^Wochen - Ueberficht.
Gießen, 12. Februar.
Die Erörterungen über das Jakobinische Schreiben und die Wirkungen desselben aus die Centrumspartei bildeten diesmal das Haupt- Thema der Preßbetrachtungen. Hierbei ist namentlich die Schwenkung interessant, die sich in der Centrumspresse sowohl hinsichtlich des Jakobinischen Schreibens, al« auch bezüglich ihrer Stellung zur Septennatssrsge vollzogen hat. Anfänglich wurde die Echtheit des Schreiben», dann dessen Wortlaut bezweifelt, bis j tz: endlich Beides eingeräumt wird und hiermit ging Hand in Hand eine all- malige Front-Veränderung gegenüber dem Septennat, jo daß selbst Blätter, wie der „Wests. Merkur" und die „Köln. Volksztg." jetzt offen meinen, man müsse den Centrums-Abgeordneten in der Septennatsfrage vollständig freie Hand lassen. Nur die oberste Leitung der Cmtrumspartei selber will sich auch durch die kundgegebenm Wünsche des Papstes noch zu keiner Aenderung ihrer Stellung in der Militärfrage bestimmen lassen, wie aus den Erklärungen des Herrn Dr. Winbthorst aus dem Kölner Centrum«tage hervorgeht; indessen, aus der ganzen Fassung der Rede des Centrumssüörers läßt sich entnehmen, daß sich Herr Wtndthorst sein letztes Wort noch vorbehälr und diese Vorsicht erscheint nicht überflüfsig. Offenbar hat der hohe Cierus in Deutschland seitens des heiligen Stuhles Anweisung erhalten, im Sinne btr päpstlichen Kundgebung auf die kalholischen Wähler zu wirken. Der Erlaß wenigstens, den der Bischof von Limburg an seine Diöcesan-Geistlichkeit gerichtet hat, spricht für eine derartige Auffassung. In demselben wiro dem CleruS untersagt, sich an der Wahlagitation gegen das Septennat zu betheiligen, da es den neugewählten Mitgliedern des Certrums nicht erschwert werden dürft, den im Schreiben des Cardinal-Staatssecretürs Jakobmi ausgedrückten Wünschen Rechnung zu tragen. Wahrscheinlich wird dieses Vorgehen des L.mburger Bischofs nicht vereinzelt bleiben und man darf begütig fein, wie sich Herr Dr. Winothorst diesem verstör klen Drucke gegenüber verhalten wird.
Dis kaiserliche Verordnung, betr- die Militärtransport-Ordnung für Eisenbahnen im Kriege, wird vom „Reichs-Anzeiger" veröffentlicht.
Das preußische Abgeordnetenhaus hielt am Mittwoch wieder einen sogenannten „Schwerinstag" ab. Hierbei kam es anläßlich der Berathung des Etats der Austedelungi-Commission für Posen und Westpreußen (Ausgabe und Einnahme 144,470 JC) wieder einmal zu einer langen Polendebatte. Von polnischer Seite brachte Abg. v. Czarlinski die bekannten Klagen der Polen- Fraktion gegen dar Ansiedelungsgesetz vor und bezeichnete er außerdem dasselbe als gegen die Verfassung und das Allgemeine Landrecht verstoßend. Von con- fervativer Seite widerlegten die Abgg. v. Tiedemann-Bomst, v. Rauchhaupt und Wehr-Konitz entschieden die Ausführungen de» polnischen Redners, wobei sie jedoch noch verschiedene Specialwünsche hinsichtlich der Durchführung des Gesetzes vorbrachten. Abg. v. Meyer-ArnSwalde empfahl ein langsames und vorsichtiges Vorgehen auf diesem Gebiete und der Minister für Landrvirthjchaft, Dr. Lucius, legte dar, daß sich die Commission bei Ausführung de« Gesetzes streng in den vorgrschrlkbenen Grenzen bewege, während Abg. Dr. Windtyorst feine finanziellen und politischen Bedenken gegen do» ganze Gesetz aufrecht erhielt. 5Dt - Debatte endete schließlich, entsprechend dem Antrags der Budget-Commsssion, mt: Annahme des betr. Etats.
