Rr. 106.
Zweites Blatt.
Sonntag den 8. Mai
188«.
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
ettttaU t SchukHraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Der preußische Landtag hat seine Arbeiten in der Hauptsache erle- digt und so steht seinem für nächsten Dienstag angekündigten Schlüsse nichts entgegen. Der Reichstag dagegen muß länger ausharren, da seiner vor Allem noch die wichtigen steuerpolitischen Ausgaben harren; dann aber strömt ihm jetzt au« den Commisstonen eine reiche Fülle von Arbeitsmaterial zu, während zugleich noch immer neue Vorlagen, wie z. B. die Jnnungs-Vorlage, eingehen. Selbst wenn der Reichstag dar bisherige flotte Arbeitstempo auch ferner beibehält, ist an den Schluß der Session vor Mitte Juni kaum zu denken.
Dai kirchenpolitische Thema wurde in dieser Woche wiedereinmal durch die „Nordd. Allg. Ztg." berührt, welche eine neue Serie diplomatischer Actenstücke zur Vorgeschichte des Kulturkampses veröffentlicht. Er find Depeschen vom Ausgange des Jahres 1869 und aus der ersten Hälfte des Jahres 1870, ine zwischen dem Berliner auswärtigen Amts und dem damaligen preußischen Gesandten beim Vatikan, dem bekannten Grafen Arnim, und welche sich auf das ökumenische Concil vom Jahre 1870 beziehen. Durch die Veröffentlichung dieser „Kulturkamps-Depeschen" soll ber Nachweis geführt werden, daß die preußische Politik dem vatikanischen Concil gegenüber eine reservicte gewesen uhö trotz des Drängens des Grasen Arnim, eine opponirende Stellung gegen das Concil einzunehmen, auch geblieben sei und soll hiermit der Behauptung dcr Centrumspoutlk, daß in der Haltung der preußischen Regierung gegenüber dem Concil der Keim des Kirchenkampfes zu suchen sei, entgegentreten werden. In Anbetracht des Friedensschlusses zwischen Preußen und der Kurie können indessen die veröffentlichten Depeschen kein actuelles Interesse mehr beanspruchen. m Oesterreich wird das allgemeine Interesse gegenwärtig durch die Budget-Verhandlung en des Abgeordneten - auses in Anspruch genommen, welche ganz den Charakter hochpolitischer Ai. ^nandersetzunaen tragen. Das Cabrnet Taaffe ist hierbei gerade nicht aus Rosen gebettet, denn von Seiten der deutschen Opposttion werden schonungslos all' Die Fehler und Sünoen des efcigen „Versöhnungs-Systems" in Oesterreich ausgedeckt und die Vertheidigung der Regklungsvertteter kann man gerade keine glänzende nennen. Die Verhandlungen zeigen durch die Ausführungen verschiedener slavischer Redner zugleich wieder ejnmal die Begehrlichkeit und Sondergelüste der österreichischen' Slaven in ihrem vollen Lichte. So gab der slovenische Pfarrer und Abgeordnete Gre- gorec ganz ungescheut seiner Hoffnung auf den baldigen Untergang des Dualismus und Errichtung eines großen südstavischen Königreiches unter österreichischem Scepter Ausdruck und wenn die Dinge in Oesterreich so weiter gehen, werden
| täter vom 13. März. Nicht sämmtliche 15 Angeklagten sind zum Tode ver- urthellt worden, wie es anfänglich hieß, sondern nur 7; die andern 8 wurden zu Zwangsarbeit in Sibirien von 2 bis 20 Jahren verurtheilt. Der officiöse Petersburger Telegraph hat über diesen Ausgang des Proceffes und natürlich noch weniger über dessen Einzelheiten keine Silbe gebracht und ist man hierbei lediglich auf private Meldungen angewiesen. Dieselben wissen auch ferner zu berichten, daß sich durch den Proceß die Existenz von vier nihilistischen Comitö's, in Petersburg, Wilna, Charkow und Kiew, ergeben habe; es heißt sogar, daß die nihilistischen Verbindungen bis nach Sibirien hineinreichen.
