprießliche und zum Theil sehr mühevolle Thättgkeit während des 25. Landtags zu übermitteln.
Indem ich mich dieses Allergnädigsten Auftrags entledige, darf ich nicht unterlassen, Ihnen vor allen Dingen für die förderliche Berathung des Hauptvoranschlags der Staats-Einnahmen und Staats-Ausgaben und die entsprechende Feststellung oes Finanzgesetzes für die laufende Finanzpcriode Dank zu sagen. Hierbei hat sich ore n der vorhergehenden Landtagsperiode beschlossene und eingeführte Steuerreform zweckmäßig erwiesen und eine allgemeine Herabsetzung des Steuerausschlags, msv 1 eine Herabsetzung der Grundsteuer ermöglicht. , nur
Das durch die Steuerreform bedingte, zu Beginn Ihrer Sitzungen z
für die Dauer von 3 Jahren zu Stande gekommene Gesetz über die Gem -ü* ?ter hat sich inzwischen zu fast allseitiger Befriedigung so bewahrt, daß in
Zett Ihre Zustimmung zu einem definitiven Gesetze gleichen Inhalts zu eigenen
Der günstige Stand der Finanzen des Großherzogthums hat
sowohl zu Bildungs- wie auch zu wirthschaftlichen Zwecken- $ eichen S.e.
willigen konnten. Werden die Neubauten an der Landes-Universital, zu we^en «x


