Ausgabe 
4.9.1887 Erstes Blatt
 
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M. 205 Blatt. Sonntag den 4. September 1887.

Weßewr Allzeiger

Amts- und Anzcigeblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. 2 2n<jrf 20 Pf. mit Bringerlobn.

Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hyeiü

Gefunden: 1 Taschentuch, 2 Jäckchen, 2 Regenschirme, 1 Tragring, 1 Schloß, 2 Taschenmesser, 1 Cigarren-Etui, mehrere Schlüssel und Hunde- blechmrken.

Gießen/am 3. September 1887. Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Dureaur Schulftraße 7.

Deutschland.

Berlin, 2. September. Der Kaiser fiel gestern während de» Umgangs nach dem Paradediner in Folge einer Unebenheit de» Fußboden» aus die linke Lüste und den linken Ellbogen und zog fich eine leichte Quetschung der genannten Theile zu, setzte aber die Unterhaltung mit verschiedenen Gästen im Umhergehen noch längere Zeit fort. Der Schlaf in der letzten Nacht war im Ganzen be- fti-dlgend, da» Allgemeinbefinden ist ungestört. Der Kaiser ist heute kurz nach 9 Uhr ausqestanden.

Der Kaiser empfing Bormittags die Vorträge Perponcher's und Wil- mowskt's und später den Adjutanten de» Kronprinzen Major Kessel. Abends ist bei dem kaiserlichen Paar Thee, wozu der Herzog v. Ratibor, Kammerherr v. Reischach, der Botschafter v. Radowitz und Gesandter in Athen v. Brincken «geladen find.

Zur Feier de» Eedantage» find alle öffentlichen und viele Privatge- ÜLude festlich geschmückt. In allen Straßen wogt eine festlich bewegte Menge, !die besonders vor dem Palais des Kaiser» zusammenströmt. Der Kaiser zeigte sstch mehrmals am Fenster und wurde stets mit stürmischen Jubelrusen begrüßt. In allen Schulen sanden Festacte statt; vom Rathhausthurme ertönte Mittag» iFestmustk.

Der Vorstand desVereins der Spiritus-Fabrikanten Deutschlands", Ibie Herren Kiepert, Tiedemann und Neuhaus theilen mit, daß mit dem 1. Sep­tember durch die Erklärung des Bank-Consortiums die Gründung der Gesell­schaft für Spiritus-Verwerthung gescheitert zu erachten sei. Die in ungenü­gender Anzahl eingesandten, mit erschwerenden Bedingungen belasteten Verträge geben dem Consortium nicht genügende Sicherheit zum Abschluß des Geschäfts. A DiePolit. Nachr." vernehmen, daß die von verschiedenen Blättern be­zweifelte Meldung derPost", wonach die Frage der Besteuerung ausländischer Werthe in RegierungSkreisen erwogen werde, aus thatsächlicher Unterlage beruhe.

DerNorddeutschen" zufolge beabsichtigen einige russische Eisenbahn- Gesellschaften, die durch den Rückgang des Rubelkurses besonders hart getroffen sind und ihre Verpflichtungen bisher nur unter Zuhülsenahme privater Quellen iiu erfüllen vermochten, mit Unterstützung der russischen Regierung die Ordnung iihrer Verhältnisse herbeizuführen. Insoweit deutsches Kapital hierbei tnteresstrt »ober gefährdet ist, kann die Sanirung der betreffenden Unternehmungen nur erwünscht sein.

SerSien.

Belgrad, 2. September. Da» Amtsblatt publicirt ein Circular des Ministers des Innern, welches allen behördlichen Organen jede Beeinflussung oder Einmischung in die Wahlen untersagt.

Telegraphische Depeschen.

Wolff'S telegr. Correfpondenr-Brrrearr.

Berlin, 2. September. Wie dieNational-Zettung" erfahrt, würde, wenn die "Mfer^ammenkunft, für welche der 10. September in Aussicht genommen sei, sich Estrm sollte, nach der Natur der Sache die Rhede von Swtnemünde Ort der ersten Begegnung sein.

» " DasMarine - Verordnungsblatt" veröffentlicht eine Cabinetsordre des

Zauers vom 16. August, wonach vom 1. October an bei jeder Marinestation eine Epedoabtheilung zu bilden ist, welche ein für die Bedienung der Torpedowaffe be- mmmtes Personal auszubilden hat. Die Stärke jeder der beiden Torpedoabthetlungen >>t ungerechnet der Officiere auf 389 Mann festgesetzt.

2. September. Die königliche NachtVictoria und Albert", welche -n Folge stürmischer Witterung bei der Insel Wight zurückgehalten worden war, kam ^7 feuern Abend mit der deutschen Kronprinzessin nebst Töchtern in Sheerneß an und S na$ Port Victoria, um den Kronprinzen aufzunehmen, worauf die Abreise a(9 Vlissingen erfolgt.

