Ausgabe 
31.10.1886 Zweites Blatt
 
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Madame Anna Mackay, eine Verwandte der bekannten Millionärin Mackay kam im vergangenen Monat in den Spielwaarenladen des Herrn Durand zu Paris und wählte eine riesige Puppe aus, die sie ihrem Töchterchen Lili zum Geburtstag« schenken wollte. Die Puppe hatte ungefähr die Gestalt der dreijährigen Meinen. Doch als man der Frau Mackay deren Köfferchen mit dem üblichen Puppentrousseau zeigte, sagte diese:Das Zeug ist unmodern; meine Tochter nimmt die Pupe oft in den Wagen und auf die Promenade mit, lassen Sie ihr ein paar hübsche Toiletten machen." Am 10. September war der Geburtstag Lili's; die Puppe kam, sie sagteMama" undPapa", ihre Kleider, ihre Hütchen, ihr Mantel bezauberte nicht nur die un­erfahrene Kleine, auch Mama äußerte sich anerkennend über die Toiletten der Puppe; ja, sie nahm derselben sogar das Mäntelchen weg und schickte ihr Töchterchen damit in's Bois de Boulogne, welche damit riesiges Aufsehen machte. Einige Tage später fand sich Madame Mackay bei Herrn Durand ein, um die Rechnung zu zahlen; da stand :Große Puppe, beweglich, spricht einige Worte, 100 Frcs.; Straßentoilettc neuester Fa^on, Modell aus dem Atelier Worth, 200 Frcs.; Regligö zum Empfang intimer Gäste, dazu passendes Häubchen und Schuhe 100 Frcs.; Soir6kleid in rosa Faille, dekollettirt, mit Spitzen und Blumen geputzt, Modell der Madame Rodrigues, 180 Frcs.; Regenmantel in karrirtem Tuch 40 Frcs.; Peluche-Jäckchen 40 Frcs.; zwei Hüte ä 20 Frcs.; zwei Schirme ä 15 Frcs.; Wäsche, rein Leinen, überall ein Viertel Dutzend, zusammen 50 Frcs.; in Summa 760 Frcs." Trotz der Millionen, die in ihrer Familieepidemisch" sind, weigerte sich Madame Mackay, so viel zu zahlen, und Durand klagte. Vor Gericht legte er die Originalrechnungen der Toilettelieferanten vor, aus welchen ersichtlich ist, daß er sich bescheiden mit 50 Procent Nutzen begnügt hat. Madame Mackay zeigte sich an diesem Tage freigebiger gestimmt und sagte: Enfin, Lili hat eine Freude daran, schicken Sie Ihre Rechnung morgen zu unserer Kasse!"

sEhrentafel.j Bei Gelegenheit des 60jährigen Jubiläums seines Eintritts m die Firma Franz Haniel u. Comp. hat der Geh. Commerzienrath Hugo Haniel in Ruhrort der Arbeiter-Wittwenkasfe 30,000 Mark überwiesen, außerdem erhielt jeder Arbeiter ein Geldgeschenk. Auch das Krankenhaus wurde mit 30,000 Mark bedacht.

sPreiszuertheilung.j Die Berliner Verlagshandlung Franz Lipperheide hatte s. Z. ein Preis-Ausschreiben erlassen für die besten Zeichnungen zur Wiedergabe durch den Holzschnitt in ihrer ZeitschriftJllustrirte Frauenzeitung". Die Preise be­standen in 3000 JL, 200 JL und 1000 JL. Als Preisrichter waren gewählt die Herren: Franz v. Defregger in München, Adolf Menzel in Berlin, Paul Meyerheim in Berlin, Franz Skarbina in Berlin, A. v. Werner in Berlin und Verleger Franz Lipperheide in Berlin. Vor Allem wünschte die Verlagshandlung, daß auf farbige, malerische Wirkung hingearbeitet werde, also in breiter, kräftiger Behandlung das Dargestellte zu vollster Geltung gelange. Die Preis-Jury erkannte den Malern Her­mann, Bartels und Rickelt die ausgesetzten Preise zu. Inzwischen sind drei Zeich­nungen in doppelseitigen Holzschnitten in derJllustrirten Frauenzeitung" reproducirt erschienen und zwar das mit dem ersten Preise gekrönte BlattFischhalle in Amster­dam", worin Hans Herrmann ein treues Spiegelbild des Lebens und Treibens während der Verkaufsstunden in der Halle darbietet; das den zweiten Preis erhaltene Blatt Vor dem Alster-Pavillon in Hamburg", worin der Künstler Hans Bartels, ein ge­borener Hamburger, das rege Leben in den noch vom Regen genäßten Straßen bei dem am schönen Alster-Bassin gelegenen Erholungsorte kennzeichnet, und endlich das dritte PreisbildBeim Forsthause" von Karl Rickelt, eine Waldicene aus dem Nymphen­burger Park. Das Bild zeigt einerseits eine sich am Kaffeetische im Grünen labende Familie, anderntheils eine Gruppe, welche sich an dem Erscheinen der zahmen Rehe und Hirsche des Parkes erfreut und denselben Brotbrocken in der hohlen Hand dar­bietet. Den grasigen Platz schließen nach hinten die Baumpartien des Forstes ab. Die drei Künstler haben in der Thal ihre Aufgabe vortrefflich gelöst. Kein ängstlicher Zug, keine hervorspringende Detaillirung beeinträchtigt die breite Behandlung, welche die malerische Wirkung voll und ganz vor Augen treten läßt, das Figürliche fügt sich flott und charakteristisch in die Scenerie und Licht- und Schattenwirkung sind vor­züglich erreicht. Eine Reihe anderer eingesendeter Zeichnungen haben ehrenvolle Er­wähnungen erhalten. Mit obengenannten Blättern darf der Verleger, Herr Lipper­heide, sich schmeicheln, seine Bestrebungen, den Holzschnitt auf größere, das Malerische und das Facsimile wiedergebende Bahnen zu lenken, gekrönt zu sehen.