Aus Frankreich kommen interessante Meldungen über „bewegte" Vor- gä-.rge im Schooße des Cabinets Goblet In einem neulich stattgesunr-eaen M.nisterrathe ist cs zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen dem Minister des Auswärtigen, Herrn Flourens, und dem Kriegsminister Boulanger über einen Brief gekommen, den Boulanger dem in diesen Tagen nach Petersburg abrsi- senden französischen Mllitär-Attachö für den Czaren mitgeben wollte. Es wird versichert, oaß sich Herr Flourens unter Zustimmung seiner Collegen ganz energisch gegen eine derartige Handlungsweise oes Kriegsminister» gewendet habe; ja, er soll sogar mit sofortiger Demission gedroht haben, wenn Boulanger nochmals Aehnliches versuchen würde. Letzterer ist dem Vernehmen nach schließlich imaz kleinlaut geworden und ertheilte eiligst die beruhigendsten Zusicherungen. H^rr Boulanger scheint wirklich in jeder Woche neue Eigenthümlichkeiten zu entwickeln I
Aus den parlamentarischen Ereignissen von jenseits der Ncgesen ist die debattelose Zustimmung der Deputtrtenkammer zu dem von der Regierung für Zwecke des Heeres und der Marine verlangten außerordentlichen Credit von 116 Mill. Frcs. heroorzuheben.
Die Concordats-Commtssion der französischen Deputirtenkammer Hal sich im Princip mit 11 gegen 9 Stimmen für Trennung der Kirche vom Staate ausgesprochen.
In Lyon wurden am Dienstag Abend gegen das Gitter dem Justiz- polaste benachbarten Polizei-Csmmissariats zwei Bomben geschleudert, durch deren Explosion sechs Polizeibeamte Verletzungen erhielten. Es wurden acht verdächtige Individuen verhaftet, doch scheinen sich die Bombenwerser nicht unter ihnen zu befinden.
Jenseits der Alpen wird die öffentliche Meinung gänzlich durch das Unglück von Maffauah und die sich hieran knüpfende Krisis im italienischen Ministerium in Anspruch genommen. Es liegt noch keine bestätigende Meldung vor, daß König Humbert die Demission des Gesammtministeriumö Depretis angenommen habe, aber aus den gemeldeten Konferenzen des Monarchen mit hervorragenden politischen Persönlichkeiten geht mit Sicherheit hervor, daß zum Mindesten eine Umbildung des gegenwärtigen römischen Cabinets beabsichtigt, ist. Die in Italien gegen das Ministerium herrschende nationale Erregung hat inzwischen durch die eingetroffenen amtlichen Berichte des Generals Genö über die Kämpft vom 25. und 26. Januar neue Nahrung gefunden. Hiernach beträgt der Gesammtverlust der italienischen Truppen an beiden Tagen 488 Mann und 24 Osficiere, hiervon Todte 23 Officiere und 407 Soldaten, uni) diese ganz unverhältnißmäßig hohe Zahl der Gefallenen im Vergleiche zu ben Verwundeten beweist an sich schon, wie blutig diese Kämpfe gewesen fein müssen. Die Verwundeten befinden sich in Maffauah und sollen demnächst aus Postdampfern nach Italien transportirt werden.
Die bulgarische Frage stagntrt wiedereinmal. Selbst die türkisch- bulgarischen Verhandlungen, die in Konstantinopel unter so günstigen Auspicien begonnen wurden, scheinen vorläufig wieder in's Stocken gerathen zu sein. Auch die Candidaten-Angelegenheit kommt durchaus nicht vom Flecke und weiß man noch immer nicht, ob der Herzog von Leuchtenberg in Wahrheit der Tbron- randidat Rußlands für Bulgarien ist.
Die Londoner Socialisten haben am Dienstag wieder einmal rinen Neinen Putsch in Scene gesetzt, wozu ihnen das polizelliche Verbot des
Fackelzugs Veranlassung gab, den sie zur Erinnerung an den Jahrestag der Unruhen auf Trafalgar Square abhalten wollten. Glücklicher Weise war diesmal die Londoner Polizei besser auf dem Posten und so beschränkte sich die socialistijche „Kundgebung" aus die Zertrümmerung von Schaufenstern unb Plünderung einiger Läden.