Lord Salisbury hat sich gestern nach seiner Besitzung bei Dieppe begeben, 00 ct örs zum Ende des Herbstes verbleibt.

, ~~ dem Reuter'schen Bureau aus Sofia telegraphirt wird, wäre der bul- Regierung die officielle Mittheilung der Pforte zugegangen, wonach letztere "üion des Generals Ernroth acceptirt hätte. Unter dem Vorsitze des Prinzen Mvc gestern ein Ministerrath sich hiermit beschäftigt.

» .Einer Meldung aus Ennis in Irland zufolge, rief die angeschlagene Pro-

c x des Vicekönigs, welche das auf den nächsten Sonntag einberufene Meeting SIt6, .lebhafte Erregung hervor. Die Iren bereiteten alsbald gleichfalls durch Meetings ^auffordert DOr' ^cr bic Bevölkerung zum Massenbesuche des verbotenen Wa« 2. September. Das Ergebniß der Neuwahlen ist bis auf 9 Wahlen iinf£nnt l ^cju{lat erst morgen feststellbar ist. Gewählt Nnd 39 Liberale, 19 Katho-

16 orthodoxe Protestanten. Das Endergebnis ist voraussichtlich dies, daß m!s>l^rale Partei ohne Einbuße 47 Sitze behält und den Antiltberalen bei den Stich- mühlen ein bis zwei Sitze streitig macht.

ß-nf Gestern Abend fand auf der Schelde zwischen dem

n' ber Tahrt nach Shields begriffenen DampferJohn Adams" und dem mit einer

Getreideladung von Philadelphia kommenden DampferSalisbury" ein Zusammenstoß statt.Salisbury" mußte an den Strand laufen, um das Sinken zu verhindern: John Adams" wurde auf die Werft Austtuwied gebracht.

Ostende, 2. September. Ein englisches Fischerboot lief heute in den hiesigen Hafen ein und unter dem Schutze von Gensdarmen und Polizei wurden die Fische ausgeladen und verkauft, ohne daß ein Zwischenfall vorkam.

OueenStown, 2. September. Der CunarddampferSamarta", welcher gestern Abend von hier nach Boston abging und 665 Passagiere an Bord führt, ist heule früh wegen eines kleinen der Maschine zugestoßenen Unfalles zurückgekommen. Er wird voraussichrlich schon gegen Mitternacht wieder in See gehen.

Sofia, 2. September. Das Ministerium, durch den Eintritt Schivkow's, der das Unterrichtsministerium übernimmt, vervollständigt, hielt heute eine Sitzung ab.

Bombay, 2. September. Dem Bureau Reuter zufolge wird aus Badakshan gemeldet, daß die russische Garnison von Kerki (am Oxus) in der Richtung auf Herat abgezogen ist und daß neue russische Truppen nach Kerki zum Ersätze der bisherigen Garnison gesandt worden sind.

L o k « l e 4.

Gieße«, 3. Septbr. sStadtverordnetensitzung vom 1. Septbr.^ Anwesend: Herr Bürgermeister Bramm, Herr Beigeordneter Gnauth, von Seiten der Stadt­verordneten die Herren Batst, Grüneberg, Hanstein, Hoch, Homberge Jughardt, Kauf, Aug. Noll, Scheel, Schopbach, Simon, Vogt und Wallenfels.