Das italienische Cabinet Depretis ist mit einer Reihe von Entwürfen militärischer Natur, die sich zumeist auf eine bedeutende Vermehrung des italienischen Heeres beziehen, vor die Kammer getreten. Dieselben haben sich zwar in der Kammer einer günstigen Aufnahme zu erfreuen gehabt, aber erst der Gang der parlamentarischen Berathungen wird über die eigentliche Stimmung des Parlaments gegenüber den Militärvorlagen Ausschluß geben. Jedenfalls wird die Abstimmung hierüber die erste ernstliche Probe sein, inwieweit das reconstruirte Ministerium Depretis auf eine zuverlässige Mehrheit rechnen kann. — König Humbert und seine Gemahlin Margarita weckten anläßlich der Enthüllungsfeier des Victor-Emanuel-Denkmals mehrere Tage in Venedig, wo das Herrscherpaar Gegenstand begeisterter Ovationen war. — Die Italiener haben am Rothen Meere einen neuen energischen Anlauf genommen. Der Oberstcommandirende, General Saletta, hat die ganze Küste von Maffauah in Blokadezustand erklärt und den Handelsverkehr mit den Abeffyniern und Abessynien längs der blokirten Küsten verboten. Jedes diesem Verbote Zuwiderhandelnde Schiff soll vor ein in Maffauah einzusetzendes Prijen- gericht gestellt werden, welches über Schiff und Ladung völkerrechtlich erkennt. Vielleicht erwachsen den Italienern selber aus der Blokade Unannehmlichkeiten.
Univerfttäts - Ghronik.
— Dr. Renk, Privatdocent Der Hygteine an der Universität München, ist in das Kaiserliche Reichs-Gesundheitsamt berufen worden, um die Funktionen des zum ordentlichen Professor in Göttingen ernannten Regierungsraths Wolfshügel zu übernehmen.
— In der philosophischen Fakultät der Universität Bonn baden sich Dr. phil. Hermann Minkowski und Dr. phil. Eugen Huisak als Prioatdocenlen habtlitirt.
— Dr. Schwab, langjähriger Assistent am landwirthschaftlichen Institut in Halle, hat den an ihn ergangenen Ruf, die Leitung einer neu zu gründenden agrikultur-chemischen Versuchsstation in Surabaja auf Ost-Java zu übernehmen, nach längeren Verhandlungen abgelehnt.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Brirrgorlok«.
y-P’-di «Unft beinnpn 2 Mar' M)
Wochen-Ueberstcht. I vielleicht die Erwartungen des slovenischen Pfarrers nicht mehr als blöke
Gießen, 7. Mai. I Phantastereien erscheinen. B
Die Besichtigung der drei Bataillone des ersten Garde-Regi- Die im vorigen Jahre durch die abträgliche Haltung der Reqieruna in's ments, welche Kaiser Wilhelm am vergangenen Dienstag in Potsdam Stocken gerathene alt katholische Bewegung in Nordböhmen mackt
vEhm, hat wieder einmal den erfreulichen Beweis von der Frische und seit der Zulassung des Vereins der Altkatholiken in Oesterreich unleugbare
Rüstigkeit des hohen Herrn geliefert und darf man hieran die Hoffnung knüpfen, Fortschritte. Graf Taaffe hatte im vorigen Jahre als Leiter des Ministeriums
daß der greife Monarch auch den ferneren Besichtigungen der Garoetrnppen des Innern die Vereinsdildung aus dem Grunde verboten, weck nach den
wird verfönlich beiwohnen können. Bezüglich ber Uebersiedelung des Kaisers Satzungen des Vereins demselben nicht nur Altkatholiken, sondern auch blosi nach Babelsberg steht noch nichts Bestimmtes fest und ebenso scheinen noch keine Freunde der altkatholischen Sache beitreten können. Das Reichsgericht bar bestimmten Dispositionen hinsichtlich seiner Frühjahrsreisen getroffen zu sein, jedoch über Anrufung das Erkenntniß gefällt, daß diese Bestimmung kein qesetz doch wird angenommen, daß in der ersten Juniwoche die Abreise des Kaisers licher Grund des Verbotes und dieses somit gesetzwidrig sei. Wiewohl nun nach Ems zum Gebrauche der gewohnten Badekur erfolgt. Dagegen wird die die Entscheidungen des Reichsgerichts nicht gleich jenem des Verwaltunas- Kaiserin bereits am 14. Mai Berlin verlassen und sich zunächst nach Baden- Gerichtshofs Exekutivkraft besitzen, sondern nur eine principielle Bedeutung Baden zu einem mehrwöchentlichen Aufenthalte begeben. Die Trink-Kur des haben, hat das Ministerium doch das Verbot der Vereinsbildung aufgehoben deutschen Kronprinzen in Ems neigt sich ihrem Ende zu und ist dieselbe vom Seitdem aber die Bildung des Altkatholikenvereins in Nordböhmen durchqesührt besten Erfolge begleitet gewesen; wahrscheinlich wird der Kronprinz noch eine worden, vergeht keine Woche, wo sich nicht in der einen oder anderen Stadt Nachkur in Ku singen gebrauchen. eine Vereinsgruppe bildet, wozu zum Mindesten 15 Mitglieder gehören. Und