Auf dem am Mittwoch stattgefundenen Bankett der Londoner Handelskammer hielt Unterstaatssecretär Fergusson eine Ansprache, in welcher er sich ziemlich optimistisch bezüglich der allgemeinen Lage äußerte. Fergusson meinte, daß alle europäischen Staatsoberhäupter und Minister von dem Wunsche beseelt seien, den Frieden zu erhalten. Uebrigens sei auch weder eine besondere Ursache für den Krieg vorhanden, noch herrscht ein solcher Zustand von Erörterung und Spannung, welcher den Krieg unvermeidlich oder wenigstens wahrscheinlich mache.
Endlich ist der Schatzsecretär Goschen in brn Besitz des verfassungsmäßig erforderlichen Parlaments-Mandais gelangt. Nachdem Goschen in Liverpool gegen den liberalen Candidaten unterlegen, wurde er in dem con* servativen Bezirke von St. Georges in London aufgestellt und dieser wählte den Schatzsecretär mit 5702 Stimmen in's U.ttcrhau». Der radikale ©egen*£Gn* didat Hb'ysman erhielt 1545 Stimmen.|
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Gießen, 12. Febr. Dem Verwaltungsbericht der Großh. Bürgermeisterei entnehmen wir ferner:
Die städtischen Unterrichtsanstaltcn besuchten im Schuljahr 1885/86 und zwar:
I. Das Real-Gymnasium in 9 Classen:
Sommer 1885 — 258 Schüler,
Winter 1885/86 = 266
Erwähnt sei hierbei, daß durch Verfügung Grotzherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz, Abtheilung für Schulangelcgenheiten vom 20. August 188& nach Anhörung des Stadtvorstands, welcher sich damit einverstanden erklärte, das Schulgeld für das Neal-Gymnasium mit Wirkung vom Winterhalbjahr 1885/86 an für die blassen VI, V, IV auf lährlich 72 JL und für die Elasten UI und II auf 84 X erhöht worden ist. Für Elaste I betrug dasselbe bereits 84
II. Die Realschule in 7 Elasten:
Sommer 1885 — 162 Schüler,
Winter 1885/86 = 187
III. Die Vorschule zu den beiden Schulen unter I. und II. in 3 Elasten: Sommer 1885 — 153 Schüler, Winter 1885/86 — 158
IV. Die höhere Mädchenschule in 7 Elasten:
Sommer 1885 — 223 Schülerinnen,
Winter 1885/86 — 224 „
V. Die erweiterte Volksschule für Mädchen in 5 Elasten:
Sommer 1885 = 149 Schülerinnen, Winter 1885/86 — 153
VI. Die Vorschule zu den beiden Schulen unter IV. und V. in 3 Elasten (die oberste Elaste getheilt in Abtheilunq a. und b.):
L>ommer 1885 — 202 Schülerinnen,
Winter 1885/86 = 198
VII. Die Stadtknabenschule in 8 Elasten, darunter die III. und VIII. Elaste in je 2 Abtheilungen!
Sommer 1885 — 647 Schüler,
Winter 1885/86 =. 652
VIII. Die Stadtmädchenschule in 8 Elasten, darunter die III., VI., VII. und VIII. Elaste in je 2 Abteilungen:
Sommer 1885 — 735 Schülerinnen,
Winter 1885/86 — 739
Außerdem erhielten im Schuljahr 1885/86 — 8 geistig zurückgebliebene Kinder (3 Knaben und 5 Mädchen) besonderen Unterricht durch Herrn Lehrer Schaaf.
Die obligatorische Fortbildungsschule für Knaben wurde im Winter 1885/86 von 227 Schülern besucht, welche in 9 Elasten (1 Tagesclasse und 8 Abendclassen) unterrichtet wurden.
Hierzu kommt eine Tagesclasse für 11 Schüler, welche Abends in ihren Geschäften unabkömmlich waren. Von diesen gehörten nach ihrem Alter 6 in den III., 3 in den II. und 2 in den I. Jahrgang.