lieber eine Entführung aus dem Serail wird derWleuer Allg. Ztg." aus Konstantinopel berichtet: Vor dem Richter erscheint in einer sehr desperaten Gemüthsstimmung Selim Hanoi, erster Eunuch im Harem Murad Paschas. Selim hat bei einer Liebesaffaire, die seiner Zeit viel Sensation mochte, der schönen Lieblingsgattin Murads, Fatime, einige Monate hindurch Liebesbriefe zugetragen, welche Baron Radetz, ein junger französischer Diplomat, an sie richtete; er ist geständig, im Haremsgarten ein Rendezvous der beiden Liebenden ermöglicht zu haben, und setzte endlich seinem Werke die schöne Krone auf, indem er der schönen Fatime ein

Savoyardengewand verschaffte, sie mit einer Drehorgel und einem Affen versah und

ihr so zur Flucht verhalf. Das Liebespaar kam glücklich nach Paris, die schöne

Fatime schwur den Glauben ihrer Väter ab, bekehrte sich zum Ehristenthume und

wurde in der Madeleinekirche mit dem Barone getraut. Bet dieser Gelegenheit er­regten orientalische Perlen im Werthe von 3 Millionen Piaster, die Fatime zur Er­innerung an Murad Pascha aus dem Harem mitgenommen, unter den Pariser Damen Sensation. Selim ist heute des groben Vernauensbruchs gegen seinen Herrn an- geklagt; Murad Pascha hat sich nämlich nicht damit begnügt, ihm 50 Siockstreiche geben zu lassen und ihn aus dem Dienste zu jagen, er erstattete auch die gerichtliche Anzeige. Selim ruft abwechselnd Allah und den Propheten an, gesteht aber doch schmunzelnd, daß ihm Baron Radetz für seine Vermittelung zwanzigtausend Piaster gegeben und ihm geschrieben, er möge schauen, Konstantinopel zu verlassen und zu ihm nach Paris kommen, wo er als Portier bis an sein Lebensende einen ehrenvollen Posten einnehmen werde. Der Richter verurtheilte den ungetreuen Selim zu sechs Monaten Galeere.

Literarische-.

Einen ehrwürdigen Veteranen mit energischer Strammheit vor uns hintreten und den Vogel abschießen zu sehen, gewährt einen Eindruck erhebendster Art. Einen solchen empfangen wir, wenn wir die ersten Bogen des soeben beginnenden fünfzehnten Jahrgangs der »Deutschen Romanbibliothek" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt, vormals Eduard Hallberger) zur Hand nehmen und die Eröffnungskapitel des neuen Werkes der mit ewiger Jugend begabten Fanny Lewald:Die Familie Darner", durchlesen. Da athmet eine köstliche Frische, da pulsirt ein warmblütiges Leben, da reiht sich Gestalt an Gestalt so kernig und wahr, als ob wir ein unmittelbar aus der vollen Wirklichkeit entnommenes Bild vor uns sich entrollen sähen, das gleichwohl zur trefflich in sich geschlossenen Kunstform sich abrundet. Wenn unsDie Familie Darner" ui den Beginn unseres Jahrhunderts zurückversetzt, so greift dagegen der daneben her- laufende RomanEdwiesen" von Robert Byr in das Leben der Gegenwart hinein, insbesondere in das locker schillernde Leben, das in gewissen Wiener Kreisen an der Tagesordnung ist. Unter berauschend duftenden Blumen glauben wir da und dort eine glitzernde Natter hervorzüngeln zu sehen, und mit einem Gefühle, in welchem bestrickender Zauber und bange Erwartung sich mischen, harrt der Leser spannungsvoll der ferneren Entwicklung der Dinge. Au diese beiden großen Romane reiht sich ein reichhaltiges und abwechselungsreiches Feuilleton an. Allen unseren Lesern, welche sich eine gediegene und zugleich billige Unterhaltungs-Lectüre zu verschaffen wünschen, sei dieDeutsche Nomanbibliothek" bestens empfohlen. (Preis vierteljährlich 2 das 14tagige Heft 35 Pfg.)

Bergebrmg von Erdarbeiten.

Die Ausführung des ersten Looses der Erdarbeiten zum Neubau einer Kreisstraße von Beuern nach Allertshausen, veranschlagt zu 1969,30 Mark, soll auf dem Bureau des Unterzeichneten SamStag den 6. November,

Vormittags 10 Uhr, im Wege schriftlicher Submission ver­geben werden.

Voranschlag und Bedingungen, sowie Pläne und Erdberechnung sind auf dem Bureau einzusehen.

Gießen, am 27. October 1886.

Der Kreisingenieur: 7751 Gnauth.

Montag den 1. November,

Nachmittags 2</2 Uhr, werden in der Flett'scheu Hofraithe ver­steigert :

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Die Versteigerung ad b sowie die der Flinte und der Taschenuhr findet bestimmt statt.

Gießen, den 29. October 1886.

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