Die am Donnerstag erfolgte Wiederaufnahme der Plenar-Verhand- diese organisirte Propaganda hat auch bereits zu einem Massenübertritt ac- ' lungen des Reichstages hat den Pulsschlag des parlamentarischen Lebens führt. In Arnsdorf bei Haida haben nämlich im Laufe dieses Monats in roieöerum beschleunigt, namentlich da wahrscheinlich schon am Freitag die erste Folge einer am 27. März stattgehabten vorbereitenden Besprechung und einer Lesung des Branntweinsteuer-Entwurfes auf die Tagesorvnung des Reichstages am 3. April abgehaltenen Volksversammlung, in welcher der altkatholische gesetzt worden ist. Hiermit wird die Frage der Steuerreform für die nächste Pfarrer Nittel von Warnsdorf einen Vortrag hielt, 70 Familien mit zusammen Seit abermals das öffentliche Interesse in erster Linie beherrschen und schon die *83 Personen bei der B^irkshauptmannschaft ihren Austritt aus der römisch- großen Mehrsorderungen, welche der Nachtrags-Etat enthält, machen eine baldige katholischen Kirche und ihren Uebertritt zum Altkatholicismus angezeigt. Dem Regelung dieser hochwichtigen Frage dringend nothwendig. Bekanntlich hat die deutschen Volke in Nordböhmen ist eben die geläuterte altkatholische Kirche be- Reichsregierung die anderweitige Besteuerung des Branntweins und des Zuckers sonders entsprechend, und es ist daher nicht zu zweifeln, daß dieselbe ohne ein als die geeignetsten Punkte, in denen die Hebel ber Steuerreform einzusetzen neuerliches Dazwischentreten der Regierung eine zunehmende Anziehungskraft seien, in’« Auge gefaßt und es steht zu hoffen, daß diesmal die parlamen- üben wird.
torische Erörterung hierüber zu einem ersprießlicheren Resultate führen wird, Die bernerkenswertheste Kunde, welche in dieser Woche aus als in den letzten Reichstags-Sessionen. Den bevorstehenden steuerpolitischen Rußland kam, war diejenige vom Ausgange des Proceffes gegen die Atten- Debatten im Reichs-Parlamente sind ähnliche Verhandlungen int preußischen ------- " r" '*’* ' ~ ~
Abgeordnetenhause fast unmittelbar vorsusgegangen. Schon am Montag führte daselbst die Berathung des dem Landtage noch zugegangenen Nachtrags- Etats zu einer lebhaften Erörterung der Frage der Steuerreform und die am Donnerstag stattgefundene Verhandlung über den confervativen Antrag auf Erhöhung der Getreidezölle hat eine noch umfassendere Behandlung dieser Frage gebracht. Außer dem erwähnten Anträge liegen dem Abgeordnetenhause noch zwei andere, sich ebenfalls auf das genannte Thema beziehende Anträge der Conseroatiom vor, von denen der eine auf Einführung einer Kapital-Renten- fteuer, ber andere auf Verzehnfachung des Zolles auf Schafwolle zielt. In sämmtlichen Anträgen spiegeln sich Wünsche wider, welche durch die obwaltenden Verhältnisse als nicht gerechtfertigt erscheinen und vermuthlich wird denn auch das Abgeordnetenhaus über die agrarischen Forderungen zur Tagesordnung übergehen.
f o f a l H.
Gießen, 7. Mai. sStadtverordnetensitzung vom 5. Mai, Nachmittags 4 Uhr.l Anwesend Herr Bürgermeister Bramm, die Herren Beigeordneten Gnauih und Keller, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Batst, Georgi, Grüneberg, Dr. Gutfleisch, Hornberger, Jughardt, Kauf, Ad. Noll, August Noll, Petri, Dr. Ploch, Scheel, Schopbach, Simon, Vogt und Wallenfels.
Herr Bürgermeister Bramm bringt vor Eintritt in die Tagesordnung zur Kenntniß, daß der Zeichnenlehrer Herr Gerhardt in seine Stelle an der stadMwen Volksschule eingetreten sei. — Der Herr Bürgermeister theilt ferner ein Schreiben Des Herrn Directors Vigelius mit, in welchem derselbe seinem Danke für bte rym gewordene Entlastung durch Bestellung zweier Oberlehrer mit den besten Wumchen Tut das fernere Gedeihen der städtischen Schulen Ausdruck verleiht. Der A^irag oes Herrn Bürgermeisters, Herrn Dlx/ctor Vigelius für dessen seitherige vorzügliche, den