Die besonders gering befähigten Schüler der verschiedenen Altersstufen (48), von welchen 13 dem I., 27 dem II., und 8 dem III. Jahrgang angehörten, erhielten gemeinschaftlichen Unterricht in den Elasten IVa und IVb. Ihrem Berufe nach waren die Fortbildungsschüler: Handwerker 168, Kaufleute 24, Kellner 15, Schreiber 3, Fabrikarbeiter 3, Ausläufer. Knechte, ländliche Arbeiter :c. 14.
Die Leseabende des Volksbildungsvereins wurden im Winter 1885/86 an 34 Abenden int Ganzen von 599 Personen besucht, welche insgesammt 852 Bücher aus der Bibliothek des Vereins entliehen. Außerdem wurden an 2856 Lesec 4723 Bücher ausgeliehen.
Der „Feierabend" wurde vom 22. November 1885 biS April 1886 durchschnittlich von 70 Personen (Lehrlingen) an jedem Sonntag besucht. Im Ganzen frequentirten denselben 147 Lehrlinge.
, Die Zahl der in die Kleinkinderschule aufgenommenen Kinder im Alter von 2Vi bis 6 Jahren betrug im Sommer 1885 — 220 Kinder, im Winter 1885/86 = 222 Kinder.
Die Industrieschule für Mädchen (Aliceoerein für Frauenbildung und Erwerb) wurde im Jahre 1885/86 von 149 Schülerinnen, die Handwerkcrschule von 218 Schülern besucht.
Für die Armenpflege wurde im Rechnungsjahre 1885/86 aufgewendct:
1) von der Armenkasse 15 116.70 JL\
2) von der Plock'schen Stiftung 3839.13 JL, in welcher Summe jedoch ein Zuschuß von 3300 JL zur Armenkasse enthalten ist;
3) Zuschuß aus der Stadtkasse 27 900 JL, so daß der Gesammtaufwand für die östentliche Armenpflege 43216.70 beträgt.
Die Gesammtzahl der Familien und einzelstehenden Personen, welche ständige Unterstützung erhielten, betrug 289. Hierunter befinden sich 181, welche auf Grund des Gesetzes über den Unterstützungswohnsitz ihren Unterstützungswohnsitz dahier erworben haben.
Ebenso erheblich ist die Zahl dcr^vorübergehend mit Geld, Kleidern, Brenn- material, Lebensmitteln u. s. w. unterstützten dahier wohnenden Familien und einzel- stehenden Personen resp. derjenigen, welche auf Grund detz von der Armendeputatiol
Landes-Universität abgeschlossenen Vertrages unentgeltliche Aufnahme in de» akademischen Hospital fanden und solcher, welchen das Schulgeld erlassen wurde, beziehungsweise deren Kindern die erforderlichen Schulbücher auf Kosten der Armeip kaste angeschafft wurden. Außerdem wurden 35 Kinder auf Kosten der Armenkasse in Privatpflege gegeben, darunter 30, deren Eltern resp. Mütter dahier nicht heimaths- berechtigt waren. Im Bürgerhospital befanden sich 25 Personen — 13 Männer und 12 Frauen.
Für 8 in das Landeshospital Hofheim und für 2 in die Landes-Irrenanstalt Heppenheim aufgenommene Personen hatte die Armenkaste das Pfleggcld zu entrichten ? auf Grund des t- esetzes über den Unterstützungswohnsitz. Ferner waren 2 Kinder — K 1 Knabe — in den Rettungsanstalten Hänlein und Jugenheim auf
-tr Armenkasse untergebracht. Für den Knaben in Hänlein trägt der Staat die Hälfte der Pflegekosten.
n. > I?i^tmäßhett des 8 28 des Gesetzes über den Unterstützungswohnsitz mußten 94 männliche ortsiremde Personen mit 2964 verpflegunMagen und 15 weidlich- oris' ttemde Personen mit 386 Verpflegungstagen — die ersteren zum weitaus größten Theil Handwerksburschen — im Laufe des Jahres 1885 in das akademische HoSpital eingewiesen und 27 männliche Personm mit 259'/» Derpflegungstagen «egen Platzmangel in die Herberge zur Heimath, von welcher aus sie ambulatorisch behandelt wurden