Vor Eintritt in die Tagesordnung werden verschiedene Eingänge, u. A. Ein­ladung des Turnvereins Gießen zu dessen Stiftungsfeste am 4. September, und das Lokal-Reglement in Betreff des Betretens des Exercierplatzes, zur Kenntnitz der Ver­sammlung gebracht. Herr Gerhard Bötz, welcher als Nachfolger des Herrn Ehr. Ludw. Thomas im Hause des Herrn Schneidermeister Loth in der Brand­gasse Ausschank von Bier und Branntwein weiterbetreiben will, findet nächst der von Großh. Polizeiamt und der hierfür eingesetzten Commission ausgesprochenen Befür­wortung seines Concessionsgesuches dieselbe auch in der Stadtverordnetenversammlung, desgl. Herr Friedrich Sorger, welcher als Pächter derSchönen Aussicht" ein diesbezügliches Gesuch eingereicht hatte. Herr Baist erwähnt nach Befürwortung dieses Gesuches eine durch bk Blätter gegangene statistische Ausstellung, nach welcher in Gießen 238 Wirtschaften sich befinden sollen, demnach auf 80 Personen eine Wirt­schaft komme. Herr Bürgermeister Bramm hält diese Statistik nicht für richtig, diese Ziffer sei zu hoch, jedenfalls seien in dieselbe auch die Verkaufsstellen von Getränken ausgenommen worden; er stellt in Aussicht, demnächst eine Erhebung über die Zahl der Wirthschaften anzustellen. Zur Klageerhebung gegen den Ortsarmenverdand Oberkleen wegen verweigerter Kostenerstattung für den im akademischen Hospital ver­pflegten Taglöhner Christens wird Genehmigung erthetlt. Mit Festsetzung der Schlachthaus-Ordnung wurde die Feststellung der Höhe der zu erhebenden Schlacht­gebühren so vorgeschlagen, daß an solchen entrichtet weroen sollen für einen Ochsen oder eine Kuh 1.60 JL, für ein Rind ober Stier 1 JL, für ein Schwein 70^ und für ein Kalb ober Schaf 30 H Diese Sätze würben aufgestellt unter Berück­sichtigung der anfänglich auf 120 000 JL veranschlagten Baukosten des Schlachthauses. Nachdem nun diese Kosten auf 200000 JL annähernd sich berechnen, mußte, um die Zinsen des Baukapitals und die in Betracht zu ziehende Amortisation, Abschreibung an Maschinen u. s. w. aufzubringen, zu einer Erhöhung der Schlachtgebühren geschritten werden und hat demnach die Finanzdeputation beantragt, die Gebührensätze des Marburger Schlachthaustarifs, nach welchem die Schlachtgebühren betragen für einen Ochsen 4.50 JL, eine Kuh, Rind ober Stier 3 JL, ein Schwein incl. Untersuchung auf Trichinen 2 und ein Kalb, Hammel ober Ziege 40 H, für bas hiesige Schlachthaus zu acceptiren, außerdem aber an Schlachtgebühr für ein Pferd 3 JL ju erheben. Herr Gnauth wünscht Erhebungen darüber, wie sich in diesem Falle die Einnahmen zu den Ausgaben verhalten; er sei gleich weit entfernt von dem Bestreben, aus der Ein­nahme von Schlachtgebühren der Stadt möglichst großen Nutzen zu sichern, wie davon, das Schlachthaus zu einem Etablissement zu machen, welches städtischen Zuschuß bedürfe. Herr Scheel theilt mit, daß nach der von ihm angestellten Berechnung, wenn die Marburger Sätze angenommen würden, jährlich 23 685 JL etnkommen; diese Summe sei nicht nöthig, er schlage vor, die Schlachtgebührm wie folgt sestzusetzen: Ochsen und Kühe 3.50 JL, Rinder und Stiere 2 JL, Schafe und Kälber 40 H, Schweine 1.50 diese Sätze entsprächen einer Einnahme von über 18 000 v4L, 16400 JL seien nötbig, das Mehr sei für Gasbeleuchtung und sonstige Betriebskosten zu veranschlagen. Herr Homberger spricht sich für Beibehaltung der Marburger Sätze aus, das Schlachthaus sei eine neue Anlage, für welche immer noch unvorhergesehene Ausgaben erwachsen könnten, stelle es sich mit der Zeit heraus, daß die Gebühren zu hoch angesetzt, so könne man dieselben ermäßigen. Herr Vogt theilt mit, daß nach seiner Berechnung man dieselbe Summe (ca. 18 500 JL) erziele, wenn die Schlachtgebühr nach dem Ge­wichte des Fleisches berechnet würde; % H pro Pfund käme obiger Summe gleich. Den Ansatz von 2pCt. für Amortisation des Baukapitals halte er für zu hoch, 1, höchstens 1^/rpCt. sei hinreichend. Herr Gnauth ist für den Antrag des Herrn Scheel bezügl. Herabsetzung der Schlachtgebühren. Eine Preiserhöhung des Fleisches sei jedenfalls nicht zu umgehen, nicht nur wegen der Schlachtgebühren, sondern auch infolge der Kosten, welche den Metzgern aus der Theilung ihres Betriebs entstehen. Die Metzger würden bteie Mehrkosten nicht aus der Tasche bezahlen, sondern auf die Fleischpreise schlagen, er beabsichtige auch nicht, die 5000 ^M, welche bei einer Herab­setzung der Schlachtgebühren weniger erhoben würden, den Metzgern zu Gute kommen zu lassen; für ihn handle es sich darum, die nöthigen 19 000 X zusammen zu bringen, wie dies zu geschehen habe, darüber mögen die Metzger selbst entscheiden und empfiehlt deshalb Herr Gnauth Zuziehung einiger Mehgermetfter, diese möchten ihre Vorschläge der Commission unterbreiten, da sie am besten wissen müßten, welche Fleischsorten die höchsten Gebühren vertragen. Herr Hanstein stellt den Antrag, die Gebührensätze für die einzelnen Thiere der Finanzcommission unter Zuziehung einiger Metzger noch­mals zu unterbreiten. Herr Bürgermeister Bramm spricht sich^gegen diesen Antrag aus, das Reglement, sowie die vorliegenden Tarife aus anderen Städten böten Anhalt